Die Gartenhühner

Jahrelang ging die Zahl der Hühnerhalter auf den Dörfern zurück und die traditionellen Kleintierzuchtvereine waren vom Aussterben bedroht. Doch aufgrund des starken Trends zur Selbstversorgung und den katastrophalen Zuständen in den Legebatterien fragen sich nun immer mehr Privatleute: „Warum nicht einfach im Garten selber Hühner halten?“ Freilich wollen die wenigsten mit ihren Hühnern züchten oder dazu tatsächlich einem Rassegflügelzuchtverein beitreten. Obwohl es auch da eine Trendumkehr gibt, denn die Vereine bestehen nicht mehr nur aus den alten Männern in blauen Latzhosen, sondern zunehmend bestimmen junge Leute, darunter viele Frauen das Vereinsleben.

Wir haben uns die Selber-Hühner-Halten-Frage auch gestellt und so sorgen bei uns seit April sechs fröhliche Hennen nicht nur für das frische Frühstücksei, sondern auch regelmäßig für gute Laune. Es handelt sich um weiße Legehybriden, die aus der Bodenhaltung einer Eierfarm im Westerwald stammen und bei einer Aktion im Frühling 2018 mit 1.446 weiteren Artgenossen vom Verein Rettet das Huhn vor der Schlachtung bewahrt wurden. Hennen aus Eierbetrieben werden in der Regel nach 18 Monaten „entsorgt“, weil sie dann nicht mehr produktiv genug sind. Den oft stark gebeutelten Hühnern ermöglicht der Verein so noch ein schönes Leben auf der grünen Wiese bei Privatpersonen in ganz Deutschland. Derzeit gibt es wesentlich mehr Abnehmer als Hühner, die zur Vermittlung stehen.

Für die Idee, dass Hühnerhaltung nicht nur auf dem Bauernhof funktioniert, wurde Mitte Mai sogar auf der diesjährigen Landesgartenschau in Würzburg vom Kitzinger Fachzentrum für Geflügel mit einer eigenen Ausstellung geworben. Und gerade größere Gärten auf dem Land sind dafür geeignet, weil Hühner nicht nur einen Stall für die Nachtruhe (sonst holt sie der Fuchs oder der Marder) und zum Eierlegen (sonst darf man die Eier im ganzen Garten suchen), sondern auch einen großen Auslauf und genügend Platz zum Scharren brauchen. Zehn bis zwanzig Quadratmeter Auslauffläche pro Huhn geben die Experten als Faustregel an.

Wer jetzt noch Bedenken wegen seinem Gemüsebeet oder seinem englischen Rasen hat, dem sei das 2017 erschienene Buch Mein Garten für freilaufende Hühner der amerikanischen Gartengestalterin Jessi Bloom empfohlen, die ihre „Mädels“ für geniale Gärtnergehilfen hält und an vielen praktischen Beispielen aufzeigt, wie sich ein schöner und hühnerfreundlicher Garten gestalten lässt. Um den Rasen zu schonen, bieten sich mobile Hühnerställe oder der Hühnertraktor an, den es in allen Größen und Formen gibt und der leicht selber gebaut werden kann.

„Hühner zu halten macht wohl schlichtweg glücklich“ ist daher auch der Hühner-Liebhaber Robert Höck überzeugt: „Zeit mit Hühnern zu verbringen, ist gut für die ‚Psychohygenie’, denn es ist beruhigend und man fühlt sich hinterher immer gut geerdet. Die Welt der Hühner kennt kein ‚Schneller‘ oder ‚Langsamer‘. Hühner haben ihr eigenes Tempo“, schreibt er auf Seite 7 in seinem Happy-Huhn-Buch, das auf dem Prinzip „Happy Huhn = Happy Mensch“ basiert und 2018 begleitend zum erfolgreichen Happy Huhn-Kanal (über 40.000 Abonnenten) erschienen ist.

Um die wachsende „Hühnersucht“ zu stillen, gibt es Internet diverse Hühnerforen, in Facebook mindestens dreissig verschiedene Gruppen, die sich mit der tiergerechten Haltung von Hühnern beschäftigen. Zudem viele Neuerscheinungen von Hühnerbüchern (z.B. How to Speak Chicken).

Der Trend zum Huhn zeigt, dass Hühner weit mehr können als nur Eier legen. Sie sind besondere Lebewesen, liebenswert und eignen sich so gar nicht zur Massentierhaltung. Ja, sie können sogar Haustiere und Gefährten sein, die Namen haben, für die man tolle Ställe baut, die zum Gartendesign und Stil des Hauses passen und die mit Biofutter und kleinen Leckereien verwöhnt werden. Doch diesen großen Markt will in Deutschland anscheinend kaum jemand bedienen. Denn bislang kommen das Biofutter aus Holland und die Snacks aus Großbritannien. Und schönes Zubehör wie für andere Haustiere sucht man noch vergeblich.

Der Weltacker

Was passiert, wenn man die Ackerfläche der Welt, nämlich 1,4 Milliarden Hektar, durch alle sieben Milliarden Menschen auf der Erde teilt? Über den Daumen gepeilt kommen 2.000 Quadratmeter heraus. Dieses Stück Land steht theoretisch jedem zur Verfügung, um sich zu ernähren und zu versorgen. Aber weil wir im reichen Norden so viel verbrauchen, verschwenden und vernichten, kommen wir mit diesem Platz gar nicht aus und verkonsumieren indirekt das Land des armen Südens, kritisiert die Zukunftsstiftung Landwirtschaft. Im Weltagrarbericht fordert sie daher einen Paradigmenwechsel in der (globalen) Landwirtschaft.

Um uns das besser vorstellen zu können, haben die Aktivisten auf dem Gelände der diesjährigen Internationalen Gartenausstellung Berlin einen 2.000 Quadratmeter großen Versuchs-Acker angelegt. Der kleine Weltacker zeigt modellhaft und im Maßstab, welche Ackerkulturen global angebaut werden und zu welchem Zweck: Weizen, Reis und Mais verbrauchen mit Abstand die größte Fläche. Dann folgen andere Getreide, Ölsaaten und Soja. Für Gemüse und Obst genügt ein kleiner Teil, jeweils nur 80 Quadratmeter. Vom größten Flächenverbraucher, dem Weizen, wird aber nur ein kleiner Teil zu unserer direkten Ernährung genutzt. Der größte Teil wird als Biosprit verbrannt oder ans Vieh verfüttert, deren Fleisch, Milch und Eier dann später bei uns im Supermarkt stehen. Bei Mais und Soja ist das Verhältnis sogar noch ausgeprägter. Der Jahresertrag von 2.000 Quadratmetern hier in Deutschland reicht gerade mal aus, um zwei Schweine zu mästen – mehr gibt es dann aber nicht.

Diese und weitere Acker-Geschichten werden auf den Infotafeln und -stationen erzählt, die als Leitsystem über den Weltacker führen sowie auf der gut gemachten Projektseite. Doch Vorsicht – nicht alle gehen immer gut aus.

Die Idee, den Acker selbst zum Hauptdarsteller zu machen und uns damit ein Gefühl für die eigene Rolle in der globalen Landwirtschaft zu vermitteln, stammt von Benedikt Härlin, der seit 2002 das Berliner Büro der Zukunftsstiftung leitet:

„Ursprünglich wollten wir eine Figur finden, mit der sich alle Europäer in puncto Ernährung identifizieren. Wir haben zwar keine solche Person gefunden, sind aber draufgekommen, dass zu den 2.000 Quadratmeter jeder ein Verhältnis aufbauen kann, ganz gleich ob Städter oder Landmensch. Wenn du weißt, dass du selbst 2.000 Quadratmeter hast, dann regt das sofort deine Fantasie an. Und das ist auch der Sinn dahinter. Das komplexe Thema Welternährung auf einen Acker runtergebrochen. 2.000 Quadratmeter kann man erfassen“, hat er 2015 im Kundenmagazin griffig & glatt auf Seite 47 erklärt.

Ein Jahr zuvor war der Weltacker nämlich zuerst als Öko-Allmende in Berlin-Gatow (4.298 Einwohner) an der Havel angelegt worden. Weitere Weltäcker gibt es nun auch in China, Frankreich, Kenia, Türkei, Schottland, Schweden, Schweiz und in Rothenklempenow (631 Einwohner) in Pommern.

Zu wissen, woher unsere Lebensmittel kommen, genügt den Acker-Aktivisten also nicht mehr. Denn jeder Einkauf ist schließlich ein Auftrag an die Landwirtschaft und je nachdem, was und wie wir einkaufen, so bestellen wir auch unseren Acker:

„Jeder Bissen hat einen einzigartigen Ort, den wir mit gestalten!“,

fordern sie uns auf, den eigenen Handlungsspielraum zu nutzen und sorgsam mit der Ressource Ackerfläche umzugehen (ethischer Konsum).

Das damit angesprochene Wechselspiel zwischen dem eigenem Handeln und der Umwelt/Kulturlandschaft wird beim „Flächen-Buffet“ besonders deutlich. Dort wird anschaulich gezeigt, wie viele Quadratmeter es heute zum Mittagessen gibt, indem man die Rohstoffe eines Gerichts zusammen in einem Beet angepflanzt hat: Currywurst mit Pommes verbraucht vier Quadratmeter, Spaghetti mit Tomatensoße jedoch nur 0,5 Quadratmeter!

Ähnlich wie die Aktivisten sehen das auch immer mehr Menschen, die sich in der solidarischen Landwirtschaft, bei Urban Gardening bzw. in einer essbaren Gemeinde oder in der GemüseAckerdemie engagieren, die die Schulgarten-Idee neu belebt hat. Der Acker steht hier für den gesellschaftlichen Trend, die Produktion von Nahrungsmitteln wieder in die eigenen Hände zu nehmen (Prosument, Selbermachen) und zumindest teilweise wieder Selbstversorger zu werden. Beim Weltacker gibt es dafür den „Ackerdienstag“: Man kann seine Gartenhandschuhe mitbringen und mit Ackerpaten und anderen freiwilligen Helfern gemeinsam pflanzen, hacken, jäten, ernten und dann frisch vom Acker kochen und essen. Übrigens wird alles, was auf dem Weltacker geerntet wird, genau dokumentiert. In einem grün angestrichenen Bauwagen stehen eine Waage, das Acker-Logbuch und die Gartengeräte zum Einsatz bereit.


Bildnachweis © Weltacker V.Gehrmann J.Ganschow

Das Tropenhaus

Bananen und Papayas aus Bayern? Das klingt nach vorgezogenem Klimawandel, spart aber jede Menge CO2, und mehr Aroma als die übliche Containerware aus Übersee haben sie auch noch.

Die vollreif geernteten tropischen Früchte waren die Überraschung auf der Würzburger GenussMacherMesse 2016, wo man neue Produkte aus Franken probieren und erleben konnte. Auf der Bühne der ehemaligen Postlagerhalle wurden die Früchte von Ralf Schmitt präsentiert, dem Gärtnermeister vom Tropenhaus. Und der Sternekoch Tobias Bätz durfte daraus in der Koch-Show sogleich ein regionales Menü zaubern. Bätz leitet beim Fernsehkoch Alexander Herrmann das Gourmet-Restaurant, worüber auch ein Großteil der biozertifizierten Tropenhaus-Produkte vermarktet wird. Spätestens jetzt war uns klar: Da müssen wir hin!

Aber auf den ersten Blick ist Kleintettau (380 Einwohner) im Landkreis Kronach, nahe der Thüringer Landesgrenze, so gar kein Ort für die Produktion von Tropenfrüchten. Ausgerechnet in der rauen Berglandschaft des Rennsteigs, wo sich eine herkömmliche Landwirtschaft nie wirklich lohnte, ist Mitte 2014 eine 3.500 Quadratmeter große Gewächshausanlage mit Besucher- und Produktionshaus eröffnet worden. „Klein-Eden“ heißt das zukunftsweisende Umweltprojekt.

Der Grund liegt in der benachbarten Glashütte von Heinz Glas, die in erster Linie für hochwertige Kosmetik- und Parfürmflakons bekannt ist. Mit der Industrieabwärme, die sonst einfach verpuffen würde, wird der gesamte Komplex rund um die Uhr auf paradiesische 20 bis 24 Grad Celsius umweltfreundlich beheizt. Das ist ideal für die Erforschung und Produktion von Avocados, Bananen, Guaven, Karambolen, Lulos, Maracujas, Papayas und anderer Exoten.

Weil das in Deutschland neuartig ist (nur in der Schweiz gibt es zwei ähnlich konzipierte Tropenhäuser) und gemeinschaftlich von Landkreis, Gemeinden, Unternehmern und Unterstützern der Region getragen wird, wurden die energieeffizienten Früchte aus Tettau im Juli 2016 als Ort im Land der Ideen ausgezeichnet. Die Jury hat hier der Bezug zum Jahresthema „NachbarschafftInnovation“ und die Nutzung der Potenziale von Nachbarschaft im Sinne von Gemeinschaft, Kooperation und Vernetzung überzeugt.

„Nachbarschaft an sich ist noch nicht die Antwort, aber immer eine Chance! Nachbarn kann man sich selten aussuchen, aber man kann die Nachbarschaft gestalten. Und hier sehe ich die Möglichkeiten, im Verbund mit den Nachbarn Neues zu schaffen, Synergien zu nutzen. Das ist durchaus nicht einfach, und gute Nachbarschaft ist keine Selbstverständlichkeit. Wer kennt nicht Geschichten von schrecklichen Nachbarn, unversöhnlichen Konflikten um Nichtigkeiten. Und welches Glück, welche Bereicherung bedeutet gelungene Nachbarschaft! Das umfasst alle Sphären des Lebens. In guter Nachbarschaft können die Beteiligten vielfältig profitieren: kulturell, wirtschaftlich oder sozial“, erklärt das Jurymitglied Adelheid Feilcke von der Deutschen Welle im Newsletter Januar 2016 auf Seite 5 das Anliegen des Wettbewerbs.

Doch in Klein-Eden gibt es nicht nur Früchte. Um den Ertrag der tropischen Pflanzen zu steigern, ohne die Umwelt zu belasten, und auch im Sommer genügend „Energiemüll“ von der Glasfabrik abzunehmen, werden im Produktions- und Forschungsgewächshaus zusätzlich Nilbarsche (Tilapias) in einem organisch-biologischen Kreislaufsystem (Polykultursystem) gezüchtet. Die Speisefische wachsen mit rein pflanzlicher Kost in Regenwasser heran, das nach der Fischproduktion als Dünger für die Pflanzen dient.

Die Symbiose von Planzen- und Fischzucht gilt als Food-Produktion der Zukunft und wird bei Urban-Gardening-Projekten zur stadtnahen Selbst-Versorgung eingesetzt. Im Tropenhaus geht man durch die mehrfache Nutzung von Energie, Wasser und Nährstoffen noch einen Schritt weiter und kann als Vorbild für andere Industriebetriebe mit ähnlichem Wärmeaufkommen (Brauereien, Stahlschmelzen, Großkühlhäuser, Siebdruckereien, Porzellanfabriken etc.) dienen. Vielleicht könnte in Zukunft neben jedem produzierenden Betrieb ein Gewächshaus stehen, in dem Lebensmittel für die Mitarbeiter und die Menschen in der Umgebung nachhaltig angebaut werden?


Bildnachweis: Ralf Schmitt, Tropenhaus am Rennsteig

Das neue Schwarzwaldhaus

„Das wichtigste und schönste Element des Schwarzwaldes ist das Haus. Es gehört untrennbar zu dem Begriff ‚Schwarzwald‘. Photographiert man ein paar Tannen auf den grünen Weidbergen, vielleicht noch einige Kühe dazu, so könnte das Bild auch in jedem deutschen Mittelgebirge aufgenommen sein. Belebt man die Photographie aber zufällig oder absichtlich durch ein Haus, einen Schwarzwälder Hof mit gewaltigem Walmdach, einem Speicher und einer Mühle, womöglich einem Kapellchen, dann gibt es weder für den Einheimischen noch für den flüchtigen Sommergast den geringsten Zweifel: dieses Bild ist typisch schwarzwälderisch, denn nur das Haus verleiht dieser Land­schaft jene heimeligen Reize, die sie für den Fremden zu einem beliebten Reiseland und für den Schwarzwälder so recht zur Heimat machen“, hat der Zimmermann, Architekt, Hochschullehrer, Heimatforscher, Gründer und ehemalige Museumsleiter des Schwarzwälder Freilichtmuseums Vogtsbauernhof Hermann Schilli bereits 1960 in der Zeitschrift „Badische Heimat“ des gleichnamigen Landesvereins geschrieben.

Das Schwarzwaldhaus ist eine Spitzenleistung europäischer Holzbaukunst. Es zeugt von 500 Jahren ländlicher Kultur und dem bisweilen harten Leben „auf dem Wald“. Doch anders als der Bollenhut, die Kuckucksuhr und die Kirschtorten scheint das alte traditionelle Bauernhaus, wo Wohnhaus, Stall und Lagerraum wegen der kurzen Wege unter ein Dach zusammengefasst sind, den heutigen modernen Ansprüchen nicht mehr zu genügen. Heute wird kaum noch so gebaut und das „alte G´lump“ verschwindet mehr und mehr aus der Landschaft. Droht die beliebte Urlaubsregion ihr Gesicht zu verlieren?

Die Frage steht in Zusammenhang mit dem Rückgang der Landwirtschaft und der Verwaldung in den Höhenlagen und hat schon einige Tagungen in den beiden Naturparken Mitte/Nord und Süd beschäftigt. Um Ansatzpunkte für eine neue, regionaltypische Architektur zu finden, wurde von der Architektenkammer Baden-Württemberg 2010 ein Architekturpreis Neues Bauen im Schwarzwald ausgelobt und die ausgezeichneten Objekte in einer Broschüre dargestellt. Vorbild für die moderne Holzbaukultur ist natürlich der Bregenzerwald in Österreich.

Ein echtes Schwarzwaldhaus mit modernen Komponenten ist im August 2015 in Gerodsau (ca. 1.000 Einwohner), einem Stadtteil der berühmten Kur-, Bäder-, Medien-, Kunst- und Festspielstadt Baden-Baden eröffnet worden. Die Geroldsauer Mühle ist ein Musterbeispiel für Regionalität und die multifunktionale Verknüpfung von Wirts- und Gasthaus mit Mühlenmarkt, Eventagentur und Naturparkdauerausstellung unter einem (Schwarzwald-)Dach. Das Gebäude wurde aus 500 Festmetern heimischer (Weiß-)Tanne, dem Charakterbaum des Schwarzwaldes, als eines der größten Holzhäuser Deutschlands gebaut. Für die Energiegewinnung sind eine Photovoltaik-Anlage, eine Luft-Wärmepumpe und eine Wasserkraftanlage im Einsatz. Die Grundidee für dieses Mammutprojekt war ein Markt für Bauernprodukte, auf die der Bauherr und Nebenerwerbslandwirt Martin Weingärtner bei einem Informationsabend des Naturparks Anfang 2013 kam. Seine Highländer ziehen im Geroldsauer Tal über die Streuobstwiesen.

Rund 85 Erzeuger aus dem Schwarzwald und dem Vorgebirge beliefern nun den Mühlenmarkt mit regionalen und biologischen Lebensmitteln. Für ordentlich Kundenfequenz sorgen die Metzgertheke mit dem Biofleisch der schottischen Hochlandrinder und weiteren Echt-Schwarzwald-Produkten sowie die Bäckerei Dreher aus der 60 Kilometer entfernten Stadt Gengenbach (10.730 Einwohner). Das Highlight ist die verglaste richtige Backstube mit Holzbackofen, wo täglich ein Bäcker das Holzofenbrot vor Ort knetet und bäckt und die Konditorin laufend leckere Köstlichkeiten zubereitet. Hauptberuflich ist Weingärtner jedoch Energieunternehmer und Geschäftsführer der Unternehmensgruppe Weingärtner, wodurch sich die Investitionskosten von 13 Millionen für das „Familienprojekt“ darstellen lassen. Der Bruder Roland ist Zimmermann und hat die komplette Holzkonstruktion ausgeklügelt und gebaut. Auch die erwachsenen Zwil­lingssöhne Peter und Felix haben tatkräftig mit angepackt.

Wir waren vor Ostern dort und waren begeistert von diesem schönen Haus, es ist echte Handwerkskunst. Jedes Detail sorgfältig gearbeitet, alles perfekt ausgetüftelt. Und die Holzkonstruktion ein Meisterwerk. Das hat wirklich Wert! Das gastronomische Konzept stellen wir Ihnen in 14 Tagen vor.


Bildnachweis ©Henrik Morlock www.morlock-fotografie.de

Die neue Landwirtschaft

Massentierhaltung, Monokulturen und Überdüngung. Wie soll die Landwirtschaft der Zukunft aussehen? Biolandwirtschaft könnte eine Alternative sein.

Im Rest der Welt geht es aber um den Kampf zwischen den Kleinbauern und internationalen Konzernen. Ernährungssouveränität lautet das Schlüsselwort. Also das Recht der Menschen, selber zu bestimmen, wie ihre Nahrung produziert und verteilt werden soll. Der Begriff wurde 1996 von der internationalen Kleinbauernorganisation La Via Campesina entwickelt – als Kritik an den internationalen Handelsregeln und der globalen Industrialisierung der Landwirtschaft.

Ernährungssouveränität fordert dagegen die Entwicklung lokaler und regionaler Selbstversorgung und möglichst enge Beziehungen zwischen Produzenten und Verbrauchern, weshalb das Selbstbestimmungsrecht längst auch in unseren reichen Industriestaaten angekommen ist.

Bereits selbst zu kochen ist für junge Leute heutzutage ein Akt der Emanzipation und immer mehr wollen wissen, wo ihre Nahrung herkommt oder unter welchen Bedingungen sie gewachsen ist. Vegane oder vegetarische, faire, lokale und biologische Küche sowie die Verwertung von vermeintlichen Abfall (foodsharing.de, mundraub.org, pflück.org) werden zum Symbol. Essen wird zu einem politischen Akt: Global denken, lokal essen!

Für Ernährungssouveränität engagieren sich zum Beispiel Biokisten-Abonnements, Schul- oder Nachbarschaftsgärten, Saatguttauschbörsen, Lebensmittel-Kooperativen und die Solidarische Landwirtschaft, kurz Solawi. Hier tragen mehrere Privat-Haushalte die Kosten eines landwirtschaftlichen Betriebs, wofür sie im Gegenzug dessen Ernteertrag erhalten. Das Risiko wird geteilt, der Handel bleibt außen vor. Auch gemeinsame Feld- und Erntearbeit gehört auf vielen Solidarhöfen zum Programm. Die Entstehung der solidarischen Landwirtschaft reicht in die 1980er Jahre zurück. In den USA wird das Modell der Consumer Supported Agriculture auf ca. 6500 Höfen angewandt, in Frankreich sind es etwa 1000. Laut Netzwerk Solidarische Landwirtschaft gibt es in Deutschland aktuell 87 Solawi-Betriebe. Tendenz steigend.

Der damit verbundene New Local Deal (lokales Abkommen) zwischen Produzent und Konsument ist Unternehmensgegenstand der Regionalwert AG, der Bürgeraktiengesellschaft in der Region Freiburg:

„Mit dem Kauf von Aktien übernehmen Bürger der Region Mitverantwortung für ihre Region. Das Geld investieren wir in ökologisch arbeitende Betriebe entlang der Wertschöpfungskette: vom Feld bis auf den Tisch. Mittlerweile übernehmen auch andere Regionen Deutschlands und Europas das Konzept“ erklärt der Gründer Christian Hiß auf der Webseite.

Die bis dato 520 Aktionäre konnten 16 Biobetriebe (mehrere Bio-Höfe und -Läden, eine Gärtnerei, zwei Caterer, ein Naturkost-Großhändler sowie ein Weingut) teilweise oder ganz finanzieren und so die Vielfalt in der Region erhalten und das Nachfolgeproblem vieler Bauern lösen. Lesenswert sind auch die 10 Thesen fürs Umdenken.


Bildnachweis © highwaystarz fotolia.com

 

Die essbare Gemeinde

Ob auf den Brachflächen des ehemaligen Berliner Flughafens Tempelhof oder auf den Dächern der New Yorker Wolkenkratzer. In den Städten boomt Urban Gardening: Die neue Lust am Eigenanbau von Gemüse und Obst sowie an nachbarschaftlichen Begegnungen im Grünen.

Angesichts einer komplizierter werdender Welt und ständig neuer Lebensmittelskandale steckt dahinter der Wunsch, sich neu zu erden und selbst zu versorgen. Auch ökologische und künstlerische Anliegen spielen eine Rolle, um aus vernachlässigten Orten wieder Gegenden zu machen, wo sich Menschen begegnen. Für die Städte ist Urban Gardening deshalb eine wichtige Strategie, um das Stadtbild und das Leben in der Stadt zu verbessern.

Kann das Konzept auch im Dorf funktionieren? Eigentlich nicht – sollte man meinen -, denn im Dorf haben die meisten ihren eigenen Garten gleich vor der Haustür. Trotzdem kann es auch in ländlichen Gemeinden sinnvoll sein, brach liegende Flächen für ein Gemeinschaftsgartenprojekt zu nutzen. Oder mit Hochbeeten eine Brücke zwischen altem Dorf und Neubaugebiet zu schlagen.

In Österreich ist Anfang 2013 die erste essbare Gemeinde Österreichs in Übelbach (1.982 Einwohner) nördlich von Graz ausgerufen worden. Im Rahmen der Umgestaltung des Spielplatzes wurde ein essbarer Spielplatz als Treffpunkt für Jung und Alt eingerichtet, wo die Kinder gesundes Süßes genießen und die Älteren ihre Erfahrung an die nächste Generation weiter geben können. Weitere öffentliche Plätze sind der essbare Garten vor dem Pflegeheim und der Blumenschmuck auf dem Markplatz, der mit essbaren Pflanzen kombiniert ist.

Das dahinter stehende „Pflücken erlaubt“-Prinzip stammt aus der Essbaren Stadt Andernach am Rhein, wo es seit 2010 öffentliche Stadtgärten gibt, die mit Gemüse, Obst und Kräutern begrünt sind und sich jeder beim Einkaufsbummel bedienen darf.


Bildnachweis © HildaWeges – Fotolia.com