Soziale Innovationen

Seit Bill Gates und Steve Jobs hat der Begriff der kreativen Zerstörung eine neue Aktualität bekommen. Damit ist die Entstehung innovativer Pionierunternehmen gemeint, die mit neuen Produkten oder Verfahren ältere und weniger leistungsfähige Unternehmen verdrängen.

Sinngemäß taucht der Begriff bereits im Kommunistischen Manifest auf. Bekannter wurde er jedoch durch den österreichischen Ökonom Joseph Alois Schumpeter. In seiner Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung von 1911 legt er dar, dass das Wesen von Innovation in der „Durchsetzung neuer Kombinationen“ liegt – mit Betonung auf Durchsetzung! Denn um wirtschaftliche Ziele zu erreichen, kommt es allein darauf an, die Ideen, Erfindungen und Konzepte auch praktisch umzusetzen: Beispielsweise als neues kaufbares Produkt oder verbesserter Service drum herum.

Pionierarbeit und soziale Innovationen, die vom gewohnten Schema abweichen, sind auch auf dem Land gefragt. Vor allem, wenn es darum geht, das Dorfsterben zu verhindern oder das Umfeld lebenswerter zu gestalten, erläutert Dr. Reiner Klingholz, der Leiter des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung in der Sendung Frontal 21 vom 2.6.2015:

„Wenn sich die Menschen auf dem Land wieder neu organisieren, wenn sie anfangen, wieder miteinander zu reden und Probleme gemeinsam zu bewältigen: Dann entsteht eine neue Form des sozialen Miteinanders. Das ist mit Sicherheit eine Bereicherung und das macht dann das Leben auf dem Land plötzlich wieder attraktiv.“

Das Institut ist eine sogenannte Denkfabrik, die sich mit dem demographischen Wandel in Deutschland beschäftigt. Anfang des Jahres hat sie eine interessante Studie mit dem Titel Von Hürden und Helden veröffentlicht. Anhand von 37 innovativen Projekten für den Nahverkehr, für Bildung, für medizinische Versorgung und Pflege, für Nahversorgung, für soziale Fragen, aber auch für technische Infrastrukturen wie Wasser- und Abwassersysteme sowie die Energie- und Breitbandversorgung wird gezeigt, wie sich das Leben auf dem Land neu erfinden lässt.

Ganz wie beim alten Schumpeter stehen dabei Pioniere im Mittelpunkt, also engagierte Bürger, Bürgermeister und Verwaltungsmitarbeiter, die mit Kreativität und Beharrlichkeit lokale Versorgungsangebote entwickeln und dabei Hemmnisse wie starre Auflagen, Gesetze, Verordnungen und Verwaltungsvorschriften mutig aus dem Weg räumen:

So hat die Psychotherapeutin Ursula Berrens in der Eifel-Gemeinde Speicher (3.270 Einwohner) die Mitfahrerbank initiiert, eine Ergänzung zum lückenhaften Personennahverkehr, damit vor allem ältere Leute gut zum Arzt oder Einkaufen kommen können. Diese Sitzbänke stehen an zentralen Stellen im Ort. Dort kann man ein Richtungsschild in die gewünschte Richtung umschlagen und dadurch anzeigen, dass man mitgenommen werden möchte.

In der Uckermark, einer sehr dünn besiedelten Region im nördlichen Brandenburg, geht die rollende Zahnärztin Dr. Kerstin Finger aus Templin auf Tour und behandelt wenig mobile Patienten zu Hause oder im Heim. Im Auto hat sie alles dabei, was sie normalerweise auch in der Praxis hat. Nur den Behandlungsstuhl muss sie sich vor Ort erst vom Patienten besorgen und einrichten.

Der Lehrer Heinz Frey wollte nicht länger zusehen, wie in Barmen (1.360 Einwohner), einem Stadtteil von Jülich in Nordrhein-Westfalen, ein Laden nach dem anderen geschlossen wurde, während außerhalb der Ortsmitte neue Quadratmeterflächen entstanden. Mit dem Verein DORV (Dienstleistung und ortsnahe Rundum-Versorgung) hat er ein Konzept für die Gründung und den Erhalt lokaler Dorfzentren entwickelt und 2004 das DORV Zentrum eröffnet. Im Angebot sind nicht nur Waren des täglichen Bedarfs, sondern auch zahlreiche Dienstleistungen. Unter anderem berät die Arbeiterwohlfahrt über Pflege- und Sozialdienstleistungen, werden Reisen vermittelt, Kleidungsstücke gereinigt und einfache Reparaturen durchgeführt. Zudem können Formulare der Stadt- und Kreisverwaltung wie Papiere der KFZ-Zulassungsstelle bezogen oder von einem Automaten Geld abgehoben werden.


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