Die Gartenhühner

Jahrelang ging die Zahl der Hühnerhalter auf den Dörfern zurück und die traditionellen Kleintierzuchtvereine waren vom Aussterben bedroht. Doch aufgrund des starken Trends zur Selbstversorgung und den katastrophalen Zuständen in den Legebatterien fragen sich nun immer mehr Privatleute: „Warum nicht einfach im Garten selber Hühner halten?“ Freilich wollen die wenigsten mit ihren Hühnern züchten oder dazu tatsächlich einem Rassegflügelzuchtverein beitreten. Obwohl es auch da eine Trendumkehr gibt, denn die Vereine bestehen nicht mehr nur aus den alten Männern in blauen Latzhosen, sondern zunehmend bestimmen junge Leute, darunter viele Frauen das Vereinsleben.

Wir haben uns die Selber-Hühner-Halten-Frage auch gestellt und so sorgen bei uns seit April sechs fröhliche Hennen nicht nur für das frische Frühstücksei, sondern auch regelmäßig für gute Laune. Es handelt sich um weiße Legehybriden, die aus der Bodenhaltung einer Eierfarm im Westerwald stammen und bei einer Aktion im Frühling 2018 mit 1.446 weiteren Artgenossen vom Verein Rettet das Huhn vor der Schlachtung bewahrt wurden. Hennen aus Eierbetrieben werden in der Regel nach 18 Monaten „entsorgt“, weil sie dann nicht mehr produktiv genug sind. Den oft stark gebeutelten Hühnern ermöglicht der Verein so noch ein schönes Leben auf der grünen Wiese bei Privatpersonen in ganz Deutschland. Derzeit gibt es wesentlich mehr Abnehmer als Hühner, die zur Vermittlung stehen.

Für die Idee, dass Hühnerhaltung nicht nur auf dem Bauernhof funktioniert, wurde Mitte Mai sogar auf der diesjährigen Landesgartenschau in Würzburg vom Kitzinger Fachzentrum für Geflügel mit einer eigenen Ausstellung geworben. Und gerade größere Gärten auf dem Land sind dafür geeignet, weil Hühner nicht nur einen Stall für die Nachtruhe (sonst holt sie der Fuchs oder der Marder) und zum Eierlegen (sonst darf man die Eier im ganzen Garten suchen), sondern auch einen großen Auslauf und genügend Platz zum Scharren brauchen. Zehn bis zwanzig Quadratmeter Auslauffläche pro Huhn geben die Experten als Faustregel an.

Wer jetzt noch Bedenken wegen seinem Gemüsebeet oder seinem englischen Rasen hat, dem sei das 2017 erschienene Buch Mein Garten für freilaufende Hühner der amerikanischen Gartengestalterin Jessi Bloom empfohlen, die ihre „Mädels“ für geniale Gärtnergehilfen hält und an vielen praktischen Beispielen aufzeigt, wie sich ein schöner und hühnerfreundlicher Garten gestalten lässt. Um den Rasen zu schonen, bieten sich mobile Hühnerställe oder der Hühnertraktor an, den es in allen Größen und Formen gibt und der leicht selber gebaut werden kann.

„Hühner zu halten macht wohl schlichtweg glücklich“ ist daher auch der Hühner-Liebhaber Robert Höck überzeugt: „Zeit mit Hühnern zu verbringen, ist gut für die ‚Psychohygenie’, denn es ist beruhigend und man fühlt sich hinterher immer gut geerdet. Die Welt der Hühner kennt kein ‚Schneller‘ oder ‚Langsamer‘. Hühner haben ihr eigenes Tempo“, schreibt er auf Seite 7 in seinem Happy-Huhn-Buch, das auf dem Prinzip „Happy Huhn = Happy Mensch“ basiert und 2018 begleitend zum erfolgreichen Happy Huhn-Kanal (über 40.000 Abonnenten) erschienen ist.

Um die wachsende „Hühnersucht“ zu stillen, gibt es Internet diverse Hühnerforen, in Facebook mindestens dreissig verschiedene Gruppen, die sich mit der tiergerechten Haltung von Hühnern beschäftigen. Zudem viele Neuerscheinungen von Hühnerbüchern (z.B. How to Speak Chicken).

Der Trend zum Huhn zeigt, dass Hühner weit mehr können als nur Eier legen. Sie sind besondere Lebewesen, liebenswert und eignen sich so gar nicht zur Massentierhaltung. Ja, sie können sogar Haustiere und Gefährten sein, die Namen haben, für die man tolle Ställe baut, die zum Gartendesign und Stil des Hauses passen und die mit Biofutter und kleinen Leckereien verwöhnt werden. Doch diesen großen Markt will in Deutschland anscheinend kaum jemand bedienen. Denn bislang kommen das Biofutter aus Holland und die Snacks aus Großbritannien. Und schönes Zubehör wie für andere Haustiere sucht man noch vergeblich.