Die neue Provinz

Von wegen „abgehängt“ und „tote Hose“  – die starken ländlichen Räume machen jetzt auf sich aufmerksam. Sogar unser Bundespräsident sprach das Thema in der Weihnachtsansprache an und langsam scheint sich die Sehnsucht in Richtung Urbanität tatsächlich wieder umzukehren: Dörfer, Kleinstädte und Regionen werden in den nächsten Jahren eine Renaissance erleben, ist der Zukunftsreport 2018 ganz zuversichtlich.

Auf dem 11. Zukunftsforum Ländliche Entwicklung jedenfalls, das am 24. und 25. Januar wieder begleitend zur legendären Grünen Woche in Berlin stattfand, war dieser Gegentrend bereits spürbar und wir konnten mit Regionen ins Gespräch kommen, wo ein Klima der Offenheit und des Wandels herrscht.

Ein Beschleuniger dieser ruralen Renaissance ist sicherlich die Digitalisierung. Welche Möglichkeiten damit speziell für das zukünftige Arbeiten und Gestalten auf dem Land verbunden sind, zeigte die Kampagne #LandRebellen der Andreas Hermes Akademie mit tollen Beispielen von Offenen Technologielaboren aus dem Salzkammergut, dem B4Y3RW4LD Hackathon aus Freyung (7.305 Einwohner), einem Online-Konfigurator für hochwertige Massivholzmöbel einer Tischlerei aus Rhens (2.909 Einwohner) am Mittelrhein und von der Strategie Coworking in der Peripherie.

„Also tatsächlich wollen wir Leute, die sich engagieren, die Impulse geben für den ländlichen Raum, zusammenführen und den Austausch fördern. Wir sagen ja auch starke ländliche Räume, also dass wir eben auch zeigen: Hey, ländliche Räume haben wirklich etwas zu bieten und haben auch tolle Ideen. Und durch die Digitalisierung hat man mehr Möglichkeiten zu gestalten. Deshalb haben wir auch den Kulturwandel angesprochen, der gerade am werden ist. Dass man zusammenarbeitet, sein Wissen nicht hortet, wie das vielleicht vor 20 Jahren noch der Fall war, sondern dass man es teilt und sich austauscht“, hat Mareike Meyn, Referentin der Andreas Hermes Akademie nach der Veranstaltung im CityCube erläutert.

Für einen differenzierten Blick auf die ländlichen Regionen in Deutschland wollen sich auch die Ems-Achse, Südwestfalen und der Nordschwarzwald einsetzen, und zwar gemeinsam unter dem Motto „Land. Stärker als Du denkst“, was in dieser Hinsicht auch ein neuer Ansatz ist:

„Ländliche Räume sind nicht per se schwach, sondern wirtschaftsstark. Hier eben unter drei Prozent Arbeitslosigkeit, hohe Dynamik, auch durchaus hohe Rückkehrerquoten von jungen Leuten. Da können wir gut zusammenarbeiten und vielleicht auch beispielgebend sein. Denn wenn wir lange genug sagen, wie schwierig es in ländlichen Räumen ist, dann wissen wir: Irgendwann gehen die jungen Leute, kommen nicht wieder und andere interessieren sich nicht dafür, das ist das eine. Und das andere ist durchaus ein andere Betrachtungsweise bei Investitionen im ländlichen Raum. Dass es eben nicht immer so ist, na ja, wir tun ein bißchen was für die Gleichartigkeit der Lebensverhältnisse, sondern dass das tatsächlich Investitionen im eigentlichen Sinne sind, mit einem hohen Return of Invest, also über Steuerkraft, über Lebensqualität, über Kaufkraft und so weiter“, hat Dirk Lüerßen, Geschäftsführer der Wachstumsregion Ems-Achse e.V. am gemeinsamen Aktionstand in Halle 4.2. erklärt.

Übrigens suchen die drei noch eine starke Partnerregion aus Bayern zur Ergänzung.

Die lokalen Geschäfte

Den deutschen Innenstädten drohen massive Leerstände. Doch der Strukturwandel im Handel wird sich am stärksten im ländlichen Raum auswirken, „da diese Städte und Gemeinden bereits heute ein oft unzureichendes Handelsangebot aufweisen“,

warnt eine aktuelle Studie des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung vor den räumlichen Auswirkungen des Online-Handels auf Seite 64.

Wer es noch nicht mitgekriegt hat: Auf dem Land ist Online-Shopping auf dem Vormarsch – trotz langsameren Internetanschluss. Vor allem bei Multimedia/Elektronik/Foto, Bekleidung/Mode, Sportartikel/Hobby/Freizeit, Bücher/Zeitschriften/Schreibwaren, Uhren/Schmuck/Accessoires, Schuhe/Lederwaren und Haushaltswaren/Deko haben die Wirtschaftsprüfer von KPMG 2015 in Erfahrung gebracht. Nur Lebensmittel/Getränke und Kosmetik/Drogerie/Gesundheit kaufen wir nach wie vor eher lokal ein. Doch wer keinen Laden mehr um die Ecke hat, muss eben zum großen Supermarkt oder Discounter an der Ausfallstraße fahren, wodurch das Versorgungsnetz weiter ausdünnt wird.

Höchste Zeit also etwas gegen den Leerstand zu unternehmen. Das beste Beispiel dafür heisst Alwin und kommt aus der Südeifel in Rheinland-Pfalz – unsere geliebte Wirtschaftszeitschrift Brand eins hat es im Juli entdeckt. Beim „Aktiven Leerstandsmanagement Wittlicher Innenstadt“, so wird die Abkürzung ausgeschrieben, werden Menschen, die gern ein Geschäft eröffnen würden, mit den Eigentümern leerer Läden zusammengebracht. Die Mieter übernehmen ganz oder teilweise die Renovierung, dafür zahlen sie im ersten halben Jahr keine Miete, in den folgenden sechs Monaten eine geringere und erst nach einem Jahr die volle.

Bevor Katrin Schade von der Stadtverwaltung das Projekt im Oktober 2016 gestartet hat, standen in der Kreisstadt Wittlich (18.762 Einwohner) 40 der 225 Läden leer, jetzt nur noch 24. Wo mal ein Friseursalon war, hat die Genussecke eröffnet. In die frisch renovierte alte Posthalterei ist die Brasserie gezogen. Das „Café und Ambiente“ verkauft die Möbel, auf denen die Gäste sitzen. Und in der Zigarren-Lounge kann man Zigarren nicht nur kaufen, sondern auch gemütlich sitzen und rauchen. Auch ein Pop-up-Store zum Ausprobieren ist für 75 Euro/Woche im Programm. Einzige Bedingung: Öffnungszeiten!

„Dahinter steht immer auch die Idee, dass ein belebtes Haus die ganze Gegend aufwertet, ein leeres hingegen genau das Gegenteil bewirkt“,

hat die Journalistin Lisa Goldmann in ihrem Artikel gut beobachtet und auf die Wächterhäuser (Hauserhalt durch Zwischennutzung) in der Heldenstadt Leipzig verwiesen. Bereits 2004 begann man dort, marode Gründerzeitbauten innovativ neu zu nutzen, zum Beispiel für Werkstätten und Künstlerateliers.

Wer heutzutage einem leerstehenden Laden neues Leben einhauchen will, braucht Unterstützung und besondere Konditionen, wie eben bei der Gemeinschaftsinitiative Alwin. Aber auch ein bißchen (Leipziger Helden-)Mut für eine neue Herangehensweise: Denn nicht die Branche steht beim lokalen Wirtschaften im Vordergrund, sondern das Engagement und die innovative Idee für den Standort: Wie kann die Lebensqualität für die Menschen drumherum verbessert werden? Wie können neue oder wiederentdeckte Bedürfnisse (gesunde Lebensmittel, Einblick in Herstellungsprozesse, Bewusstsein für die Region) bedient werden? Wie lassen sich Onlinehandel und stationärer Handel intelligent miteinander verknüpfen?

„Lokal einkaufen“ kann in diesem Sinn auch als eine Strategie der Relokalisierung verstanden werden, bei der das Wirtschaften wieder stärker auf die lokalen Bedingungen ausgerichtet wird (ähnlich wie bei der solidarischen Landwirtschaft).


Foto von Mike Petrucci auf unsplash

Der neue Waldspaziergang

Ständig erreichbar sein, überall Mails und News checken können: „Hat uns diese digitale Revolution wirklich bereichert?“, fragt der Deutschlandfunk. Ausgerechnet aus dem Silicon Valley kommt die Gegenbewegung Digital Detox, digitales Entgiften.

Doch zum größten Gegentrend unserer Zeit wird nach Meinung der Zukunftsforscher Achtsamkeit oder „Mindfulness“ auf Englisch, was nach wabernder Esoterik klingt, im Grunde aber nicht anderes bedeutet, als die Fähigkeit, bewusster zu leben und auch mal abzuschalten: Menschen machen dafür Entschleunigungs-Seminare, legen sich auf die Yoga-Matte und buchen Entspannungskurse. Oder gehen zum Abschalten in den Wald, der zur Zeit ja auch wieder eine Art Renaissance erlebt (Holz, Wandern, Geocaching, Baumwipfelpfad, Baumhaus, Waldküche, Waldhonig, Waldkindergarten, Waldbestattung usw.).

Den Waldspaziergang gibt es jetzt sogar auf Rezept, wenn auch vorerst nur als Privatrezept, also zum Selberzahlen, und zwar im Ostseebad Heringsdorf (8.839 Einwohner) auf der Insel Usedom. Am 13. September 2017 wurde dort nämlich der erste deutsche Heilwald per Rechtsverordnung in Kraft gesetzt. In der Ruhe des 50 Hektar großen Buchenwaldes können die Patienten nun unter Anleitung Atem- und Bewegungsübungen machen und psychosomatische Beschwerden wie Burnout, Depressionen oder Schlaflosigkeit lindern. Der Heilwald wurde sogar zur handyfreien Zone erklärt, um ein störungsfreies Naturerleben zu ermöglichen.

Doch auch ohne Funkverbindung ist der Wald ein Ort der regen Kommunikation, hat der Biologe Clemens Arvay am 25. April 2017 im Interview mit der Wissenschaftssendung nano erklärt:

„Wir können uns den Wald als einen einzigen riesengroßen Organismus vorstellen, wo Bäume und andere Pflanzen Botschaften untereinander austauschen. Zum Beispiel über Schädlinge, die im Anrücken sind. Das geht so weit, dass von Baum zu Baum auch Informationen über die Art und Größe der Schädlingsarmee weitergegeben werden. So können alle Pflanzen ihre Immunsysteme hochfahren und sich mit vereinten Kräften gegen die Invasion schützen. Um sich gegenseitig Botschaften zukommen zu lassen, benutzen die Pflanzen chemische „Wörter“, bioaktive Substanzen aus der Gruppe der Terpene. Das sind Duft- und Botenstoffe, die überall in der Waldluft herumschwirren und über die Blätter, die Borke und die Wurzeln abgegeben werden. Manchmal können wir sie im Wald auch riechen, denn Terpene sind die wichtigsten Bestandteile der ätherischen Öle aus Bäumen und Pflanzen.“

Faszinierend ist dabei, dass das menschliche Immunsystem ganz ähnlich reagiert und unsere Widerstandskräfte gestärkt werden: Denn wenn wir Terpene wie etwa die sogenannten Limonene und Pinene aus der Waldluft einatmen, werden die natürlichen Killerzellen angeregt, die die Aufgabe haben, Viren auszuschalten und Tumore aufzuspüren. Bereits ein Tag im Wald führt zu einem 40-prozentigen Anstieg unserer wichtigsten Abwehrtruppen im Blut.

Wenn wir mit der Natur interagieren und sie uns positiv beeinflusst, tritt der Biophilia-Effekt (Biophilie von altgriechisch bios „Leben“ und philia „Liebe“) ein, den Clemens Arvay in Anlehnung an den Psychoanalytiker und Philosophen Erich Fromm für seinen gleichnamigen Besteller von 2015 verwendet hat. Fromm wollte damit die Sehnsucht der Menschen nach der Natur ausdrücken, die heute viele Städter haben (Urban Gardening) und was auch eine Chance für das Leben auf dem Land und insbesondere die Naturlandschaften und den Tourismus sein kann. Ebenso können von dem Biophilia-Effekt Forderungen für gesunde Wälder und den Naturschutz sowie für mehr Bäume und Grün in den Großstädten abgeleitet werden.

Den gesundheitsfördernden Effekt der Terpene in der Waldluft hat als erster der Umweltimmunologe Professor Qing Li von der Nippon Medical School in Tokio in zahlreichen Feldstudien untersucht und damit auch nachgewiesen, dass uns Bäume nicht nur psychisch gesund machen, also zur Ruhe und zum Abschalten bringen können, sondern auch körperlich. Er gilt als Pionier der Waldmedizin, die seit 1982 in Japan staatlich anerkannt ist und von den Krankenkassen gefördert wird.

Auch die Idee der Heilwälder stammt von dort und geht auf das Konzept mit dem schönen Namen 森林浴, wörtlich übersetzt „Waldbaden“ zurück, das in Japan eine lange Tradition in der Volksmedizin hat. Wasser oder gar eine Badewanne sind aber nicht nötig. Vielmehr ist Waldbaden ein kurzer, geruhsamer Ausflug in den Wald, bei dem man bewusst einatmet und dann die würzigen Stoffe des Waldes und die Waldatmosphäre aufnimmt. Wandern oder Sport treiben schadet nicht, muss man aber nicht unbedingt machen.

Ein Drittel von Deutschland ist bekanntlich mit Wald bedeckt (in Japan sogar 67 Prozent), da dürfte das neue Waldspazierengehen leicht zu praktizieren sein. Laut Arvay sind die Nadelwälder besonders interessant, weil Kiefern, Fichten und Tannen die meisten Terpene abgeben. Aber auch Laubbäume geben welche ab. Besonders viele werden über die Borke freigesetzt und auch über die Haut können wir Terpene aufnehmen, daher ist das Umarmen von Bäumen gar nicht lächerlich. Nach Regen oder bei Nebel ist der Terpengehalt im Wald besonders hoch. Im Sommer ist die Konzentration am höchsten, im Winter nimmt sie ab, erreicht aber niemals Null.


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Die inter-kommunale Zusammenarbeit

Wenn sich zwei oder mehrere Gemeinden freiwillig zusammentun, wird das etwas sperrig „interkommunale Zusammenarbeit“ genannt und ist immer dann sinnvoll, wenn Aufgaben gemeinsam besser bewältigt werden können als alleine.

Vom Nutzen dieser gemeinsamer Aufgabenerledigung wussten schon die mittelalterlichen Hansestädte und im ländlichen Raum waren Justingen, Ingstetten und Hausen wohl die ersten Gemeinden, die gemeinsam am 20. November 1869 eine Wasserversorgungsgruppe auf dem wasserarmen Karstgebirge der Schwäbischen Alb gegründet haben. Spannend ist diese Pioniertat im historischen Roman von Josef Weinberg „Der Schultheiss von Justingen“ oder auch auf Wikipedia nachzulesen.

In unserer Zeit wird interkommunale Zusammenarbeit sogar als „Gebot der Stunde“ eingestuft und postmodern als zukunftsweisende Strategie interpretiert, um komplexe Themen in Eigenregie (kommunale Selbstverwaltung) anzugehen, die nicht mehr an der Gemeindegrenze halt machen. Wie etwa die demographische Entwicklung, die Daseinsvorsorge, die Gewerbeentwicklung, das Flächenmanagement oder Zukunftsthemen wie Digitalisierung und Erneuerbare Energien. Und genau genommen kann die Zusammenarbeit von Kommunen einfach auch als eine Form von regionaler Kooperation verstanden werden, die aber eher kleinräumig ist und bei der die Gemeindeoberhäupter die Hauptakteure sind. Die beste Übersicht an guten Bespielen aus ganz Deutschland ist beim Wettbewerb kommKOOP zu finden, der schon 2005 und 2006 stattfand.

Um dem innovativen Charakter auf die Spur zu kommen, sollte man „harte“ (Planungsverband, Zweckverband) von eher „weichen“ Ausprägungen (Arbeitskreis, Arbeitsgemeinschaft, Regional-Forum/Konferenz, Verein, Entwicklungsagentur etc.) unterscheiden. Die weichen Kooperationsformen verbindet, dass sie gemeinsam formulierte Zielvorstellungen nicht planungsrechtlich verbindlich festlegen können – also auf die Selbstbindung der Mitwirkenden vertrauen müssen. Der Vorteil ist aber, dass sie netzwerkartig kooperieren und damit flexibler und dynamischer sind, um gemeinsam neue Lösungen und Kompromisse („Win-win-Lösungen“) zu finden, hat der bedeutende Planungstheoretiker Dietrich Fürst bereits grundsätzlich ausgeführt, zum Beispiel im Aufsatz Region und Netzwerke von 2002.

Typisch für Netzwerkorganisationen ist der doppelte Bezug nach innen und nach außen. Darauf hat Prof. Mark Michaeli von der Technischen Universität München (TUM) auf Rückfrage per E-Mail am 9. August 2017 in Zusammenhang mit den Gemeindekooperationen hingewiesen:

„Es gilt also Allianzen zu bilden, die einerseits nach innen wirken, das heißt durch Aufgabenteilung und Nutzung von Synergieeffekten die Kommune entlasten und zusätzlich die Möglichkeit der Professionalisierung eröffnen. Andererseits ermöglichen die neuen Netzwerke die Stärkung nach außen, in dem sie koordinierend und abgestimmt den überkommunalen Verbund auf Augenhöhe mit externen Partnern verhandeln lassen“.

Ein Blick in den Süden von Deutschland lohnt sich besonders, weil in Bayern die Gemeindestruktur ähnlich wie in Rheinland-Pfalz und in Schleswig-Holstein noch sehr kleinteilig ist und es hier die meisten kommunalen Kooperationen gibt. Zudem hat der Freistaat 2005 das Programm der „Integrierten Ländlichen Entwicklung“ (ILE) aufgelegt, über das die Erarbeitung von Konzepten und die spätere Begleitung gefördert werden. Bis zum Stand Februar 2017 haben sich 837 Gemeinden in 103 ILE-Prozessen organisiert, das entspricht rund 40 Prozent aller bayerischen Gemeinden (gerechnet inklusive der Städte, die auch als selbstständige Gemeinden zählen).

Da passt es gut, dass der TUM-Professor mit weiteren Wissenschaftlern in einer aktuellen Studie aus dem Jahr 2016 das Förderinstrument und die Rolle der „Ämter für ländliche Entwicklung“ (früher Flurbereinigung) kritisch unter die Lupe genommen hat und einen deutlichen Nachholbedarf bei der Umsetzungsorientierung sieht sowie schnelle Projekterfolge fordert. Das ist wichtig, um den Kooperationsprozess dynamischer zu machen und eigentlich aus der Regionalentwicklung schon lange bekannt.

Zur Vereinfachung der interkommunalen Kooperation sollte das Netzwerk nicht nur nach innen, sondern auch nach außen flexibel sein, lautet ein weiterer Hinweis. Zum Beispiel, um mit benachbarten Städten und Gemeinden zusammenzuarbeiten, wenn es für bestimmte Projekte Sinn macht. Oder um den passenden Raumzuschnitt zu finden, damit das jeweilige Thema zweckmäßig bearbeitet werden kann, weil sich die zu lösenden Aufgaben eben mehr an den Menschen und ihren Lebensweisen (funktionale Verflechtungen), weniger an administrativen Grenzen orientieren. Allerdings ist solch eine Flexibilität und damit eine Lockerung des Territorialprinzips in den Fördervoraussetzungen bisher nicht vorgesehen und hat ja immer auch mit dem Ressortdenken von Behörden und Verwaltungen zu tun.

Da hilft nur, externe Kooperationspartner (Wirtschaftsförderung, Regionalmanagement, Städtebauförderung, Naturpark, Tourismusverband, LEADER-Management, regionale Initiativen) von Anfang an einzubinden und eine klare Aufgabenteilung zu vereinbaren, um das Nebeneinander von unterschiedlichen Konzepten in der Gesamt-Region zu vermeiden und auch um zu verhindern, dass die Kooperation als „Konkurrenzgebilde“ wahrgenommen wird.

Anzumerken ist jedoch, dass in der Studie die Beteiligung und aktive Mitwirkung der Bürgerinnen und Bürger beim Kooperationsprozess ausgespart wurde. Nach unserer Erfahrung kann dies die Qualität der interkommunalen Zusammenarbeit deutlich steigern.


Bildnachweis Jan Kobel Fotografie

Das Storytelling

Was haben ein Gemüsebauer, der alte Sorten züchtet, eine Museumsdirektorin, die am Puls der Zeit ist, und ein Architekt, der nichts Neues mehr bauen will, gemeinsam? Es sind gute Geschichten über Land und Leute, die nur darauf warten, erzählt zu werden.

So hat die Südtiroler Marketingagentur gedacht und 2014 das Vorzeigeprojekt für Storytelling im Tourismus gestartet, also für die Kunst, Geschichten zu erzählen: Was uns bewegt erzählt authentische Geschichten von Menschen aus Südtirol, wie sie in dieser Region leben und was ihnen wichtig ist, und zwar in Filmen, Bildern, Reportagen und Interviews im journalistischen Dokumentarstil. Mittlerweile sind auf der Plattform über einhundert Regional-Storys zu finden sowie passende Angebote, damit man jede Geschichte auch vor Ort nacherleben kann.

Authentische Geschichten überzeugen – deshalb, aber auch weil plumpe Werbung von gestern ist, haben die Marketingleute das uralte Geschichtenerzählen für sich entdeckt. Und gerade das Internet und die sozialen Medien bieten sich dafür an, wo gute Geschichten mit einem Klick weitererzählt, also geteilt werden können. Am Beispiel des Storytelling-Projektes hat das die damals verantwortliche Journalistin Gabriele Crepaz 2015 auf einem PR-Blog ganz gut erklärt:

„Wir haben einfach beobachtet, wie unsere User sich in den Medien, vor allem im Internet, bewegen. Und haben erkannt, dass Werbung niemanden mehr interessiert. Womit also kann man die Aufmerksamkeit von Menschen erreichen? Denn darum geht es: herauszufinden, was den Menschen wichtig ist. In der Flut an Informationen, die uns täglich umspülen, sucht sich jeder das aus, was für ihn relevant ist, was ihn unterhält oder ein Stückchen weiter bringt. Wir kennen das alle von uns selber. Ja, so entstand die Idee zu ‚Was uns bewegt‘. Der Schritt zur Entscheidung, eine eigene Website zu entwickeln, auf der mit journalistischen Mitteln Geschichten aus Südtirol erzählt werden, war trotzdem enorm. Aber wir sind überzeugt, dass das der richtige Weg ist: Menschen kommunizieren miteinander über Geschichten.“

Die Methode dahinter nennt sich Content Marketing (CM) und hat sich seit etwas mehr als zehn Jahren als neue Form der Kundenansprache durchgesetzt. Statt leerer Werbeversprechen will CM die Konsumenten mit relevanten Inhalten gewinnen, die informieren, beraten und/oder unterhalten, und nutzt dafür überwiegend eigene, digitale Kanäle wie Online-Magazine, Blogs, Videos oder auch Apps. Es wird aber nicht über ein Produkt gesprochen, sondern um ein Produkt herum. Als führend in diesem Bereich gilt der Energy-Drink-Hersteller Red Bull. Neben seinem Engagement im Sport betreibt das Unternehmen u.a. eine eigene Medien- und Verlagsfirma sowie den Fernsehsender ServusTV. Die eigentliche Getränkeherstellung, die Abfüllung und die Logistik übernehmen hingegen externe Dienstleister.

Medienkritiker, wie Prof. Lutz Frühbrodt sehen die redaktionelle Aufrüstung der Unternehmen mit Sorge, weil der kostenlose „Unternehmensjournalismus“ in Konkurrenz zum klassischen, unabhängigen Journalismus tritt, der sich im Internet nicht mehr wie früher durch die Anzeigenwerbung (siehe oben: plumpe Werbung …) finanzieren kann.

Das Südtiroler Projekt macht auch deutlich, dass Storytelling geeignet ist, abstrakte und komplexe Themen wie zum Beispiel Nachhaltigkeit, Klimaschutz oder Ernährungssicherung zum Leben zu erwecken und die damit verbundenen Erfahrungen und das Wissen weiter zu geben. Das hat mit unserer Art zu Denken zu tun, erläutert der bekannte Hirnforscher Prof. Gerald Hüther im aktuellen Whitepaper Storytelling der dpa-Tochter news aktuell. Denn Geschichten werden so verarbeitet, als würden wir die Dinge tatsächlich so erleben. Noch dazu erzeugen sie Bilder und Emotionen im Kopf – im Gegensatz zu blossen Fakten. Wer etwas erzählt statt nur darüber zu informieren, liefert viele Anknüpfungspunkte an bereits vorhandene Gedächtnisinhalte. So kann man die Geschichte viel besser im Gedächtnis abspeichern.

Und im Grunde ist jeder Plan, ist jede Strategie zunächst eine Vorstellung, die erzählt werden will, um zu wirken, haben bereits die österreichischen Regionalberater im Heft 1/2013 der Informationen zur Raumentwicklung ganz richtig festgestellt.

Dafür sollte man sich klarmachen, was eine Geschichte eigentlich ist, führt der Narrationsforscher Prof. Peter Müller ebenfalls in dem genannten Whitepaper aus. Denn jede Geschichte hat eine starke Hauptfigur im Mittelpunkt. Das könnte in unserem Fall beispielsweise eine Bürgermeisterin oder ein Bürgermeister sein. Außerdem hat jede Geschichte einen Anfang, eine Entwicklung und ein Ende (wie im richtigen Leben). Wenn nur ein Zustand beschrieben wird, dann ist es eben keine Geschichte. Am Anfang gibt es zum Beispiel in der Gemeinde noch keine Zukunftsstrategie, am Ende ist sie da. Damit jedoch ein fesselnder Spannungsbogen entsteht, müssen Konflikte oder Herausforderungen eingebaut werden, die die Veränderung bzw. Entwicklung tatsächlich bewirkt haben. Man könnte also berichten, vor welchen Problemen man in der Gemeinde stand und wie man sie gelöst hat. Und was zunächst nur eine Nebenrolle spielte, entpuppte sich am Ende möglicherweise als entscheidender Faktor. So wird aus der Zukunft der Gemeinde eine interessante Geschichte, die zudem noch relevant und glaubwürdig ist.


Bildnachweis © IDM Südtirol / Alex Filz

Die Happy Locals

Einfach nix los hier. Die Jugendlichen hängen nur rum. Muss nicht sein, finden Dimitri Hegemann und Annette Katharina Ochs. Die beiden Kulturmanager haben 2016 eine kleine Denkschrift darüber verfasst, wie man junge Menschen animieren kann, ihr Potential zu entdecken und auch abseits der großen und angesagten Städte glücklich und zufrieden zu werden.

Doch anders als vielleicht gedacht muss man als Gemeinde für Happy Locals eigentlich gar nicht viel tun. Nur seine aktiven jungen Wilden wirklich ernst nehmen und ihnen einen Raum geben, mit dem sie etwas anfangen können. Am besten einen Leerstand im Besitz der Gemeinde wie zum Beispiel eine ungenutzte Scheune, ein leeres Ladenlokal oder eine Ruine, raten die Autoren, die sich auch als „Brückenbauer“ verstehen:

„Wir versuchen, zusammen mit den jungen Leuten, Räume zu finden, in denen sie sich austoben können. Es wird total verkannt, welches Potenzial in den jungen Leuten steckt, die eigentlich eine Stadt vor der Verödung retten können. Man muss auch mal was zulassen. Gib der Jugend Raum und Zeit, dann wird das auch was werden. Es geht nicht nur ums Feiern. Die jungen Leute sollen Start ups gründen, Agenturen ins Leben rufen, Nischen finden. Wir brauchen kleine Orte, wo Reibung stattfindet, Orte, die nicht so elitär und bezahlbar sind. Die können zu Leuchttürmen in einer Gemeinde werden. Und es geht darum, die Abwanderung der jungen Intelligenz zu stoppen. Wenn die nämlich kein „Ja“ hören seitens der Bürgermeister/Verwaltung einer Stadt und keinen Raum finden zum Experimentieren, dann gehen sie. Und die Stadt verliert wieder einen Querdenker,“

hat Hegemann am 2. Oktober 2016 im Interview mit dem originellen Titel Techno-Papst rettet die Provinz auf derwesten.de erklärt.

„Techno-Papst“, weil er 1991 den legendären Berliner Techno-Club Tresor gegründet hat. Aufgewachsen ist Hegemann aber in Büderich (2.983 Einwohner), einem Stadtteil von Werl in Südwestfalen, und eigentlich wollte Dietmar-Maria, so hieß er damals, nie von da weg. Doch Ende der 1970er Jahre war in der Wallfahrtsstadt niemand bereit, einigen langhaarigen Jugendlichen Raum für eigene, neue Ideen zu geben. Also zog er nach Berlin und aus Dietmar wurde Dimitri.

„Lasst sie doch ruhig mal machen!“ scheint der richtige Ansatz zu sein, um Jugendliche zu aktivieren und sie zum Mitgestalten zu animieren. Denn gerade junge Leute sind schwer für übliche Beteiligungsprozesse zu gewinnen, die aus ihrer Sicht oft zu langwierig und nur wenig aktionsorientiert ablaufen. Anderseits kann es ohne Jugendbeteiligung auch keine nachhaltige Zukunftsgestaltung geben und nur mit ernst gemeinter Beteiligung können Bleibe-, Zuzugs- und Rückkehrperspektiven in ländlichen Räumen geschaffen werden, hat die LEADER-Zeitschrift LandInForm zu Jugend und Regionalentwicklung bereits 2013 richtig festgestellt.

Das Selber-Machen spielt auch bei den Modellvorhaben aus ganz Deutschland eine Rolle, mit denen das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung in einer mehrjährigen Forschungsreihe von 2010 bis 2016 Methoden zur Jugendbeteiligung in Städten sowie in einigen Gemeinden im ländlichen Raum erprobt hat. Am ehesten gelingt die Aktivierung über gemeinsame Aktionen und konkrete (Jugend-)Projekte, wenn ein Mangel wie zum Beispiel ein fehlender Jugendraum oder Konflikte mit Anwohnern angegangen werden, lautet eine Erkenntnis von Jugend macht Stadt. Von großer Bedeutung ist hierbei das Netzwerk-Prinzip der Selbstbestimmung und (nichthierarchischen) Selbstorganisation, wodurch das Engagement junger Akteure deutlich erhöht wird und sie dann sogar bereit sind, selbstbestimmte Räume in Wert zu setzen und dauerhaft Verantwortung dafür zu übernehmen, so das Fazit von Jugend belebt Leerstand. Und selbst gestaltete Experimentier- und Möglichkeitsräume wiederum, sogenannte Jugend.Stadt.Labore, brauchen junge Stadt/Gemeinde-Macher für die Kreativität, damit sie in der gemeinsamen Auseinandersetzung mit diesen Orten Ideen und Projekte für neuartige Raumnutzungen oder auch für ihr „eigenes Ding” (Start-ups) entwickeln können.

Übrigens funktioniert das auch mit selbstgenutzen Freiräumen, also Flächen, die unverbaut oder ungenutzt sind und so Raum für die Entwicklung eigener Ideen bieten: Die Freiraum-Fibel gibt Starthilfe für Plätze, Hinterhöfe, Uferstreifen, Straßengrün, vergessene Orte, Zwischenräume, Brachflächen oder Stra­ßenräume.


Bildnachweis © Julia Gajewski

Das Crowdfunding

Durch die zunehmende Vernetzung durch das Internet hat sich Crowdfunding durchgesetzt. Das ist eine neue und völlig andere Art der Finanzierung, die entweder alternativ oder in Ergänzung zu öffentlicher Förderung, Banken oder Stiftungen eingesetzt werden kann. Das Besondere ist, dass eine größere Gruppe Menschen (= crowd) gemeinsam ein Projekt oder Vorhaben finanziert (= to fund) – ganz ähnlich wie das Friedrich Wilhelm Raiffeisen im Westerwald schon vor 152 Jahren praktiziert hat. Die Wortschöpfung Crowdfunding hat aber der US-Amerikaner Michael Sullivan 2006 erfunden und seitdem suchen immer mehr Einzelpersonen, Unternehmen, aber auch Organisationen/Vereine nach Geldgebern im Netz. Auch für Kommunen kann das übrigens funktionieren (Magazin DEMO).

Die ersten Crowdfunding-Plattformen Indiegogo und Kickstarter entstanden 2008/2009 in den USA und mit Startnext und VisionBakery sind 2010 die ersten Plattformen in Deutschland gestartet. Dort kann jeder sein innovatives Projekt präsentieren. Alle, die eine Idee gut finden, können sie mit einem kleinen Beitrag unterstützen. Je mehr Menschen also von dem Projekt begeistert sind, desto größer wird die Summe. Der Projektstarter erhält das Geld jedoch nur dann, wenn das Finanzierungsziel zu 100 Prozent erreicht wird. Das klappt in Deutschland bei jedem zweiten Projekt (53 %), hat die Crowdfunding-Studie festgestellt.

Als Dank für seine Unterstützung erhält man auch etwas zurück. Je nach Modell können das ideelle oder materielle Belohnungen (öffentliche Danksagung, das fertige Produkt, Prämien, eine Sonderedition, Geschenke, eine Einladung zur Premiere, ein exklusiver Blick hinter die Kulissen etc.), eine Spendenquittung, Zinsen (Crowdlending) oder Beteiligungen (Crowdinvesting) sein.

Weil ein dazwischengeschalteter Vermittler in Form einer Bank nicht mehr nötig ist, um das Geben und Nehmen zu koordinieren, gilt Crowdfunding als eine Art Gegenbewegung zum herkömmlichen Bankengeschäft, erläutert das Schweizerische Institut für Entrepreneurship 2015 in einem Short Paper. Das erledigen die Informations-, Kommunikations- und Transaktionsplattformen nämlich einfach und unbürokratisch selbst.

Doch ganz so einfach läuft es wohl nicht. Denn wer mit Crowdfunding erfolgreich sein will, darf mit der Bewerbung nicht warten, bis das Projekt fertig ist, sondern muss frühzeitig auf sich aufmerksam machen und das Zielpublikum aktiv in die konzeptionellen Überlegungen und in die Kommunikation einbeziehen. Das Wissen und die Kreativität möglichst vieler Menschen bei der Realisierung neuer Ideen systematisch einzubinden, ist zwar mit Aufwand, viel Engagement und Offenheit verbunden, der direkte Dialog mit der Crowd ist aber freilich kein Nachteil, sondern nur die logische Weiterentwicklung des Netzwerkgedankens. Crowdfunding gehört deshalb ebenso wie Crowdsourcing zu den neuen Open-Innovation-Ansätzen (Erfahrungen und Wissen von allen Interessengruppen nutzen), die das Innovationspotential nicht nur von Unternehmen vergrößern, sondern auch die Bürgerbeteiligung und Mitgestaltung fördern.

Anna Thell, die bei Startnext für Kommunikation zuständig ist, erklärt auf ihrem Blog, warum das gerade für Städte, Regionen und Kommunen spannend ist:

„Viele Städte, Regionen und Kommunen stehen vor der Frage, wie sie die Digitalisierung sinnvoll für sich nutzen können. Crowdsourcing und Crowdfunding können hier ein spannender Weg sein, um Ideen aus der Stadt sichtbar zu machen, die Macher miteinander zu vernetzen und lokales Engagement zu fördern. Denn nichts ist wertvoller als wenn Menschen ihre Städte mitgestalten, sei es mit Ideen, mit Engagement oder mit Geld.“

Für regionales Crowdfunding und eine Verbindung von Crowdfunding und Regionalität spricht auch, dass viele Unterstützer aus dem direkten Umfeld der Projektstarter kommen und die Initiatoren und ihre Projektidee nicht nur virtuell, sondern auch persönlich kennen lernen wollen. Zudem wollen immer mehr Menschen wissen, was mit ihren Geld passiert und sich direkt vor der eigenen Haustür engagieren. Neben Spezialplattformen zu bestimmten Themen wie Sport, Musik, Film, Immobilien, erneuerbare Energien etc. gibt es inzwischen auch solche, die Projekte einer bestimmten Stadt oder Region im Fokus haben und eine lokale Crowd aufbauen wollen. Auf dem Informationsportal www.crowdfunding.de werden aktuell 16 regionale Plattformen aufgelistet.

Einen Trend in der Zunahme regionaler Projekte, die sich über die Crowd finanzieren, sieht die IHK München und Oberbayern. Als Beispiel wird u.a. die Initiative der Volks- und Raiffeisenbanken Viele schaffen mehr genannt, die bis jetzt 1.273 regionale, gemeinnützige Projekte über die Plattform der VR-Banken einsammelte. Die regionale Plattform place2help versteht sich sogar explizit als Instrument für nachhaltige Regionalentwicklung und will Impulse für mehr Innovation, Mitverantwortung und Lebensqualität setzen. 2015 ging der erste Ableger in München online, nun soll Rhein-Main folgen.

Interessant ist auch ein Blick nach Österreich, wo 2014 die Bank für Gemeinwohl Genossenschaft gestartet wurde, um zu beweisen, dass „man die Welt doch mit einer Bank besser machen kann“. In der Alpenrepublik gab es nämlich bisher noch keine ethische Bank wie beispielsweise in Deutschland (GLS Bank, Umweltbank, Ethikbank). Im kommenden Jahr ist eine eigene Crowfunding-Plattform geplant. Dorthin gelangen nur gemeinnützige Projekte oder zivilgesellschaftliche Initiativen, deren Gemeinwohl-Orientierung durch die Genossenschafts-Community geprüft wurde. Vorreiter sind auch die Landeshauptstädte Graz und Linz. Hier wurde jeweils eine eigene Förderung aufgelegt, um die Vorarbeiten (Videos, Grafik/Design und Kommunikation) zu unterstützen, die für eine Crowdfunding-Kampagne notwendig sind.

Eine schöne Anregung sind auch Ideenwettbewerbe. Diesen August hat die Thüringer Tourismus GmbH die erste Crowdinnovation-Kampagne einer öffentlichen Tourismusorganisation initiiert. Über die Onlineplattform Innovationskraftwerk wurde öffentlich dazu aufgerufen, Ideen für attraktiveres Tagen in Thüringen einzureichen. 55 Konzepte wurden eingereicht und die besten drei sind jetzt in Erfurt prämiert worden.


Bildnachweis © BfG Genossenschaft

Die neue Mobilität

Kennen Sie moovel? Die kostenlose Mobilitäts-App kombiniert Öffentlichen Personennahverkehr, die Carsharing-Anbieter Car2go und Flinkster, Mytaxi, Mietfahrräder und die Deutsche Bahn. Die Moovel-App liefert aber nicht nur Fahrpläne, sondern beschafft auch gleich die passenden Fahrscheine. Mittlerweile gehört diese innovative App zum schwäbischen Daimler-Konzern. Wer so fortschrittlich ist, der weiß bestimmt auch, wie unsere Mobilität von morgen aussehen wird?

„Diese vier Schlagworte zur Mobilität der Zukunft bringen es für mich auf den Punkt: „Connected“, „Autonomous“, „Shared“ und „Electric“. Mobilität und Verkehrsmittel werden immer vernetzter, das ist seit Jahren klar erkennbar. Autonomes Fahren wird die Welt der Mobilität in den kommenden zehn Jahren disruptiv verändern – wobei der gesellschaftliche Diskurs darüber gerade erst begonnen hat. Ich rechne fest damit, dass autonome Fahrzeuge zu einem großen Teil über Sharing-Konzepte angeboten werden. Und ich gehe davon aus, dass ebendiese Fahrzeuge überwiegend einen elektrischen Antrieb haben werden,“ erklärt der Sprecher von moovel, Michael Kuhn auf der Seite Neue Mobilität von Baden-Württemberg.

Das „Ländle“ will Pionierregion für nachhaltige Mobilität werden und hat, um dieses Ziel sichtbar und erlebbar zu machen, 2015 die ersten Heldinnen und Helden der neuen Mobilität ausgezeichnet. Die Kampagne und die Videoportraits sind sehenswert.

„Connected“, also die Vernetzung von Mobilität und Verkehrsmitteln, hat für den ländlichen Raum große Bedeutung, wo der öffentliche Nahverkehr noch die Basis bildet, aber ein Großteil der Schülerverkehr ausmacht. Um wirtschaftlich und attraktiver zu werden, vorhandene Angebotslücken zu schliessen und den individuellen Mobilitätsbedürfnissen von älteren und jüngeren Menschen ohne eigenes Auto gerecht zu werden, muss der ÖPNV mit ergänzenden und neuen Mobilitätsangeboten kombiniert und vernetzt werden. Der Verkehrsfachmann nennt diese flexible Mischung der Verkehrsmittel multimodale Vernetzung.

Eine gute Ergänzung sind beispielsweise Bürgerbusse, die von engagierten Bürgern ins Leben gerufen und ehrenamtlich betrieben werden. Die Idee stammt aus Großbritannien und kam über die Niederlande ins benachbarte Münsterland, wo 1985 die erste deutsche Bürgerbus startete. 30 Jahre später verkehren in der gesamten Bundesrepublik etwa 250 Kleinbusse im normalen Linienverkehr mit festem Fahrplan und festen Haltestellen. Flexibler funktionieren der Variobus im Nordosten des Landkreises Traunstein oder der Flexibus im Landkreis Günzburg, die keine festen Fahrpläne, wohl aber festgelegte Haltestellen kennen. Damit ältere Menschen preisgünstig zum Arzt oder zum Supermarkt kommen, werden auch beim bedarfsgerecht gesteuerten Bürgerbus in Olfen (12.273 Einwohner) in Nordrhein-Westfalen die Fahrtwünsche in der Bürgerbuszentrale gesammelt, mit einer speziellen Software erfasst und und dann via Internet auf das im Bus befindliche iPad übertragen. Das iPad enthält zudem eine Navigationssoftware, welche den Fahrer zum Ziel leitet.

Das Internet vereinfacht auch den gemeinschaftlichen Gebrauch von Dingen und und ist der Grund, warum der neue Konsumtrend „Nutzen statt Besitzen“ populär geworden ist. Noch nie war es so leicht, Anbieter und Nachfrager zusammenzubringen, um Schlafcouchs, Kleinkredite, Kleider, Gemüsebeete oder eben Autos zu teilen, womit wir schon beim dritten Schlagwort „Shared“ wären. Carsharing klappt gut in Städten ab 20.000 Einwohnern, auf dem Land ist es aber leider kein Selbstläufer. Das Dorfauto braucht hier Unterstützung von der Kommune oder größeren Betrieben, die dieses Mobilitätsangebot auch selber als Dienst- oder Firmenwagen nutzen können. Ein interessanter Mobilitätspartner sind dafür die Energieunternehmen, die ihre Marktchancen in der Elektromobilität (viertes Schlagwort) immer mehr erkennen und auch den Ausbau von Stromtankstellen und Solar-Carports fördern. In der Eifel wurde das Elektro-Auto für das LEADER-Projekt E-ifel mobil vom regionalen Energieversorger 2013 zu Verfügung gestellt, in Oberreichenbach (2.748 Einwohner) im Schwarzwald konnte so 2012 das erste Elektro-Bürgerauto Deutschlands losfahren. In Zukunft könnten Elektroautos selbst zu Tankstellen werden und dann die klassischen Stationen ersetzen. Die Tankstelle der Zukunft hat vor kurzem Nissan vorgestellt. Über den E-Bike-Boom haben wir ja schon einmal im Artikel über Das Landrad berichtet.

Neben dem Carsharing ist für den ländlichen Raum das organisierte Mitfahren (Ridesharing) wie die MiFAz oder flinc interessant. Die gute alte Fahrgemeinschaft hat das Mobiliätsnetz im Spessart wieder zum Leben erweckt, wo das Angebot Bürger fahren Bürger in Kooperation mit dem Malteser Hilfsdienst 2015 entwickelt wurde. Es setzt auf ehrenamtliche Fahrer, die zu ausgewählten Zeiten und zu ausgewählten Zielen einen Fahrdienst mit dem eigenen Pkw anbieten. Anders als beim Bus oder Anruf-Sammel-Taxi wird der Fahrgast von Tür zur Tür gebracht. Die Kosten für die Fahrt wie auch die Anfahrt zum Fahrgast wird mit 30 Cent pro Kilometer monatsweise erstattet.

Nach ähnlichem Prinzip wurde 2013 das Modell Mobilfalt in Nordhessen gestartet, wo jeder Autobesitzer in den drei Pilotregionen Sontra (7.513 Einwohner)/Nentershausen (2.689 Einwohner)/Herleshausen (2.821 Einwohner, als Zweckverband interkommunaler Zusammenarbeit) und Witzenhausen (14.701 Einwohner) im Werra-Meißner-Kreis sowie Niedenstein (5.291 Einwohner) im Schwalm-Eder-Kreis eingeladen ist, zum Anbieter von Fahrten zu werden und so die fahrplangebundenen Systeme wie Busse und Bahn um Autofahrten zu ergänzen. Der Ein- und Ausstieg erfolgt an den ÖPNV-Haltestellen, die mit weiteren Mobilfalt-Haltestellen ergänzt werden sollen. Um die Beförderung zu garantieren, übernimmt der Nordhessischen Verkehrsverbund deren Organisation und finanzielle Unterstützung. Stehen keine privaten Anbieter zur Verfügung oder fallen diese aus, werden Taxen, Mietwagen oder der Bürgerbus eingesetzt.

Die Vernetzung von Mobilität und Verkehrsmitteln macht auch deutlich, dass es die grundsätzliche Entscheidung zwischen Auto oder Bus längst nicht mehr gibt. Vielmehr hängt die Verkehrsmittelwahl vom Fahrtzweck und vom Ziel ab. Darauf müssen die Verkehrsunternehmen und Verkehrsverbünde reagieren und in der logischen Folge einen umfassenden Mobilitätsverbund mit den individuellen Verkehrsmitteln und Mobilitätsdienstleistungen bilden, was der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen richtig als Zukunftsaufgabe thematisiert hat: Kunden erhalten über eine gemeinsame Angebots- und Abrechnungsplattform (einheitliche Benutzeroberfläche wie etwa die oben beschrieben App moovel) Zugang zu einer Vielzahl von lokalen Mobilitätsangeboten einschließlich ÖPNV, Bürgerbus, Carsharing, Leihfahrräder oder Taxi. Nur das kann eine Alltagsmobilität ohne privaten Auto-Besitz und ohne Mobilitätseinschränkungen ermöglichen.

Zu guter Letzt noch das autonome Fahren, die Königsdisziplin vernetzter Mobilität. Das selbstfahrende Auto verspricht mehr Komfort und Effizienz. Denn wenn der Computer steuert, muss man nicht mehr lenken, bremsen und aufpassen. Der Pendler kann die Zeit „hinter dem Steuer“ für Büroarbeit oder andere Dinge nutzen. Statt Taxifahrer kommt die automatisierte Taxe auf Abruf oder der Mietwagen kommt einfach selber zum Kunden. Das private Auto parkt selbstständig im Parkhaus, um uns bei Bedarf abzuholen oder in Kolonnen effizient auf der Autobahn zu fahren. Bedarfsorientierte Minibusse bringen die Nutzer dann flexibel und autonom von A nach B.

Klingt noch zu sehr nach Zukunftsmusik? Neben den traditionellen Autobauern sind auch Google oder Apple in diesem Bereich bereits aktiv. Erst vor kurzem wurde ein Abschnitt der Autobahn A9 als Teststrecke für autonomes Fahren freigegeben. Wenn es jedoch um mehr geht, als Geradeausfahren, Abbiegen, Bremsen und Verkehrszeichen erkennen, gibt es noch technische Probleme und auch die Erkennung von spontanen Gesten wie Winken, Kopfschütteln oder Kopfnicken läuft noch ziemlich fehlerhaft. Groß sind auch die juristischen Probleme. Denn wer ist Schuld, wenn es doch zum Unfall kommt? Kann dafür der Computer haftbar gemacht werden? Überraschend wurde jetzt Anfang des Jahres aus den USA gemeldet, dass die dortige Transportbehörde NHTSA künftig Computer als Fahrer eines Autos definieren will.


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Das digitale Dorf

Unsere Welt ist zunehmend digital vernetzt. Die Menschen nutzen die neuen Möglichkeiten und tauschen ihre Erfahrungen, ihre Fähigkeiten und sogar ihr Eigentum aus. Für die Wirtschaft ist die Digitalisierung ein wichtiger Innovationstreiber (Smart Services, Industrie 4.0, Internet der Dinge) und vor allem in wissensbasierten Unternehmen werden das Know-how, die Kreativität und das Talent der Mitarbeiter entscheidend. Im Gegenzug könnten jedoch bald viele Routinejobs von Robotern und Maschinen ersetzt werden, sagt die Studie der ING-DiBa voraus und liefert damit den Befürwortern des bedingungslosen Grundeinkommens (Abstimmung in der Schweiz am 5. Juni) stichhaltige Argumente. Schon jetzt greift der digitale Fortschritt in der Landwirtschaft und große Landwirtschaftsbetriebe nutzen Big Data und IT-Programme für die Anbauplanung oder setzen automatisch gesteuerte Landmaschinen oder Melkroboter ein.

Auch die Zukunft der Stadt ist vernetzt und mittlerweile ist der Begriff Smart Cities bekannt. Damit ist der Anspruch verbunden, die boomenden Metropolen mit intelligenter Technik nachhaltiger zu entwickeln, die Folgen des sozialen Wandels zu gestalten und die großen Städte vor dem Kollaps zu bewahren. Entscheidend ist dabei die Intelligente Vernetzung, also die Vorzüge der horizontalen Vernetzung unterschiedlicher vertikaler intelligenter Netze (Energie, Verkehr, Gesundheit, Bildung, Verwaltung) zu nutzen. Zukunftschancen ergeben sich insbesondere für die ländlichen Regionen, weil die Digitalisierung keine Grenzen kennt und dadurch geografische Nachteile aufgelöst werden können: Nicht mehr der physische Ort, sondern der (schnelle) Zugang zum Internet entscheidet über die Möglichkeiten zur gesellschaftlichen Teilhabe und zur Nutzung von Wissensinfrastrukturen. Dank staatlicher Förderung schreitet der Breitbandausbau nun voran und selbst im abgelegenen Sulzdorf an der Lederhecke (1.089 Einwohner), wo wir wohnen, werden moderne Glasfaserkabel verbuddelt.

Das eigentliche Potential, um das Leben auf dem Land einfacher und attraktiver zu machen, liegt aber nicht im Breitbandanschluss, sondern in digitalen Angeboten, erklärt der Leiter vom Fraunhofer-Institut für Experimentelles Software Engineering (IESE) der Technischen Universität Kaiserlautern, der Informatiker Prof. Peter Liggesmeyer anlässlich des Starts des Forschungsprojektes Digitale Dörfer am 14.12. 2015, das vom rheinland-pfälzischen Innenministerium gefördert wird:

„Erst durch die intelligente Vernetzung von Diensten, Daten und sogar Dingen kann es uns gelingen, auch ländliche Regionen fit für die Zukunft zu machen. Die eigentliche Herausforderung stellt mitnichten nur der Breitbandausbau dar: Nur wenn auf sichere, zuverlässige und anwenderfreundliche, aber auch nachhaltige und wirtschaftlich rentable Lösungen zurückgegriffen werden kann, kann sich das Potenzial der Digitalisierung entfalten und Land und Leute werden davon profitieren können. Perspektivisch müssen bestehende Systeme intelligent ineinandergreifen und aufeinander abgestimmt funktionieren.“

Bis zum Sommer 2018 entwickelt der Professor in zwei Testregionen, in den Verbandsgemeinden Betzdorf (15.179 Einwohner gesamte VG) im Westerwald und Eisenberg (13.023 Einwohner gesamte VG) / Göllheim (11.861 Einwohner gesamte VG) im Norden der Pfalz, wie die Bereiche Mobilität und Logistik in der Praxis mit smarter Technologie (Softwaresysteme wie Apps für das Smartphone) vernetzt werden können: Beispielsweise, wenn sich der regionale Einzelhandel zusammenschließt und mit der Mithilfe mobiler Bürger Lebensmittel und Waren noch am gleichen Tag der Bestellung ausliefern kann. Oder wenn ältere Menschen und Menschen mit Behinderung Unterstützung bei ihren Wegen zum Einkaufen, zum Arzt oder bei anfallenden Arbeiten durch ihre Mitmenschen erhalten. Oder wenn Pendler auf ihren täglichen Routen zur Arbeit oder nach Hause Pakete mitbefördern und zustellen können.

Die Digitalen Dörfer sind Teil eines weiter gefassten Forschungs- und Entwicklungsvorhabens, das sich Smart Rural Areas (Intelligenter ländlicher Raum) nennt und auch die Infrastruktur und das Gebäudemanagement durch den IT-Einsatz effizienter nutzen (digitale Infrastrukturen) will und die schon vor Jahren diskutierte Telearbeit durch neue Arbeitsmodelle weiterentwickelt. Unter einem ähnlichen Projektnamen Smart Villages sucht zur Zeit ein weiteres rheinland-pfälzisches Ministerium, diesmal das für Wirtschaft, Modellorte für den Klimaschutz, die in Kombination mit Mobilität und regionaler Wertschöpfung für die Zukunftsfähigkeit des Landlebens sogen sollen. Der Begriff Smart Village tauchte aber bereits 2013 im niederrheinischen Grieth (ca. 800 Einwohner), einem Stadtteil von Kalkar auf, wo um einen Dorfladen ging, der gleichzeitig Post, Bank, Mitfahrzentrale, Sozialstation und ein betreutes Internetcafé verbindet.

Weitere digitale Strategien für Regionen hat die Initiative Smart County zu den sechs Handlungsfeldern Verwaltung und Politik, Mobilität und Logistik, Wertschöpfung/Arbeit und Kultur, Bildung, Energie und Umwelt sowie Gesundheit und Pflege zusammengestellt. Großes Potential wird im E-Government (intelligente Verwaltungsnetze) gesehen, die Verwaltungen in die Lage versetzen, Dienstleistungen über das Internet bereitzustellen und sich neuen Formen der Zusammenarbeit und der Informationsbereitstellung zu öffnen. Schließlich ist eine leistungsstarke und dienstleistungsorientierte Verwaltung ein wichtiger Standortfaktor.

Damit die Behördengänge in Zukunft ähnlich wie beim E-Banking ganz einfach online erledigt werden können, müssen jedoch technische (IT-Architektur und Schnittstellen), finanzielle und rechtliche (E-Government-Gesetze vom Bund und der Länder) Hürden überwunden werden und der Verwaltung genügend Ressourcen für den digitalen Veränderungsprozess vom „Blatt zum Byte“ (E-Akte, E-Formular, E-Termin etc.) eingeräumt werden, weshalb hier eher größere Städte wie z.B. Nürnberg mit einem Bürgerserviceportal Mein Nürnberg oder Osnabrück mit dem virtuellen Bauamt oder als einer der ersten Landkreise der in Cham mit einem Interkommunalen Geographischen Informationssystem vorangehen. Ganz aktuell hat der Freistaat Bayern Ende 2015 das BayernPortal eingerichtet, wo Bürger, Unternehmen und Kommunen Zugang zu mehr als 150 Online-Dienstleistungen haben sowie Datenbanken, Formulare, Merkblätter und Ansprechpartner bei Behörden finden. Etwa um das Auto abzumelden oder Elterngeld zu beantragen. Für die vollumfängliche Nutzung muss die BayernID als Account in Kombination mit einer Registrierung über den neuen Personalausweis mit eID-Funktion (electronic Identity) angelegt werden, mit dem man sich im Internet eindeutig identifizieren kann.

Immer mehr Städte und Gemeinden haben nicht nur die „klassische“ Webpräsenz, sondern nutzen auch soziale Medien wie Facebook, Twitter und Co. zur Bürgerkommunikation. Die Digitalisierung eröffnet auch neue Formen der gesellschaftlichen Teilhabe und für die digitale Bürgerbeteiligung können nicht nur Blogs und Newsletter, sondern auch spezielle Software von Polida, opendoors oder Werdenktwas genutzt werden. Ein Beispiel aus einer kleineren Stadt stammt aus Wennigsen (13.902 Einwohner) bei Hannover, wo es um Spielplätze ging. Übrigens sucht der Bundeswirtschaftsminister noch bis zum 20. März Projekte kommunaler Akteure zur Intelligenten Vernetzung. Anschließend sollen „Visionen“ zur Intelligenten Vernetzung in den Regionen und kommunalen Verbünden erarbeitet werden. Auf der Open-Innovation-Plattform Netze neu-nutzen kann man aber schon jetzt die bisher eingereichten Projekte anschauen.


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Die Koproduktion der Daseinsvorsorge

Das Hallenbad im niedersächsischen Nörten-Hardenberg (8.056 Einwohner) sollte im Jahr 2002 geschlossen werden. Das jährliche Defizit von 250.000 Euro war nicht mehr zu tragen. Für den Erhalt ihres Schwimmbads fanden die Bürger jedoch eine unkonventionelle Lösung: Sie gründeten eine Genossenschaft und boten der Gemeinde einen Betreibervertrag an.

Durch die Einbindung von ehrenamtlichen (Fach-)Kräften aus der Bürgerschaft (Wir sind das Hallenbad!), die sich um die Finanzen, die Technik, das Personal, die Akquise von Gruppen, die das Bad nutzen, und weitere organisatorische Details kümmern, ist so ein stabiler und kostengünstiger Betrieb möglich geworden. 2011 verzeichnete der Jahresabschluss nur noch ein Defizit von 35.000 Euro. In der Kommunalverwaltung war für das Hallenbad vorher nur eine einzige Person zuständig, die zudem noch die Bereiche Personal, Kindergärten, Schule und anderes zu bearbeiten hatte.

Das Hallenbad e.G. zählt zu den neuen Kooperationen und Finanzierungsmodellen für die soziale und kulturelle Daseinsvorsorge, die das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung in einem Praxisleitfaden 2015 mit zehn weiteren Fallbeispielen ausführlich vorgestellt hat: die Bürgerstiftung Pfalz in Klingenmünster (2.372 Einwohner) an der Südlichen Weinstraße, die Bürgerstiftung Unser Leohaus in der Kleinstadt Olfen (12.273 Einwohner) im Münsterland und der Bürgerbahnhof Leutkirch e.G. (21.837 Einwohner) im Allgäu, das DORV-Zentrum im Stadtteil Barmen (1.308 Einwohner) von Jülich bei Aachen, das der Deckung des täglichen Bedarfs dient, die Gesundheitsregion Gesundes Kinzigtal GmbH (ca. 71.000 Einwohner) im Schwarzwald, das Bildungszentrum am Rittergut Knau (616 Einwohner) in Thüringen sowie die Dorfakademie des Vereins Landblüte e.V. im Ortsteil Wölsickendorf-Wollenberg von Höhenland (1.036 Einwohner) in Brandenburg, die mit geringen Mitteln das Bildungsangebot auf dem Dorf verbessern, das Heimhof-Theater e.V. in Burbach (14.431 Einwohner) im Siegerland, die Bürgergemeinschaft Eichstetten e.V. in Eichstetten (3.446 Einwohner) am Kaiserstuhl in Baden-Württemberg, die die Versorgung der älteren Bewohner selbst übernommen hat und der Eiskeller Haindling e.V. im Stadtteil Haindling (ca. 100 Einwohner) von Geiselhöring in Niederbayern, der als Dorfladen, Café und Kulturzentrum das Dorfleben reaktiviert hat. Wer nun selbst aktiv werden will, kann im Leitfaden die oftmals langjährigen Entwicklungsprozesse und das Auf und Ab der Beispiele von der ersten Idee bis zu laufenden Betrieb nachvollziehen. Hilfreich sind auch die Empfehlungen zu möglichen Rechts- und Organisationsformen sowie zur Mischfinanzierung in Form von Spenden/Sponsoring, öffentlichen Fördermitteln, Einnahmen, Eigenkapital (Anteilseigner, Mitglieder und Gesellschafter), Zuschüssen (Kommune oder örtliche Banken/Sparkasse), Fremdkapital (Kredite, Bürger/Bankdarlehen oder Beteiligungskapital) sowie unbare Eigenleistungen und unentgeltliche Tätigkeiten, um die Gründung, den Auf- oder Umbau sowie den laufenden Betrieb finanzieren zu können.

Um kooperative, innovative und flexible Lösungen möglich zu machen, wird Daseinsvorsorge nicht vorrangig aus der Verwaltungsperspektive, sondern stärker aus der Nutzerperspektive heraus betrachtet. Außerdem steckt dahinter eine neue Verantwortungsteilung zwischen Kommune und Bürgerschaft, die in den angelsächsischen Ländern bereits seit den 1980er Jahren als „co-producing of public service“ diskutiert wird. In Deutschland ist der Begriff aber noch recht unbekannt.

„Das Konzept Koproduktion stellt eine wirkungsorientierte Form der Zusammenarbeit zwischen Verwaltung, Rat und Bürgerschaft dar, das darauf ausgelegt ist, die Fähigkeiten, Kompetenzen und Stärken aller Beteiligten besser zu nutzen, um gemeinsam gewünschte Wirkungen zu erzielen,“ definiert Governance International auf Seite 10 in einer aktuellen Bertelsmann-Studie zur Koproduktion in Deutschland.

Auch das Selbstverständnis der Bürgerinnen und Bürger hat sich verändert, weg vom tradierten Verständnis des passiven Empfängers der Versorgungsleistungen durch den Staat (Endverbraucher, Konsument, Klient, Kunde, Zuschauer oder Untertan) hin zu einem aktiven Koproduzenten, der stärker partizipieren und sich auf unterschiedliche Art und Weise für seine Kommune engagieren will (Stichworte: Bürgerbeteiligung, Bürgerkommune und Selbstverantwortung der Dorfgemeinschaft), um die Lebens- und Versorgungsqualität vor Ort zu erhalten oder zu verbessern.

Als Pionierin der Ko-Produktion gilt die US-amerikanische Professorin Elinor Ostrom, die 2009 als erste Frau den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften bekam und sich u.a. mit Problemen kollektiven Handelns bei knappen natürlichen Ressourcen beschäftigte, die gemeinschaftlich genutzt werden, den sogenannten Allmenden (Gemeingut, englisch Commons wie z.B. Weide- oder Wassernutzungsrecht, heutzutage die Wissensallmende und das digitale Netz).

Damit kommt der regionale Versorgungsraum in den Blick, worum es dem Aktionsprogramm regionale Daseinsvorsorge geht, einem Modellvorhaben der Raumordnung (MORO). Um die Infrastruktur und Einrichtungen der Daseinsvorsorge bedarfsgerecht an eine sich ändernde Nachfrage anzupassen, empfehlen die Experten in der aktuellen Publikation eine interkommunale Kooperation sowie die Zusammenarbeit von privaten und öffentlichen Akteuren.


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Die neue Landwirtschaft

Massentierhaltung, Monokulturen und Überdüngung. Wie soll die Landwirtschaft der Zukunft aussehen? Biolandwirtschaft könnte eine Alternative sein.

Im Rest der Welt geht es aber um den Kampf zwischen den Kleinbauern und internationalen Konzernen. Ernährungssouveränität lautet das Schlüsselwort. Also das Recht der Menschen, selber zu bestimmen, wie ihre Nahrung produziert und verteilt werden soll. Der Begriff wurde 1996 von der internationalen Kleinbauernorganisation La Via Campesina entwickelt – als Kritik an den internationalen Handelsregeln und der globalen Industrialisierung der Landwirtschaft.

Ernährungssouveränität fordert dagegen die Entwicklung lokaler und regionaler Selbstversorgung und möglichst enge Beziehungen zwischen Produzenten und Verbrauchern, weshalb das Selbstbestimmungsrecht längst auch in unseren reichen Industriestaaten angekommen ist.

Bereits selbst zu kochen ist für junge Leute heutzutage ein Akt der Emanzipation und immer mehr wollen wissen, wo ihre Nahrung herkommt oder unter welchen Bedingungen sie gewachsen ist. Vegane oder vegetarische, faire, lokale und biologische Küche sowie die Verwertung von vermeintlichen Abfall (foodsharing.de, mundraub.org, pflück.org) werden zum Symbol. Essen wird zu einem politischen Akt: Global denken, lokal essen!

Für Ernährungssouveränität engagieren sich zum Beispiel Biokisten-Abonnements, Schul- oder Nachbarschaftsgärten, Saatguttauschbörsen, Lebensmittel-Kooperativen und die Solidarische Landwirtschaft, kurz Solawi. Hier tragen mehrere Privat-Haushalte die Kosten eines landwirtschaftlichen Betriebs, wofür sie im Gegenzug dessen Ernteertrag erhalten. Das Risiko wird geteilt, der Handel bleibt außen vor. Auch gemeinsame Feld- und Erntearbeit gehört auf vielen Solidarhöfen zum Programm. Die Entstehung der solidarischen Landwirtschaft reicht in die 1980er Jahre zurück. In den USA wird das Modell der Consumer Supported Agriculture auf ca. 6500 Höfen angewandt, in Frankreich sind es etwa 1000. Laut Netzwerk Solidarische Landwirtschaft gibt es in Deutschland aktuell 87 Solawi-Betriebe. Tendenz steigend.

Der damit verbundene New Local Deal (lokales Abkommen) zwischen Produzent und Konsument ist Unternehmensgegenstand der Regionalwert AG, der Bürgeraktiengesellschaft in der Region Freiburg:

„Mit dem Kauf von Aktien übernehmen Bürger der Region Mitverantwortung für ihre Region. Das Geld investieren wir in ökologisch arbeitende Betriebe entlang der Wertschöpfungskette: vom Feld bis auf den Tisch. Mittlerweile übernehmen auch andere Regionen Deutschlands und Europas das Konzept“ erklärt der Gründer Christian Hiß auf der Webseite.

Die bis dato 520 Aktionäre konnten 16 Biobetriebe (mehrere Bio-Höfe und -Läden, eine Gärtnerei, zwei Caterer, ein Naturkost-Großhändler sowie ein Weingut) teilweise oder ganz finanzieren und so die Vielfalt in der Region erhalten und das Nachfolgeproblem vieler Bauern lösen. Lesenswert sind auch die 10 Thesen fürs Umdenken.


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Soziale Innovationen

Seit Bill Gates und Steve Jobs hat der Begriff der kreativen Zerstörung eine neue Aktualität bekommen. Damit ist die Entstehung innovativer Pionierunternehmen gemeint, die mit neuen Produkten oder Verfahren ältere und weniger leistungsfähige Unternehmen verdrängen.

Sinngemäß taucht der Begriff bereits im Kommunistischen Manifest auf. Bekannter wurde er jedoch durch den österreichischen Ökonom Joseph Alois Schumpeter. In seiner Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung von 1911 legt er dar, dass das Wesen von Innovation in der „Durchsetzung neuer Kombinationen“ liegt – mit Betonung auf Durchsetzung! Denn um wirtschaftliche Ziele zu erreichen, kommt es allein darauf an, die Ideen, Erfindungen und Konzepte auch praktisch umzusetzen: Beispielsweise als neues kaufbares Produkt oder verbesserter Service drum herum.

Pionierarbeit und soziale Innovationen, die vom gewohnten Schema abweichen, sind auch auf dem Land gefragt. Vor allem, wenn es darum geht, das Dorfsterben zu verhindern oder das Umfeld lebenswerter zu gestalten, erläutert Dr. Reiner Klingholz, der Leiter des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung in der Sendung Frontal 21 vom 2.6.2015:

„Wenn sich die Menschen auf dem Land wieder neu organisieren, wenn sie anfangen, wieder miteinander zu reden und Probleme gemeinsam zu bewältigen: Dann entsteht eine neue Form des sozialen Miteinanders. Das ist mit Sicherheit eine Bereicherung und das macht dann das Leben auf dem Land plötzlich wieder attraktiv.“

Das Institut ist eine sogenannte Denkfabrik, die sich mit dem demographischen Wandel in Deutschland beschäftigt. Anfang des Jahres hat sie eine interessante Studie mit dem Titel Von Hürden und Helden veröffentlicht. Anhand von 37 innovativen Projekten für den Nahverkehr, für Bildung, für medizinische Versorgung und Pflege, für Nahversorgung, für soziale Fragen, aber auch für technische Infrastrukturen wie Wasser- und Abwassersysteme sowie die Energie- und Breitbandversorgung wird gezeigt, wie sich das Leben auf dem Land neu erfinden lässt.

Ganz wie beim alten Schumpeter stehen dabei Pioniere im Mittelpunkt, also engagierte Bürger, Bürgermeister und Verwaltungsmitarbeiter, die mit Kreativität und Beharrlichkeit lokale Versorgungsangebote entwickeln und dabei Hemmnisse wie starre Auflagen, Gesetze, Verordnungen und Verwaltungsvorschriften mutig aus dem Weg räumen:

So hat die Psychotherapeutin Ursula Berrens in der Eifel-Gemeinde Speicher (3.270 Einwohner) die Mitfahrerbank initiiert, eine Ergänzung zum lückenhaften Personennahverkehr, damit vor allem ältere Leute gut zum Arzt oder Einkaufen kommen können. Diese Sitzbänke stehen an zentralen Stellen im Ort. Dort kann man ein Richtungsschild in die gewünschte Richtung umschlagen und dadurch anzeigen, dass man mitgenommen werden möchte.

In der Uckermark, einer sehr dünn besiedelten Region im nördlichen Brandenburg, geht die rollende Zahnärztin Dr. Kerstin Finger aus Templin auf Tour und behandelt wenig mobile Patienten zu Hause oder im Heim. Im Auto hat sie alles dabei, was sie normalerweise auch in der Praxis hat. Nur den Behandlungsstuhl muss sie sich vor Ort erst vom Patienten besorgen und einrichten.

Der Lehrer Heinz Frey wollte nicht länger zusehen, wie in Barmen (1.360 Einwohner), einem Stadtteil von Jülich in Nordrhein-Westfalen, ein Laden nach dem anderen geschlossen wurde, während außerhalb der Ortsmitte neue Quadratmeterflächen entstanden. Mit dem Verein DORV (Dienstleistung und ortsnahe Rundum-Versorgung) hat er ein Konzept für die Gründung und den Erhalt lokaler Dorfzentren entwickelt und 2004 das DORV Zentrum eröffnet. Im Angebot sind nicht nur Waren des täglichen Bedarfs, sondern auch zahlreiche Dienstleistungen. Unter anderem berät die Arbeiterwohlfahrt über Pflege- und Sozialdienstleistungen, werden Reisen vermittelt, Kleidungsstücke gereinigt und einfache Reparaturen durchgeführt. Zudem können Formulare der Stadt- und Kreisverwaltung wie Papiere der KFZ-Zulassungsstelle bezogen oder von einem Automaten Geld abgehoben werden.


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Was ist ein gutes Netzwerk?

Nicht nur durch die Globalisierung und das Internet ist unsere Welt komplexer und dynamischer geworden. Langfristige Vorhersagen werden immer schwieriger und mit fertigen Konzepten lässt sich immer weniger arbeiten. Jedoch werden die Bereitschaft zu teilen und die Fähigkeit zur Kooperation immer wichtiger. Denn in einer vernetzten Welt ist Netzwerkbildung die einzig vernünftige Lösung, die man haben kann, lautet das Ashbysche Gesetz (Gesetz der gegengleichen Komplexität), das der britische Kybernetik-Pionier William Ross Ashby bereits in den 1950er Jahren formulierte.

Auch für die Entwicklung einer Region sind Netzwerke „…zentral, denn Regionalentwicklung heisst: zusammen denken, zusammen planen, zusammen realisieren und zusammen wachsen!“, was der Regionalmanager Maurizio Michael schön im Praxisblatt der Neuen Regionalpolitik der Schweiz auf den Punkt gebracht hat. Netzwerke eröffnen Regionen neue Möglichkeiten, um Akteure zu beteiligen, Innovationen zu entwickeln und regionale Wertschöpfungsketten zu schaffen.

Das Denken und Handeln in Netzwerken kennzeichnet jedoch einen neuen Ansatz: Nicht mehr einzelne Akteure und Projekte stehen im Vordergrund, sondern das Beziehungsgefüge der Akteure und damit die Region als Ganzes.

„Die Wissenschaft nennt das Synergie. Und ich glaube: Auf das kommt´s an!“, erklärt Dr. Thomas Röbke vom Landesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement in Bayern. „Man sollte nicht auf die Ordnungen schauen, man soll nicht auf die Partner unbedingt schauen, sondern auf das, was die Partner miteinander tun: Welche Beziehungen sie miteinander eingehen, welche Energie sie gegenseitig freisetzen“ (Video auf www.engagiertestadt.de, ein neues Programm zur Förderung des Bürgerengagements).

Sich gegenseitig nützlich sein und zusammenwirken funktioniert meistens nicht von alleine. Netzwerke brauchen jemanden, der sich um sie kümmert. Einen Moderator, Coach oder fachlichen Inspirator – aber keinen, der sagt, wo es langgeht: Denn in Netzwerken verläuft die Hierarchie nicht mehr von oben nach unten, sondern wird flach.

Augenhöhe statt Unterordnung lautet das Prinzip, das zur Zeit auch viele deutsche Unternehmen bewegt und das klassische Management grundlegend infrage stellt: „Wer braucht eigentlich noch einen Chef?“.

Der kürzlich verstorbene Netzwerkforscher Prof. Peter Kruse hat 2014 dazu eine Studie für das Forum Gute Führung erstellt. Die Ergebnisse der 400 Interviews mit Führungskräften aus Unternehmen unterschiedlicher Branchen und Größen sind erstaunlich: „Hierarchisch dominierte Vorausplanungen werden mehrheitlich abgelehnt. Die Zeit des Vordenkens und Anweisens ist vorbei. Die klassische Linienhierarchie wurde zum Auslaufmodell erklärt. Die Führungskräfte prognostizieren sich selbst organisierende Netzwerke und deren kollektive Intelligenz als Organisationsform der Zukunft.“

Damit Netzwerke funktionieren und sich selbst organisieren können, brauchen sie einen klar definierten Zweck. Außerdem klare Rahmenbedingungen bzw. Regeln, damit alle Nutzwerker wissen, welchen echten Mehrwert sie erwarten können und was von ihnen erwartet wird. Ein weiterer Erfolgsfaktor ist gute Kommunikation bzw. eine gute Gestaltung der Kommunikationsbeziehungen, um die Menschen zusammen zu bringen und das Geben und Nehmen möglich zu machen. Das persönliche Gespräch, echte Begegnungen und Diskussionen bleiben dafür unerlässlich, aber die digitale, intelligente Vernetzung (Regionalentwicklung 2.0) wird zunehmend wichtiger. Es muss jedoch nicht immer Facebook sein. Hier einige Tipps zu Ausprobieren:

Blog
Um für Transparenz zu sorgen und über das Netzwerk zu berichten, bieten sich Blogs an. Sie sind einfach zu führen und können von überall aktualisiert werden. Alles (Texte, Bilder, Video- und Audiodateien) kann eingefügt werden, was auch auf einer statischen Webseite möglich ist. Durch die Kommentarfunktion können Blogs zusätzlich als Kommunikationsmöglichkeit genutzt werden. Weil heutzutage Funktionalität und Einfachheit wichtiger sind als das Design, können fertige Content-Management-Systeme genutzt werden. Wer bei WordPress.com eine kostenlose Webseite einrichtet, kann sofort loslegen. Alternativ gibt es eine kostenlose, freie WordPress-Version auch bei WordPress.org, was jedoch aufwendiger ist, weil man sich um den Kauf einer Domain mit Webspace und Datenbank kümmern muss.

Newsletter
Die E-Mail wird meist stiefmütterlich behandelt. Doch weil eigentlich jeder eine E-Mail-Adresse hat, kann man damit alle Netzwerker erreichen, zu Veranstaltungen einladen und regelmäßig auf dem Laufenden halten. Bessere E-Mails gelingen mit Newsletter-Systemen, bei denen unterschiedliche Gruppen angelegt und dann separat angeschrieben werden können. Über ein Anmeldeformular können zusätzlich neue Interessenten gewonnen werden. Bei MailChimp sind pro Monat 12.000 E-Mails an 2.000 Abonnenten kostenfrei. Alternative: CleverReach

Terminfindung
Auch Termine lassen sich miteinander abstimmen. Das bekannteste Tool ist Doodle. Der Einlader trägt verschiedene Terminoptionen ein und verschickt per Mail einen Link an alle Teilnehmer. Am Schluss steht der Termin mit den meisten Teilnehmenden fest.

Dokumentation
Für die Verwaltung von Dokumenten bieten sich File-Sharing-Dienste an, auf die alle Netzwerk-Mitglieder zu jedem Zeitpunkt zugreifen können. Wichtig ist dabei, Standards der Dokumentation zu vereinbaren, z.B. Dateiformate, Dateibennungen, Ordnerstrukturen und Freigabehierarchien. Dropbox, Google Drive oder TeamDrive

Dokumentenmanagement
Um zusammen Dokumente zu erarbeiten oder Rückmeldungen einzuarbeiten, ist es nicht mehr notwendig, die unterschiedlichen Versionen per E-Mail hin- und herzuschicken. Mit Systemen für das Dokumentenmangement können mehrere Personen zeitgleich an einem Dokument arbeiten und so das Dokument korrigieren und ergänzen. Alle Überarbeitungsschritte bleiben sichtbar. Google Docs oder Etherpad

Arbeitsorganisation
Auch das dezentrale Arbeiten an Projekten ist für Netzwerkmitglieder praktisch. Inzwischen gibt es eine Vielzahl an Projektmanagementplattformen. Gemeinsam kann festgehalten werden, welche Aufgaben anstehen, bis wann und von wem sie zu erledigen sind oder welchen Status der Bearbeitung sie haben. Trello, Basecamp oder neu: Agantty

Umfragen
Um Anregungen und Ideen für gemeinsame Projekte zu gewinnen, können Umfragen hilfreich sein. Bei tricider können alle ihr Ideen eintragen, aber auch die Ideen von anderen bewerten und kommentieren, sodass am Ende ein komplexes Stimmungsbild entsteht. Detaillierte Fragebögen, die man auch zur Evaluierung von Netzwerkprozessen und -erfolgen nutzen kann, können bei Polldaddy oder SurveyMonkey online erstellt, abgefragt und ausgewertet werden.


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Die neuen Vereine

Der Verein ist die wichtigste Organisationsform des bürgerschaftlichen Engagements. Nach Erhebungen des Freiwilligensurveys finden insgesamt 46 Prozent aller freiwilligen Tätigkeiten in Vereinen statt. Erst mit weitem Abstand folgen Kirchen und religiöse Gemeinschaften, Gruppen und Initiativen, die keine formelle Rechtsform aufweisen, staatliche oder kommunale Einrichtungen sowie Verbände, Parteien, Gewerkschaften und Stiftungen.

Aktuell gibt es in Deutschland etwa 600.000 Vereine. Die meisten sind rein ehrenamtlich organisiert und vor Ort aktiv, wie die ZiviZ-Survey, eine aktuelle Studie zum Projekt Zivilgesellschaft in Zahlen  herausgefunden hat. Und die Zahl der Vereine wächst ständig: Seit der Wiedervereinigung hat sie sich in etwa verdoppelt, seit 1960 versiebenfacht. Allein zwischen 2001 und 2012 wurden 35.000 neue Vereine gegründet.

Doch gerade die neueren Vereine verstehen sich eher als Dienstleister und haben nichts mehr mit dröger Traditionspflege zu tun, hat Alina Mahnken von der Bertelsmann Stiftung beobachtet: Vom Stammtisch grauer Herren zur coolen Bewegung bezeichnet sie diese Entwicklung. Denn viele wollen etwas bewegen und richten ihre Aktivitäten verstärkt nach außen: Studenten mobilisieren ihre Kollegen an der Uni für Knochenmarkspenden. Andere gestalten Aufklärungskampagnen gegen Tabakkonsum. Aktive Senioren unterstützen junge Menschen beim Finden eines Ausbildungsplatzes. Kinder lernen in einem umgebauten Doppeldeckerbus alles über gesundes Essen.

Diese gesellschaftlichen Veränderungen schlagen sich auch in der Vereinsarbeit im ländlichen Raum nieder:

„War es früher noch eine Pflicht und Ehre, eine Vorstandsposition zu übernehmen, so spielen diese Werte heute keine so große Rolle mehr. Die Menschen überlegen sehr genau, was sie zu leisten bereit sind, was ihre privaten und persönlichen Bedürfnisse sind, und ob dies mit solchen ehrenamtlichen Funktionen vereinbar ist. Insofern ist auch auf dem Land feststellbar, was sich im städtischen Bereich schon länger beobachten lässt: Die Menschen sind nicht mehr ihr ganzes Leben einem Verein treu, ihre Freizeit gestalten sie flexibel. Gleichwohl sind die Bindungskräfte im Dorf immer noch ein wichtiger Grund dafür, sich im örtlichen Verein zu engagieren.

Die Vereine dürfen jedoch nicht nur auf diese Karte setzen. Sie dürfen nicht glauben, dass jeder, der am Ort wohnt, auch aktiv ins Vereinsleben einsteigt oder die Mitwirkung über familiäre Traditionen vererbt wird. Wenn Vereine neue Wege beschreiten und dabei auch von öffentlicher Seite die bestmögliche Unterstützung in Form von Beratung, Fortbildung und Begleitung bekämen, wäre schon viel gewonnen“, sagt Walter Dreßbach, der Leiter der Ehrenamtsagentur des Main-Kinzig-Kreises und Erfinder der Ehrenamtssuchmaschine des Landes Hessen in der kürzlich erschienenen Handreichung für Vereinsvorstände Perspektiven entwicklen – Veränderungen gestalten der Stiftung Mitarbeit auf Seite 143.

Wenn Vereine neue Wege in der Vereinskultur gehen wollen, können Freiwilligenagenturen, Mehrgenerationenhäuser, Seniorenbüros und Stabstellen der Kommunen oder Kreise wertvolle Unterstützung geben. Mittlerweile gibt es auch eine Vielzahl an Publikationen zu diesem Thema. Die oben zitierte Handreichung enthält nützliche Anregungen, wie man Nachfolger findet oder die wachsende Aufgabenfülle beim Vorstand in den Griff kriegt. Außerdem vier Checklisten im Anhang, mit denen sich ein Verein hinsichtlich der Aktualität seiner Botschaften, seinem Selbstverständnis und seiner Leistungen für Mitglieder und Außenstehende selber befragen kann.

Zukunftspotential steckt auch in einer aktiven Öffnung für Jugendliche, Frauen, Migranten oder Menschen aus anderen Milieus. Mehr Wirkung können neue Kooperationen und Partnerschaften mit anderen Vereinen, der Kommune, Schulen, gemeinnützigen Organisationen oder Unternehmen (Marktplatz Gute Geschäfte) bringen. Heutzutage ist auch der strategische Einsatz von Internet, Social Media und anderen digitalen Werkzeugen wichtig, um die Arbeitsorganisation zu erleichtern, die Kommunikation und die Beziehungen zu pflegen und neue Teammitglieder zu gewinnen.


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Das intelligente Netz

Bei der Stromerzeugung denkt man meist an die großen Konzerne. Doch bei der umweltfreundlichen Stromproduktion ist das falsch. Denn fast jede zweite Kilowattstunde Ökostrom kommt aus Anlagen, die Bürgern gehören. Das hat die Studie Definition und Marktanalyse von Bürgerenergie in Deutschland für das Jahr 2012 ermittelt. Damit sind Photovoltaik-, Wind- und Biogasanlagen von Privatpersonen, Land- und Forstwirten (Einzel- und Personenunternehmen plus kleinere Kapitalgesellschaften wie z.B. Agrargenossenschaften) und Energiegenossenschaften (mindestes 50 Prozent der Stimmrechte halten Bürger, die in der Region ansässig sind) gemeint, sowie im weiteren Sinne Bürgerbeteiligungen an Betreibergesellschaften von Erneuerbare-Energien-Anlagen (überregionale Investitionen und Minderheitsbeteiligungen von Bürgern). Im selben Jahr kam die Bürgerenergie auf insgesamt 56.129 Gigawattstunden. Das ist viermal mehr als der Beitrag der Energieversorger und immerhin über 10 Prozent des gesamten Stromverbrauchs in Deutschland.

Weil nun der Strom durch eine Vielzahl von Energieproduzenten dezentral eingespeist wird, müssen die konventionellen Stromnetze umgebaut werden. Den Paradigmenwechsel, der durch das neue Ökostrom-Zeitalter entsteht, erklärt Prof. Helmuth Biechl von der Hochschule Kempten:

„Das Konzept war Großkraftwerke und dann über verschiedene Spannungsebenen die Energie bis zum Endverbraucher leiten. Durch den hohen Anteil an regenerativer Energie wird sich das Spiel umdrehen. Dann gibt es nicht nur Verbraucher, sondern sogenannte Prosumer: Das sind Verbraucher, die gleichzeitig Erzeuger sind. Viele haben die Photovoltaikanlage auf ihrem Dach und erzeugen jetzt unter Umständen mehr als sie selbst brauchen. Dadurch wird der Energiefluss in die umgekehrte Richtung gehen und es gibt plötzlich Probleme mit der Spannung. Und die Frage nach den Dienstleistungen, den Spannungs- und Frequenzregelungen taucht auf: Wer macht das eigentlich, wenn die Großkraftwerke nicht da sind?“ (sinngemäß zitiert nach Allgäu TV)

Wie das in Zukunft gemacht werden kann, testet der Professor zusammen mit der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen und der Siemens AG im „Dorf der Stromverrückten“ im Oberallgäu. So wird die selbstständige Gemeinde Wilpoldsried (2.512 Einwohner) liebevoll genannt, wo Bürgermeister Arno Zengerle bereits 1996 die Energiewende ausrief und mittlerweile mehr als das Fünffache des Eigenbedarfs an Strom mit regenerativen Energien erzeugt wird. Für das 2014 gestartete Folgeprojekt Integration Regenerativer Energie und Elektromobilität (IREN2) wurde ein intelligentes Stromnetz aufgebaut, der Techniker spricht dabei von einem „Smart Grid“: 200 kleine schwarze Kästen wurden dazu über das Dorf verteilt. Permanent funken diese „Smart Meter“ Erzeugungs- und Verbrauchsdaten an die Zentrale der Allgäuer Überlandwerke in Kempten, damit der Strom immer genau dort verfügbar gemacht wird, wo er gebraucht wird. Wenn Wind und Sonne mehr Strom liefern, werden die Batterien von 32 Elektroautos nachgeladen und entlasten so das Netz. Zusätzlich senkt der neu installierte Ortsnetztrafo die überhöhte Spannung ab und ein Lithium-Ionen-Speicher bewahrt den überschüssigen Solarstrom für die Abendstunden auf.

Das Beispiel Wilpoldsried macht deutlich, dass bei der Entwicklung einer umweltschonenden, zuverlässigen und bezahlbaren Energieversorgung der Informations- und Kommunikationstechnologie eine Schlüsselrolle zukommt. Doch die Vernetzung wird noch weiter geben. Über das Internet der Dinge wird eines Tages alles und jeder miteinander verbunden – das Energienetz verschmilzt dann mit unserem Kommunikationsinternet und dem Transport- und Logistik-Netz zu einem Super-Netz: Der Kühlschrank, der eigenständig Milch und Butter nachkauft. Die Waschmaschine, die genau dann wäscht, wenn der Strom gerade günstig ist. Der Randstein des Bürgersteigs, der mit dem parkplatzsuchenden Auto kommuniziert.

Schon heute leben wir in einer komplexen Welt. Durch die technologische Vernetzung und auch um sich neu zu organisieren, sind neue Formen von Gemeinschaften, Kooperationen und Netzwerke entstanden, die für den ländlichen Raum eine wichtige Rolle spielen. Dazu gehören die neuen Energiegenossenschaften, aber auch Dorftreffs, Dorfläden, Tauschringe, Nachbarschaftsnetze, Mehrgenerationenhäuser, Essbare Gemeinden, Car-Sharing, Coworking-Space, LEADER und die interkommunale Zusammenarbeit. Der US-amerikanische Vordenker Jeremy Rifkin hat in seinem jüngsten Buch „Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft“ den Niedergang des Kapitalismus und den Beginn einer sozialen Gemeinschaft verkündet: Im zukünftigen Internet der Dinge dominiere die Sharing Economy, eine Wirtschaft des Teilens in sogenannten „kollaborativen Commons“: Gemeinschaften, die sich bestimmte Güter gemeinschaftlich teilen, wie zum Beispiel grünen Strom.


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Das kreative Zentrum

Durch die voranschreitende digitale Vernetzung der ländlichen Räume und die steigenden Mieten in den Großstädten ergeben sich Chancen, kreative Menschen anzulocken und ein kreatives Zentrum im Dorf einzurichten.

Zwar hinkt Deutschland beim Breitbandausbau noch hinterher und das Internet tropft in vielen Regionen mit nicht mal zwei Megabit pro Sekunde aus der Leitung. Durch den LTE-Nachfolgestandard 5G könnte sich das aber bald erledigt haben. Seine Einführung ist für 2020 geplant. Bereits diese Woche werden Mobilfunkfrequenzen versteigert, mit denen das schnelle Internet auch in ländlichen Gebieten ausgebaut wird. Später können diese 700-Megahertz-Frequenzen dann vom 5G-Standard genutzt werden.

Die Kultur- und Kreativwirtschaft ist in den letzten Jahren zum Hoffnungsträger für die moderne Stadtplanung geworden. Der britische Stadtforscher Charles Landry und der US-amerikanische Ökonom Richard Florida prägten dafür den Begriff der „Kreativen Klasse“: Männer und Frauen aus kreativen Berufen bestimmen unsere neue Wissensgesellschaft. Ihre Ideen, Inhalte, Konzepte und kreativen Lösungen beeinflussen das wirtschaftliche Wachstum. Daher bemühen sich immer mehr Städte, kreative Talente auszubilden und anzuziehen. Kreativität wird zum Standortfaktor.

„Das Klischee des hornbebrillten Designers, der auf den Straßen Berlins hängt, einen dampfenden Pappbecher in der Hand, einem oder zwei Smartphones am Ohr, unverständliches Halbenglisch faselnd, gehetzt auf dem Weg zum nächsten Thinktank, zeigt in die falsche Richtung“,

betonen hingegen Sylvia Hustedt und Johannes Tomm in ihrem Handbuch zum Modellprojekt Ideenlotsen Metropole Nordwest 2012-2013, einem norddeutschen Kooperationsraum mit Bremen und Teilen Niedersachsens. Denn in der wirklichen Welt findet Kultur- und Kreativwirtschaft auch außerhalb der urbanen Ballungsräume statt –  man muss im ländlichen Raum einfach nur genauer hinsehen.

Gerade auf dem Land benötigen Kultur- und Kreativschaffende Vernetzung und Sichtbarmachung, teilweise auch Unterstützung bei der Schärfung ihres Geschäftsmodells (Unterschied zwischen Auftrags- und Produzentenlogik: Bei der ersten wartetet der Kreativunternehmer auf Anrufe – bei der zweiten erschafft er ein einzigartiges Angebot, macht auf sich aufmerksam und nimmt so seine Arbeit in die eigene Hand).

Anderseits sind Künstler und Kreative ein Image- und Wirtschaftsfaktor. Sie können neue Impulse für Projekte geben, Kultur und Kreativdienstleistungen für die Gemeinden schaffen, alte Gebäude und Scheunen wieder mit Leben füllen und den Tourismus aufwerten. Beispielsweise in der Eifel, wo der Boom der Regionalkrimis für neues Selbstbewusstsein in Deutschlands Krimi-Landschaft Nr. 1 sorgte. Oder im Landkreis Pfaffenhofen an der Ilm, wo aufgrund der Nähe zu München und den dortigen TV-Sendern und Filmstudios ein Filmbüro zur Vermittlung der Locations eingerichtet wird.

Das 2012 in Österreich entstandene Projekt Zukunftsorte hat sich zum Ziel gesetzt, den Austausch zwischen Kreativunternehmen und ländlichen Gemeinden voran zu treiben. Eine der aktuell neun beteiligten innovativen Gemeinden ist Strengberg (1.993 Einwohner) im Mostviertel in Niederösterreich. Im dortigen denkmalgeschützten Gemeindeamt sind im April 2014 in zuvor leer stehenden Räumlichkeiten die PostSudios als erster ländlicher Coworking Space eingerichtet worden. Co-Working ist eine neue Form gemeinschaftlichen Arbeitens, bei der sich Kreative, Freiberufler, Startups und kleine Firmen einen gemeinsamen Arbeitsplatz teilen. Die Vorteile liegen in der Flexibilität, der finanziellen Entlastung und dem produktiven Austausch untereinander. Coworking Spaces haben daher die Funktion eines kreativen Zentrums (kreative Location), das der oben erwähnte Richard Florida ebenso wie Cafés und öffentliche Räume zu den immer wichtiger werdenden „dritten Orten“ zählt – neben dem privaten Raum (erster Ort) und dem Arbeitsort (zweiter Ort). Die Gesamtmiete pro Büroarbeitsplatz beträgt in den PostStudios 190 Euro pro Monat. Sieben feste und zwei temporäre Arbeitsplätze inklusive Multimedia- und Besprechungsraum stehen zur Verfügung.

Nachahmenswert wäre auch das sogenannte Kommunalkonsulat, das die österreichischen Zukunftsorte im Juni 2014 als ständige Vertretung in der Bundeshauptstadt Wien eingerichtet haben. Das Kommunalkonsulat fungiert als Austausch- und Vernetzungsstelle, gibt Impulse für zukunftsfähige Gemeindeentwicklung und hält Kontakt zu „Ausheimischen“, die für Ausbildung oder Beruf nach Wien gezogen sind.


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Das Landrad

Radfahren liegt voll im Trend und der alte Drahtesel entwickelt sich immer mehr zum stylischen Statussymbol.

Großes Potential für die nachhaltige Mobilität haben die Elektro-Räder, sogenannte Pedelecs bis maximal 25 km/h – ganz besonders auf dem Land, wo die Abhängigkeit vom Auto groß ist und die öffentlichen Verkehrsverbindungen an ihre Grenzen stoßen.

In Deutschland sind mehr als 1,5 Millionen Pedelecs unterwegs (Zweirad-Industrie-Verband 2014), Tendenz weiter stark steigend. Dank komfortabler Motorunterstützung lassen sich natürliche Hindernisse wie Höhenunterschiede oder Gegenwind leichter bewältigen. Viele Urlauber und Freizeitradler entdecken so nicht nur flache oder leicht hügelige Landschaften, etwa in der Nähe von Flüssen, Seen und entlang alter Bahntrassen, sondern auch die Mittel- und Hochgebirge. Der E-Bike-Tourismus boomt.

Zudem sind Pedelecs als Pendlerfahrzeug interessant, weil man nicht verschwitzt im Job ankommt und sie können helfen, die Alltagsmobilität auf dem Land deutlich zu verbessern. Das hat ein Projekt im österreichischen Vorarlberg mit dem schönen Titel LANDRAD (auch in Abgrenzung zur bereits bekannten touristischen und Freizeitnutzung der Pedelecs) bereits 2010 mit 500 Testpersonen herausgefunden. 35 Prozent der Autofahrten konnten durch das Landrad ersetzt werden. Dabei wurden die E-Fahrräder vor allem für kürzere Strecken bis zu zehn Kilometern genutzt, etwa für Ausbildungs- und Arbeitswege, zum Einkaufen oder für sonstige Erledigungen.

Erkennbar wird auch ein aktueller Mobilitätswandel, der durch vielfältige Lebenstile (Individualisierung) und die Digitalisierung (im mobilen Internet Wege und Verkehrsmittel planen und vergleichen) geprägt ist: Das jeweils passende Verkehrsmittel wird pragmatisch gewählt und das Auto ist kein Statussymbol mehr. Neue Möglichkeiten und andere Prioritäten rücken in den Vordergrund.

Kluge Verkehrssysteme sind deshalb intelligent kombiniert und flexibel. Sie splitten die Linien und machen sie „intermodal“, was Prof. Udo Onnen-Weber von Hochschule Wismar anhand seines Forschungsprojektes INMOD – elektromobil auf dem Land wie folgt erklärte (auf elektromobilitätonline.de):

„Die sogenannte erste Meile kann ein Fahrrad oder – wie bei inmod – ein Elektrofahrrad sein, der Bus fährt nur auf den Hauptstraßen die kürzeste Strecke von Start zu Ziel und die letzte Meile ist dann wieder ein niedrigschwelliges Verkehrsmittel – in den Städten kann das ein Fahrradverleihsystem sein, auf dem Lande – wie bei inmod – wieder ein Elektrofahrrad“.

Inmod wurde 2012 bis 2014 in vier ländlichen Teilen Mecklenburg-Vorpommerns getestet. Die Strecken wurden so eingerichtet, dass die Fahrgäste höchstens zehn Minuten mit dem Elektrofahrrad zurücklegen müssen, um eine Haltestelle der Expressbuslinien (Elektro- bzw. Hybridbusse) zu erreichen. 370 Elektrofahrräder kommen zum Einsatz, die in speziellen Radboxen mit Ladestation in den Wohngebieten bereitstehen. Der Feldversuch endete Ende 2014. Von den drei Buslinien fahren jetzt noch zwei, allerdings eingeschränkt bzw. mit verringerter Taktung.


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