Das Bürgerbudget

Am 16. Oktober 2017 war es in Wuppertal soweit. Die Gewinnerideen des mit 150.000 Euro dotierten Bürgerbudgets standen fest! Gewonnen haben sechs Projektideen, die nun in den Haushaltsplan der größten Stadt im Bergischen Land in NRW eingehen und in den kommenden zwei Jahren umgesetzt werden sollen. Darunter ein Spielplatz, ein Urban-Gardening-Großprojekt, eine autofreie Straße und eine Taschengeldbörse, die den Kontakt zwischen Jugendlichen, die ihr Taschengeld aufbessern möchten, und Senioren herstellt, die sich Unterstützung bei einfachen, ungefährlichen, haushaltsnahen Tätigkeiten wünschen.

Das Besondere bei solch einem Bürgerbudget ist, dass die Bürgerinnen und Bürger nicht nur Ideen entwickeln und vorschlagen dürfen, sondern auch darüber abstimmen, für welche Projekte der vorher festgelegte und garantierte Betrag tatsächlich verwendet wird („echtes Geld, echte Projekte, echte Macht“). Diese direktdemokratische Form der Beteiligung durch Entscheid über die Haushaltsprioritäten einer Stadt oder eines Stadtteils geht auf das Modell des „orçamento participativo“, auf deutsch Bürgerhaushalt oder auf englisch „participatory budgeting“ (abgekürzt PB) zurück. Das wurde zum ersten Mal in Porto Alegre (bekannt auch durch das Weltsozialforum) eingesetzt, als 1988 der Partido dos Trabalhadores (auf deutsch „Partei der Arbeiter“) den Sieg bei den Gemeindewahlen errang und mit Olívio Dutra den Bürgermeister stellte. Transparenz und Beteiligung sollten dabei helfen, die finanziellen Mittel der Kommune effizienter zu verwenden und die Korruption zu bekämpfen. Und vor allem sollten die Favelas davon profitieren.

Von der brasilianischen Millionenstadt aus hat sich die Idee der Bürgerhaushalte inzwischen rund um den Globus verbreitet (Studie Bürgerhaushalte weltweit). Für Deutschland weist der zuletzt vorgelegte 8. Statusbericht für 2015 insgesamt 71 Kommunen mit einem Bürgerhaushalt aus. Allerdings dominiert bei uns die vorschlagsbasierte Variante, die den Bürgern keine direkten Entscheidungsbefugnisse zubilligt. Kritiker wie z.B. Dr. Kai Masser bemängeln zudem, dass eine breite Beteiligung am Verfahren meistens nicht gelingt und Männer im fortgeschrittenen Alter mit überdurchschnittlicher Bildung und höherem Einkommen stark überrepräsentiert sind. Teilweise wurde das Verfahren auch zur Haushaltskonsolidierung „umfunktioniert“ (Bürgerbeteiligung und Bürgerhaushalte einfach nebensächlich?).

Daher spricht sich Prof. Roland Roth in seinem Beitrag Das demokratische Potential von Bürgerhaushalten für einen Neustart aus und hebt auf Seite 8 die Chancen von Budgets und Fonds insbesondere für ländliche Räume hervor:

„Budgets und Fonds können gerade in strukturschwachen ländlichen Räumen zu einem wirksamen demokratischen Mittel werden, Zukunftsperspektiven mit und durch die Einwohnerschaft zu entwickeln. Wichtige Voraussetzungen sind zum einen ihre lokal angepasste Ausgestaltung und Umsetzung. Zum anderen müssen sie sich als Beteiligungsverfahren daran messen lassen, wie weit sie selbst den demokratischen Ansprüchen von Transparenz, partizipativen Entscheidungsprozessen und öffentlicher Verantwortung genügen.“

Eine besondere Chance sieht Prof. Roth für ehemals selbständige Ortsteile von Großgemeinden, Gemeindeverbänden und Samtgemeinden. Mit lokalen Budgets oder Fonds kann ein Element ortsnaher Demokratie erhalten und partiell wiedergewonnen werden (Seite 6), ist er der Überzeugung.

Möglich ist auch eine Ausweitung auf die regionale Ebene, wie das Beispiele aus Peru und Indien sowie Frankreich, Spanien und Italien bereits vormachen (ebenfalls Studie Bürgerhaushalte weltweit, Seiten 35, 63, 75). Und unter dem Aspekt der alternativen Finanzierung von Projekten weist das Bürgerbudget Ähnlichkeiten zum Crowdfunding auf.

Typisch für den Ablauf von Bürgerbudets sind drei Phasen: So konnten in Wuppertal, um bei unserem Anfangsbeispiel zu bleiben, zunächst vom 3. bis 24. Mai 2017 Projektideen online eingereicht und bis zum 31. Mai bewertet werden (Phase 1). Insgesamt waren das 267 Vorschläge. Die 100 meistbewerteten davon (TOP 100) wurden dann am 7. Juni in einer Bürgerwerkstatt vorgestellt (Phase 2), wo 170 Bürgerinnen und Bürger mitmachten und prüfen konnten, welche Projekte den größten Mehrwert für die Stadt haben (Gemeinwohlcheck). Übrig blieben so 30 Projektideen (TOP 30), die im Anschluss von der Verwaltung auf Umsetzbarkeit überprüft wurden. Die Schlussabstimmung (Phase 3) erfolgte dann auf einer Wahlparty am 14. September und war online bis 5. Oktober möglich. An der Abstimmung haben sich 1.627 Wählerinnen und Wähler beteiligt.

Das Bürgerbudget Wuppertal ist eines von vier Pilotprojekten (mit Mailand, Lissabon und Říčany in Tschechien) innerhalb des EU-Projektes EMPATIA. und wurde von Zebralog, einer Agentur für crossmediale Bürgerbeteiligung, als Projektpartner begleitet. Weitere Anregungen bietet die Kreisstadt Eberswalde im Nordosten von Brandenburg, wo das Verfahren einfach und gut erklärt ist und bereits zum siebten Mal durchgeführt wird.


Foto von zebralog

Die Achtundsechziger

Die Rentner von heute sollte man auf keinen Fall unterschätzen. Denn Vorsicht: Es könnten Revolutionäre sein!

Vielleicht gehörten sie zu den Jugendlichen, die vor 50 Jahren auf die Straße gegangen sind, um mit Allem aufzuräumen: Mit autoritären Strukturen, mit rigider Sexualmoral, mit Geschlechterungerechtigkeit, mit der Unterdrückung von Minderheiten und mit der globalen Ungerechtigkeit des Kapitalismus. Sie protestierten gegen den Krieg in Vietnam und gegen die Nazis. Die jetzt Siebzig- bis Achtzigjährigen, das ist die Generation der 68er: „Es lebe die Revolution!“

Meist wird die 68er-Bewegung mit West-Berlin oder Frankfurt am Main in Verbindung gebracht. Doch was geschah in dieser Zeit in der Provinz?

Die Ausformungen der Bewegung in der Region Lippe zeigt eine außergewöhnliche Ausstellung im Ziegeleimuseum in der Stadt Lage (35.099 Einwohner) am Rande des Teutoburger Waldes, die noch bis Ende September diesen Jahres läuft. Um den konservativen Ritualen und Festen der Dorfgemeinschaften zu entfliehen, suchten die jungen Menschen dort nach neuen Freizeit- und Gestaltungsmöglichkeiten. Sie trafen sich in Szenekneipen und Jugendzentren, wo Bands aus der Region aktuelle Songs coverten oder eigene Kompositionen spielten. Manche lebten in alternativen Wohngemeinschaften, häufig in alten Kotten auf dem Land, also „Land-Kommunen“, und bauten selbst Gemüse an. Andere gründeten linke Buchläden und erste Bioläden. Gezeigt werden unter anderem Videos, Fotografien und Plakate sowie Objekte aus dem Umfeld der damaligen Akteure – vom Rucksack eines Indienreisenden bis hin zur Sendeanlage eines illegalen Musiksenders.

„Die Provinz war Laboratorium und Werkstatt. Hier wurde ausprobiert, was man mit den neuen Ideen, die da kamen, machen kann,“ erklärt der Historiker und pensionierte Lehrer Hans-Gerd Schmidt in seinem umfangreichen Buch Die 68er-Bewegung in der Provinz: Vom Rock’n‘ Roll und Beat bis zur Gründung der Grünen in Lippe, das auch die Grundlage für die Ausstellung in Lage bildet.

Um detaillierte Einblicke in die lippische Protestgeschichte zu erhalten, führte der Autor u.a. 190 Zeitzeugen-Interviews. Vielleicht eine schöne Anregung, mal in der eigenen Region ein bißchen den rebellischen Spuren nachzuforschen …

Und was bleibt heute noch von dieser Zeit? Vor allem der Wunsch nach Veränderung und die grundsätzliche Frage „Wie wollen wir eigentlich leben?“, hat der Soziologie Prof. Heinz Bude in seinem aktuellen Buch Adorno für Ruinenkinder bilanziert. Heute zwingt uns (eigentlich) der Klimawandel, unseren Lebensstil zu überdenken, von dem die 68er freilich noch gar nichts wussten.

Zum Erbe der 68er zählt auch die Bürgerbeteiligung, die aus den Emanzipationsbemühungen dieser Generation gegenüber allen Autoritäten entstand und sich zunächst in Bürgerinitiativen formierte. Deren Ziel war es, eine außerparlamentarische Opposition (APO) zu organisieren und Gesellschaft von unten zu formieren, hat der Planungstheoretiker Prof. Dietrich Fürst in seinem Beitrag für die Jahrestagung Partizipation als Planungsstrategie? in Oldenburg 2015 ausgeführt. Die Forderung nach (mehr) Partizipation hat heutzutage durch planerische Großprojekte wie z.B. Stuttgart 21, Tempelhofer Feld und Stromtrassen und die Grenzen der angewandten staatlichen Steuerungsinstrumente wieder eine Aktualität bekommen.


Foto Ludwig Binder Haus der Geschichte Studentenrevolte 1968 2001 03 0275.4229 (16463730094) von Stiftung Haus der Geschichte (2001_03_0275.4229) (CC BY-SA 2.0), via Wikimedia Commons

Das gute Brot

Richtiges Brot ist typisch deutsch und die regionale Vielfalt ist historisch gewachsen. Im Norden und Westen isst man mehr Roggen-, im Süden mehr Weizen- und Dinkelbrot. 2014 schaffte es die Tradition des Brotbackens sogar auf die bundesweite UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes.

Doch bereits der Antrag auf den (Welt-)Kulturerbestatus erschien dem Brot-Blogger und Autor mehrerer Standardwerke zum Brotbacken Lutz Geißler „entweder wie ein Satirestück oder wie ein flehender Hilferuf, den letzten Rest der Brotkultur vor seinem Untergang zu schützen“ (Greenpeace Magazin 6/2014). „Backt euer Brot selber“, empfiehlt er im MDR Fernsehen 2017 statt dessen allen, die auf der Suche nach gutem Brot sind oder sich das handwerkliche Wissen und Können aneignen möchten, um sich gesünder und bewusster zu ernähren. Besonders in ländlichen Regionen erlebt der Trend zum Selbermachen (vgl. Marmelade kochen, Kuchen backen, wursten, räuchern, imkern, Sauerkraut stampfen, Bier brauen, Schnaps brennen etc.) eine Renaissance: Backöfen werden hergerichtet, Brotbackkurse abgehalten, Brotrezepte ausgetauscht usw.

Denn anders als in Frankreich, wo drei Viertel aller Baguettes noch von 34.000 handwerklichen Bäckereien (boulangeries artisanales) stammen und das „baguette de tradition française“ seit 1993 gesetzlich geschützt ist, nur Mehl, Wasser, Salz und Hefe drin sein darf und es vor Ort gebacken werden muss, wie der Journalist Walter Mayer in seiner aktuellen Liebeserklärung an das Brot aufzeigt, gibt es 2016 laut Deutschem Bäckerhandwerk nur noch 11.737 Handwerksbäckereien, zehn Jahre vorher waren es deutschlandweit noch 16.280. Viele kleine Traditionsbetriebe haben in den letzten Jahren aufgegeben, weil Brot überall im Discounter, im Backshop, in den Bahnhöfen oder an der Tankstelle zu haben ist, wo zwar mit Frische, Handwerk und Leidenschaft geworben, aber gar nicht mehr selber gebacken wird, sondern nur tiefgefrorene Teiglinge aufgebacken werden („Bräunungsstudios“). Andere Bäcker hingegen glauben, kaum mehr anders zu können, als zu Backmitteln und -mischungen aus dem Labor zu greifen, um tagtäglich eine scheinbare Angebotsvielfalt auslegen zu können, wie das Wochenmagazin Stern 2017 das Märchen vom deutschen Brot aufgedeckt hat. Aber damit werden sie mit dem Discounter vergleichbar, weil sie dann eine ähnliche Qualität backen.

„Das Industriebrot ist nicht generell schlecht, man fällt nicht um, wenn man das isst und es schmeckt teilweise auch, wobei ich schon eine gewisse Leere in dem Brot empfinde, wenn ich es esse. Das unterscheidet sich mittlerweile für mich doch sehr stark vom handwerklich gemachten Brot“, hat der oben zitierte Mayer am 8.12.2017 in der Radiosendung Neugier genügt im WDR 5 versucht, die Unterschiede deutlich zu machen: „Ich persönlich denke, man schmeckt, ob ein Brot aus anonymen Mehl aufbereitet wird, das behandelt wurde, damit es durch die riesigen Maschinen flutschen kann, oder ob es von einem Bäcker stammt, der möglicherweise das Feld und den Bauern kennt, von dem er das Mehl bezieht, den Müller kennt, seinen eigenen Sauerteig zieht, es mit seinen eigenen Händen knetet, es ruhen lässt.“

Zum Glück gibt es längst wieder eine Rückbesinnung auf Tradition, einen Gegentrend zum alten, echten Handwerk, den auch Mayer bei der Recherche für sein Buch festgestellt hat: Gutes Brot ist zur Zeit gefragt wie lange nicht mehr und vielleicht gab es auch noch nie so viel gutes Brot wie heute.

Einer, der noch von Hand bäckt, ist der Brot-Pionier Arnd Erbel, der in zwölfter Generation den 1680 gegründeten Familienbetrieb in Dachsbach (1.705 Einwohner) im mittelfränkischen Aischtal führt. Als „Freibäcker“ (der Begriff geht eigentlich auf jene wenigen Bäcker im Mittelalter zurück, die in manchen Städten eine Art Alternative zu den übermächtigen Zunftbäckern sein konnten) ist er hochgradig unabhängig, denn er bäckt ohne Backmittel und Backmischungen mit den immer gleichen Eigenschaften. Dafür kauft er sein Getreide direkt beim Biobauern Karl Brehm aus Lonnerstadt (1.998 Einwohner), mahlt es selbst oder lässt vom Müller Michael Litz in Germsdorf (1.619 Einwohner) mahlen. Jedes Feld, jede Ernte ergibt ein anderes Mehl mit unterschiedlichen Backeigenschaften (Terroir-Mehl) und Erbel freut sich schon, was die neue Ernte wohl bringt. Nur seinem Sauerteig ist er gewillt, sich unterzuordnen, weil er den für den Vorteig braucht. Erbel beliefert auch die Spitzengastronomie und ist mit seiner Kreativität ein gutes Beispiel dafür, dass Tradition nicht Stillstand bedeutet. Zum Sechs-Gänge-Menu passt zum Beispiel ein Einkorn- oder Hartweizenbrot mit milderen Aromen als das gewürzte Bauernbrot.

Ein interessantes Konzept verfolgt der Betriebswirtschaftler Sebastian Däuwel, der sich als Quereinsteiger in den Kopf gesetzt hat, richtig gutes Brot zu backen, aber auf Nachtarbeit keine Lust hatte – schließlich würden die Leute ja auch erst nachmittags ihr Brot kaufen, ist er überzeugt. In seiner Bäckerei Die Brotpuristen in Speyer (49.930 Einwohner) am Oberrhein gibt es von Dienstag bis Freitag nur drei Sorten Brot, wobei die Auswahl variiert und der Laden nur von 15:30 Uhr bis 18:00 Uhr geöffnet hat. Wer sicher gehen will, das pure Brot auch wirklich zu bekommen, sollte im Online-Shop reservieren, verschickt wird jedoch (leider) nicht.

Neben der Produktion ist es auch wichtig, über die Entstehung guten Brotes zu informieren und darüber zu kommunizieren. 2017 hat die Bäckerei Wiesender in der Kreisstadt Pfaffenhofen an der Ilm (25.226 Einwohner) in Oberbayern eine Schaubäckerei mit integriertem Themenweg „Weg der Nahrung – vom Korn zum Brot“ eröffnet. Angefangen von den Getreidesorten gelangt man über den Sauerteig-Raum bis ins Obergeschoss, wo die verschiedenen Brotsorten erklärt werden und Panoramafenster einen Blick in die moderne Backstube gewähren. Zusätzlich werden Führungen und Veranstaltungen durch das gesamte „Backerlebnishaus“ angeboten.

Zum Schluß wollen wir noch auf die 22 Allgäuer Bäcker hinweisen, die in einem intensiven Entwicklungsprozess gemeinsame Qualitätskriterien aufgestellt und sich nun 2017 zu einem Verein zusammengeschlossen haben, um die handwerkliche Tradition im Allgäu für künftige Generationen zu erhalten. Denn schließlich ist Brot Heimat und kann ein Gefühl von Identität vermitteln.


Foto von Andreas Riedel

Die Happy Locals

Einfach nix los hier. Die Jugendlichen hängen nur rum. Muss nicht sein, finden Dimitri Hegemann und Annette Katharina Ochs. Die beiden Kulturmanager haben 2016 eine kleine Denkschrift darüber verfasst, wie man junge Menschen animieren kann, ihr Potential zu entdecken und auch abseits der großen und angesagten Städte glücklich und zufrieden zu werden.

Doch anders als vielleicht gedacht muss man als Gemeinde für Happy Locals eigentlich gar nicht viel tun. Nur seine aktiven jungen Wilden wirklich ernst nehmen und ihnen einen Raum geben, mit dem sie etwas anfangen können. Am besten einen Leerstand im Besitz der Gemeinde wie zum Beispiel eine ungenutzte Scheune, ein leeres Ladenlokal oder eine Ruine, raten die Autoren, die sich auch als „Brückenbauer“ verstehen:

„Wir versuchen, zusammen mit den jungen Leuten, Räume zu finden, in denen sie sich austoben können. Es wird total verkannt, welches Potenzial in den jungen Leuten steckt, die eigentlich eine Stadt vor der Verödung retten können. Man muss auch mal was zulassen. Gib der Jugend Raum und Zeit, dann wird das auch was werden. Es geht nicht nur ums Feiern. Die jungen Leute sollen Start ups gründen, Agenturen ins Leben rufen, Nischen finden. Wir brauchen kleine Orte, wo Reibung stattfindet, Orte, die nicht so elitär und bezahlbar sind. Die können zu Leuchttürmen in einer Gemeinde werden. Und es geht darum, die Abwanderung der jungen Intelligenz zu stoppen. Wenn die nämlich kein „Ja“ hören seitens der Bürgermeister/Verwaltung einer Stadt und keinen Raum finden zum Experimentieren, dann gehen sie. Und die Stadt verliert wieder einen Querdenker,“

hat Hegemann am 2. Oktober 2016 im Interview mit dem originellen Titel Techno-Papst rettet die Provinz auf derwesten.de erklärt.

„Techno-Papst“, weil er 1991 den legendären Berliner Techno-Club Tresor gegründet hat. Aufgewachsen ist Hegemann aber in Büderich (2.983 Einwohner), einem Stadtteil von Werl in Südwestfalen, und eigentlich wollte Dietmar-Maria, so hieß er damals, nie von da weg. Doch Ende der 1970er Jahre war in der Wallfahrtsstadt niemand bereit, einigen langhaarigen Jugendlichen Raum für eigene, neue Ideen zu geben. Also zog er nach Berlin und aus Dietmar wurde Dimitri.

„Lasst sie doch ruhig mal machen!“ scheint der richtige Ansatz zu sein, um Jugendliche zu aktivieren und sie zum Mitgestalten zu animieren. Denn gerade junge Leute sind schwer für übliche Beteiligungsprozesse zu gewinnen, die aus ihrer Sicht oft zu langwierig und nur wenig aktionsorientiert ablaufen. Anderseits kann es ohne Jugendbeteiligung auch keine nachhaltige Zukunftsgestaltung geben und nur mit ernst gemeinter Beteiligung können Bleibe-, Zuzugs- und Rückkehrperspektiven in ländlichen Räumen geschaffen werden, hat die LEADER-Zeitschrift LandInForm zu Jugend und Regionalentwicklung bereits 2013 richtig festgestellt.

Das Selber-Machen spielt auch bei den Modellvorhaben aus ganz Deutschland eine Rolle, mit denen das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung in einer mehrjährigen Forschungsreihe von 2010 bis 2016 Methoden zur Jugendbeteiligung in Städten sowie in einigen Gemeinden im ländlichen Raum erprobt hat. Am ehesten gelingt die Aktivierung über gemeinsame Aktionen und konkrete (Jugend-)Projekte, wenn ein Mangel wie zum Beispiel ein fehlender Jugendraum oder Konflikte mit Anwohnern angegangen werden, lautet eine Erkenntnis von Jugend macht Stadt. Von großer Bedeutung ist hierbei das Netzwerk-Prinzip der Selbstbestimmung und (nichthierarchischen) Selbstorganisation, wodurch das Engagement junger Akteure deutlich erhöht wird und sie dann sogar bereit sind, selbstbestimmte Räume in Wert zu setzen und dauerhaft Verantwortung dafür zu übernehmen, so das Fazit von Jugend belebt Leerstand. Und selbst gestaltete Experimentier- und Möglichkeitsräume wiederum, sogenannte Jugend.Stadt.Labore, brauchen junge Stadt/Gemeinde-Macher für die Kreativität, damit sie in der gemeinsamen Auseinandersetzung mit diesen Orten Ideen und Projekte für neuartige Raumnutzungen oder auch für ihr „eigenes Ding” (Start-ups) entwickeln können.

Übrigens funktioniert das auch mit selbstgenutzen Freiräumen, also Flächen, die unverbaut oder ungenutzt sind und so Raum für die Entwicklung eigener Ideen bieten: Die Freiraum-Fibel gibt Starthilfe für Plätze, Hinterhöfe, Uferstreifen, Straßengrün, vergessene Orte, Zwischenräume, Brachflächen oder Stra­ßenräume.


Bildnachweis © Julia Gajewski

Das Minihaus auf Rädern

Nur 6,4 Quadratmeter! So winzig ist das „Tiny100“ von Architekt Van Bo Le-Mentzel, das als Denkanstoß für neues und bezahlbares Wohnen in der Stadt noch bis vor kurzem auf einem Anhänger am Carl-Herz-Ufer 9 in Berlin-Kreuzberg stand. Und doch bietet die „kleinste Musterwohnung Deutschlands auf Rädern“ und für fiktive 100 Euro Miete im Monat eigentlich alles, was man zum Leben braucht. Auf 2 mal 3,20 Metern gibt es Küchenzeile, Bett, Schreibtisch, Sofa, Toilette und Dusche. Möglich macht es die Deckenhöhe von 3,60 Metern. Mit einer verschiebbaren Holzleiter gelangt man in den oberen Schlafbereich, der gleichzeitig als Arbeitsplatz dient. Gebaut hat das Minihaus übrigens die Tischlerei Bock aus Braunau (665 Einwohner), einem Stadtteil von Bad Wildungen in Nordhessen.

Das Wohnen in Tiny Houses – übersetzt „winzige Häuser“ – kommt aus den USA und auch bei uns werden immer mehr Menschen vom Tiny-House-Fieber gepackt. Für kleinere Gebäude sprechen finanzielle und auch ökologische Gründe. Denn die überbaute bzw. versiegelte Fläche ist kleiner und der Bedarf an Baumaterialien geringer. Auch wird weniger Strom und Wärme verbraucht, wodurch es auch einfacher ist, die Häuser so zu errichten, dass sie autark nutzbar sind. Etwa durch eine Solaranlage, Regenwassernutzung oder Komposttoilette.

Die Bauart an sich ist keine neue Erfindung und auf dem Land sind Austragshäuser, Forsthütten, Datschen oder Ferienhäuschen seit langem bekannt. Weil man hier für die Familie aber meist große Häuser baut, die irgendwann dann nur von einer Person bewohnt werden, hat der Aufklärer Dieter Wieland bereits 2003 der großen Kunst, ein kleines Haus zu bauen einen ganzen Film im Bayerischen Fernsehen gewidmet. Anregungen, wie das Wohnen der Zukunft aussehen kann, bieten auch 40 innovative Mini-, Smart- und Micro-Häuser, die im 2016 erschienen Buch Winzig ausführlich vorgestellt werden. Touristisch interessant sind zum Beispiel das Hofgut Hafnerleiten bei Bad Birnbach (5.678 Einwohner), das Almdorf in den Nockbergen in Kärnten, die Winzerhäuschen in Longuich (1.306 Einwohner) an der Mosel, das Baumhaushotel in Gräfendorf (1.395 Einwohner) zwischen Spessart und Rhön oder das Schäferwagenhotel in Leinach (3.092 Einwohner) nahe bei uns in den Haßbergen.

Wenn sich Menschen freiwillig dafür entscheiden, ihren Wohnraum und ihren Besitz einzuschränken und so das Leben auf das Wesentliche zu reduzieren, wird das postmoderner/neuer Minimalismus, Einfaches Leben oder Downshifting genannt und seht in Verbindung mit dem Teilen statt Besitzen (Sharing Economy). Getreu dem Motto „Weniger ist mehr“ suchen die Minimalisten nach einer Alternative zur Überflussgesellschaft und wollen ein selbstbestimmteres Leben führen. Vorbild für die modernen Aussteiger ist der große Nationaldichter der USA, Henry David Thoreau. In seinem Buch „Walden oder Leben in den Wäldern“ hielt er seinen Teilzeit-Ausstieg fest, als er sich 1845 eine kleine Blockhütte zimmerte und etwas mehr als zwei Jahre lang allein auf einem Waldgrundstück am See Walden Pond in Massachusetts ein bisschen fischte, ein bisschen Bohnen zog, ab und zu eine Tasse Tee trank und folglich viel Zeit hatte, um über Freiheit und Natur zu sinnieren (gelesen von Frau DingDong).

Den Trend des bewussten Verzichts hat Le-Mentzel am 18.4.2017 im Internetradio detektor.fm recht schön erklärt und auch auf das Neue des Wohnens auf wenigen Quadratmetern hingewiesen: „Die Tiny-House-Bewegung beschäftigt sich mit der Frage, ob wir nicht anders wohnen sollten. Und dadurch, dass viele Tiny Houses auf Rädern sind, auf sogenannten PKW-Anhängern, ist auch die Frage nach dem Grundstück eine ganz andere. Normalerweise, wenn man ein Haus plant, muss man erst einmal ein Grundstück haben, das heisst man braucht einen Bausparvertrag oder muss irgendwie 30 Jahre lang Geld gespart haben, und muss praktisch sein Leben opfern (lacht), um sich so ein Haus leisten zu können. Also wir haben uns so sehr daran gewöhnt, dass man Grund und Boden kaufen kann. Die Tiny Houses wollen gar keinen Grund und Boden kaufen, sie brauchen einfach nur einen Ort, wo sie stehen können. Am besten Fall einen, der eh nicht genutzt wird.“

Gleich ein ganzes temporäres Dorf aus 20 unterschiedlichen Tiny Houses entsteht zur Zeit im Außenbereich des Bauhaus-Archivs in Berlin-Tiergarten. Die mobilen Raumstrukturen werden als Studienräume, Café, Ateliers, Werkstätten, Bibliothek und Orte der Begegnung gemeinsam genutzt und sind teilweise modular in mehreren Einheiten kombinierbar. In Form eines künstlerischen Experiments will man damit auf dem Bauhaus-Campus neue Wohnideen entwickeln und Antworten auf die Frage finden: „Wie wollen wir heute wohnen, arbeiten, lernen und lehren, um die großen Herausforderungen der Zukunft zu meistern?.“ Kurator ist Le-Mentzel und sein Tiny100 trat bereits als erstes auf den Plan. Das Experiment passt gut zum historischen Bauhaus, wo ja bereits vor 100 Jahren über das Wohnen neu nachgedacht wurde.


Bildnachweis © Tinyhouse University

Das Elektro-Carsharing

Lust auf etwas radikal Neues? Wie wäre es mit Carsharing? Am besten rein elektrisch! Denn die intelligente Kombination des Nutzen-statt-Besitzen-Prinzips mit Elektromobilität senkt die Treibhausgase im Verkehr, steigert die Akzeptanz für das Auto der Zukunft und bietet eine Alternative zum kostspieligen Zweitwagen.

Wie die gemeinschaftliche Nutzung von Elektroautos auf dem Land klappen kann (vgl. Begleitforschung zu den Modellregionen Elektromobilität des Bundesverkehrsministeriums), wo gute Ideen für die neue Mobilität besonders gefragt sind, zeigt ein innovatives Projekt in Füßbach (84 Einwohner), das wir im Januar auf einer Busexkursion mit dem Schnelldorfer Energiestammtisch angeschaut haben. Das liegt in Hohenlohe im Norden von Baden-Württemberg und ist ebenso erfolgreich wie Projekte im Bayerischen Wald oder im Hochschwarzwald.

Um den Einsteig in die Elektromobilität zu erleichtern und das finanzielle Risiko zu minimieren, wurde in Füßbach ein gemeinnütziger Carsharing-Verein gegründet und im März 2016 mit zwei Volkswagen E-Ups begonnen, die von dem Mobiltätsanbieter Lautlos inklusive Full-Service und Vollkasko angemietet sind. Frei nach Füßbach werden die kleinen Flitzer eFüßle genannt. Aktuell sind sechs Einzelpersonen und fünf Familien fahrberechtigt, die somit nun ihren Zweitwagen in der Garage stehen lassen oder gleich verkaufen können. Auch zwei örtliche Firmen, ein Metall- und ein Bioenergiebetrieb machen mit, nutzen die Autos u.a. für Kundenbesuche in der Region und fungieren zugleich als feste Standorte der E-Autos. So haben es die Mitglieder nicht weit zu den Autos, die weiteste Entfernung beträgt geschätzt 200 Meter.

Der zusätzlich benötigte Strom fürs E-Auto kommt aus dem Dorf selbst, von Thomas Karles Biogasanlage. Er ist auch der Initiator des Projektes und wollte damit das Dorf weiter entwickeln und erreichen, dass die Einwohner elektrisch mobil sind. Denn Füßbach war bereits 2011 das erste Bioenergiedorf in Nord-Württemberg. Da lag es auf der Hand, den lokal erzeugten erneuerbaren Energie-Überschuss gleich lokal zu nutzen und so auch die Umweltbilanz der Fahrzeuge und die regionale Wertschöpfung zu fördern. Die Autos werden übrigens nicht direkt über die Biogasanlage, sondern über die normale 230-Volt-Steckdose mit Ökostrom (Naturstrom) aufgeladen.

Zu Beginn des Projektes war die Skepsis im Dorf gegenüber den Elektrofahrzeugen aber noch groß, hat er uns erzählt und folgenden praktischen Umsetzungstipp mit auf den Weg gegeben:

„Funktionieren die Elektroautos überhaupt? Haben die noch Mängel? Sind die schon praxisreif? Und da haben wir mal einen Tag lang Autos zum Testen hierher gestellt. Und dieser Tag war auch das Schlüsselerlebnis. Die Leute haben gesehen: Das sind vollwertige Autos und auch noch schick dazu.“

Für die Mitglieder teilt sich der finanzielle Aufwand in einen monatlichen Grundbetrag, der etwa die Hälfte der Mietkosten für die Firma „Lautlos“ deckt, und einen Leistungsbetrag. Der Grundbetrag ist nach Einzelpersonen (18 Euro), Ehepaaren (30 Euro) oder Firmen (90 Euro) gestaffelt. Der Leistungsbetrag ist die eigentliche Nutzungsgebühr und wird nicht wie üblich nach Kilometern, sondern nach den gemieteten und gefahrenen Stunden abgerechnet. Eine Stunde kostet vier Euro, ein halber Tag elf Euro, ein Tag 18 Euro und der Abend ab 19 Uhr acht Euro.

Wer ein Auto in Füßbach ausleihen will, muss es zuvor per Telefon oder direkt auf der Internetseite des Projektes buchen. Damit das System funktioniert und die Mobilität auch gewährleistet ist, muss man mindestens zwei Autos zur Verfügung stellen. Im Durchschnitt wird jeden Tag ein Auto genutzt. Damit arbeitet der Verein schon fast kostendeckend. Bei normaler Fahrweise kommt man mit dem E-Up in der Regel 120 Kilometer weit, was für kurze Strecken vollkommen ausreichend ist. Von Vorteil ist auch, dass das Stromtanken nicht berechnet, sondern von den beiden Firmen gesponsert wird. Das ist durchaus vertretbar, denn eine „Tankfüllung“ kostet zur Zeit ja nur etwa vier Euro.

Eine wichtige Rolle spielt in Füßbach die „coole“ Dorfgemeinschaft und dass man bereits gute Erfahrungen mit der Dorfsanierung und dem Aufbau eines Nahwärmenetzes gemacht hat. Der mit dem Carsharing verbundene Effekt zur Gemeinschaftsbildung und lokalen Identifikation sorgt nämlich auch dafür, dass mit den Autos pfleglich umgegangen wird und auf spezielle Regeln wie beispielsweise für die Reinigung verzichtet werden kann.

Die Phase Null

Alte Häuser erhalten und wiederbeleben. Den Ortsplatz gestalten. Ein neues Dorfzentrum bauen. „Wie können wir es gut und schön machen?“ lautet die entscheidende Frage bei der Ortsentwicklung. Experten sprechen dann gerne von (regionaler) Baukultur, was ein bisschen abgehoben klingt. Doch gerade auf dem Land gilt: Die Qualität der gebauten Umwelt geht uns alle an und ist viel mehr als Architektur. Im besten Fall kann sie nämlich Identität und hohe Lebensqualität für die Bürgerinnen und Bürger schaffen und sogar touristisch interessant sein (neues Forschungsprojekt ist 2017 gestartet).

Doch wie entsteht gutes Planen und Bauen überhaupt? Liegt es am vorausschauenden (ehemaligen) Bürgermeister wie in Weyarn (3.494 Einwohner) im Voralpenland, am dickköpfigen Architekten wie in Blaibach (1.923 Einwohner) im Bayerischen Wald oder an den Impulsen von außen wie in Burbach (14.969 Einwohner), der südlichsten Gemeinde in Westfalen?

Alles (auch) richtig! Doch Baukultur entsteht vor allem dort, „wo die Menschen die Gestaltung ihres Lebensraumes aktiv in die Hand nehmen.“ So lautet die zentrale These von LandLuft. Seit 1999 setzt sich dieser in Moosburg (4.529 Einwohner) am Wörthersee ansässige Verein für die Förderung von Baukultur in ländlichen Räumen in Österreich und Deutschland ein und hat bereits dreimal einen „Baukulturgemeinde-Preis“ ausgelobt.

Der mit der Auszeichnung bezweckte Blick auf innovative Baukultur und die Menschen dahinter erweitert das Verständnis von Baukultur: Nicht mehr das Produkt, das „schöne“ Bauwerk steht im Vordergrund, sondern der Prozess, also die Art und Weise, wie das Bauwerk entstanden ist, wie es sich auf die Herausforderung des jeweiligen Ortes einlässt und welche Personen auf welche Weise den Planungsprozess von Anfang an mitbestimmt haben, erläutern die LandLuftler ihre Bewertungskriterien.

Und genau das ist es, die gewissenhafte Projektvorbereitung und besondere Herangehensweise an die Bauaufgabe, was eine „Baukulturgemeinde“ grundlegend von anderen Kommunen unterschiedet, hat die immer noch lesenswerte Studie Baukultur in ländlichen Räumen aus dem Jahr 2013 als Fazit gezogen. Die Kultur des Bauens (und des Planens) hängt von der Qualität des Entwicklungsweges (Prozessqualität) ab und jeder bauliche Eingriff – und sei er noch so klein – kann eine gute Gelegenheit für die Bürgerbeteiligung sein, sich mit der Zukunft der Gemeinde intensiv auseinanderzusetzen, geben die Autoren allen mit auf den Weg, die sich in ähnliche Prozesse einbringen möchten.

Für die Architekten bedeutet das: Sie sollten in jedes Projekt mit der sogenannten „Phase Null“ starten, bei der alle Beteiligten (Nutzer, Politik, Verwaltung, Planer) zusammenkommen, um gemeinsam Ziele für Ihr Vorhaben zu definieren und entscheidende Weichen zu stellen. Der Begriff nimmt Bezug auf die Einteilung der Leistungsphasen nach der Honorarordnung für Architekten und Ingenieure (HOAI). Die dort vorgesehenen Leistungsphasen 1 bis 9 schließen eine solche Planung im Vorfeld (noch) nicht ein. Im neuen Baukulturbericht 2016/17, der diesmal lobenswerter Weise den Fokus nicht auf die großen Städte, sondern auf mittel- und kleinstädtische sowie ländliche Räume legt, wird die „Planung der Planung“ auf Seite 110 dringend empfohlen:

„Ein offener Prozess und eine kluge und strukturierte Phase Null integrieren externes Expertenwissen und lokale Erfahrung. Sie reduzieren potenzielle Hemmnisse, schaffen die Basis für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit aller Akteure und führen zu besseren Lösungen bei meist auch finanziell geringerem Aufwand. Gerade für kleinere Gemeinden mit knappen Ressourcen und klaren, weniger komplexen Strukturen ist das ämterübergreifende und alle Beteiligte einbindende Miteinander schon heute häufig geübte Praxis und künftig in jeder Hinsicht der einzige Weg.“

Die Phase Null kann zu den neuen Werkzeugen und Instrumenten (z.B. Bauworkshop, Ideentische, Instand-/Zwischennutzung, Leitbildentwicklung, Online-Dialog, Stadtsafari etc.) gezählt werden, die in den letzten Jahren für eine kooperative Stadt- und Regionalentwicklung entwickelt worden sind. Wie die Phase Null auf dem Land konkret funktionieren kann, zeigt beispielsweise das Architekturbüro nonconform: Das Team um Roland Gruber baut dazu vor Ort ein temporäres Ideenbüro auf, wickelt das betreffende Gebäude mit signalgelben Ideenbändern ein, verteilt Ideengläser, die mit Skizzen und Vorschlägen von der Bevölkerung gefüllt werden und gibt mit Faltblättern, Spezial-Zeitschriften, Videos, Internetseite, Online-Spiel und klassischer Pressearbeit richtig Vollgas, um die Leute zu aktivieren und zu motivieren, ihre Ideen und Visionen für das geplante Bauvorhaben einzubringen. Auf einer zwei- bis dreitägigen intensiven Ideenwerkstatt werden dann live mit den Bürgern und Verantwortlichen konkrete räumliche Zukunftsszenarien ausgetüftelt und im großen Finale die Ergebnisse der Öffentlichkeit präsentiert. In der Tiroler Gemeinde Fließ (2.993 Einwohner) wurde die Ideenwerkstatt sogar mit einem Architekturwettbewerb kombiniert.


Bildnachweis: © nonconform

Das Crowdfunding

Durch die zunehmende Vernetzung durch das Internet hat sich Crowdfunding durchgesetzt. Das ist eine neue und völlig andere Art der Finanzierung, die entweder alternativ oder in Ergänzung zu öffentlicher Förderung, Banken oder Stiftungen eingesetzt werden kann. Das Besondere ist, dass eine größere Gruppe Menschen (= crowd) gemeinsam ein Projekt oder Vorhaben finanziert (= to fund) – ganz ähnlich wie das Friedrich Wilhelm Raiffeisen im Westerwald schon vor 152 Jahren praktiziert hat. Die Wortschöpfung Crowdfunding hat aber der US-Amerikaner Michael Sullivan 2006 erfunden und seitdem suchen immer mehr Einzelpersonen, Unternehmen, aber auch Organisationen/Vereine nach Geldgebern im Netz. Auch für Kommunen kann das übrigens funktionieren (Magazin DEMO).

Die ersten Crowdfunding-Plattformen Indiegogo und Kickstarter entstanden 2008/2009 in den USA und mit Startnext und VisionBakery sind 2010 die ersten Plattformen in Deutschland gestartet. Dort kann jeder sein innovatives Projekt präsentieren. Alle, die eine Idee gut finden, können sie mit einem kleinen Beitrag unterstützen. Je mehr Menschen also von dem Projekt begeistert sind, desto größer wird die Summe. Der Projektstarter erhält das Geld jedoch nur dann, wenn das Finanzierungsziel zu 100 Prozent erreicht wird. Das klappt in Deutschland bei jedem zweiten Projekt (53 %), hat die Crowdfunding-Studie festgestellt.

Als Dank für seine Unterstützung erhält man auch etwas zurück. Je nach Modell können das ideelle oder materielle Belohnungen (öffentliche Danksagung, das fertige Produkt, Prämien, eine Sonderedition, Geschenke, eine Einladung zur Premiere, ein exklusiver Blick hinter die Kulissen etc.), eine Spendenquittung, Zinsen (Crowdlending) oder Beteiligungen (Crowdinvesting) sein.

Weil ein dazwischengeschalteter Vermittler in Form einer Bank nicht mehr nötig ist, um das Geben und Nehmen zu koordinieren, gilt Crowdfunding als eine Art Gegenbewegung zum herkömmlichen Bankengeschäft, erläutert das Schweizerische Institut für Entrepreneurship 2015 in einem Short Paper. Das erledigen die Informations-, Kommunikations- und Transaktionsplattformen nämlich einfach und unbürokratisch selbst.

Doch ganz so einfach läuft es wohl nicht. Denn wer mit Crowdfunding erfolgreich sein will, darf mit der Bewerbung nicht warten, bis das Projekt fertig ist, sondern muss frühzeitig auf sich aufmerksam machen und das Zielpublikum aktiv in die konzeptionellen Überlegungen und in die Kommunikation einbeziehen. Das Wissen und die Kreativität möglichst vieler Menschen bei der Realisierung neuer Ideen systematisch einzubinden, ist zwar mit Aufwand, viel Engagement und Offenheit verbunden, der direkte Dialog mit der Crowd ist aber freilich kein Nachteil, sondern nur die logische Weiterentwicklung des Netzwerkgedankens. Crowdfunding gehört deshalb ebenso wie Crowdsourcing zu den neuen Open-Innovation-Ansätzen (Erfahrungen und Wissen von allen Interessengruppen nutzen), die das Innovationspotential nicht nur von Unternehmen vergrößern, sondern auch die Bürgerbeteiligung und Mitgestaltung fördern.

Anna Thell, die bei Startnext für Kommunikation zuständig ist, erklärt auf ihrem Blog, warum das gerade für Städte, Regionen und Kommunen spannend ist:

„Viele Städte, Regionen und Kommunen stehen vor der Frage, wie sie die Digitalisierung sinnvoll für sich nutzen können. Crowdsourcing und Crowdfunding können hier ein spannender Weg sein, um Ideen aus der Stadt sichtbar zu machen, die Macher miteinander zu vernetzen und lokales Engagement zu fördern. Denn nichts ist wertvoller als wenn Menschen ihre Städte mitgestalten, sei es mit Ideen, mit Engagement oder mit Geld.“

Für regionales Crowdfunding und eine Verbindung von Crowdfunding und Regionalität spricht auch, dass viele Unterstützer aus dem direkten Umfeld der Projektstarter kommen und die Initiatoren und ihre Projektidee nicht nur virtuell, sondern auch persönlich kennen lernen wollen. Zudem wollen immer mehr Menschen wissen, was mit ihren Geld passiert und sich direkt vor der eigenen Haustür engagieren. Neben Spezialplattformen zu bestimmten Themen wie Sport, Musik, Film, Immobilien, erneuerbare Energien etc. gibt es inzwischen auch solche, die Projekte einer bestimmten Stadt oder Region im Fokus haben und eine lokale Crowd aufbauen wollen. Auf dem Informationsportal www.crowdfunding.de werden aktuell 16 regionale Plattformen aufgelistet.

Einen Trend in der Zunahme regionaler Projekte, die sich über die Crowd finanzieren, sieht die IHK München und Oberbayern. Als Beispiel wird u.a. die Initiative der Volks- und Raiffeisenbanken Viele schaffen mehr genannt, die bis jetzt 1.273 regionale, gemeinnützige Projekte über die Plattform der VR-Banken einsammelte. Die regionale Plattform place2help versteht sich sogar explizit als Instrument für nachhaltige Regionalentwicklung und will Impulse für mehr Innovation, Mitverantwortung und Lebensqualität setzen. 2015 ging der erste Ableger in München online, nun soll Rhein-Main folgen.

Interessant ist auch ein Blick nach Österreich, wo 2014 die Bank für Gemeinwohl Genossenschaft gestartet wurde, um zu beweisen, dass „man die Welt doch mit einer Bank besser machen kann“. In der Alpenrepublik gab es nämlich bisher noch keine ethische Bank wie beispielsweise in Deutschland (GLS Bank, Umweltbank, Ethikbank). Im kommenden Jahr ist eine eigene Crowfunding-Plattform geplant. Dorthin gelangen nur gemeinnützige Projekte oder zivilgesellschaftliche Initiativen, deren Gemeinwohl-Orientierung durch die Genossenschafts-Community geprüft wurde. Vorreiter sind auch die Landeshauptstädte Graz und Linz. Hier wurde jeweils eine eigene Förderung aufgelegt, um die Vorarbeiten (Videos, Grafik/Design und Kommunikation) zu unterstützen, die für eine Crowdfunding-Kampagne notwendig sind.

Eine schöne Anregung sind auch Ideenwettbewerbe. Diesen August hat die Thüringer Tourismus GmbH die erste Crowdinnovation-Kampagne einer öffentlichen Tourismusorganisation initiiert. Über die Onlineplattform Innovationskraftwerk wurde öffentlich dazu aufgerufen, Ideen für attraktiveres Tagen in Thüringen einzureichen. 55 Konzepte wurden eingereicht und die besten drei sind jetzt in Erfurt prämiert worden.


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Die neuen Erlebniswelten

Produkte werden heute über Erlebnisse und Emotionen verkauft. Spätestens seit die zwei US-amerikanischen Management-Berater B. Joseph Pine II und James H. Gilmore 1999 ihren Bestseller The Experience Economy (Erlebnis/Erfahrungs-Ökonomie) herausbrachten, besteht darüber eigentlich kein Zweifel mehr. Das Prinzip, Erlebnisse bewusst zu inszenieren, kennt man aus dem Theater, vom Film, aus der Pop-Kultur oder von Walt Disney. Aber auch im Tourismus, in der Gastronomie und im Einzelhandel trägt die emotionale, intensive Gestaltung dazu bei, sich von der Konkurrenz abzuheben und die Wertschöpfung zu steigern.

Das erwünschte Genuss- und Einkaufserlebnis bieten auch gut gestaltete Bäckereien, die ihre großen runden Bauernbrote emotional in Szene setzen und Kaffee wie bei Starbucks ausschenken. Doch solch ungewöhnliche Brotgeschäfte wie die Concept-Stores Laura und Franz in Weißenstadt (3.120 Einwohner) im nordbayerischen Fichtelgebirge haben Sie vielleicht noch nicht gesehen. In diesen Sommerferien waren wir dort mal shoppen.

Während im „Franz“ die bekannten PEMA-Brotsorten und Lebkuchen von Leupoldt elegant präsentiert und als kreative Tastings angeboten werden, wurde in „Laura“ die Produktpalette um mediterrane und indische Gewürze erweitert. Die völlig neuen Geschmacksrichtungen z.B. mit Rosmarin, Basilikum, Salbei oder Chili, Curry, Fenchel und Schwarzkümmel können direkt an mehreren Tischstationen probiert werden. In der offenen Küche finden Kochvorführungen statt und im Boden sind noch authentische Gebrauchsspuren der ehemaligen Werkstatt zu erkennen. Ergänzt wird das „Lust auf Vollkorn“-Programm durch eine Lese-Ecke mit philosophischen Büchern, die auf das klare Unternehmensleitbild verweisen.

Zugegeben – das Shopformat Concept Store klingt etwas komisch, denn schließlich braucht jeder erfolgreiche Laden irgendwie ein Konzept. Doch die Auswahl an Marken und Produkten mit den Geschichten und Produzenten dahinter ist so einfach wie genial und wird auch in den Regional-, Heimat- und Kunsthandwerkerläden umgesetzt, um Kunden und Touristen persönlich und emotional anzusprechen.

Für den österreichischen Dramaturgen Christian Mikunda gehören die ungewöhnlichen Concept Stores (genauso wie temporäre Pop-up-Stores oder beeindruckende Flagship-Stores) zu den spektakulären, sinnlichen, überraschenden Erlebniswelten, wo gestaltete Erlebnisse ein essenzieller Bestandteil sind: „Wo man nicht nur hingeht, um das Eigentliche zu machen, sondern um sich etwas von der emotionalen Aufladung des Ortes zu holen und etwas davon mitzunehmen“. Diesen emotional gestalteten Ort bezeichnet er wie die Soziologen als „Dritten Ort“, um den Unterschied zur eigenen Wohnung (Erster Ort) und dem Arbeitsplatz (Zweiter Ort) deutlich zu machen. Was früher der Dorfplatz, der Tante Emma Laden, die Bibliothek oder die Kneipe um die Ecke waren, sind jetzt die neuen Marketingorte der Wirtschaft.

„In den Achtzigerjahren schwappte der damals neue Trend zum erlebnisorientierten Marketing zunehmend auf den öffentlichen Raum über. Man begann Shops und Restaurants zu inszenieren, Museen wurden entstaubt, die ersten Erlebnishotels gebaut. Die Sinnlichkeit und Wohnlichkeit dieser Plätze brachte die Menschen dazu, auch diese halb öffentlichen Orte als persönlichen Lebensraum wahrzunehmen. Der Dritte Ort war geboren und der inszenierte Lebensraum war jetzt auch Bestandteil der Vitalität unserer Städte (und Regionen, J.L.). Ihre Freizeit verbrachten die Menschen nun nicht mehr ausschließlich an klassischen Orten der Unterhaltung wie Kino, Fußballplatz, Kegelbahn, sondern auch an den neuen Orten des Business Entertainments, in Shopping Malls, bei Events und in der Erlebnisgastronomie“, erklärt der Autor rückblickend in dem Marketing-Klassiker Marketing spüren auf Seite 16.

Im seinem Buch stellt er besonders originelle und erfolgreiche Dritte Orte aus der ganzen Welt mit Adressen vor und erklärt anschaulich, warum sie eine Hauptattraktion und einen „roten Faden“ brauchen und wie sie uns durch Spannungsachsen ähnlich wie in einem barocken Schlosspark, dem Prototyp aller inszenierten Orte, dazu verführen, alle Möglichkeiten und Angebote dort „abzugrasen“. Aus Sicht der Regionalentwicklung sind außer den Concept Stores Brandlands wie die Kristallwelten in Wattens (7.882 Einwohner) in Tirol, die Glasi in Hergiswil (5.654 Einwohner) am Vierwaldstättersee, das Alb-Gold-Kundenzentrum in Trochtelfingen (6.371 Einwohner) auf der Schwäbischen Alb und die Viba Nougat-Welt in Schmalkalden (19.291 Einwohner) an den Ausläufern des Thüringer Waldes, aber auch Museen und Ausstellungen wie das Pfahlbaumuseum in Uhldingen (8.068 Einwohner) am Bodensee oder das pädagogisch-poetische Informationszentrum ROGG-IN, das ebenfalls in Weißenstadt direkt neben Laura und Franz steht, Schaumanufakturen wie die Goethe-Chocolaterie in Oldisleben (2.198 Einwohner) in der Nähe vom Kyffhäuser oder das Rhöner Apfelsherry-Theater in Seiferts (558 Einwohner), Themenorte bzw. -dörfer wie das Mohndorf Armschlag (86 Einwohner) im Waldviertel oder das KRABAT-Dorf Schwarzkollm (792 Einwohner) in der Oberlausitz, (Natur-)Erlebniswege, Besucherrundgänge und Aussichtsplattformen wie die Expedition Kodok in Saalbach-Hinterglemm (2.888 Einwohner) im Pinzgau oder der Baumwipfelpfad Steigerwald beim oberfränkischen Ebrach (1.806 Einwohner) sowie Besucherzentren wie die neu gestaltete Touristinformation in Baiersbronn (14.667 Einwohner) im Schwarzwald gute Beispiele dafür, wie man seine Besonderheiten authentisch erlebbar macht. Wer noch mehr Anregungen will, sollte mal auf die Internetseite von Otto Jolias Steiner gehen.

Aber warum verführen und verkaufen Erlebnisse überhaupt? Hier kann uns der Anfang diesen Jahres verstorbene israelische Psychologe Prof. Gavriel Salomon weiterhelfen. Bei einer Untersuchung von Schulkindern im Jahr 1984 fand er heraus: Um medial dargebotene Informationen kognitiv zu verarbeiten, ist geistige Ausarbeitungsleistung (Amount of Invested Mental Elaboration) notwendig. Wenn der Grad der mentalen Anstrengung hoch ist, was die Psychologen exakt messen können, ist man emotional aufgekratzt und wendet sich positiv gestimmt einem Informationsangebot zu. Man wird aber auch in einen Zustand erhöhter Aufmerksamkeit versetzt und nimmt Informationen gierig auf: „Denn Erlebnisse steigern die Aufmerksamkeit, erhöhen die Verweildauer und wirken unmittelbar verkaufsfördernd,“ erklärt Mikunda den sogenannten „Salomon-Effekt“.

Um uns in diesen Zustand erhöhter Aufmerksamkeit zu versetzen, aktivieren Erlebnisdramaturgen und Szenografen beispielsweise Verblüffungseffekte, die unsere medientrainierte Geschicklichkeit (Media Literacy) bei der Wahrnehmung von (verfremdeten) Dingen kitzeln. Oder sie treten mit wenigen Signalen (Stil, Geruch, Geschmack, Sound) eine Geschichte, ein Drehbuch im Kopf (Brain Script) los, bei dem wir gedanklich mitspielen dürfen. Damit fühlen wir uns aktiviert und in das Geschehen einbezogen. Erlebnisse sind eben mehr als reine Unterhaltung und können nur über die aktive Beteiligung der Besucher geschaffen werden.

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Die Freaks

Wie entstehen Neuerungen? Wenn man auf die alten Regeln (nicht Gesetze!) pfeift. Das gilt für das Leben auf dem Land (Soziale Innovationen) genauso wie für Start-ups. Junge, noch nicht etablierte Unternehmen müssen ihr Potential und ihre Kreativität mit aller Konsequenz entfalten. Nur so können sie mit ihrer Geschäftsidee erfolgreich sein. Die „konzept-kreative Gründung“ wird von Prof. Günter Faltin Entrepreneurship (von französisch entreprendre = unternehmen) in Abgrenzung zur Betriebswirtschaftslehre genannt.

Als Vorbilder in der komplexen Welt gelten jetzt Freaks und Querdenker: Unangepasste Persönlichkeiten mit besonderen Erfahrungen und Talenten, die neue Projektideen wagen, Unternehmen auf Erfolgskurs bringen (Studie Return on Leadership von McKinsey) und als Pioniere auf dem Land eigentlich jede Menge Freiräume und echte Herausforderungen finden könnten.

Doch das deutsche Silicon Valley ist nach wie vor Berlin, wo schräge Typen an der Tagesordnung sind. Laut Deutschem Start-up Monitor 2015 schätzen etwa ein Drittel aller Gründer an der Spree den „richtigen Mix aus Inspiration, Kreativität, Abenteuer und Netzwerk.“ In Deutschland soll es insgesamt rund 6.000 Start-ups geben, sagt der Bundesverband Deutsche Startups.

Um den Unternehmergeist auch abseits von Berlin zu fördern, sind die Orientierung an guten Vorbildern („Kapieren, nicht Kopieren“), die Verankerung und Vernetzung der Gründer in der Region (Gründerszene und Gründerökosystem) und neuerdings die Teilhabe an den Gründungsaktivitäten wichtige Methoden. Eine Studie zur Zukunft der Gründungsförderung hat das bereits 2013 auf Seite 91 gut beschrieben:

„Während sich die (Vor-)Gründungsphase in der Vergangenheit als eher anonymer, bisweilen einsamer Prozess vollzog, so ist sie mittlerweile für jedermann erlebbar. Deutlich mehr Menschen werden Teil von Gründungen, sogar ohne eigene Gründungsabsicht. Von der kreativen Unterstützung bei der Entwicklung eines innovativen Produktes bis hin zur Bereitstellung gründungsrelevanter Ressourcen wie Kapital oder Know-how. Den Beteiligungs- und (Mit-)Gestaltungsmöglichkeiten sind im Prinzip keine Grenzen gesetzt.“

Der klassischen Gründungsförderung macht das viel Arbeit. Denn Gründermessen, Businesspläne und Beratersprechstunden sind ein alter Hut, dagegen liegen Barcamps (offene Tagung), Slams (freier Ideenaustausch), Prototypenparties, Labore für Entrepreneurship, PechaKuchas, Startup Weekends und Festivals im Trend und können wichtige Impulse auslösen. Die Neueinsteiger kommen so miteinander und mit anderen Unternehmern, Kunden/Nutzern/Interessierten ins Gespräch, können Ideen weiterentwickeln, Kontakte knüpfen, Geschäftsmodelle quer- und längsdenken oder sogar gemeinsam Produkte entwickeln (Co-Creation) und Aufgaben gemeinsam lösen (Crowdsourcing). Kreative Räume für Gründer und Coworking auf dem Land bieten beispielsweise die Grüne Werkstatt Wendland (bekannt durch die Anti-Atomkraft-Bewegung) mit dem Kreativ Labor in der niedersächsischen Kreisstadt Lüchow (9.481 Einwohner), der CoworkingSpace wexelwirken in Kusterdingen (8.471 Einwohner) im Landkreis Tübingen, das Kreativzentrum EMMA in Pforzheim (122.247 Einwohner) oder die Gründervilla in Kempten (66.947 Einwohner) im Allgäu.

Die neue Gründerszene gilt als Vorbild für New Work, die neue Arbeitswelt. Bereits in den 1980er Jahren hat der irische Wirtschaftssoziologe Charles Handy das Paradigma der Wissensgesellschaft beschrieben. Denn gut ausgebildete, selbstständige Menschen brauchen niemanden, der sie „führt“ und ihnen sagt, was sie zu tun haben, sondern jemanden, der hilft, ihr Können und ihre Talente optimal zu entfalten. Wer sich vom klassischen Angestelltenverhältnis verabschieden und sein eigenes Ding machen will, findet bei der Entrepreneurin Catharina Bruns Inspiration für die neue Selbstständigkeit. Ihr Projekt Work is not a job! ist das Denkprinzip und der Lebensstil einer neuen Generation von (Selber-)Machern („Maker“). Dank Laptop und Internetanschluss sind heute die Möglichkeiten, sich mit Gleichgesinnten zu vernetzen und die Wirtschaft (Netzwerkökonomie) für sich und zum Wohle der Welt zu nutzen, so vielfältig wie noch nie – auch ohne viel Startkapital, Vitamin B oder spezielle Abschlüsse.

Ein Freak ist der österreichische Unternehmer Heinrich „Heini“ Staudinger, der in Schrems (5.496 Einwohner) die legendären Waldviertler-Schuhe herstellt. Seit er 2012 zur Staatsaffäre geriet, ist er zur Symbolfigur für zivilen Ungehorsam geworden und kann sich nun vor Aufträgen kaum retten. Weil ihm seine Bank keinen Kredit gewährte, sammelte er drei Millionen Euro von seinen Freunden und Kunden mit einer Art Crowdfunding. Die Finanzmarktaufsichtsbehörde (FMA) hat ihn daraufhin verklagt, weil Kredite nur eine Angelegenheit von Banken sein dürfen. Den Prozess verlor er, doch durch den Fall wurde in Österreich erstmals über Crowdfunding diskutiert und seit 2015 gibt es das Alternativfinanzierungsgesetz. Das geschah mitten während der Dreharbeiten zum Film Das Leben ist keine Generalprobe. Die 2016 erschienene Dokumentation zeigt einen ungewöhnlichen Unternehmer, der morgens nackt im Teich badet, mittags Unterstützungen für alleinerziehende Mütter ausklügelt und nachmittags mit dem Wirtschaftsminister Klartext redet.

Eine schöne Anregung gibt auch der aktuelle Wettbewerb Menschen und Erfolge – Ländliche Räume: produktiv und innovativ. Bis zum 14. November 2016 werden vom Umweltbundesministerium noch Beiträge gesucht, die eine innovative Geschäftsidee in einer ländlich geprägten Region umsetzen, auf lokale Ressourcen und Potentiale setzen oder leerstehende Gebäude für Existenzgründer umnutzen. Auch der Text der Wettbewerbs-Auslobung ist lesenswert.


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Die Bürgerwissenschaftler

Sie sammeln Mücken, erforschen die Geschichte ihrer Kommune oder messen Klimaphänomene: Ünter dem Begriff „Citizen Science“ (Bürgerwissenschaft) arbeiten in Deutschland immer mehr Forschungseinrichtungen mit interessierten Bürgern zusammen und bringen so unsere Wissensgesellschaft voran. Das klingt nach einer neuen Erfindung, ist aber eigentlich ein bewährtes Konzept. Denn bereits vor Jahrhunderten gab es Laien- und Heimatforscher, die zu wissenschaftlichen Erkenntnissen beitrugen, indem sie Naturphänomene erforschten oder sich an Vogelzählungen beteiligten. Mitunter sind darunter auch idealistische Tüftler, die so ihr geniales Spezialwissen einbringen.

Durch das Internet und neue digitale Technologien haben sich die Möglichkeiten in den letzten Jahren stark erweitert. Smartphone-Apps, QR-Codes und mobile Sensoren erlauben eine schnelle, digitale Erfassung und Weiterleitung des ehrenamtlich generierten Wissens an zentrale Datenbanken. Auch steigt das Bedürfnis der Bürger, an der Forschung beteiligt zu werden – von der Definition neuer Forschungsfragen über die Konzeption von Projekten bis hin zur Auswertung und Veröffentlichung.

Was es für Wissenschaftler bedeutet, mit Bürgern zusammenzuarbeiten, erklärt Prof. Johannes Vogel, Generaldirektor am Museum für Naturkunde Berlin und treibende Kraft hinter der Bewegung, im Video anschaulich auf der Online-Plattform Bürger schaffen Wissen:

„Meistens bedeutet es, unheimlich viel Anregung, unheimlich viel Spaß, neue Erkenntnisse, neue Netzwerke und ganz viel zusammen machen. Für die Bürger bedeutet es, ganz viel zusammen machen, ganz viel Spaß, etwas lernen, sich selber weiterzubilden, aber eben halt auch sich selbst bewusst zu werden, dass Wissenschaft nicht etwas ist für Männer in weißen Kitteln, sondern dass wir alle daran teilhaben können. Ich glaube, dass wir als Menschen alle als Wissenschaftler geboren sind. Wir sind neugierig, wir beobachten, wir sind interessiert. Das sind Grundvoraussetzungen, um Wissenschaftler zu sein. Deswegen glaube ich, dass alle Bürger bei Wissenschaft mitmachen können.“

Die genannte Online-Plattform zeigt die Vielfalt der Citizen-Science-Projekte in Deutschland, die beispielsweise in der Umweltforschung (www.mueckenatlas.de, www.tagfalter-monitoring.de, www.nabu-naturschutztauchen.de, www.ornitho.de, www.artenfinder.de, www.naturgucker.de), in der Gesundheitsforschung (www.migraene-radar.de, www.ifp.bayern.de/projekte/monitoring/meilensteine.php), in den Geisteswissenschaften (www.artigo.org, http://gov.genealogy.net, www.altes-leipzig.de) oder in der Stadtentwicklungsplanung (www.envirocar.org, www.verlustdernacht.de, www.portal-beee.de/fuechse-in-der-stadt.html, www.expedition-muensterland.de) tätig sind. Derzeitig sind mehr als 70 Projekte registriert. Sie haben wenige bis zu mehrere Tausend Mitwirkende im Alter von 8 bis 80 Jahren.

Dass ein Bürgerwissenschaftsprojekt auch zur Pofilierung und Identität einer gesamten Region beitragen kann, macht das Archäologische Spessartprojekt (ASP) deutlich, das uns bei der Erarbeitung des ILEK Würzburger Norden und des IKEK Flörsbachtal über den Weg gelaufen ist. Neben der wissenschaftlichen Arbeit (archäologische Ausgrabungen, Forschungsprojekte) stehen beim ASP die Vermittlung der Kulturlandschaft (Kulturwege) und die Einbindung von Ehrenamtlichen aus den Gemeinden und örtlichen Vereinen im Vordergrund.

Citizen-Science-Projekte werden nun erstmals vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gezielt gefördert. Projektskizzen müssen dazu bis 31. Oktober 2016 vorgelegt werden. Für Schulklassen oder Jugendgruppen sind die Plastikpiraten aktuell interessant, die vom 16. September bis zum 18. November 2016 bundesweit Daten zu Kunststoffvorkommen an und in Fließgewässern erheben.

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Die Bierrebellen

Seit 2010 erlebt Deutschland so etwas wie eine kleine Bier-Revolution. Überall schießen kleine Brauereien aus dem Boden, die längst vergessene Sorten wie „India Pale Ale“ (obergäriges Helles), „Porter“ / „Stout“ (obergäriges Schwarzbier), „Berliner Weiße“ oder „Leipziger Gose“ (Sauerbier) neu entdecken. Sie brauen individuelle, aufregende Biere, die ungewohnt hopfenbetont, malzig, säuerlich-salzig oder nach Basilikum, Chili, Dörrpflaumen, Gletschereisbonbon, Grapefruit, Hibiskusblüten, Himbeeren, Ingwer, Kaffee, Kakao, Karamell, Kirschen, Koriander, Kümmel, Litschi, Mandarine, Mango, Maracuja, Melone, Rhabarber, Szechuan-Pfeffer, Tannenspitzen, Waldhonig, Waldmeister und Zitronengras schmecken können, provokative Logos und Namen wie „Amerikanischer Traum“, „Blanker Hans“, „Black Nizza“, „Don Limone“, „Drunken Sailor“, „Geisterzug“, „Great Escape“, „Heller Wahnsinn“, „IPA Mania“, „Motor Oil“, „Munich Easy“, „Pink Panther“, „Red Devil“, „Voodoo“, „Wai-Zen“, „Wilde Wutz“, „Wuidsau“ und „Zombie Dust“ verwenden und wie Wein aus bauchigen Gläsern getrunken werden. Das ist ziemlich cool und steht den großen Braukonzernen gegenüber, die industrielles Bier im großen Stil produzieren und darauf bedacht sind, geschmacklich konstant zu bleiben. Das ist den sogenannten Craft Beer Brauern zu langweilig. Sie wollen die Biertraditionen nicht nur bewahren, sondern weiterentwickeln. Genau deshalb wird ihnen eine gewisse rebellische Haltung unterstellt.

Im Interview des Deutschlandfunks vom 23.4.2016 erklärt der Kulturwissenschaftler Prof. Gunther Hirschfelder von der Universität Regensburg das so:

„Der neue Craft-Beer-Trend spiegelt eben die Tatsache, dass wir keine gesellschaftliche Mitte in dem Sinn mehr haben wie in der alten Bundesrepublik, als die halbe Republik eigentlich ähnliche Biere getrunken hat. Wir leben heute in einer Lebensstilgesellschaft. Und Menschen möchten ihrem Lebensstil Ausdruck verleihen, ihrer Individualität. Und das tun wir durch besondere Konsumstile eben, besonders im Bereich des Essens und Trinkens, und hier besonders im Bereich der Biere. Die Zeit der großen Einheitsbiere ist vorläufig vorbei. Es geht zu Spezialisierungen, zu Lifestyle-Getränken, und da schafft das Bier offensichtlich die Wende ganz wunderbar, in den USA übrigens noch stärker“.

Lesenswert ist auch sein spannendes Sachbuch Bier. Eine Geschichte von der Steinzeit bis heute, das auf die Entwicklung des ältesten alkoholischen Genussmittels zurückblickt und den vergorenen Gerstensaft u.a. dafür verantwortlich macht, dass die frühen Menschen vor zweitauschend Jahr sesshaft wurden (Ging es da wirklich nur um Party?).

„Craft“ bedeutet im Englischen und Amerikanischen Handwerk – Craft Beer also „handwerklich gebrautes Bier“. Die Bewegung ist in den USA entstanden und existiert dort bereits seit 30 Jahren. Mit Fritz Wülfing von Ale Mania, Thorsten Schoppe von Schoppe Bräu, Alexander Himburg (ehemals Braukunstkeller), Oliver Wesseloh von der Kreativbrauerei Kehrwieder oder Thomas Wachno mit dem Label Hopfenstopfer gingen die ersten Hopfenhelden hierzulande an den Start. 2012 fand mit der BraukunstLive in München die erste Craft Beer Messe statt, die ersten Bars nahmen Craft Beer in ihr Angebot auf, Craft Beer Shops entstanden.

Für die fruchtigen, blumigen, grasigen, erdigen oder kräuterigen Noten im kreativen Bier sorgt vor allem der hochwertige Aromahopfen, der im Gegensatz zum klassischen Bitterhopfen weniger Alphasäure, dafür mehr ätherische Öle besitzt. Da die Säure hilft, das Bier zu konservieren, muss man beim Brauprozess im Verhältnis zum Bitterhopfen eine größere Menge an Aromahopfen verwenden, was die Produktion entsprechend teurer macht. Heute kommt ein Großteil der weltweit produzierten Aromahopfen aus den USA, in Deutschland wird überwiegend Bitterhopfen angepflanzt. Das war keineswegs immer so, wie der führende Brauwissenschaftler Ludwig Narziß zu berichten weiß, der die letzten siebzig Jahre der Geschichte des deutschen Hopfen miterlebt hat. Denn früher wuchsen in Deutschland ausschließlich Aromahopfen. Um die Pilzkrankheit Hopfenwelke zu vermeiden, wurde jedoch 1963 der erste Bitterhopfen aus Großbritannien angebaut, wodurch auch die traditionellen Braurezepte angepasst werden mussten. Mittlerweile haben aber die Hopfenpflanzer in der Hallertau, dem größten zusammenhängenden Hopfenanbaugebiet der Welt, Neuzüchtungen nachgelegt, die durchaus mit den amerikanischen mithalten können.

Bier ist für Bayern schon etwas ganz Besonderes. Doch wer hier – wie es früher selbstverständlich war – etwa noch mit Früchten, Gewürzen und Kräutern experimentieren will, kommt mit dem elften Gebot in Konflikt: „Du sollst nicht panschen!“ befiehlt das Reinheitsgebot seit nunmehr genau 500 Jahren. Nur Hopfen, Gerstenmalz, Hefe und Wasser im Bier. Und sonst nix. Das macht Markus Lohner das Leben schwer, der 2008 in Truchtlaching (1.150 Einwohner) im oberbayerischen Chiemgau die Camba Bavaria („Camba“ bedeutet im Keltischen Braupfanne, der heutige Sudkessel) eröffnet hat und mit Bieren im Cognac-Eichenholzfass als einer der innovativsten Braumeister der Szene gilt. Sein Milk Stout wurde behördlich verboten, weil es auch Milchzucker und Haferflocken als Zutaten enthält. In den übrigen Bundesländern hätte man die Ausnahmeregelung für „besondere Biere“ (§ 9 Abs. 7 Vorläufiges Biergesetz) anwenden können, die aber in Bayern nicht gilt. Viele Kritiker halten das Reinheitsgebot sowieso längst für überholt (auch weil sich damit zahlreiche chemische Filterungsprozesse nicht verhindern lassen) und fordern eine Reform im Sinne einer neuen (Slow-)Food-Kultur, in der es um Qualität statt Quantität geht.

Egal ob reinheitsgebotskonform oder nicht, ein Wandel der Bierkultur ist immerhin schon spürbar. Die Deutschen trinken zwar nicht mehr Bier als vorher, sind aber bereit, für das Getränk mehr Geld auszugeben und achten auf Regionalität und hochwertige Zutaten. Das bietet nicht nur im niederbayerischen Mirskofen (1.877 Einwohner) jungen Bierliebhabern die Gelegenheit, die Kochtöpfe der Mama gegen ein gebauchtes Sudwerk zu tauschen (Zombräu) oder einem Braumeister, der eigentlich schon überall in der Welt war, nach Oberelsbach (2.671 Einwohner) in die Rhön zurückzukehren und sein Ideal vom reinen Geschmack zu verwirklichen (Pax-Bräu), sondern auch einer bestehenden kleinen Traditionsbrauerei (Meinel) im Bierland Oberfranken die Chance, Braukunst und Biervielfalt wieder stärker in den Mittelpunkt zu rücken und mit Bier-Kreationen neue Zielgruppen wie zum Beispiel Frauen zu erreichen, die beim Bier doch wohl eher an den Geschmack, als an das Ergebnis denken. Auch unser Hilde-Bier war von und für Frauen konzipiert.

Bier braucht Heimat, das sind sich alle Craft Brauer einig:

„Wenn ich jetzt mein Bier in Hamburg verkaufe, das freut mich insofern, weil ich meine Rechnungen zahlen kann. Aber wenn mein Bier im lokalen Getränkemarkt gekauft wird, dann ist man stolz. Das berührt einen ganz anders. Das macht dann wirklich Spaß. Ich liebe es, Bier zu brauen, wenn es die Leute dann bei uns auch kaufen. Das ist einfach schön“

zog der Kult-Brauer Markus Hoppe aus Waakirchen (5.661 Einwohner) beim Tegernsee am Schluss der Doku Bier-Rebellen als Fazit, die im Bayerischen Fernsehen am 15. Mai 2016 lief. Na dann Prost!


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Das Prinzip Großfamilie

Mehrgenerationenhäuser sind ein Ort der Begegnung für Jung und Alt. Sie funktionieren wie ein „öffentliches Wohnzimmer“, wo jeder Mensch willkommen ist: Man kann ausruhen oder aktiv sein, Gleichgesinnte treffen und etwas Neues lernen. Wer will, bekommt Unterstützung oder Betreuung. Seit 2006 gibt der generationenübergreifende Ansatz den bundesweit 450 Häusern ihren Namen, die in fast allen Landkreisen und kreisfreien Städten zu finden sind. Das erste MGH wurde im Mütterzentrum in der niedersächsischen Stadt Salzgitter (98.966 Einwohner) eröffnet. Für 2017 plant das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend ein neues Bundesprogramm zur Förderung solcher Häuser. Wer davon profilieren und bis 2020 jedes Jahr 40.000 Euro erhalten will, muss schnell sein: Die Bewerbungsphase läuft noch bis Ende Mai 2016.

Mit der generationsübergreifenden Arbeit wird das Prinzip der „traditionellen“ Großfamilie auf unsere heutige Gesellschaft übertragen, die durch den demographischen Wandel ja bekanntlich immer älter und die Jungen im Verhältnis dazu immer weniger werden. Auch Großfamilien gibt es heute kaum (mehr) und wenn, dann leben die Großeltern, Onkel und Tanten oft ganz woanders.

Doch die weit verbreitete Annahme, es hätte eine Entwicklung von der vorindustriellen Groß- zur modernen Kleinfamilie gegeben, ist ein Mythos – ebenso wie das Klischee der Familie als „Hort von Harmonie und Glück“, hat die Bundeszentrale für politische Bildung schön auf den Punkt gebracht. Dass drei Generationen unter einem Dach leben, war nämlich auch im 18. und 19. Jahrhundert eher die Ausnahme. Das lag an der kurzen Lebenserwartung und vor allem an der hohen Säuglings- und Kindersterblichkeit sowie daran, dass Knechte, Mägde, Gesellen, Lehrlinge und andere Schlafleute noch mit auf dem Hof wohnten. Ein Besuch im Freilandmuseum genügt, um einen realistischen Blick auf diese „gute, alte Zeit“ zu bekommen.

Neben der höheren Lebenserwartung besteht ein wesentlicher Unterschied zu früher in der Individualisierung der modernen Gesellschaft. Nicht mehr das generationsüberdauernde Wohl und Ansehen des Hofes steht im Vordergrund, sondern die individuelle Lebensgestaltung, für die es heute mehr Freiheiten und Entfaltungsmöglichkeiten gibt. Als Gegentrend führt die Individualisierung jedoch zu einer Suche nach Gemeinschaft und (familärem) Zusammenhalt. Das klingt erst einmal paradox, beschreibt aber genau die Konzeption der Mehrgenerationenhäuser auf Seite 11: „Über Begegnung und Austausch zwischen den Generationen werden Neugierde, Verständnis und nicht zuletzt die Unterstützungsbereitschaft füreinander angeregt“. Nur so können in der Folge Patenschaften, Mentoring-Projekte, haushaltsnahe Dienstleistungen und nachbarschaftliche Betreuungsangebote auf freiwilliger Basis entstehen.

Den Vorteil aus Sicht der Kommune und wie man damit die Attraktivität als Wohn- und Lebensort erhalten und gleich die Nachmittagsbetreuung für die Schulkinder mit organisieren kann, erläutert der Bürgermeister von Löhnberg (4.292 Einwohner) in Mittelhessen, Dr. Frank Schmidt in der Dokumentation 129: Kommunale Impulse generationenübergreifender Arbeit des Deutschen Städte- und Gemeindebundes auf Seite 26:

„Das Mehrgenerationenhaus ist fester Bestandteil unseres Konzeptes einer familienfreundlichen Gemeinde. Im Mehrgenerationenhaus bündeln wir den Großteil der Betreuungsangebote und Teilhabemöglichkeiten für Jung und Alt – vom generationenübergreifenden Mittagstisch bis hin zu den verschiedensten Freizeitaktivitäten. Damit fördern wir auch das Miteinander der Generationen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Viele Seniorinnen und Senioren kommen in das Mehrgenerationenhaus, weil sie hier auch Kinder und Jugendliche treffen. Was früher eine Großfamilie geboten hat, wird heutzutage durch das Mehrgenerationenhaus ermöglicht“.


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Die neue Esskultur

„Foodtrends sind nichts Elitäres, sondern ein Seismograph für den gesellschaftlichen Wandel,“ behauptet die Esskultur-Expertin Hanni Rützler.

Im neuen Foodreport 2016 hat sie in der Gastronomie eine Rückbesinnung auf richtiges Kochen und traditionelle Gerichte wie beispielsweise Kartoffelsuppe, Gulasch und Königsberger Klopse ausgemacht, die jetzt modern interpretiert werden. Als Gegentrend zur Globalisierung und weil sich immer mehr Konsumenten nach Nähe und Authentizität sehnen, gewinnen regionale Lebensmittel weiter an Bedeutung, wovon die bäuerlichen Direktvermarkter und die Regionalinitiativen profitieren können.

„Schneller, billiger mehr“ – das alte Paradigma, nach dem die Foodbranche lange Zeit lebte, scheint also nicht mehr so recht zu funktionieren. Gegen den überall gleichschmeckenden Big Mac hat der Genussrebell Carlo Petrini bereits seit den 1980er Jahren angekämpft. Seine internationale Slowfood-Bewegung setzt sich für guten Geschmack und ursprüngliche Lebensmittel ein und bringt Bauern, Lebensmittelhandwerker, Köche und bewusste Verbraucher an geselligen langen Tafeln zusammen.

Auf heimische Zutaten setzen auch mehr als 50 Naturparkwirte im Schwarzwald. Einer davon ist der Vollblutgastronom Peter Schreck, der das Wirtshaus zur Geroldsauer Mühle betreibt. Die Mühle wurde im August 2015 als echtes Schwarzwaldhaus mit modernen Komponenten nahe bei Baden-Baden direkt der Bundesstraße B500 eröffnet, die jeder Tourist als Schwarzwaldhochstraße kennt. Dieses große „Tor zum Schwarzwald“ kombiniert das Wirtshaus mit Hotel, Eventagentur, Naturparkdauerausstellung und einem Mühlenmarkt, wo rund 85 Erzeuger ihre regionalen und biologischen Lebensmitteln anliefern und die Produkte frisch und handwerklich inszeniert werden.

Daher fällt es dem Wirtshaus mit 250 Sitzplätzen auch nicht schwer, gleich ein ganzes Dutzend regionaler Gerichte auf die Speisekarte zu bringen – vom Geroldsauer Wurstsalat über Maultaschen bis zu Lachsforelle aus dem Badener Oostal. Auch selbst gebrautes Mühlenbier und natürlich badische Weine werden serviert. Durch die räumliche Nähe zum Mühlenmarkt und die aufgebaute Logistikkette können die Pflichtkriterien für die angestrebte „Landschaftspflege mit Messer und Gabel“ recht leicht erfüllt und übertroffen werden. Außerdem führen Wander- und Mountainbikewege in unmittelbarer Nähe vorbei und der große Biergarten mit Spielplatz lädt zum Einkehren ein.

Die Inneneinrichtung mit offenen Kaminen, Kerzenlicht, extravaganten Fotostrecken, weichen Sitzkissen und der strengen Holzarchitektur aus heimischer Weißtanne hat hohe Designqualität und ist ziemlich spektakulär. Das macht darauf aufmerksam, dass Essen heutzutage eben mehr ist als bloße Ernährung. Essen ist Teil des persönlichen Lebensstils geworden und hat mittlerweile die Mode als Individualisierungsstrategie abgelöst – nach dem Motto: „Du bist, was Du isst.“

„Essen ist das neue Pop“ hat Hanni Rützler dieses neuere Phänomen im Foodreport provokant auf den Punkt gebracht.

In der Konsequenz steigen unsere Qualitäts-Ansprüche, was, wann, wo und mit wem wir essen: Wir achten auf Nachhaltigkeit und gesunden Genuss. Wir zelebrieren das Essen, fotografieren es und möchten es entsprechend genießen. Am liebsten gemeinsam im Austausch mit anderen (Gleichgesinnten) und inklusive gutem Service und attraktivem Umfeld. Die großen Vollholztische im Wirtshaus ohne Tischdecke und Schnickschnack sind dafür ideal und greifen das Prinzip der langen Tafeln von Slowfood auf.

Der genussorientierte Lebensstil (Beispiel LOHAS) gehört hier klar zum gastronomischen Heimatflair-Konzept und Peter Schreck konnte dabei sicher von seinen Erfahrungen aus mehreren In-Lokalen wie dem Rizzi profitieren, die er in der Innenstadt von Baden-Baden betriebt. Für Hochzeiten und Tagungen stehen zusätzlich Räume und ein großer Saal in der dritten Etage zur Verfügung und kommen so nicht mit dem Andrang im Wirtshaus und im Biergarten groß in Konflikt. Wer gleich übernachten mag, kann in vier modernen Doppelzimmern und zwei Suiten das unbehandelte Holz und den beruhigenden Holzduft ganz auf sich wirken lassen. Auch eine klimaschonende Anreise ist mit den Buslinien 204 und 245 möglich, die die Haltestelle „Geroldsauer Mühle“ direkt und auch am Wochenende regelmäßig anfahren.


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Der Friedhof der Zukunft

Urnen statt Erdbestattung, Friedhöfe nur für Frauen, Tierfreunde oder Fußballfans. Ebenso wie unsere Gesellschaft befindet sich die Bestattungskultur im Wandel. Denn zum einen häuft sich der Wunsch nach einer weniger aufwendigen und weniger teuren, manchmal sogar anonymen Urnengrabbestattung. Andererseits gibt es das Bestreben, auch über den Tod hinaus als Teil einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppe klar erkennbar zu sein.

Stark im Kommen sind auch Baumbestattungen im Friedwald oder im Ruheforst, was mit der romantischen Sehnsucht nach Wald und Natur sowie dem gestiegenen Umweltbewusstsein erklärt wird. Dabei ruht die Asche des Verstorbenen in biologisch abbaubaren Urnen an den Wurzeln eines Baumes, mitten in einem genehmigten Bestattungswald. Auch spielt das Internet eine immer größere Rolle und sogenannte virtuelle Friedhöfe und digitale Gedenkseiten bieten neue Möglichkeiten zum Trauern und Erinnern. Haben die alten Friedhöfe also ausgedient?

„Die Mobilität ist einer der ganz entscheidenen Faktoren, die unsere Bestattungs- und Friedhofskultur verändert haben und verändern werden. Das Grab kann für viele Menschen nicht mehr der Lebensmittelpunkt sein. Wer hat noch die Segnung, wenn man so sprechen darf, in einem Ort geboren zu sein, dort zu leben und dann dort auch zu streben. Nein, meistens haben irgendwelche mehr oder weniger verrückte, erzwungene, geschenkte Biographien, die uns nicht nur durch das Land, sondern auch durch die Welt führen und es ist dann wirklich immer mehr die Frage: Wo soll denn eigentlich mal mein Grab sein? Und da gewinnen natürlich solche zentralen Orte – das kann eben tatsächlich ein bestimmter Wald sein, der mir sympathisch ist, ein bestimmter Ort, mit dem ich verbunden bin, das kann auch eine soziale Gemeinschaft sein, die mir wichtig ist – wo ich sage: Jawohl, das ist ein Stück Anker, an dem ich mich festhalte. Diese Beweglichkeit, die unser Leben heute prägt, die erlaubt eben nicht mehr die Pflege einer herkömmlichen Friedhofskultur,“ erklärt der Direktor des Museums für Sepulkralkultur in Kassel, Prof. Reiner Sörries auf LexiTV, dem Wissensmagazin des MDR.

Um nicht ins wirtschaftliche Minus zu geraten oder allmählich zu groß zu werden, weil die Urnenbestattungen ja weniger Platz benötigen, müssen die Friedhöfe der Kommunen und der Kirchgemeinden auf die Veränderungen in der Bestattungskultur reagieren und Alternativen zum bisherigen Einzelgrab anbieten.

Das Thema traf auch den Nerv im mittelhessischen Ehringshausen (9.224 Einwohner) bei Wetzlar und war in allen neun Ortsteilen mit insgesamt acht kommunalen Friedhöfen ein wichtiges Anliegen. Im Rahmen des Integrierten kommunalen Entwicklungskonzeptes (IKEK), das wir 2013 erarbeiten durften, wurde der „Friedhof der Zukunft“ in einer eigenen Projektgruppe ausführlich diskutiert und Vorschläge dazu erarbeitet. Die Friedhofsverwaltung hat daraufhin in Abstimmung mit den Ortsbeiräten die Friedhofsatzungen und Lagepläne so angepasst, dass zukünftig alle Bestattungsformen in der Gemeinde angeboten werden können, sofern es die örtlichen Gegebenheiten erlauben. Auch pflegefreie Rasenurnengräber und die neue Form der Baumbestattung sind nun an einzelnen Standorten möglich.

Dabei ging es den Bürgern nicht in erster Linie um die Kosten. Vielmehr machten sie sich Sorgen, dass ihr Grab ungepflegt sein könnte. Im Nachhinein bedauerten auch viele die anonyme Beisetzung. Ihnen fehlte ein zeitgemäßer “Ort des Gedenkens”, wo man inne halten, sich an seine Verstorbenen erinnern und trauern kann. Um die Bedeutung und die Achtung, die solch einer besonderen Stelle entgegen gebracht wird, zu unterstreichen, wurde eine gärtnerische und künstlerische Gestaltung vorgeschlagen, die attraktiv und tröstend ist.

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Die Landlust

Immer mehr Menschen ziehen in die Großstädte und Ballungsgebiete. Vor allem junge Menschen lockt der urbane Lebensstil an. Nicht nur wegen der angeblich besseren Arbeits- und Wirtschaftsbedingungen, sondern auch weil sie in den Metropolen ein ganz bestimmtes Lebensgefühl verwirklichen können. Das 21. Jahrhundert gilt als das Jahrhundert der Städte.

Doch scheint es einen Trend gegen die Stadt zu geben. Unabhängig von ihrer finanziellen Situation oder anderen Rahmenbedingungen würden nämlich 45 Prozent der Deutschen am liebsten in einer ländlichen Gemeinde wohnen, hat die aktuelle Umfrage der Bundesstiftung Baukultur herausgefunden. Und 40 Prozent sind laut einer Allensbach-Umfrage von 2014 der Meinung, dass das Leben auf dem Land lebenswerter sei. Ist das Leben auf dem Land also tatsächlich wieder „in“?

„Ja, diesen Trend gibt es wirklich,“ meint der Kulturgeograph Prof. Werner Bätzing im Interview mit dem Wissenschaftsmagazin Planet Wissen. „Wir haben lange Jahrzehnte die Situation gehabt, dass der ländliche Raum benachteiligt war, dass er als hinterwäldlerisch galt, als abgehängt, praktisch als nicht lebenswert. Und dann setzt ab etwa 1980 eine langsame Trendwende ein, die sich ab dem Jahr 2000 nochmal richtig beschleunigt. Da entsteht die neue Zeitschrift „Landlust“, das erfolgreichste Zeitschriften-Projekt der letzten zehn Jahre und es werden viele andere Zeitschriften mit diesem Thema nachgeschoben – ein Hinweis darauf, dass sich hier eine Trendwende vollzogen hat.“

Das Phänomen der Landzeitschrift und die Sehnsucht nach dem Land wird von der Wissenschaft als Lifestyle-Phänomen interpretiert und als Gegenpol zur Globalisierung der Welt verstanden. Die Lust auf Natur, eine nachhaltige Lebensführung, der Wunsch nach Gemeinschaft und vor allem die Suche nach dem Ideal eines glücklichen und guten Lebens, ausgerichtet an der Verbesserung der eigenen Lebensqualität und der nachfolgenden Generationen sind ausschlaggebende Motive der „Landlust als Lebensstil“, hat Mareike Egnolff in ihrer Dissertation Die Sehnsucht nach dem Ideal – Landlust und Urban Gardening in Deutschland 2015 mittels einer umfangreichen Medienanalyse herausgefunden. Von dieser urbanen Landsehnsucht können bestimmte Sehnsuchtsorte profitieren, wo Städter ihre Ferien verbringen (z.B. Urlaub auf dem Bauernhof) oder einen ständigen Wohnsitz bzw. Zweitwohnsitz erwerben (z.B. alter Bauernhof, Landhaus oder Einfamilienhaus, auch temporär fürs Wochenende oder länger).

Jedoch wird in den Landzeitschriften meist ein romantisches Landleben dargestellt, das auf einer Idealisierung und auf Nostalgie beruht. Dabei geht es hautsächlich um einen Rückzug ins Private, das Brauchtum, die Tradition, die ländliche Natur und das Gärtnern. Moderne Landwirtschaft oder Probleme wie leerstehende Ortskerne kommen hingegen gar nicht vor, weshalb kritische Journalisten vom Spiegel und Co. diesen Heile-Welt-Mythos vielfach als Eskapismus und Flucht in die Idylle aufs Korn genommen haben.

Den eigenen, von den Menschen auf dem Land gelebten, statt nur von den Städtern erträumten Lebensstil, sehen Experten deshalb als wichtigen Impulsgeber, um das Selbstbewusstsein des ländlichen Raumes zu stärken und seine Potentiale zu entfalten. Auf dem Sommerkolloquium der Bayerischen Akademie Ländlicher Raum und der Hanns-Seidel-Stiftung 2014 wurde dieser „Rural Lifestyle“ genannt – Selbsthilfe und Eigeninitiative seien dafür typisch. Wie solch ein (neuer) eigener und attraktiver ländlicher Lebensstil produziert und gestaltet werden kann, zeigt die Künstlerkolonie Fichtelgebirge (KüKo), ein Verein, der als Plattform für Kunst und Kulturschaffende gedacht ist und die Kreativwirtschaft mit Tourismus, Industrie und Regionalentwicklung verknüpft. Sabine Göllner hat die Initiative 2011 mitgegründet, als sie aus Birmingham, der zweitgrößten Stadt Großbritanniens, zurück in ihre Heimat zog. Mittlerweile hat der Verein über 100 Mitglieder, 300 bis 400 Akteure sind über das Netzwerk involviert.

Nachahmenswert ist die QR-Tour Bad Berneck (4.293 Einwohner) und Goldkronach (3.588 Einwohner), ein Tourismus-Pilotprojekt, das von der KüKo 2014 umgesetzt worden ist. Wir haben es uns zwischen den Jahren angesehen und waren begeistert. Dabei begibt man sich auf eine Wanderung, sucht QR-Tour-Schilder und ruft dort erstaunliche, kunstvoll gestaltete Inhalte auf. Stück für Stück sammelt sich der Besucher so ein Reisetagebuch, das er mit nach Hause nehmen kann. Die App beinhaltet über 30 Filme, 900 Fotos (auch von schwer zugänglichen oder leerstehenden Gebäuden) und Hunderte von Texten. Bürger trugen Anekdoten und Geschichten bei.


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Die Wirtshauskultur

Das älteste Wirtshaus der Welt steht natürlich in Bayern, und zwar im Ortsteil Eilsbrunn (1.097 Einwohner) der Gemeinde Sinzing bei Regensburg. Der Rekord bezieht sich auf die durchgehende Öffnung seit anno 1658 und passt schön zum weiß-blauen Klischee, wo der Wirt selbstverständlich zu jedem Dorf gehört wie Maibaum und Kirche.

Doch die Zahl der Gaststätten geht zurück und in jeder vierten bayerischen Gemeinde gibt es gar kein Wirtshaus mehr, hat eine Studie der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt zum Wandel der Wirtshauskultur aus dem Jahr 2013 herausgefunden. Besonders traurig sieht die Lage in einzelnen Ortsteilen aus, die statistisch aber nicht erfasst werden. Mit dem Wirtshaus geht oftmals auch der soziale Treffpunkt im Dorf und ein Stück Kultur und Tradition verloren: „Wo die Wirtschaft stirbt, stirbt der Ort“, bringt ein Gesprächspartner in der Studie das radikal auf den Punkt. Als Gründe für das Wirtshaussterben auf dem Land werden u.a. der demographische Wandel, ein verändertes Konsumverhalten, immer strengere Auflagen sowie unfaire Konkurrenz durch Dorfgemeinschaftshäuser und Vereinsheime aufgezählt. Wie sieht man das im Gastgewerbe?

„Das Gasthaussterben, das vielerorts in den Dörfern beobachtet wird, ist ein Indiz für Stillstand“; erklärt der Gastroberater Pierre Nierhaus im Magazin chefs! Nr. 10/2013. „Statt zu versuchen, die Umsätze zu erhöhen, sparen sich die Betreiber zu Tode und investieren nicht mehr. Die Folge: Ihre Betriebe veralten, haben oft keine gute Küche mehr und finden in der Folge auch keine guten Mitarbeiter mehr. Zudem haben sie den Generationswechsel nicht gemeistert. Sohn oder Tochter wurde nicht ausreichend und verständlich genug vermittelt, dass auch Traditionsgastronomie auf dem Land hip und zukunftsorientiert sein kann. In einer solchen Lage kann externe Beratung helfen, doch manchmal ist es schlichtweg zu spät.“

Dann müssen eben die Bürger ran und gemeinsam mit der Gemeindeverwaltung und den örtlichen Vereinen gegen das Wirtshaussterben kämpfen. Dafür bietet sich die Gründung einer Genossenschaft an, die ein starkes Wir-Gefühl schaffen kann, um für die Sanierung und den späteren Betrieb ausreichend Finanzmittel, freiwillige Helfer und Nutzer/Gäste zu gewinnen. Ein Dorf wird Wirt heisst passend das Projekt im Ortsteil Altenau (rund 600 Einwohner) der Gemeinde Saulgrub im Landkreis Garmisch-Partenkirchen. Der 2014 neu eröffnete Altenauer Dorfwirt wurde sogar vom Bayerischen Fernsehen während der Umsetzung begleitet. Deutschlands erstes genossenschaftlich betriebene Dorfgasthaus ist das Bolando in Bollschweil (2.221 Einwohner) bei Freiburg, wo das alte Ratsschreiberhaus saniert, umgebaut und 2010 als Gast- und Kulturveranstaltungsstätte eröffnet werden konnte. 2013 folgte das Rößle im Ortsteil Geschwend (409 Einwohner) der Gemeinde Todtnau im Südschwarzwald und 2014 die DorfWirtschaft Asten im gleichnamigen Stadtteil (ca. 550 Einwohner) der Salzachstadt Tittmoning. Spannend klingt auch der Ansatz in der neuen LEADER-Region Landkreis Fürth, wo wir über ein Qualitäts-Label „Fränkische Wirtshauskultur“ diskutiert haben, mit dem bestimmte Gaststätten unterstützt und die Einheimischen Mitverantwortung für ihre Wirtshauskultur im Ort tragen.

Die genannten Beispiele können dabei von der heutigen Sehnsucht der Menschen nach Regionalität, nach Einfachheit, nach Tradition und Heimat profitieren, die der oben zitierte Berater angesichts einer unüberschaubar gewordenen Vielzahl an Gastro-Konzepten als Erfolgsprinzipien für die Traditionsgastronomie ohne Kitsch definiert und in einem neuen Fachbuch Traditionsreich mit Gasthof, Wirtshaus und Kneipe beschreibt. Die wichtigste Grundregel ist für Nierhaus jedoch die Glaubwürdigkeit, egal ob man einen alten Betrieb fortführe oder ein neues Traditionslokal eröffne: „Die Story muss stimmig sein, alles muss zusammen passen. Was ist die Geschichte? Wofür steht das Lokal? Was will ich vermitteln?“ lauten seine wichtigen Fragen, um auch auf dem Land gastronomischen Erfolg zu haben.

Die gesunde Gemeinde

Unser Verständnis von Gesundheit hat sich in der letzten Zeit deutlich verändert. Während früher alles, was gesund war, keinen Spaß machte, nicht schmeckte und Opfer verlangte, gilt Gesundheit heute als erstrebenswert und ist Ausdruck der modernen Lebensqualität, wie Prof. Ilona Kickbusch in ihrem neu aufgelegten Buch Die Gesundheitsgellschaft erläutert. Sie war 1986 in der kanadischen Bundeshauptstadt dabei, als die Ottawa-Charta ein neues aktives Gesundheitsverständnis formulierte:

„Gesundheitsförderung zielt auf einen Prozess, allen Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung über ihre Gesundheit zu ermöglichen und sie damit zur Stärkung ihrer Gesundheit zu befähigen.“

Im Mittelpunkt steht dabei die Strategie, gezielt bestimmte Lebenswelten und -bereiche wie etwa Wohnungen, Betriebe, Schulen, Kindergärten oder Gemeinden gesundheitsförderlicher zu gestalten:

„Gesundheit wird von Menschen in ihrer alltäglichen Umwelt geschaffen und gelebt: dort, wo sie spielen, lernen, arbeiten und lieben. Gesundheit entsteht dadurch, dass man sich um sich selbst und für andere sorgt, dass man in die Lage versetzt ist, selber Entscheidungen zu fällen und eine Kontrolle über die eigenen Lebensumstände auszuüben sowie dadurch, dass die Gesellschaft, in der man lebt, Bedingungen herstellt, die all ihren Bürgern Gesundheit ermöglichen.“ Zitiert aus der immer noch lesenswerten WHO-autorisierten Übersetzung.

Um diese Empfehlungen umzusetzen, gründeten 1989 neun Großstädte und ein Kreis das deutsche Gesunde Städte-Netzwerk. Doch die kleinen Gemeinden waren schneller, wo das Thema eigentlich auch besser passt und eine gute Profilierungsmöglichkeit darstellt. Bereits zwei Jahre früher entstand nämlich in der Steiermark mit den vier Gesunden Dörfern Anger, Gröbming, Markt Hartmannsdorf und Mureck der Vorläufer des österreichischen Netzwerks Gesunde Gemeinde, dem sich mittlerweile viele Orte angeschlossen haben. Gesunde Gemeinden unterstützen und stärken das Gesundheitsbewusstsein ihrer Bevölkerung und bemühen sich um die Schaffung gesundheitsfördernder Lebensbedingungen in ihrer Kommune. Nach einem Beschluss im Gemeinderat werden Arbeitskreise gebildet, die sich mit der Planung und Durchführung gesundheitsfördernder Aktivitäten befassen, wie z.B. Vorträge, Kurse, Projekte, Aktionstage, Stammtische in den Bereichen Ernährung, Bewegung, mentales Gesundsein, Vorsorge/Medizin und Umwelt/Natur.

Von den Österreichern ließ sich die Gemeinde Frankenheim (1.134 Einwohner) in der Thüringer Rhön infizieren. Durch eine Exkursion ins oberösterreichische Steinbach an der Steyr im Jahr 2003 war plötzlich alles ganz anders: Statt einem teurem Hallenbad wurde das erste gesunde Dorf Thüringens ins Leben gerufen, das wir im Rahmen eines Regionalen Entwicklungskonzeptes begleiten durften. Ein großer Kräutergarten, ein Kneipp-Kindergarten mit gesunder Mittagsverpflegung, ein Panorama-Barfußpfad, eine Gesundheitswoche, eine Gesundheitsscheune und ein Fitnessraum beim örtlichen Holztechnikbetrieb sind so entstanden.

Angesichts des demographischen Wandels und des drohenden Ärtzemangels sind regionale Versorgungsnetze ein immer wichtiger werdendes Thema im Sinne der Daseinsfürsorge. Um regional eine größere Verantwortung für das Gesundheitswesen wahrzunehmen und die Handlungsmöglichkeiten zu erweitern, wurden in Deutschland Gesundheitskonferenzen bzw. Runde Tische entwickelt. Derzeit bestehen 130 Gesundheitskonferenzen für rund ein Drittel der Kreise und kreisfreien Städte in 13 Bundesländern. In Bayern liegt ab 2015 der Schwerpunkt auf dem Konzept Gesundheitsregionenplus, womit ausgewählte Landkreise und kreisfreie Städte finanziell unterstützt werden.


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Die neuen Vereine

Der Verein ist die wichtigste Organisationsform des bürgerschaftlichen Engagements. Nach Erhebungen des Freiwilligensurveys finden insgesamt 46 Prozent aller freiwilligen Tätigkeiten in Vereinen statt. Erst mit weitem Abstand folgen Kirchen und religiöse Gemeinschaften, Gruppen und Initiativen, die keine formelle Rechtsform aufweisen, staatliche oder kommunale Einrichtungen sowie Verbände, Parteien, Gewerkschaften und Stiftungen.

Aktuell gibt es in Deutschland etwa 600.000 Vereine. Die meisten sind rein ehrenamtlich organisiert und vor Ort aktiv, wie die ZiviZ-Survey, eine aktuelle Studie zum Projekt Zivilgesellschaft in Zahlen  herausgefunden hat. Und die Zahl der Vereine wächst ständig: Seit der Wiedervereinigung hat sie sich in etwa verdoppelt, seit 1960 versiebenfacht. Allein zwischen 2001 und 2012 wurden 35.000 neue Vereine gegründet.

Doch gerade die neueren Vereine verstehen sich eher als Dienstleister und haben nichts mehr mit dröger Traditionspflege zu tun, hat Alina Mahnken von der Bertelsmann Stiftung beobachtet: Vom Stammtisch grauer Herren zur coolen Bewegung bezeichnet sie diese Entwicklung. Denn viele wollen etwas bewegen und richten ihre Aktivitäten verstärkt nach außen: Studenten mobilisieren ihre Kollegen an der Uni für Knochenmarkspenden. Andere gestalten Aufklärungskampagnen gegen Tabakkonsum. Aktive Senioren unterstützen junge Menschen beim Finden eines Ausbildungsplatzes. Kinder lernen in einem umgebauten Doppeldeckerbus alles über gesundes Essen.

Diese gesellschaftlichen Veränderungen schlagen sich auch in der Vereinsarbeit im ländlichen Raum nieder:

„War es früher noch eine Pflicht und Ehre, eine Vorstandsposition zu übernehmen, so spielen diese Werte heute keine so große Rolle mehr. Die Menschen überlegen sehr genau, was sie zu leisten bereit sind, was ihre privaten und persönlichen Bedürfnisse sind, und ob dies mit solchen ehrenamtlichen Funktionen vereinbar ist. Insofern ist auch auf dem Land feststellbar, was sich im städtischen Bereich schon länger beobachten lässt: Die Menschen sind nicht mehr ihr ganzes Leben einem Verein treu, ihre Freizeit gestalten sie flexibel. Gleichwohl sind die Bindungskräfte im Dorf immer noch ein wichtiger Grund dafür, sich im örtlichen Verein zu engagieren.

Die Vereine dürfen jedoch nicht nur auf diese Karte setzen. Sie dürfen nicht glauben, dass jeder, der am Ort wohnt, auch aktiv ins Vereinsleben einsteigt oder die Mitwirkung über familiäre Traditionen vererbt wird. Wenn Vereine neue Wege beschreiten und dabei auch von öffentlicher Seite die bestmögliche Unterstützung in Form von Beratung, Fortbildung und Begleitung bekämen, wäre schon viel gewonnen“, sagt Walter Dreßbach, der Leiter der Ehrenamtsagentur des Main-Kinzig-Kreises und Erfinder der Ehrenamtssuchmaschine des Landes Hessen in der kürzlich erschienenen Handreichung für Vereinsvorstände Perspektiven entwicklen – Veränderungen gestalten der Stiftung Mitarbeit auf Seite 143.

Wenn Vereine neue Wege in der Vereinskultur gehen wollen, können Freiwilligenagenturen, Mehrgenerationenhäuser, Seniorenbüros und Stabstellen der Kommunen oder Kreise wertvolle Unterstützung geben. Mittlerweile gibt es auch eine Vielzahl an Publikationen zu diesem Thema. Die oben zitierte Handreichung enthält nützliche Anregungen, wie man Nachfolger findet oder die wachsende Aufgabenfülle beim Vorstand in den Griff kriegt. Außerdem vier Checklisten im Anhang, mit denen sich ein Verein hinsichtlich der Aktualität seiner Botschaften, seinem Selbstverständnis und seiner Leistungen für Mitglieder und Außenstehende selber befragen kann.

Zukunftspotential steckt auch in einer aktiven Öffnung für Jugendliche, Frauen, Migranten oder Menschen aus anderen Milieus. Mehr Wirkung können neue Kooperationen und Partnerschaften mit anderen Vereinen, der Kommune, Schulen, gemeinnützigen Organisationen oder Unternehmen (Marktplatz Gute Geschäfte) bringen. Heutzutage ist auch der strategische Einsatz von Internet, Social Media und anderen digitalen Werkzeugen wichtig, um die Arbeitsorganisation zu erleichtern, die Kommunikation und die Beziehungen zu pflegen und neue Teammitglieder zu gewinnen.


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Der neue Luxus

Immer gehetzt, zu spät, keine Zeit – wer kennt das nicht. Zeitforscher fordern deshalb eine selbstbestimmte Einteilung von Zeit. Sie haben dafür den schönen Begriff Zeitwohlstand erdacht, um deutlich zu machen, dass Wohlstand und Lebensqualität heutzutage nicht mehr nur von materiellen Dingen abhängen: Zeitautonomie ist der neue Luxus. Das belegt auch eine aktuelle deutsche Glücksstudie: 64 Prozent der Erwachsenen sagen, das wich­tigste Element der Selbstbestimmung sei für sie, selbst über ihre Zeit entscheiden zu können.

Klar geht es auf dem Dorf meist langsamer zu als in der Großstadt und viele Tourismusvereine werben ja gerade mit der Entschleunigung. Doch:

„Schnell ist nicht immer besser, auch langsamer ist nicht immer besser, sondern es geht um angemessene Geschwindigkeit“, erläutert Prof. Lucia A. Reisch von der Copenhagen Business School auf DRadio Wissen Hörsaal.

In ihrer 2014 erschienen Studie für das Bundesumweltamt „Zeit für Nachhaltigkeit – Zeiten der Transformation: Elemente einer Zeitpolitik für die gesellschaftliche Transformation zu nachhaltigeren Lebensstilen“ hat sie Zeit als neue Dimension der Nachhaltigkeit untersucht.

Zeit ist nicht nur eine knappe und kostbare Ressource, sie bildet auch den Rahmen für Veränderungen: Jede Gemeinderatssitzung und jeder Dorfentwicklungsprozess braucht eben eine bestimmte Menge an Zeit, was ziemlich banal klingt. Doch die Frage nach dem richtigen Maß dieses Zeitrahmens birgt ordentlich Zündstoff: Wie schnell muss oder darf ein Beschluss gefasst werden? Wie schnell sollte man auf den Klimawandel reagieren? Wie schnell sollte technischer Fortschritt sein? Die Wissenschaftlerin hat mit ihrer Studie ein bislang wenig beachtetes Forschungsfeld beleuchtet, bei der Kommunen wichtige Akteure sind: Die lokale Zeitpolitik als Nachhaltigkeitspolitik.

Die Wurzeln der lokalen Zeitpolitik liegen in Italien, wo in den 1980er Jahren der Ansatz Zeiten der Stadt entwickelt wurde, um mehr individuelle zeitliche Gestaltungsmöglichkeiten der Bevölkerung im Alltag zu ermöglichen. Auf kommunaler Ebene geht es beispielsweise um die Abstimmung und Koordination der Öffnungszeiten von Behörden, Geschäften, Dienstleistern und Verkehrsbetrieben. Oder um die Synchronisation von Arbeits- und Kinderbetreuungszeiten wie in Steinbach am Wald (3.196 Einwohner) im nördlichen Oberfranken, wo ein großer Glashersteller seinen Sitz hat. Für die Kindergartenkinder wurde deshalb eine flexible Betreuung von 6 bis 22 Uhr und für die Schüler eine umfangreiche, verlässliche Nachmittagsbetreuung organisiert. Auch zeitliche Freiräume zum Selbermachen und zur Gemeinschaftsnutzung wie offene Werkstätten, Reparatur-Cafés und FabLabs sind ein Ansatz.

Die lebenswerten Städte mit Zeitbewusstsein haben sich zu der internationalen Vereinigung Cittaslow zusammengeschlossen, auch Slow City genannt. Sie knüpft an Slowfood an und wurde bereits 1999 in Orvieto, Italien, gegründet. Weltweit gibt es 176 Mitgliedsstädte in 27 Ländern, zwölf davon in Deutschland. In Bayern gehören Bischofsheim an der Rhön (4.755 Einwohner), Berching (8.472 Einwohner), Hersbruck (12.095 Einwohner), Nördlingen (19.419 Einwohner) und Wirsberg (1.819 Einwohner) dazu. Slow City ist umfassender Ansatz für hohe Lebensqualität, der insbesondere für Kleinstädte im ländlichen Raum interessant ist, wie das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung 2013 herausgefunden hat.


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Das intelligente Netz

Bei der Stromerzeugung denkt man meist an die großen Konzerne. Doch bei der umweltfreundlichen Stromproduktion ist das falsch. Denn fast jede zweite Kilowattstunde Ökostrom kommt aus Anlagen, die Bürgern gehören. Das hat die Studie Definition und Marktanalyse von Bürgerenergie in Deutschland für das Jahr 2012 ermittelt. Damit sind Photovoltaik-, Wind- und Biogasanlagen von Privatpersonen, Land- und Forstwirten (Einzel- und Personenunternehmen plus kleinere Kapitalgesellschaften wie z.B. Agrargenossenschaften) und Energiegenossenschaften (mindestes 50 Prozent der Stimmrechte halten Bürger, die in der Region ansässig sind) gemeint, sowie im weiteren Sinne Bürgerbeteiligungen an Betreibergesellschaften von Erneuerbare-Energien-Anlagen (überregionale Investitionen und Minderheitsbeteiligungen von Bürgern). Im selben Jahr kam die Bürgerenergie auf insgesamt 56.129 Gigawattstunden. Das ist viermal mehr als der Beitrag der Energieversorger und immerhin über 10 Prozent des gesamten Stromverbrauchs in Deutschland.

Weil nun der Strom durch eine Vielzahl von Energieproduzenten dezentral eingespeist wird, müssen die konventionellen Stromnetze umgebaut werden. Den Paradigmenwechsel, der durch das neue Ökostrom-Zeitalter entsteht, erklärt Prof. Helmuth Biechl von der Hochschule Kempten:

„Das Konzept war Großkraftwerke und dann über verschiedene Spannungsebenen die Energie bis zum Endverbraucher leiten. Durch den hohen Anteil an regenerativer Energie wird sich das Spiel umdrehen. Dann gibt es nicht nur Verbraucher, sondern sogenannte Prosumer: Das sind Verbraucher, die gleichzeitig Erzeuger sind. Viele haben die Photovoltaikanlage auf ihrem Dach und erzeugen jetzt unter Umständen mehr als sie selbst brauchen. Dadurch wird der Energiefluss in die umgekehrte Richtung gehen und es gibt plötzlich Probleme mit der Spannung. Und die Frage nach den Dienstleistungen, den Spannungs- und Frequenzregelungen taucht auf: Wer macht das eigentlich, wenn die Großkraftwerke nicht da sind?“ (sinngemäß zitiert nach Allgäu TV)

Wie das in Zukunft gemacht werden kann, testet der Professor zusammen mit der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen und der Siemens AG im „Dorf der Stromverrückten“ im Oberallgäu. So wird die selbstständige Gemeinde Wilpoldsried (2.512 Einwohner) liebevoll genannt, wo Bürgermeister Arno Zengerle bereits 1996 die Energiewende ausrief und mittlerweile mehr als das Fünffache des Eigenbedarfs an Strom mit regenerativen Energien erzeugt wird. Für das 2014 gestartete Folgeprojekt Integration Regenerativer Energie und Elektromobilität (IREN2) wurde ein intelligentes Stromnetz aufgebaut, der Techniker spricht dabei von einem „Smart Grid“: 200 kleine schwarze Kästen wurden dazu über das Dorf verteilt. Permanent funken diese „Smart Meter“ Erzeugungs- und Verbrauchsdaten an die Zentrale der Allgäuer Überlandwerke in Kempten, damit der Strom immer genau dort verfügbar gemacht wird, wo er gebraucht wird. Wenn Wind und Sonne mehr Strom liefern, werden die Batterien von 32 Elektroautos nachgeladen und entlasten so das Netz. Zusätzlich senkt der neu installierte Ortsnetztrafo die überhöhte Spannung ab und ein Lithium-Ionen-Speicher bewahrt den überschüssigen Solarstrom für die Abendstunden auf.

Das Beispiel Wilpoldsried macht deutlich, dass bei der Entwicklung einer umweltschonenden, zuverlässigen und bezahlbaren Energieversorgung der Informations- und Kommunikationstechnologie eine Schlüsselrolle zukommt. Doch die Vernetzung wird noch weiter geben. Über das Internet der Dinge wird eines Tages alles und jeder miteinander verbunden – das Energienetz verschmilzt dann mit unserem Kommunikationsinternet und dem Transport- und Logistik-Netz zu einem Super-Netz: Der Kühlschrank, der eigenständig Milch und Butter nachkauft. Die Waschmaschine, die genau dann wäscht, wenn der Strom gerade günstig ist. Der Randstein des Bürgersteigs, der mit dem parkplatzsuchenden Auto kommuniziert.

Schon heute leben wir in einer komplexen Welt. Durch die technologische Vernetzung und auch um sich neu zu organisieren, sind neue Formen von Gemeinschaften, Kooperationen und Netzwerke entstanden, die für den ländlichen Raum eine wichtige Rolle spielen. Dazu gehören die neuen Energiegenossenschaften, aber auch Dorftreffs, Dorfläden, Tauschringe, Nachbarschaftsnetze, Mehrgenerationenhäuser, Essbare Gemeinden, Car-Sharing, Coworking-Space, LEADER und die interkommunale Zusammenarbeit. Der US-amerikanische Vordenker Jeremy Rifkin hat in seinem jüngsten Buch „Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft“ den Niedergang des Kapitalismus und den Beginn einer sozialen Gemeinschaft verkündet: Im zukünftigen Internet der Dinge dominiere die Sharing Economy, eine Wirtschaft des Teilens in sogenannten „kollaborativen Commons“: Gemeinschaften, die sich bestimmte Güter gemeinschaftlich teilen, wie zum Beispiel grünen Strom.


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Das kreative Zentrum

Durch die voranschreitende digitale Vernetzung der ländlichen Räume und die steigenden Mieten in den Großstädten ergeben sich Chancen, kreative Menschen anzulocken und ein kreatives Zentrum im Dorf einzurichten.

Zwar hinkt Deutschland beim Breitbandausbau noch hinterher und das Internet tropft in vielen Regionen mit nicht mal zwei Megabit pro Sekunde aus der Leitung. Durch den LTE-Nachfolgestandard 5G könnte sich das aber bald erledigt haben. Seine Einführung ist für 2020 geplant. Bereits diese Woche werden Mobilfunkfrequenzen versteigert, mit denen das schnelle Internet auch in ländlichen Gebieten ausgebaut wird. Später können diese 700-Megahertz-Frequenzen dann vom 5G-Standard genutzt werden.

Die Kultur- und Kreativwirtschaft ist in den letzten Jahren zum Hoffnungsträger für die moderne Stadtplanung geworden. Der britische Stadtforscher Charles Landry und der US-amerikanische Ökonom Richard Florida prägten dafür den Begriff der „Kreativen Klasse“: Männer und Frauen aus kreativen Berufen bestimmen unsere neue Wissensgesellschaft. Ihre Ideen, Inhalte, Konzepte und kreativen Lösungen beeinflussen das wirtschaftliche Wachstum. Daher bemühen sich immer mehr Städte, kreative Talente auszubilden und anzuziehen. Kreativität wird zum Standortfaktor.

„Das Klischee des hornbebrillten Designers, der auf den Straßen Berlins hängt, einen dampfenden Pappbecher in der Hand, einem oder zwei Smartphones am Ohr, unverständliches Halbenglisch faselnd, gehetzt auf dem Weg zum nächsten Thinktank, zeigt in die falsche Richtung“,

betonen hingegen Sylvia Hustedt und Johannes Tomm in ihrem Handbuch zum Modellprojekt Ideenlotsen Metropole Nordwest 2012-2013, einem norddeutschen Kooperationsraum mit Bremen und Teilen Niedersachsens. Denn in der wirklichen Welt findet Kultur- und Kreativwirtschaft auch außerhalb der urbanen Ballungsräume statt –  man muss im ländlichen Raum einfach nur genauer hinsehen.

Gerade auf dem Land benötigen Kultur- und Kreativschaffende Vernetzung und Sichtbarmachung, teilweise auch Unterstützung bei der Schärfung ihres Geschäftsmodells (Unterschied zwischen Auftrags- und Produzentenlogik: Bei der ersten wartetet der Kreativunternehmer auf Anrufe – bei der zweiten erschafft er ein einzigartiges Angebot, macht auf sich aufmerksam und nimmt so seine Arbeit in die eigene Hand).

Anderseits sind Künstler und Kreative ein Image- und Wirtschaftsfaktor. Sie können neue Impulse für Projekte geben, Kultur und Kreativdienstleistungen für die Gemeinden schaffen, alte Gebäude und Scheunen wieder mit Leben füllen und den Tourismus aufwerten. Beispielsweise in der Eifel, wo der Boom der Regionalkrimis für neues Selbstbewusstsein in Deutschlands Krimi-Landschaft Nr. 1 sorgte. Oder im Landkreis Pfaffenhofen an der Ilm, wo aufgrund der Nähe zu München und den dortigen TV-Sendern und Filmstudios ein Filmbüro zur Vermittlung der Locations eingerichtet wird.

Das 2012 in Österreich entstandene Projekt Zukunftsorte hat sich zum Ziel gesetzt, den Austausch zwischen Kreativunternehmen und ländlichen Gemeinden voran zu treiben. Eine der aktuell neun beteiligten innovativen Gemeinden ist Strengberg (1.993 Einwohner) im Mostviertel in Niederösterreich. Im dortigen denkmalgeschützten Gemeindeamt sind im April 2014 in zuvor leer stehenden Räumlichkeiten die PostSudios als erster ländlicher Coworking Space eingerichtet worden. Co-Working ist eine neue Form gemeinschaftlichen Arbeitens, bei der sich Kreative, Freiberufler, Startups und kleine Firmen einen gemeinsamen Arbeitsplatz teilen. Die Vorteile liegen in der Flexibilität, der finanziellen Entlastung und dem produktiven Austausch untereinander. Coworking Spaces haben daher die Funktion eines kreativen Zentrums (kreative Location), das der oben erwähnte Richard Florida ebenso wie Cafés und öffentliche Räume zu den immer wichtiger werdenden „dritten Orten“ zählt – neben dem privaten Raum (erster Ort) und dem Arbeitsort (zweiter Ort). Die Gesamtmiete pro Büroarbeitsplatz beträgt in den PostStudios 190 Euro pro Monat. Sieben feste und zwei temporäre Arbeitsplätze inklusive Multimedia- und Besprechungsraum stehen zur Verfügung.

Nachahmenswert wäre auch das sogenannte Kommunalkonsulat, das die österreichischen Zukunftsorte im Juni 2014 als ständige Vertretung in der Bundeshauptstadt Wien eingerichtet haben. Das Kommunalkonsulat fungiert als Austausch- und Vernetzungsstelle, gibt Impulse für zukunftsfähige Gemeindeentwicklung und hält Kontakt zu „Ausheimischen“, die für Ausbildung oder Beruf nach Wien gezogen sind.


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Das Landrad

Radfahren liegt voll im Trend und der alte Drahtesel entwickelt sich immer mehr zum stylischen Statussymbol.

Großes Potential für die nachhaltige Mobilität haben die Elektro-Räder, sogenannte Pedelecs bis maximal 25 km/h – ganz besonders auf dem Land, wo die Abhängigkeit vom Auto groß ist und die öffentlichen Verkehrsverbindungen an ihre Grenzen stoßen.

In Deutschland sind mehr als 1,5 Millionen Pedelecs unterwegs (Zweirad-Industrie-Verband 2014), Tendenz weiter stark steigend. Dank komfortabler Motorunterstützung lassen sich natürliche Hindernisse wie Höhenunterschiede oder Gegenwind leichter bewältigen. Viele Urlauber und Freizeitradler entdecken so nicht nur flache oder leicht hügelige Landschaften, etwa in der Nähe von Flüssen, Seen und entlang alter Bahntrassen, sondern auch die Mittel- und Hochgebirge. Der E-Bike-Tourismus boomt.

Zudem sind Pedelecs als Pendlerfahrzeug interessant, weil man nicht verschwitzt im Job ankommt und sie können helfen, die Alltagsmobilität auf dem Land deutlich zu verbessern. Das hat ein Projekt im österreichischen Vorarlberg mit dem schönen Titel LANDRAD (auch in Abgrenzung zur bereits bekannten touristischen und Freizeitnutzung der Pedelecs) bereits 2010 mit 500 Testpersonen herausgefunden. 35 Prozent der Autofahrten konnten durch das Landrad ersetzt werden. Dabei wurden die E-Fahrräder vor allem für kürzere Strecken bis zu zehn Kilometern genutzt, etwa für Ausbildungs- und Arbeitswege, zum Einkaufen oder für sonstige Erledigungen.

Erkennbar wird auch ein aktueller Mobilitätswandel, der durch vielfältige Lebenstile (Individualisierung) und die Digitalisierung (im mobilen Internet Wege und Verkehrsmittel planen und vergleichen) geprägt ist: Das jeweils passende Verkehrsmittel wird pragmatisch gewählt und das Auto ist kein Statussymbol mehr. Neue Möglichkeiten und andere Prioritäten rücken in den Vordergrund.

Kluge Verkehrssysteme sind deshalb intelligent kombiniert und flexibel. Sie splitten die Linien und machen sie „intermodal“, was Prof. Udo Onnen-Weber von Hochschule Wismar anhand seines Forschungsprojektes INMOD – elektromobil auf dem Land wie folgt erklärte (auf elektromobilitätonline.de):

„Die sogenannte erste Meile kann ein Fahrrad oder – wie bei inmod – ein Elektrofahrrad sein, der Bus fährt nur auf den Hauptstraßen die kürzeste Strecke von Start zu Ziel und die letzte Meile ist dann wieder ein niedrigschwelliges Verkehrsmittel – in den Städten kann das ein Fahrradverleihsystem sein, auf dem Lande – wie bei inmod – wieder ein Elektrofahrrad“.

Inmod wurde 2012 bis 2014 in vier ländlichen Teilen Mecklenburg-Vorpommerns getestet. Die Strecken wurden so eingerichtet, dass die Fahrgäste höchstens zehn Minuten mit dem Elektrofahrrad zurücklegen müssen, um eine Haltestelle der Expressbuslinien (Elektro- bzw. Hybridbusse) zu erreichen. 370 Elektrofahrräder kommen zum Einsatz, die in speziellen Radboxen mit Ladestation in den Wohngebieten bereitstehen. Der Feldversuch endete Ende 2014. Von den drei Buslinien fahren jetzt noch zwei, allerdings eingeschränkt bzw. mit verringerter Taktung.


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Die Bürgerkommune

„Wenn Sie mir 1993 prophezeit hätten, dass im Jahr 2008 der Gemeinderat einer ländlich geprägten oberbayrischen Gemeinde mit 3500 Einwohnern einstimmig beschließt, den Bürgerinnen und Bürgern auf allen Handlungsfeldern nicht nur Mitsprache- sondern Mitgestaltungsrechte einzuräumen, hätte ich Ihnen das nicht geglaubt. Wenn Sie dazu noch vorausgesehen hätten, dass es dafür Budgets im Gemeindehaushalt gibt und eine Teilzeitstelle und die Übernahme der Kosten für professionelle Begleiter für die Arbeitskreise, hätte ich Sie wahrscheinlich für einen Utopisten gehalten“ (aus „Nicht ohne meine Bürger“, unter sdl-inform.de).

So hat Michael Pelzer, vormals erster Bürgermeister von Weyarn, das direkt an der A 8 zwischen München und Salzburg liegt, damals auf die Frage eines Journalisten geantwortet und damit den 15 Jahre dauernden Weg seiner Bürgerkommune anschaulich beschrieben.

Heute ist längst alles in einer „Mitmach-Satzung“ festgeschrieben, die noch immer sehr lesenswert ist. Ihre Elemente wie umfassende Information aller, autonome Gründung der Arbeitskreise, Budgetrecht der Arbeitskreise, Wahl eines Sprechers als Ansprechpartner, Protokollpflicht, Festlegung der Zielsetzung zur Vermeidung von Doppelarbeit, Einrichtung eines Steuerungsgremiums und einer Koordinierungsstelle sind gut durchdacht und ähneln in Teilen beispielsweise dem Bottom-up-Ansatz von LEADER. In Weyarn konnte so ein „Zwei-Säulen-Entscheidungsprinzip“ entstehen, das die herkömmliche Entscheidungsfindung im Gemeinderat ergänzt und dafür sorgt, dass Politik, Verwaltung und Bürger auf allen kommunalen Handlungsfeldern zusammenarbeiten.

Auch anderswo gewinnt Bürgerbeteiligung immer mehr an Bedeutung, die ihren Ursprung in den Zukunftswerkstätten (Robert Jungk, 1960er Jahre) und Bürgergutachten (Peter C. Dienel 1970er Jahre) hat. Mittlerweile ist sie zum festen Bestandteil der Dorf- und Regionalentwicklung geworden und auch in vielen Förderprogrammen Voraussetzung.

In Weyarn wurde das auf lange Zeit und verlässlich festgelegt, was in unserer individualisierten Gesellschaft besonders wichtig ist: Denn viele wollen heutzutage verstärkt mitreden und auch mitgestalten, ohne sich jedoch dauerhaft binden zu müssen. Dieses weit verbreitete Verhaltensmuster bekommen neben Politik und Verwaltung auch Bürgerinitiativen, Vereine und Verbände zu spüren. Gute Beteiligungsverfahren setzen deshalb auf individuelle Kommunikationsstrategien (Wie erreiche ich Jugendliche oder die nur wenig Zeit haben?), auf einen konkreten und überschaubaren Beteiligungszweck sowie auf neue und bewährte Formate (Open Space und World­Café sowie Runde Tische, Werkstätten, Workshops und Ideenwettbewerbe).

Das neue Bewusstsein für Mitsprache und Mitgestaltung hängt auch mit unserer Wissensgesellschaft zusammen. Denn um den aktuellen Anforderungen gerecht zu werden, muss man eben lokal verankertes Wissen, Können und Erfahrungen aus der Bürgerschaft einbeziehen und das kreative Potential vieler nutzen.


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Die essbare Gemeinde

Ob auf den Brachflächen des ehemaligen Berliner Flughafens Tempelhof oder auf den Dächern der New Yorker Wolkenkratzer. In den Städten boomt Urban Gardening: Die neue Lust am Eigenanbau von Gemüse und Obst sowie an nachbarschaftlichen Begegnungen im Grünen.

Angesichts einer komplizierter werdender Welt und ständig neuer Lebensmittelskandale steckt dahinter der Wunsch, sich neu zu erden und selbst zu versorgen. Auch ökologische und künstlerische Anliegen spielen eine Rolle, um aus vernachlässigten Orten wieder Gegenden zu machen, wo sich Menschen begegnen. Für die Städte ist Urban Gardening deshalb eine wichtige Strategie, um das Stadtbild und das Leben in der Stadt zu verbessern.

Kann das Konzept auch im Dorf funktionieren? Eigentlich nicht – sollte man meinen -, denn im Dorf haben die meisten ihren eigenen Garten gleich vor der Haustür. Trotzdem kann es auch in ländlichen Gemeinden sinnvoll sein, brach liegende Flächen für ein Gemeinschaftsgartenprojekt zu nutzen. Oder mit Hochbeeten eine Brücke zwischen altem Dorf und Neubaugebiet zu schlagen.

In Österreich ist Anfang 2013 die erste essbare Gemeinde Österreichs in Übelbach (1.982 Einwohner) nördlich von Graz ausgerufen worden. Im Rahmen der Umgestaltung des Spielplatzes wurde ein essbarer Spielplatz als Treffpunkt für Jung und Alt eingerichtet, wo die Kinder gesundes Süßes genießen und die Älteren ihre Erfahrung an die nächste Generation weiter geben können. Weitere öffentliche Plätze sind der essbare Garten vor dem Pflegeheim und der Blumenschmuck auf dem Markplatz, der mit essbaren Pflanzen kombiniert ist.

Das dahinter stehende „Pflücken erlaubt“-Prinzip stammt aus der Essbaren Stadt Andernach am Rhein, wo es seit 2010 öffentliche Stadtgärten gibt, die mit Gemüse, Obst und Kräutern begrünt sind und sich jeder beim Einkaufsbummel bedienen darf.


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