Die Gartenhühner

Jahrelang ging die Zahl der Hühnerhalter auf den Dörfern zurück und die traditionellen Kleintierzuchtvereine waren vom Aussterben bedroht. Doch aufgrund des starken Trends zur Selbstversorgung und den katastrophalen Zuständen in den Legebatterien fragen sich nun immer mehr Privatleute: „Warum nicht einfach im Garten selber Hühner halten?“ Freilich wollen die wenigsten mit ihren Hühnern züchten oder dazu tatsächlich einem Rassegflügelzuchtverein beitreten. Obwohl es auch da eine Trendumkehr gibt, denn die Vereine bestehen nicht mehr nur aus den alten Männern in blauen Latzhosen, sondern zunehmend bestimmen junge Leute, darunter viele Frauen das Vereinsleben.

Wir haben uns die Selber-Hühner-Halten-Frage auch gestellt und so sorgen bei uns seit April sechs fröhliche Hennen nicht nur für das frische Frühstücksei, sondern auch regelmäßig für gute Laune. Es handelt sich um weiße Legehybriden, die aus der Bodenhaltung einer Eierfarm im Westerwald stammen und bei einer Aktion im Frühling 2018 mit 1.446 weiteren Artgenossen vom Verein Rettet das Huhn vor der Schlachtung bewahrt wurden. Hennen aus Eierbetrieben werden in der Regel nach 18 Monaten „entsorgt“, weil sie dann nicht mehr produktiv genug sind. Den oft stark gebeutelten Hühnern ermöglicht der Verein so noch ein schönes Leben auf der grünen Wiese bei Privatpersonen in ganz Deutschland. Derzeit gibt es wesentlich mehr Abnehmer als Hühner, die zur Vermittlung stehen.

Für die Idee, dass Hühnerhaltung nicht nur auf dem Bauernhof funktioniert, wurde Mitte Mai sogar auf der diesjährigen Landesgartenschau in Würzburg vom Kitzinger Fachzentrum für Geflügel mit einer eigenen Ausstellung geworben. Und gerade größere Gärten auf dem Land sind dafür geeignet, weil Hühner nicht nur einen Stall für die Nachtruhe (sonst holt sie der Fuchs oder der Marder) und zum Eierlegen (sonst darf man die Eier im ganzen Garten suchen), sondern auch einen großen Auslauf und genügend Platz zum Scharren brauchen. Zehn bis zwanzig Quadratmeter Auslauffläche pro Huhn geben die Experten als Faustregel an.

Wer jetzt noch Bedenken wegen seinem Gemüsebeet oder seinem englischen Rasen hat, dem sei das 2017 erschienene Buch Mein Garten für freilaufende Hühner der amerikanischen Gartengestalterin Jessi Bloom empfohlen, die ihre „Mädels“ für geniale Gärtnergehilfen hält und an vielen praktischen Beispielen aufzeigt, wie sich ein schöner und hühnerfreundlicher Garten gestalten lässt. Um den Rasen zu schonen, bieten sich mobile Hühnerställe oder der Hühnertraktor an, den es in allen Größen und Formen gibt und der leicht selber gebaut werden kann.

„Hühner zu halten macht wohl schlichtweg glücklich“ ist daher auch der Hühner-Liebhaber Robert Höck überzeugt: „Zeit mit Hühnern zu verbringen, ist gut für die ‚Psychohygenie’, denn es ist beruhigend und man fühlt sich hinterher immer gut geerdet. Die Welt der Hühner kennt kein ‚Schneller‘ oder ‚Langsamer‘. Hühner haben ihr eigenes Tempo“, schreibt er auf Seite 7 in seinem Happy-Huhn-Buch, das auf dem Prinzip „Happy Huhn = Happy Mensch“ basiert und 2018 begleitend zum erfolgreichen Happy Huhn-Kanal (über 40.000 Abonnenten) erschienen ist.

Um die wachsende „Hühnersucht“ zu stillen, gibt es Internet diverse Hühnerforen, in Facebook mindestens dreissig verschiedene Gruppen, die sich mit der tiergerechten Haltung von Hühnern beschäftigen. Zudem viele Neuerscheinungen von Hühnerbüchern (z.B. How to Speak Chicken).

Der Trend zum Huhn zeigt, dass Hühner weit mehr können als nur Eier legen. Sie sind besondere Lebewesen, liebenswert und eignen sich so gar nicht zur Massentierhaltung. Ja, sie können sogar Haustiere und Gefährten sein, die Namen haben, für die man tolle Ställe baut, die zum Gartendesign und Stil des Hauses passen und die mit Biofutter und kleinen Leckereien verwöhnt werden. Doch diesen großen Markt will in Deutschland anscheinend kaum jemand bedienen. Denn bislang kommen das Biofutter aus Holland und die Snacks aus Großbritannien. Und schönes Zubehör wie für andere Haustiere sucht man noch vergeblich.

Der neue Waldspaziergang

Ständig erreichbar sein, überall Mails und News checken können: „Hat uns diese digitale Revolution wirklich bereichert?“, fragt der Deutschlandfunk. Ausgerechnet aus dem Silicon Valley kommt die Gegenbewegung Digital Detox, digitales Entgiften.

Doch zum größten Gegentrend unserer Zeit wird nach Meinung der Zukunftsforscher Achtsamkeit oder „Mindfulness“ auf Englisch, was nach wabernder Esoterik klingt, im Grunde aber nicht anderes bedeutet, als die Fähigkeit, bewusster zu leben und auch mal abzuschalten: Menschen machen dafür Entschleunigungs-Seminare, legen sich auf die Yoga-Matte und buchen Entspannungskurse. Oder gehen zum Abschalten in den Wald, der zur Zeit ja auch wieder eine Art Renaissance erlebt (Holz, Wandern, Geocaching, Baumwipfelpfad, Baumhaus, Waldküche, Waldhonig, Waldkindergarten, Waldbestattung usw.).

Den Waldspaziergang gibt es jetzt sogar auf Rezept, wenn auch vorerst nur als Privatrezept, also zum Selberzahlen, und zwar im Ostseebad Heringsdorf (8.839 Einwohner) auf der Insel Usedom. Am 13. September 2017 wurde dort nämlich der erste deutsche Heilwald per Rechtsverordnung in Kraft gesetzt. In der Ruhe des 50 Hektar großen Buchenwaldes können die Patienten nun unter Anleitung Atem- und Bewegungsübungen machen und psychosomatische Beschwerden wie Burnout, Depressionen oder Schlaflosigkeit lindern. Der Heilwald wurde sogar zur handyfreien Zone erklärt, um ein störungsfreies Naturerleben zu ermöglichen.

Doch auch ohne Funkverbindung ist der Wald ein Ort der regen Kommunikation, hat der Biologe Clemens Arvay am 25. April 2017 im Interview mit der Wissenschaftssendung nano erklärt:

„Wir können uns den Wald als einen einzigen riesengroßen Organismus vorstellen, wo Bäume und andere Pflanzen Botschaften untereinander austauschen. Zum Beispiel über Schädlinge, die im Anrücken sind. Das geht so weit, dass von Baum zu Baum auch Informationen über die Art und Größe der Schädlingsarmee weitergegeben werden. So können alle Pflanzen ihre Immunsysteme hochfahren und sich mit vereinten Kräften gegen die Invasion schützen. Um sich gegenseitig Botschaften zukommen zu lassen, benutzen die Pflanzen chemische „Wörter“, bioaktive Substanzen aus der Gruppe der Terpene. Das sind Duft- und Botenstoffe, die überall in der Waldluft herumschwirren und über die Blätter, die Borke und die Wurzeln abgegeben werden. Manchmal können wir sie im Wald auch riechen, denn Terpene sind die wichtigsten Bestandteile der ätherischen Öle aus Bäumen und Pflanzen.“

Faszinierend ist dabei, dass das menschliche Immunsystem ganz ähnlich reagiert und unsere Widerstandskräfte gestärkt werden: Denn wenn wir Terpene wie etwa die sogenannten Limonene und Pinene aus der Waldluft einatmen, werden die natürlichen Killerzellen angeregt, die die Aufgabe haben, Viren auszuschalten und Tumore aufzuspüren. Bereits ein Tag im Wald führt zu einem 40-prozentigen Anstieg unserer wichtigsten Abwehrtruppen im Blut.

Wenn wir mit der Natur interagieren und sie uns positiv beeinflusst, tritt der Biophilia-Effekt (Biophilie von altgriechisch bios „Leben“ und philia „Liebe“) ein, den Clemens Arvay in Anlehnung an den Psychoanalytiker und Philosophen Erich Fromm für seinen gleichnamigen Besteller von 2015 verwendet hat. Fromm wollte damit die Sehnsucht der Menschen nach der Natur ausdrücken, die heute viele Städter haben (Urban Gardening) und was auch eine Chance für das Leben auf dem Land und insbesondere die Naturlandschaften und den Tourismus sein kann. Ebenso können von dem Biophilia-Effekt Forderungen für gesunde Wälder und den Naturschutz sowie für mehr Bäume und Grün in den Großstädten abgeleitet werden.

Den gesundheitsfördernden Effekt der Terpene in der Waldluft hat als erster der Umweltimmunologe Professor Qing Li von der Nippon Medical School in Tokio in zahlreichen Feldstudien untersucht und damit auch nachgewiesen, dass uns Bäume nicht nur psychisch gesund machen, also zur Ruhe und zum Abschalten bringen können, sondern auch körperlich. Er gilt als Pionier der Waldmedizin, die seit 1982 in Japan staatlich anerkannt ist und von den Krankenkassen gefördert wird.

Auch die Idee der Heilwälder stammt von dort und geht auf das Konzept mit dem schönen Namen 森林浴, wörtlich übersetzt „Waldbaden“ zurück, das in Japan eine lange Tradition in der Volksmedizin hat. Wasser oder gar eine Badewanne sind aber nicht nötig. Vielmehr ist Waldbaden ein kurzer, geruhsamer Ausflug in den Wald, bei dem man bewusst einatmet und dann die würzigen Stoffe des Waldes und die Waldatmosphäre aufnimmt. Wandern oder Sport treiben schadet nicht, muss man aber nicht unbedingt machen.

Ein Drittel von Deutschland ist bekanntlich mit Wald bedeckt (in Japan sogar 67 Prozent), da dürfte das neue Waldspazierengehen leicht zu praktizieren sein. Laut Arvay sind die Nadelwälder besonders interessant, weil Kiefern, Fichten und Tannen die meisten Terpene abgeben. Aber auch Laubbäume geben welche ab. Besonders viele werden über die Borke freigesetzt und auch über die Haut können wir Terpene aufnehmen, daher ist das Umarmen von Bäumen gar nicht lächerlich. Nach Regen oder bei Nebel ist der Terpengehalt im Wald besonders hoch. Im Sommer ist die Konzentration am höchsten, im Winter nimmt sie ab, erreicht aber niemals Null.


Photo by Aaron Burden on Unsplash

Landarzt der Zukunft

In Fernsehserien wird er romantisiert, doch im wahren Leben scheint er auszusterben. Viele Hausärzte kommen zügig ins Rentenalter, finden aber für ihre Praxis keinen Nachfolger, ist im Ärztemonitor der Kassenärztlichen Bundesvereinigung nachzulesen. Und laut einer Umfrage des Hartmannbundes vom August 2015 würden sich nur neun Prozent der Medizinstudenten gerne in ländlichen Gebieten niederzulassen.

Dabei gibt es in Deutschland eigentlich genügend praktizierende Ärzte: 2015 waren es rund 371.300. Die Ärztedichte liegt damit bei 3,8 Allgemein- und Fachärzten pro 10.000 Einwohnern, was im Vergleich zu den anderen Industrieländern im oberen Drittel liegt. Doch bei der Verteilung der Praxen gibt es ein großes Stadt-Land-Gefälle: Sehr viele Ärzte arbeiten in den Städten, während es auf dem Land an Medizinern mangelt. Laut Faktencheck Gesundheit der Bertelsmann Stiftung weicht trotz der neuen Bedarfsplanung von 2013 in 53,6 Prozent aller Landkreise die Hausarztdichte vom Bedarf ab. Warum also will niemand mehr auf dem Dorf praktizieren?

Auf die richtige Spur weist der Mediziner Prof. Ferdinand M. Gerlach, der Vorsitzende des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen, im Länderreport des Deutschlandfunks vom 8.6.2015: „Sowohl die jungen Ärztinnen als auch die jungen Ärzte wollen vermehrt eher angestellt tätig sein, als sich selbständig als Kleinunternehmer zu betätigen. Sie wollen gerade am Anfang eher Teilzeit arbeiten. Sie wollen lieber im Team arbeiten, und sie wollen die Familie und den Beruf, Arbeit und Freizeit in ein Gleichgewicht bringen, und das ist in der typischen Einzelkämpfer-Praxis des Landarztes weniger denn je der Fall, und deshalb ist es gerade für diese Kolleginnen und Kollegen besonders schwierig, Nachfolger zu finden.“

Rezepte gegen die Mangelware Landarzt liegen daher in innovativen Gesundheitsmodellen, die auf eine regionale Zusammenarbeit der Ärzte, Gemeinden und anderer Akteure im Gesundheitswesen setzen und dazu beispielsweise Ärzte- und Gesundheitsnetze, Gesundheitskonferenzen und -regionen initiieren. Und die sich eben flexibel an den Bedürfnissen der nachrückenden Ärztegenerationen orientieren: Statt traditioneller Einzelpraxis sind lokale Gesundheitszentren in Form von Praxisgemeinschaften, Gemeinschaftspraxen oder Medizinischen Versorgungszentren das favorisierte Arbeitsmodell, wo die Ärzte angestellt oder freiberuflich arbeiten können. Auch die Kommunen können hier wichtige Voraussetzungen schaffen und mit einer guten Infrastruktur, einer flexiblen Kinderbetreuung, einer kostenfreien Bereitstellung von Praxisräumen oder einem Arbeitsplatz für den Lebenspartner um Frau Doktor werben – denn der Hausarzt der Zukunft ist in der Mehrzahl weiblich: Zwei Drittel der Studienanfänger sind inzwischen Frauen. Die Gemeinde Büsum (4.733 Einwohner) direkt an der Nordseeküste ging noch einen Schritt weiter und hat vier Ärzte und zwei Ärztinnen gleich selbst eingestellt. Aus fünf zuvor selbstständig arbeitenden Hausarztpraxen entstand so 2015 die bundesweit erste kommunal geführte Gemeinschaftspraxis als Ärztezentrum Büsum gGmbH. Damit trägt die Gemeinde auch das wirtschaftliche Risiko des Praxisbetriebs. Die Geschäftsführung übernimmt die Ärztegenossenschaft Nord und die Ärzte sind am wirtschaftlichen Erfolg beteiligt.

Wie man angehende Ärzte für das Leben und Arbeiten auf dem Land begeistern kann, zeigen die Landarztmacher im Bayerischen Wald mit ihrem vielseitigem Fortbildungsprojekt „Exzellent“. Bei Hausärzten in der Region Arberland (Landkreis Regen) können Medizinstudenten aus ganz Deutschland ein vierwöchiges Praktikum absolvieren und so ihr Wissen aus dem Studium in der Praxis anwenden. Die Stärken der Landartzmacher liegen in der individuellen Förderung und Betreuung der Teilnehmer und darin, dass sie ein positives Rollenbild vom Arztsein auf Land vermittelt bekommen: „Man lernt Verantwortung zu übernehmen. Man darf mitdenken. Man darf Kommentare abgeben, was auch nicht immer Standard ist bei einer starken medizinischen Hierarchie und dadurch profitiere ich sehr viel,“ hat ein Teilnehmer im Donau TV als Rückmeldung zum Projekt gegeben.

Um Patienten zu versorgen, die regelmäßige Betreuung und Überwachung benötigen, aber nicht mehr mobil genug sind, um in die Praxis zu kommen, bieten sich mobile Versorgungskonzepte an. In fast allen Bundesländern gibt es mittlerweile das „Gemeindeschwester-Modell“, bei dem die Mitarbeiter des Praxis oder freiberufliche Fachkräfte als NäPA (nichtärztliche Praxisassistentin), VerAH (Versorgungsassistentin in der Hausarztpraxis) oder EVA (Entlastende Versorgungsassistentin) im Einsatz sind, den Hausarzt entlasten und selbstständig die Patienten zu Hause aufsuchen. Vorbild ist das Modell AGnES (Arztentlastende Gemeinde-nahe E-Health-gestützte Systemische Intervention), das 2004 vom Institut für Community Medicine an der Universität Greifswald entwickelt und erstmals auf Rügen erprobt wurde. „Schwester Agnes“ war ein beliebter DDR-Fernsehfilm in den 70er Jahren und wird in den neuen Bundesländern mit der mobilen Gemeindeschwester assoziiert. Diese war tatsächlich von der DDR-Gesundheitspolitik erfunden worden, um den krassen Ärztemangel abzufedern, der unter anderem durch die Flucht vieler Ärzte gen Westen Ende der 1950er-Jahre entstanden war. Auf ihrer Simson Schwalbe knatterte die Gemeindeschwester von Hausbesuch zu Hausbesuch über die Dörfer und bildete so das Bindeglied zwischen Patient und Landarzt, der damals im Landambulatorium angestellt war. Das funktionierte wie eine kleine Poliklinik und war das Zentrum für die dörfliche medizinische Betreuung.

Naheliegend ist auch die Idee, dass der Arzt-Bus ähnlich wie beim Sparkassenbus oder dem mobilen Bürgerbüro ins Dorf kommt. Innovative Ansätze wie die rollende Zahnarztpraxis in der Uckermark oder die rollende Arztpraxis im Landkreis Wolfenbüttel stoßen aber auf rechtliche Hürden und Widerstände, weil Ärzte und Zahnärzte nicht zur „fahrenden Zunft“ gehören dürfen und deshalb Ausnahmegenehmigungen benötigen. Das Pilotprojekt in Wolfenbüttel wurde nach seinem Auslaufen Ende 2014 auch nicht weiter geführt.


Bildnachweis © Stasique fotolia.com

Der naturnahe Tourismus

Viele sehnen sich danach, dem Stress und der Hektik im beruflichen und privaten Alltag zu entfliehen. Sie suchen einen Ausgleich: Phasen der Entschleunigung, Auszeiten. Gerade ländliche Regionen können dafür Natur und Ruhe bieten und mit einer Qualität und Besonderheiten punkten, die andere nicht (mehr) haben.

Der Bergführer Hannes Grüner hat das mit seiner launigen Bemerkung „Kommen Sie zu uns, wir haben nichts“ provokant auf den Punkt gebracht. Vor einigen Jahren wollte er damit einem Reisejournalisten den Vorteil des Vilgratentals erklären. Das weitestgehend noch unberührte Alpental liegt auf 1.400 Höhenmetern in den Osttiroler Bergen, wo man nur urige alte Bauernhäuser, Blumenwiesen, viele Schafe und das empfehlenswerte Haubenlokal Gannerhof von Alois Mühlmann findet.

Dass es für einen intensiven Naturgenuss keine künstliche Erlebnisinszenierung braucht, davon ist Prof. Dominik Siegrist überzeugt. Er ist der Leiter des Instituts für Landschaft und Freiraum an der Hochschule für Technik in der Schweiz und war langjähriger Präsident der Alpenschutzkommission CIPRA. In einer dreijährigen Studie über den Alpentourismus, die im Buch Naturnaher Tourismus – Qualitätsstandards für sanftes Reisen in den Alpen 2015 zusammengefasst ist, hat er eine steigende Nachfrage nach naturnahen Angeboten und einen Trend zum naturnahen Tourismus festgestellt, der für viele Destinationen heutzutage ein wichtiges ökonomisches Standbein darstellt.

„Vor bald vierzig Jahren prangerten Exponenten wie Jost Krippendorf (…) die Fehlentwicklungen im Tourismus an. Zweitwohnungsbau und Zersiedlung, Landschaftszerschandelung durch neue Skigebiete und überdimensionierte Verkehrsprojekte waren schon damals ein Thema. Das Schlagwort des „sanften Tourismus“ wurde erfunden und später durch den treffenderen Begriff des „naturnahen Tourismus“ ersetzt. Es hat Jahrzehnte gebraucht, bis die Tourismuskritik den Weg in die Destinationen gefunden hat. Doch heute habe ich den Eindruck, dass in Tourismuskreisen gewisse Einsichten stattgefunden haben und die Botschaften von damals in der Branche angekommen sind – zumindest teilweise. Und es gibt Vorreiter-Destinationen und Vorreiter-Betriebe für den naturnahen Tourismus, die in den Medien unterdessen als Leuchttürme präsentiert werden,“ erklärt der Professor in seiner Einführung zur diesjährigen Fachtagung Naturgenuss statt Erlebnis-Burnout?

Auf der Tagung wurden die neuen Qualitätsstandards vorgestellt, die für den naturnahen Tourismus von zentraler Bedeutung sind, mit denen aber auch die Rückgänge in den Schweizer Berggebieten durch den teuren Franken abmildert werden sollen. Denn Gäste, die dafür affin sind, kommen mehrheitlich aus dem Inland und sind weniger preissensibel, haben dafür aber hohe Erwartungen, hat der Tourismus-Experte herausgefunden. Die kommentierte Checkliste besteht aus zehn Qualitätsstandards mit je fünf Kriterien und kann auf andere Regionen nicht nur in den Bergen übertragen werden, um innovative Produkte und Angebote zu entwickeln. Sie reichen vom Schutz der Natur, der Pflege der Landschaft, der guten Architektur, der Raumplanung und der Angebotsentwicklung bis zur Umweltbildung und zum naturnahen Marketing.

Für mehr Naturgenuss und den naturnahen Tourismus stehen vor allem die neuen Angebote der Naturparke, Nationalparks und Biosphärenreservate sowie die zahlreichen Umweltbildungs- und Exkursionsangebote, die in den letzten Jahren auch aufgrund des steigenden Bewusstseins für einen nachhaltigen Umgang mit den natürlichen Ressourcen entstanden sind: Im Wildniscamp können Sie im Wiesenbett, in der Erdhöhle, im Baumhaus, im Waldzelt, in der Wasserhütte oder im Lichtstern das ganze Jahr übernachten und so dem urwüchsigen Bayerischen Wald ungewöhnlich nah kommen. Besondere Erholung verspricht auch die Natur- und Geräuschkulisse im Hainich, wo gesundheitsfördernde Waldwellness (z.B. Yoga, Klangreisen oder Meditation) auf dem 44 Meter hohen Baumkronenpfad die Natur als Kraftquelle in Szene setzt. Ein bis zwei Tage ehrenamtlich Bäume pflanzen, Wanderwege, Zäune und Almen instand setzen, Bergbauern beim Mähen helfen, in der Alm-Sennerei mitarbeiten, Pflanzen und Tiere zählen und kartieren können Sie in den Tiroler Naturjuwelen mit einer individuellen und arbeitsfreien Urlaubswoche kombinieren, wo ein neuartiges Volunteering-Konzept entwickelt wurde.

Wie Tourismus abseits des Trubels funktionieren kann, machen auch die Bergsteigerdörfer vor. Seit 2005 zeichnet der Österreichische Alpenverein damit Orte aus, die auf Ursprünglichkeit, Naturgenuss und Entschleunigung setzen. Die Nationalparkgemeinde Ramsau bei Berchtesgarden (1.742 Einwohner) am Fuß des Watzmanns ist 2015 das erste deutsche Bergsteigerdorf geworden. Auf Schneekanonen oder Massen- und Eventtourismus will man hier auch zukünftig verzichten.


Bildnachweis © mbpicture – Fotolia.com

Die gesunde Gemeinde

Unser Verständnis von Gesundheit hat sich in der letzten Zeit deutlich verändert. Während früher alles, was gesund war, keinen Spaß machte, nicht schmeckte und Opfer verlangte, gilt Gesundheit heute als erstrebenswert und ist Ausdruck der modernen Lebensqualität, wie Prof. Ilona Kickbusch in ihrem neu aufgelegten Buch Die Gesundheitsgellschaft erläutert. Sie war 1986 in der kanadischen Bundeshauptstadt dabei, als die Ottawa-Charta ein neues aktives Gesundheitsverständnis formulierte:

„Gesundheitsförderung zielt auf einen Prozess, allen Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung über ihre Gesundheit zu ermöglichen und sie damit zur Stärkung ihrer Gesundheit zu befähigen.“

Im Mittelpunkt steht dabei die Strategie, gezielt bestimmte Lebenswelten und -bereiche wie etwa Wohnungen, Betriebe, Schulen, Kindergärten oder Gemeinden gesundheitsförderlicher zu gestalten:

„Gesundheit wird von Menschen in ihrer alltäglichen Umwelt geschaffen und gelebt: dort, wo sie spielen, lernen, arbeiten und lieben. Gesundheit entsteht dadurch, dass man sich um sich selbst und für andere sorgt, dass man in die Lage versetzt ist, selber Entscheidungen zu fällen und eine Kontrolle über die eigenen Lebensumstände auszuüben sowie dadurch, dass die Gesellschaft, in der man lebt, Bedingungen herstellt, die all ihren Bürgern Gesundheit ermöglichen.“ Zitiert aus der immer noch lesenswerten WHO-autorisierten Übersetzung.

Um diese Empfehlungen umzusetzen, gründeten 1989 neun Großstädte und ein Kreis das deutsche Gesunde Städte-Netzwerk. Doch die kleinen Gemeinden waren schneller, wo das Thema eigentlich auch besser passt und eine gute Profilierungsmöglichkeit darstellt. Bereits zwei Jahre früher entstand nämlich in der Steiermark mit den vier Gesunden Dörfern Anger, Gröbming, Markt Hartmannsdorf und Mureck der Vorläufer des österreichischen Netzwerks Gesunde Gemeinde, dem sich mittlerweile viele Orte angeschlossen haben. Gesunde Gemeinden unterstützen und stärken das Gesundheitsbewusstsein ihrer Bevölkerung und bemühen sich um die Schaffung gesundheitsfördernder Lebensbedingungen in ihrer Kommune. Nach einem Beschluss im Gemeinderat werden Arbeitskreise gebildet, die sich mit der Planung und Durchführung gesundheitsfördernder Aktivitäten befassen, wie z.B. Vorträge, Kurse, Projekte, Aktionstage, Stammtische in den Bereichen Ernährung, Bewegung, mentales Gesundsein, Vorsorge/Medizin und Umwelt/Natur.

Von den Österreichern ließ sich die Gemeinde Frankenheim (1.134 Einwohner) in der Thüringer Rhön infizieren. Durch eine Exkursion ins oberösterreichische Steinbach an der Steyr im Jahr 2003 war plötzlich alles ganz anders: Statt einem teurem Hallenbad wurde das erste gesunde Dorf Thüringens ins Leben gerufen, das wir im Rahmen eines Regionalen Entwicklungskonzeptes begleiten durften. Ein großer Kräutergarten, ein Kneipp-Kindergarten mit gesunder Mittagsverpflegung, ein Panorama-Barfußpfad, eine Gesundheitswoche, eine Gesundheitsscheune und ein Fitnessraum beim örtlichen Holztechnikbetrieb sind so entstanden.

Angesichts des demographischen Wandels und des drohenden Ärtzemangels sind regionale Versorgungsnetze ein immer wichtiger werdendes Thema im Sinne der Daseinsfürsorge. Um regional eine größere Verantwortung für das Gesundheitswesen wahrzunehmen und die Handlungsmöglichkeiten zu erweitern, wurden in Deutschland Gesundheitskonferenzen bzw. Runde Tische entwickelt. Derzeit bestehen 130 Gesundheitskonferenzen für rund ein Drittel der Kreise und kreisfreien Städte in 13 Bundesländern. In Bayern liegt ab 2015 der Schwerpunkt auf dem Konzept Gesundheitsregionenplus, womit ausgewählte Landkreise und kreisfreie Städte finanziell unterstützt werden.


Bildnachweis © ARochau – Fotolia.com

Der neue Luxus

Immer gehetzt, zu spät, keine Zeit – wer kennt das nicht. Zeitforscher fordern deshalb eine selbstbestimmte Einteilung von Zeit. Sie haben dafür den schönen Begriff Zeitwohlstand erdacht, um deutlich zu machen, dass Wohlstand und Lebensqualität heutzutage nicht mehr nur von materiellen Dingen abhängen: Zeitautonomie ist der neue Luxus. Das belegt auch eine aktuelle deutsche Glücksstudie: 64 Prozent der Erwachsenen sagen, das wich­tigste Element der Selbstbestimmung sei für sie, selbst über ihre Zeit entscheiden zu können.

Klar geht es auf dem Dorf meist langsamer zu als in der Großstadt und viele Tourismusvereine werben ja gerade mit der Entschleunigung. Doch:

„Schnell ist nicht immer besser, auch langsamer ist nicht immer besser, sondern es geht um angemessene Geschwindigkeit“, erläutert Prof. Lucia A. Reisch von der Copenhagen Business School auf DRadio Wissen Hörsaal.

In ihrer 2014 erschienen Studie für das Bundesumweltamt „Zeit für Nachhaltigkeit – Zeiten der Transformation: Elemente einer Zeitpolitik für die gesellschaftliche Transformation zu nachhaltigeren Lebensstilen“ hat sie Zeit als neue Dimension der Nachhaltigkeit untersucht.

Zeit ist nicht nur eine knappe und kostbare Ressource, sie bildet auch den Rahmen für Veränderungen: Jede Gemeinderatssitzung und jeder Dorfentwicklungsprozess braucht eben eine bestimmte Menge an Zeit, was ziemlich banal klingt. Doch die Frage nach dem richtigen Maß dieses Zeitrahmens birgt ordentlich Zündstoff: Wie schnell muss oder darf ein Beschluss gefasst werden? Wie schnell sollte man auf den Klimawandel reagieren? Wie schnell sollte technischer Fortschritt sein? Die Wissenschaftlerin hat mit ihrer Studie ein bislang wenig beachtetes Forschungsfeld beleuchtet, bei der Kommunen wichtige Akteure sind: Die lokale Zeitpolitik als Nachhaltigkeitspolitik.

Die Wurzeln der lokalen Zeitpolitik liegen in Italien, wo in den 1980er Jahren der Ansatz Zeiten der Stadt entwickelt wurde, um mehr individuelle zeitliche Gestaltungsmöglichkeiten der Bevölkerung im Alltag zu ermöglichen. Auf kommunaler Ebene geht es beispielsweise um die Abstimmung und Koordination der Öffnungszeiten von Behörden, Geschäften, Dienstleistern und Verkehrsbetrieben. Oder um die Synchronisation von Arbeits- und Kinderbetreuungszeiten wie in Steinbach am Wald (3.196 Einwohner) im nördlichen Oberfranken, wo ein großer Glashersteller seinen Sitz hat. Für die Kindergartenkinder wurde deshalb eine flexible Betreuung von 6 bis 22 Uhr und für die Schüler eine umfangreiche, verlässliche Nachmittagsbetreuung organisiert. Auch zeitliche Freiräume zum Selbermachen und zur Gemeinschaftsnutzung wie offene Werkstätten, Reparatur-Cafés und FabLabs sind ein Ansatz.

Die lebenswerten Städte mit Zeitbewusstsein haben sich zu der internationalen Vereinigung Cittaslow zusammengeschlossen, auch Slow City genannt. Sie knüpft an Slowfood an und wurde bereits 1999 in Orvieto, Italien, gegründet. Weltweit gibt es 176 Mitgliedsstädte in 27 Ländern, zwölf davon in Deutschland. In Bayern gehören Bischofsheim an der Rhön (4.755 Einwohner), Berching (8.472 Einwohner), Hersbruck (12.095 Einwohner), Nördlingen (19.419 Einwohner) und Wirsberg (1.819 Einwohner) dazu. Slow City ist umfassender Ansatz für hohe Lebensqualität, der insbesondere für Kleinstädte im ländlichen Raum interessant ist, wie das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung 2013 herausgefunden hat.


Bildnachweis © BillionPhotos.com – Fotolia.com

 

Die essbare Gemeinde

Ob auf den Brachflächen des ehemaligen Berliner Flughafens Tempelhof oder auf den Dächern der New Yorker Wolkenkratzer. In den Städten boomt Urban Gardening: Die neue Lust am Eigenanbau von Gemüse und Obst sowie an nachbarschaftlichen Begegnungen im Grünen.

Angesichts einer komplizierter werdender Welt und ständig neuer Lebensmittelskandale steckt dahinter der Wunsch, sich neu zu erden und selbst zu versorgen. Auch ökologische und künstlerische Anliegen spielen eine Rolle, um aus vernachlässigten Orten wieder Gegenden zu machen, wo sich Menschen begegnen. Für die Städte ist Urban Gardening deshalb eine wichtige Strategie, um das Stadtbild und das Leben in der Stadt zu verbessern.

Kann das Konzept auch im Dorf funktionieren? Eigentlich nicht – sollte man meinen -, denn im Dorf haben die meisten ihren eigenen Garten gleich vor der Haustür. Trotzdem kann es auch in ländlichen Gemeinden sinnvoll sein, brach liegende Flächen für ein Gemeinschaftsgartenprojekt zu nutzen. Oder mit Hochbeeten eine Brücke zwischen altem Dorf und Neubaugebiet zu schlagen.

In Österreich ist Anfang 2013 die erste essbare Gemeinde Österreichs in Übelbach (1.982 Einwohner) nördlich von Graz ausgerufen worden. Im Rahmen der Umgestaltung des Spielplatzes wurde ein essbarer Spielplatz als Treffpunkt für Jung und Alt eingerichtet, wo die Kinder gesundes Süßes genießen und die Älteren ihre Erfahrung an die nächste Generation weiter geben können. Weitere öffentliche Plätze sind der essbare Garten vor dem Pflegeheim und der Blumenschmuck auf dem Markplatz, der mit essbaren Pflanzen kombiniert ist.

Das dahinter stehende „Pflücken erlaubt“-Prinzip stammt aus der Essbaren Stadt Andernach am Rhein, wo es seit 2010 öffentliche Stadtgärten gibt, die mit Gemüse, Obst und Kräutern begrünt sind und sich jeder beim Einkaufsbummel bedienen darf.


Bildnachweis © HildaWeges – Fotolia.com