Der neue Luxus

Immer gehetzt, zu spät, keine Zeit – wer kennt das nicht. Zeitforscher fordern deshalb eine selbstbestimmte Einteilung von Zeit. Sie haben dafür den schönen Begriff Zeitwohlstand erdacht, um deutlich zu machen, dass Wohlstand und Lebensqualität heutzutage nicht mehr nur von materiellen Dingen abhängen: Zeitautonomie ist der neue Luxus. Das belegt auch eine aktuelle deutsche Glücksstudie: 64 Prozent der Erwachsenen sagen, das wich­tigste Element der Selbstbestimmung sei für sie, selbst über ihre Zeit entscheiden zu können.

Klar geht es auf dem Dorf meist langsamer zu als in der Großstadt und viele Tourismusvereine werben ja gerade mit der Entschleunigung. Doch:

„Schnell ist nicht immer besser, auch langsamer ist nicht immer besser, sondern es geht um angemessene Geschwindigkeit“, erläutert Prof. Lucia A. Reisch von der Copenhagen Business School auf DRadio Wissen Hörsaal.

In ihrer 2014 erschienen Studie für das Bundesumweltamt „Zeit für Nachhaltigkeit – Zeiten der Transformation: Elemente einer Zeitpolitik für die gesellschaftliche Transformation zu nachhaltigeren Lebensstilen“ hat sie Zeit als neue Dimension der Nachhaltigkeit untersucht.

Zeit ist nicht nur eine knappe und kostbare Ressource, sie bildet auch den Rahmen für Veränderungen: Jede Gemeinderatssitzung und jeder Dorfentwicklungsprozess braucht eben eine bestimmte Menge an Zeit, was ziemlich banal klingt. Doch die Frage nach dem richtigen Maß dieses Zeitrahmens birgt ordentlich Zündstoff: Wie schnell muss oder darf ein Beschluss gefasst werden? Wie schnell sollte man auf den Klimawandel reagieren? Wie schnell sollte technischer Fortschritt sein? Die Wissenschaftlerin hat mit ihrer Studie ein bislang wenig beachtetes Forschungsfeld beleuchtet, bei der Kommunen wichtige Akteure sind: Die lokale Zeitpolitik als Nachhaltigkeitspolitik.

Die Wurzeln der lokalen Zeitpolitik liegen in Italien, wo in den 1980er Jahren der Ansatz Zeiten der Stadt entwickelt wurde, um mehr individuelle zeitliche Gestaltungsmöglichkeiten der Bevölkerung im Alltag zu ermöglichen. Auf kommunaler Ebene geht es beispielsweise um die Abstimmung und Koordination der Öffnungszeiten von Behörden, Geschäften, Dienstleistern und Verkehrsbetrieben. Oder um die Synchronisation von Arbeits- und Kinderbetreuungszeiten wie in Steinbach am Wald (3.196 Einwohner) im nördlichen Oberfranken, wo ein großer Glashersteller seinen Sitz hat. Für die Kindergartenkinder wurde deshalb eine flexible Betreuung von 6 bis 22 Uhr und für die Schüler eine umfangreiche, verlässliche Nachmittagsbetreuung organisiert. Auch zeitliche Freiräume zum Selbermachen und zur Gemeinschaftsnutzung wie offene Werkstätten, Reparatur-Cafés und FabLabs sind ein Ansatz.

Die lebenswerten Städte mit Zeitbewusstsein haben sich zu der internationalen Vereinigung Cittaslow zusammengeschlossen, auch Slow City genannt. Sie knüpft an Slowfood an und wurde bereits 1999 in Orvieto, Italien, gegründet. Weltweit gibt es 176 Mitgliedsstädte in 27 Ländern, zwölf davon in Deutschland. In Bayern gehören Bischofsheim an der Rhön (4.755 Einwohner), Berching (8.472 Einwohner), Hersbruck (12.095 Einwohner), Nördlingen (19.419 Einwohner) und Wirsberg (1.819 Einwohner) dazu. Slow City ist umfassender Ansatz für hohe Lebensqualität, der insbesondere für Kleinstädte im ländlichen Raum interessant ist, wie das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung 2013 herausgefunden hat.


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Das intelligente Netz

Bei der Stromerzeugung denkt man meist an die großen Konzerne. Doch bei der umweltfreundlichen Stromproduktion ist das falsch. Denn fast jede zweite Kilowattstunde Ökostrom kommt aus Anlagen, die Bürgern gehören. Das hat die Studie Definition und Marktanalyse von Bürgerenergie in Deutschland für das Jahr 2012 ermittelt. Damit sind Photovoltaik-, Wind- und Biogasanlagen von Privatpersonen, Land- und Forstwirten (Einzel- und Personenunternehmen plus kleinere Kapitalgesellschaften wie z.B. Agrargenossenschaften) und Energiegenossenschaften (mindestes 50 Prozent der Stimmrechte halten Bürger, die in der Region ansässig sind) gemeint, sowie im weiteren Sinne Bürgerbeteiligungen an Betreibergesellschaften von Erneuerbare-Energien-Anlagen (überregionale Investitionen und Minderheitsbeteiligungen von Bürgern). Im selben Jahr kam die Bürgerenergie auf insgesamt 56.129 Gigawattstunden. Das ist viermal mehr als der Beitrag der Energieversorger und immerhin über 10 Prozent des gesamten Stromverbrauchs in Deutschland.

Weil nun der Strom durch eine Vielzahl von Energieproduzenten dezentral eingespeist wird, müssen die konventionellen Stromnetze umgebaut werden. Den Paradigmenwechsel, der durch das neue Ökostrom-Zeitalter entsteht, erklärt Prof. Helmuth Biechl von der Hochschule Kempten:

„Das Konzept war Großkraftwerke und dann über verschiedene Spannungsebenen die Energie bis zum Endverbraucher leiten. Durch den hohen Anteil an regenerativer Energie wird sich das Spiel umdrehen. Dann gibt es nicht nur Verbraucher, sondern sogenannte Prosumer: Das sind Verbraucher, die gleichzeitig Erzeuger sind. Viele haben die Photovoltaikanlage auf ihrem Dach und erzeugen jetzt unter Umständen mehr als sie selbst brauchen. Dadurch wird der Energiefluss in die umgekehrte Richtung gehen und es gibt plötzlich Probleme mit der Spannung. Und die Frage nach den Dienstleistungen, den Spannungs- und Frequenzregelungen taucht auf: Wer macht das eigentlich, wenn die Großkraftwerke nicht da sind?“ (sinngemäß zitiert nach Allgäu TV)

Wie das in Zukunft gemacht werden kann, testet der Professor zusammen mit der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen und der Siemens AG im „Dorf der Stromverrückten“ im Oberallgäu. So wird die selbstständige Gemeinde Wilpoldsried (2.512 Einwohner) liebevoll genannt, wo Bürgermeister Arno Zengerle bereits 1996 die Energiewende ausrief und mittlerweile mehr als das Fünffache des Eigenbedarfs an Strom mit regenerativen Energien erzeugt wird. Für das 2014 gestartete Folgeprojekt Integration Regenerativer Energie und Elektromobilität (IREN2) wurde ein intelligentes Stromnetz aufgebaut, der Techniker spricht dabei von einem „Smart Grid“: 200 kleine schwarze Kästen wurden dazu über das Dorf verteilt. Permanent funken diese „Smart Meter“ Erzeugungs- und Verbrauchsdaten an die Zentrale der Allgäuer Überlandwerke in Kempten, damit der Strom immer genau dort verfügbar gemacht wird, wo er gebraucht wird. Wenn Wind und Sonne mehr Strom liefern, werden die Batterien von 32 Elektroautos nachgeladen und entlasten so das Netz. Zusätzlich senkt der neu installierte Ortsnetztrafo die überhöhte Spannung ab und ein Lithium-Ionen-Speicher bewahrt den überschüssigen Solarstrom für die Abendstunden auf.

Das Beispiel Wilpoldsried macht deutlich, dass bei der Entwicklung einer umweltschonenden, zuverlässigen und bezahlbaren Energieversorgung der Informations- und Kommunikationstechnologie eine Schlüsselrolle zukommt. Doch die Vernetzung wird noch weiter geben. Über das Internet der Dinge wird eines Tages alles und jeder miteinander verbunden – das Energienetz verschmilzt dann mit unserem Kommunikationsinternet und dem Transport- und Logistik-Netz zu einem Super-Netz: Der Kühlschrank, der eigenständig Milch und Butter nachkauft. Die Waschmaschine, die genau dann wäscht, wenn der Strom gerade günstig ist. Der Randstein des Bürgersteigs, der mit dem parkplatzsuchenden Auto kommuniziert.

Schon heute leben wir in einer komplexen Welt. Durch die technologische Vernetzung und auch um sich neu zu organisieren, sind neue Formen von Gemeinschaften, Kooperationen und Netzwerke entstanden, die für den ländlichen Raum eine wichtige Rolle spielen. Dazu gehören die neuen Energiegenossenschaften, aber auch Dorftreffs, Dorfläden, Tauschringe, Nachbarschaftsnetze, Mehrgenerationenhäuser, Essbare Gemeinden, Car-Sharing, Coworking-Space, LEADER und die interkommunale Zusammenarbeit. Der US-amerikanische Vordenker Jeremy Rifkin hat in seinem jüngsten Buch „Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft“ den Niedergang des Kapitalismus und den Beginn einer sozialen Gemeinschaft verkündet: Im zukünftigen Internet der Dinge dominiere die Sharing Economy, eine Wirtschaft des Teilens in sogenannten „kollaborativen Commons“: Gemeinschaften, die sich bestimmte Güter gemeinschaftlich teilen, wie zum Beispiel grünen Strom.


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Das kreative Zentrum

Durch die voranschreitende digitale Vernetzung der ländlichen Räume und die steigenden Mieten in den Großstädten ergeben sich Chancen, kreative Menschen anzulocken und ein kreatives Zentrum im Dorf einzurichten.

Zwar hinkt Deutschland beim Breitbandausbau noch hinterher und das Internet tropft in vielen Regionen mit nicht mal zwei Megabit pro Sekunde aus der Leitung. Durch den LTE-Nachfolgestandard 5G könnte sich das aber bald erledigt haben. Seine Einführung ist für 2020 geplant. Bereits diese Woche werden Mobilfunkfrequenzen versteigert, mit denen das schnelle Internet auch in ländlichen Gebieten ausgebaut wird. Später können diese 700-Megahertz-Frequenzen dann vom 5G-Standard genutzt werden.

Die Kultur- und Kreativwirtschaft ist in den letzten Jahren zum Hoffnungsträger für die moderne Stadtplanung geworden. Der britische Stadtforscher Charles Landry und der US-amerikanische Ökonom Richard Florida prägten dafür den Begriff der „Kreativen Klasse“: Männer und Frauen aus kreativen Berufen bestimmen unsere neue Wissensgesellschaft. Ihre Ideen, Inhalte, Konzepte und kreativen Lösungen beeinflussen das wirtschaftliche Wachstum. Daher bemühen sich immer mehr Städte, kreative Talente auszubilden und anzuziehen. Kreativität wird zum Standortfaktor.

„Das Klischee des hornbebrillten Designers, der auf den Straßen Berlins hängt, einen dampfenden Pappbecher in der Hand, einem oder zwei Smartphones am Ohr, unverständliches Halbenglisch faselnd, gehetzt auf dem Weg zum nächsten Thinktank, zeigt in die falsche Richtung“,

betonen hingegen Sylvia Hustedt und Johannes Tomm in ihrem Handbuch zum Modellprojekt Ideenlotsen Metropole Nordwest 2012-2013, einem norddeutschen Kooperationsraum mit Bremen und Teilen Niedersachsens. Denn in der wirklichen Welt findet Kultur- und Kreativwirtschaft auch außerhalb der urbanen Ballungsräume statt –  man muss im ländlichen Raum einfach nur genauer hinsehen.

Gerade auf dem Land benötigen Kultur- und Kreativschaffende Vernetzung und Sichtbarmachung, teilweise auch Unterstützung bei der Schärfung ihres Geschäftsmodells (Unterschied zwischen Auftrags- und Produzentenlogik: Bei der ersten wartetet der Kreativunternehmer auf Anrufe – bei der zweiten erschafft er ein einzigartiges Angebot, macht auf sich aufmerksam und nimmt so seine Arbeit in die eigene Hand).

Anderseits sind Künstler und Kreative ein Image- und Wirtschaftsfaktor. Sie können neue Impulse für Projekte geben, Kultur und Kreativdienstleistungen für die Gemeinden schaffen, alte Gebäude und Scheunen wieder mit Leben füllen und den Tourismus aufwerten. Beispielsweise in der Eifel, wo der Boom der Regionalkrimis für neues Selbstbewusstsein in Deutschlands Krimi-Landschaft Nr. 1 sorgte. Oder im Landkreis Pfaffenhofen an der Ilm, wo aufgrund der Nähe zu München und den dortigen TV-Sendern und Filmstudios ein Filmbüro zur Vermittlung der Locations eingerichtet wird.

Das 2012 in Österreich entstandene Projekt Zukunftsorte hat sich zum Ziel gesetzt, den Austausch zwischen Kreativunternehmen und ländlichen Gemeinden voran zu treiben. Eine der aktuell neun beteiligten innovativen Gemeinden ist Strengberg (1.993 Einwohner) im Mostviertel in Niederösterreich. Im dortigen denkmalgeschützten Gemeindeamt sind im April 2014 in zuvor leer stehenden Räumlichkeiten die PostSudios als erster ländlicher Coworking Space eingerichtet worden. Co-Working ist eine neue Form gemeinschaftlichen Arbeitens, bei der sich Kreative, Freiberufler, Startups und kleine Firmen einen gemeinsamen Arbeitsplatz teilen. Die Vorteile liegen in der Flexibilität, der finanziellen Entlastung und dem produktiven Austausch untereinander. Coworking Spaces haben daher die Funktion eines kreativen Zentrums (kreative Location), das der oben erwähnte Richard Florida ebenso wie Cafés und öffentliche Räume zu den immer wichtiger werdenden „dritten Orten“ zählt – neben dem privaten Raum (erster Ort) und dem Arbeitsort (zweiter Ort). Die Gesamtmiete pro Büroarbeitsplatz beträgt in den PostStudios 190 Euro pro Monat. Sieben feste und zwei temporäre Arbeitsplätze inklusive Multimedia- und Besprechungsraum stehen zur Verfügung.

Nachahmenswert wäre auch das sogenannte Kommunalkonsulat, das die österreichischen Zukunftsorte im Juni 2014 als ständige Vertretung in der Bundeshauptstadt Wien eingerichtet haben. Das Kommunalkonsulat fungiert als Austausch- und Vernetzungsstelle, gibt Impulse für zukunftsfähige Gemeindeentwicklung und hält Kontakt zu „Ausheimischen“, die für Ausbildung oder Beruf nach Wien gezogen sind.


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