Die Freaks

Wie entstehen Neuerungen? Wenn man auf die alten Regeln (nicht Gesetze!) pfeift. Das gilt für das Leben auf dem Land (Soziale Innovationen) genauso wie für Start-ups. Junge, noch nicht etablierte Unternehmen müssen ihr Potential und ihre Kreativität mit aller Konsequenz entfalten. Nur so können sie mit ihrer Geschäftsidee erfolgreich sein. Die „konzept-kreative Gründung“ wird von Prof. Günter Faltin Entrepreneurship (von französisch entreprendre = unternehmen) in Abgrenzung zur Betriebswirtschaftslehre genannt.

Als Vorbilder in der komplexen Welt gelten jetzt Freaks und Querdenker: Unangepasste Persönlichkeiten mit besonderen Erfahrungen und Talenten, die neue Projektideen wagen, Unternehmen auf Erfolgskurs bringen (Studie Return on Leadership von McKinsey) und als Pioniere auf dem Land eigentlich jede Menge Freiräume und echte Herausforderungen finden könnten.

Doch das deutsche Silicon Valley ist nach wie vor Berlin, wo schräge Typen an der Tagesordnung sind. Laut Deutschem Start-up Monitor 2015 schätzen etwa ein Drittel aller Gründer an der Spree den „richtigen Mix aus Inspiration, Kreativität, Abenteuer und Netzwerk.“ In Deutschland soll es insgesamt rund 6.000 Start-ups geben, sagt der Bundesverband Deutsche Startups.

Um den Unternehmergeist auch abseits von Berlin zu fördern, sind die Orientierung an guten Vorbildern („Kapieren, nicht Kopieren“), die Verankerung und Vernetzung der Gründer in der Region (Gründerszene und Gründerökosystem) und neuerdings die Teilhabe an den Gründungsaktivitäten wichtige Methoden. Eine Studie zur Zukunft der Gründungsförderung hat das bereits 2013 auf Seite 91 gut beschrieben:

„Während sich die (Vor-)Gründungsphase in der Vergangenheit als eher anonymer, bisweilen einsamer Prozess vollzog, so ist sie mittlerweile für jedermann erlebbar. Deutlich mehr Menschen werden Teil von Gründungen, sogar ohne eigene Gründungsabsicht. Von der kreativen Unterstützung bei der Entwicklung eines innovativen Produktes bis hin zur Bereitstellung gründungsrelevanter Ressourcen wie Kapital oder Know-how. Den Beteiligungs- und (Mit-)Gestaltungsmöglichkeiten sind im Prinzip keine Grenzen gesetzt.“

Der klassischen Gründungsförderung macht das viel Arbeit. Denn Gründermessen, Businesspläne und Beratersprechstunden sind ein alter Hut, dagegen liegen Barcamps (offene Tagung), Slams (freier Ideenaustausch), Prototypenparties, Labore für Entrepreneurship, PechaKuchas, Startup Weekends und Festivals im Trend und können wichtige Impulse auslösen. Die Neueinsteiger kommen so miteinander und mit anderen Unternehmern, Kunden/Nutzern/Interessierten ins Gespräch, können Ideen weiterentwickeln, Kontakte knüpfen, Geschäftsmodelle quer- und längsdenken oder sogar gemeinsam Produkte entwickeln (Co-Creation) und Aufgaben gemeinsam lösen (Crowdsourcing). Kreative Räume für Gründer und Coworking auf dem Land bieten beispielsweise die Grüne Werkstatt Wendland (bekannt durch die Anti-Atomkraft-Bewegung) mit dem Kreativ Labor in der niedersächsischen Kreisstadt Lüchow (9.481 Einwohner), der CoworkingSpace wexelwirken in Kusterdingen (8.471 Einwohner) im Landkreis Tübingen, das Kreativzentrum EMMA in Pforzheim (122.247 Einwohner) oder die Gründervilla in Kempten (66.947 Einwohner) im Allgäu.

Die neue Gründerszene gilt als Vorbild für New Work, die neue Arbeitswelt. Bereits in den 1980er Jahren hat der irische Wirtschaftssoziologe Charles Handy das Paradigma der Wissensgesellschaft beschrieben. Denn gut ausgebildete, selbstständige Menschen brauchen niemanden, der sie „führt“ und ihnen sagt, was sie zu tun haben, sondern jemanden, der hilft, ihr Können und ihre Talente optimal zu entfalten. Wer sich vom klassischen Angestelltenverhältnis verabschieden und sein eigenes Ding machen will, findet bei der Entrepreneurin Catharina Bruns Inspiration für die neue Selbstständigkeit. Ihr Projekt Work is not a job! ist das Denkprinzip und der Lebensstil einer neuen Generation von (Selber-)Machern („Maker“). Dank Laptop und Internetanschluss sind heute die Möglichkeiten, sich mit Gleichgesinnten zu vernetzen und die Wirtschaft (Netzwerkökonomie) für sich und zum Wohle der Welt zu nutzen, so vielfältig wie noch nie – auch ohne viel Startkapital, Vitamin B oder spezielle Abschlüsse.

Ein Freak ist der österreichische Unternehmer Heinrich „Heini“ Staudinger, der in Schrems (5.496 Einwohner) die legendären Waldviertler-Schuhe herstellt. Seit er 2012 zur Staatsaffäre geriet, ist er zur Symbolfigur für zivilen Ungehorsam geworden und kann sich nun vor Aufträgen kaum retten. Weil ihm seine Bank keinen Kredit gewährte, sammelte er drei Millionen Euro von seinen Freunden und Kunden mit einer Art Crowdfunding. Die Finanzmarktaufsichtsbehörde (FMA) hat ihn daraufhin verklagt, weil Kredite nur eine Angelegenheit von Banken sein dürfen. Den Prozess verlor er, doch durch den Fall wurde in Österreich erstmals über Crowdfunding diskutiert und seit 2015 gibt es das Alternativfinanzierungsgesetz. Das geschah mitten während der Dreharbeiten zum Film Das Leben ist keine Generalprobe. Die 2016 erschienene Dokumentation zeigt einen ungewöhnlichen Unternehmer, der morgens nackt im Teich badet, mittags Unterstützungen für alleinerziehende Mütter ausklügelt und nachmittags mit dem Wirtschaftsminister Klartext redet.

Eine schöne Anregung gibt auch der aktuelle Wettbewerb Menschen und Erfolge – Ländliche Räume: produktiv und innovativ. Bis zum 14. November 2016 werden vom Umweltbundesministerium noch Beiträge gesucht, die eine innovative Geschäftsidee in einer ländlich geprägten Region umsetzen, auf lokale Ressourcen und Potentiale setzen oder leerstehende Gebäude für Existenzgründer umnutzen. Auch der Text der Wettbewerbs-Auslobung ist lesenswert.


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