Das neue Biotop

In Deutschland gibt es immer weniger Pflanzen und Tiere. Vor allem bei Vögeln und Insekten sind die Rückgänge erschreckend. Gegenüber dem 19. Jahrhundert sind die Vogelbestände sogar um 80 Prozent zurückgegangen, schlägt der bekannte Vogelforscher Prof. Peter Berthold Alarm, und zwar in seinem neuen Buch Unsere Vögel – Warum wie sie brauchen und wie wir sie schützen können, das 2017 erschienen ist. Ob Feldlerche, Kiebitz oder Rebhuhn – man bekommt sie kaum noch zu Gesicht.

Doch der ehemalige Direktor des Max Planck Instituts für Ornithologie, Vogelwarte Radolfzell, war es leid, immer nur das Artensterben zu beklagen und auf die Einsicht der Politik zu hoffen. Berthold wollte handeln und am Ende seiner universitären Laufbahn endlich auch mal umsetzen, „was wir wissen und erforscht haben“. 1988 entwickelte er daher mit zwei Kollegen einen neuen Ansatz, der sich vom behördlichen Naturschutz („halbherzig und bislang erfolglos“ Seite 136 ff.) und radikalen Forderungen nach einer Rückkehr zu mehr ökologischer Bewirtschaftung auf der gesamten Fläche („völlig unsinnig, dazu ist der ökonomische Druck auf unsere Flächen schon jetzt viel zu hoch“ Seite 165) grundlegend unterscheidet: Jeder Gemeinde ihr Biotop lautet seine Vision.

Durch die Renaturierung von bestimmten Flächen, auf die man gut verzichten kann, soll über ganz Deutschland verteilt zwischen den Ortschaften ein dichtes Netzwerk hochwertiger Lebensräume entstehen, das den meisten Arten eine Chance bieten würde, zu überleben und größere Populationen aufzubauen.

„Also im simpelsten Fall ein Stück plattes Land, was früher vielleicht mal sehr schön strukturiert war, im Mittelalter vielleicht sogar Feuchtgebiet gewesen ist, Weiher gehabt hat, jetzt ein Maisfeld ist, aber sehr nass. Das nehmen wir aus der Nutzung raus, machen mit dem Bagger ein Loch in den Boden, schauen, dass sich dort Schilf ansiedelt, haben ein neu geschaffenes Biotop für Tiere und machen in einer angemessenen Entfernung das nächste. Dadurch entsteht der Verbund, dass die Dinge nahe beieinander liegen“, erklärt Berthold am 24.11.2017 im Video Fünf vor zwölf! Der Naturtalk.

Zum ersten Mal wurde das neue Naturschutzkonzept am Bodensee ausprobiert, wo 2005 der „Heinz-Sielmann-Weiher“ im Owinger Ortsteil Billafingen (728 Einwohner) eingeweiht wurde, benannt nach dem großen Tierfilmer Heinz Sielmann und die Sielmann-Stiftung hat das Projekt auch wesentlich finanziert. Der Weiher hat drei Inseln und ist rund 1,3 Hektar groß. Ihn umgibt ein Mosaik aus Tümpeln, Schilfflächen, Säumen, Hecken und Gräben („Schutzzaun“). Seit 2011 beweiden Wasserbüffel das Weiherumfeld.

Nach der Einrichtung des Weihers stieg die Anzahl der beobachteten Vogelarten um 50 Prozent auf insgesamt 179 Arten. Außerdem siedelten sich Amphibien, Tagfalter und Libellen an. Besucher können die nun reichhaltige Natur von einer Aussichtsplattform und einem Hochstand aus beobachten und werden so in der ausgeräumten Kulturlandschaft wieder an die Natur herangeführt. Inzwischen sind im Netz des Biotopverbundes Bodensee über hundert weitere Biotopbausteine an 36 Standorten entstanden.

Ganz praktisch wird es im zweiten Teil des Buches, wo Berthold nachvollziehbar die einzelnen Maßnahmen beschreibt, die Vogelfreunde und Naturschützer in ihren Gemeinden ergreifen können, um neue Biotope zu schaffen: Angefangen von der Auswahl des geeigneten Biotoptyps (Feuchtgebiet, aber auch Auwald, Wald- und Gebüschzonen an Gewässern, aufgelassene Steinbrüche, Kiesgruben, Wacholderheiden, Trockenrasen, artenreiche Mähwiesen können sinnvoll sein), der Verfügbarkeit der Flächen bzw. Klärung der Besitzverhältnisse (Flächen, die für den Anbau landwirtschaftlicher Produkte weniger geeignet sind) über die Prüfung der Machbarkeit (boden- und wasserkundliche Vorprüfungen, evtl. Einrichtung von Weiden) und die Beschaffung der Genehmigungen (Beschlüsse Ortschafts- und Gemeinderat, Vor-Ort-Termin mit Behörden) bis hin zur Trägerschaft (am besten Gemeinde als Projektträger und Besitzer, kleinere Pflegemaßnahmen über Bauhof) und Mittelbeschaffung (Stiftungen, Spenden, Ökokonto für die Ausgleichsmaßnahme oder Förderprogramme).

An Gesamtkosten für Biotope in der Größe vom Heinz-Sielmann-Weiher muss mit 250.000 bis 500.00 Euro gerechnet werden, je nach Kosten für den Grunderwerb, den Bau und die Nebenkosten. Aber Berthold warnt ausdrücklich davor, angesichts dieser Summen doch bescheidener zu planen. Denn bei kleineren Weihern sinken die Brutvögelarten und Raritäten sind kaum zu erwarten, sagt er voraus: „Man ist irgendwann enttäuscht und ärgert sich schwarz, dass man nicht größer geplant und sich nicht mehr Zeit genommen hat, um das dafür erforderliche Geld zu beschaffen“ (Seite 205).

Und ein ganz wichtiger Aspekt ist, dass durch diese Vorgehensweise die Bürgerinnen und Bürger hinter diesen Projekten stehen und auch bereit sind, sich für „ihr Biotop“ zu engagieren.


Luftaufnahme von Andreas Hammer

Der neue Waldspaziergang

Ständig erreichbar sein, überall Mails und News checken können: „Hat uns diese digitale Revolution wirklich bereichert?“, fragt der Deutschlandfunk. Ausgerechnet aus dem Silicon Valley kommt die Gegenbewegung Digital Detox, digitales Entgiften.

Doch zum größten Gegentrend unserer Zeit wird nach Meinung der Zukunftsforscher Achtsamkeit oder „Mindfulness“ auf Englisch, was nach wabernder Esoterik klingt, im Grunde aber nicht anderes bedeutet, als die Fähigkeit, bewusster zu leben und auch mal abzuschalten: Menschen machen dafür Entschleunigungs-Seminare, legen sich auf die Yoga-Matte und buchen Entspannungskurse. Oder gehen zum Abschalten in den Wald, der zur Zeit ja auch wieder eine Art Renaissance erlebt (Holz, Wandern, Geocaching, Baumwipfelpfad, Baumhaus, Waldküche, Waldhonig, Waldkindergarten, Waldbestattung usw.).

Den Waldspaziergang gibt es jetzt sogar auf Rezept, wenn auch vorerst nur als Privatrezept, also zum Selberzahlen, und zwar im Ostseebad Heringsdorf (8.839 Einwohner) auf der Insel Usedom. Am 13. September 2017 wurde dort nämlich der erste deutsche Heilwald per Rechtsverordnung in Kraft gesetzt. In der Ruhe des 50 Hektar großen Buchenwaldes können die Patienten nun unter Anleitung Atem- und Bewegungsübungen machen und psychosomatische Beschwerden wie Burnout, Depressionen oder Schlaflosigkeit lindern. Der Heilwald wurde sogar zur handyfreien Zone erklärt, um ein störungsfreies Naturerleben zu ermöglichen.

Doch auch ohne Funkverbindung ist der Wald ein Ort der regen Kommunikation, hat der Biologe Clemens Arvay am 25. April 2017 im Interview mit der Wissenschaftssendung nano erklärt:

„Wir können uns den Wald als einen einzigen riesengroßen Organismus vorstellen, wo Bäume und andere Pflanzen Botschaften untereinander austauschen. Zum Beispiel über Schädlinge, die im Anrücken sind. Das geht so weit, dass von Baum zu Baum auch Informationen über die Art und Größe der Schädlingsarmee weitergegeben werden. So können alle Pflanzen ihre Immunsysteme hochfahren und sich mit vereinten Kräften gegen die Invasion schützen. Um sich gegenseitig Botschaften zukommen zu lassen, benutzen die Pflanzen chemische „Wörter“, bioaktive Substanzen aus der Gruppe der Terpene. Das sind Duft- und Botenstoffe, die überall in der Waldluft herumschwirren und über die Blätter, die Borke und die Wurzeln abgegeben werden. Manchmal können wir sie im Wald auch riechen, denn Terpene sind die wichtigsten Bestandteile der ätherischen Öle aus Bäumen und Pflanzen.“

Faszinierend ist dabei, dass das menschliche Immunsystem ganz ähnlich reagiert und unsere Widerstandskräfte gestärkt werden: Denn wenn wir Terpene wie etwa die sogenannten Limonene und Pinene aus der Waldluft einatmen, werden die natürlichen Killerzellen angeregt, die die Aufgabe haben, Viren auszuschalten und Tumore aufzuspüren. Bereits ein Tag im Wald führt zu einem 40-prozentigen Anstieg unserer wichtigsten Abwehrtruppen im Blut.

Wenn wir mit der Natur interagieren und sie uns positiv beeinflusst, tritt der Biophilia-Effekt (Biophilie von altgriechisch bios „Leben“ und philia „Liebe“) ein, den Clemens Arvay in Anlehnung an den Psychoanalytiker und Philosophen Erich Fromm für seinen gleichnamigen Besteller von 2015 verwendet hat. Fromm wollte damit die Sehnsucht der Menschen nach der Natur ausdrücken, die heute viele Städter haben (Urban Gardening) und was auch eine Chance für das Leben auf dem Land und insbesondere die Naturlandschaften und den Tourismus sein kann. Ebenso können von dem Biophilia-Effekt Forderungen für gesunde Wälder und den Naturschutz sowie für mehr Bäume und Grün in den Großstädten abgeleitet werden.

Den gesundheitsfördernden Effekt der Terpene in der Waldluft hat als erster der Umweltimmunologe Professor Qing Li von der Nippon Medical School in Tokio in zahlreichen Feldstudien untersucht und damit auch nachgewiesen, dass uns Bäume nicht nur psychisch gesund machen, also zur Ruhe und zum Abschalten bringen können, sondern auch körperlich. Er gilt als Pionier der Waldmedizin, die seit 1982 in Japan staatlich anerkannt ist und von den Krankenkassen gefördert wird.

Auch die Idee der Heilwälder stammt von dort und geht auf das Konzept mit dem schönen Namen 森林浴, wörtlich übersetzt „Waldbaden“ zurück, das in Japan eine lange Tradition in der Volksmedizin hat. Wasser oder gar eine Badewanne sind aber nicht nötig. Vielmehr ist Waldbaden ein kurzer, geruhsamer Ausflug in den Wald, bei dem man bewusst einatmet und dann die würzigen Stoffe des Waldes und die Waldatmosphäre aufnimmt. Wandern oder Sport treiben schadet nicht, muss man aber nicht unbedingt machen.

Ein Drittel von Deutschland ist bekanntlich mit Wald bedeckt (in Japan sogar 67 Prozent), da dürfte das neue Waldspazierengehen leicht zu praktizieren sein. Laut Arvay sind die Nadelwälder besonders interessant, weil Kiefern, Fichten und Tannen die meisten Terpene abgeben. Aber auch Laubbäume geben welche ab. Besonders viele werden über die Borke freigesetzt und auch über die Haut können wir Terpene aufnehmen, daher ist das Umarmen von Bäumen gar nicht lächerlich. Nach Regen oder bei Nebel ist der Terpengehalt im Wald besonders hoch. Im Sommer ist die Konzentration am höchsten, im Winter nimmt sie ab, erreicht aber niemals Null.


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Die Zukunft des Waldes

Der deutsche Wald braucht mehr Artenvielfalt und eine natürliche Entwicklung. Sonst ist er den Herausforderungen des Klimawandels nicht gewachsen, meint der 86-jährige Förster Dr. Georg Meister in seinem aktuellen Buch Die Zukunft des Waldes. Warum wir ihn brauchen, wie wir ihn retten.

Der Planer des Nationalparks Berchtesgaden in den 1970er Jahren und frühere Leiter des Gebirgsforstamtes Bad Reichenhall spricht sich für eine Rückkehr zum naturnahen Mischwald aus, der sich in seiner ganzen natürlichen Artenvielfalt entwickeln kann. Das ist eigentlich gar nicht so neu und wird seit Jahrzehnten bereits von der nachhaltigen Forstpolitik gefordert. Schließlich hat ja auch ein Forstmann den Begriff der Nachhaltigkeit vor über 300 Jahren erfunden.

Doch warum dominieren bei uns in Deutschland eintönige Fichten- und Kiefernforste?

„Nach wie vor entscheidet im deutschen Wald viel zu oft noch immer die Art der Jagdausübung und damit die Zahl der Rehe und Hirsche, welche Baum-, Kraut- und Straucharten in den jungen Wäldern aufwachsen dürfen“, lautet die entschiedene Antwort Meisters, womit er sich bei der eher konservativen Jagdzunft nicht viele Freunde macht (Zitat aus der Rezension im Deutschlandfunk vom 24.8.2015).

Wie kann der normale Waldbesucher sehen, dass der Wildbestand zu hoch ist? Nochmal Meister:

“Das kann man am besten sehen, wenn man sich einen Wild abweisenden Zaun anschaut, wo innerhalb dieses Zaunes eine enorme Artenvielfalt da ist von vielleicht fünf oder zehn Baumarten und einer großen Zahl von Kraut- und Straucharten. Und außerhalb vom Zaun haben wir hartes Gras, Disteln und wir haben in erster Linie Fichten und Kiefern.“

Einige Waldbesitzer und viele Jäger züchten mit gezielten Maßnahmen – wie der Fütterung der Rehe im Winter – immer übermäßig viel Wild nach, um auch in der nächsten Jagdsaison Trophäen zu schießen. Außerdem werde die Zahl der Wildbestände systematisch unterschätzt, erklärt Meister. Gab es im Urwald, als Luchs und Wolf noch überall in Deutschland heimisch waren, ein Stück Rotwild und fünf bis sechs Rehe auf einer Waldfläche von 200 Hektar, so liegen diese Wildbestände heute beim Zehnfachen und darüber. Neben den ökologisch negativen Folgen verursacht ein hoher Wildverbiss auch hohe Kosten (60 bis 100 Euro pro Hektar), etwa für neue Kulturen, Zäune und den Waldumbau, die nicht über die Jagdpacht (5 bis 10 Euro pro Hektar) ausgeglichen oder geltend gemacht werden können.

Wie „Wälder der Zukunft“ funktionieren können, wird im Buch anhand von Waldbeispielen u.a. aus den Haßbergen bei Rentweinsdorf, aus dem Nationalpark Bayerischer Wald, aus dem Stadtwald Hildburghausen in Südthüringen und aus Oberbayern bei Inzell und Berchtesgarden erläutert.

Um naturnahen Wald zu schützen, braucht es aber nicht nur die Unterstützung der Waldbesitzer und Forstbeamten. Er wird auch die Akzeptanz der Bevölkerung benötigt. Denn viele wissen heutzutage nicht, wie der Wald am Berg oder in der Ebene eigentlich aussehen müsste. Umso notwendiger ist es, das am konkreten Objekt zu zeigen und so die Faszination Wald und das Thema Nachhaltigkeit auf spannende Weise erlebbar zu machen.

Beispielsweise im Nationalpark Harz, wo der Diplom-Forstwirt Christin Barsch originelle Erlebnisführungen anbietet. Auch buchbar im Wald ihrer Wahl, was Barsch Rent-a-Förster-to-go nennt oder als Slow-Foot-Genießen, was bedeutet, dass die Lebensmittel am natürlichen Ursprung gesammelt und dann am offenen Feuer zubereitet werden, wodurch die Natur noch intensiver erlebbar wird.

Nachtrag:

Im gerade erschienen Waldreport 2016 zeigt der BUND in zwanzig Fallstudien aus elf Bundesländern, dass in der Forstwirtschaft nach wie vor erhebliche Defizite bestehen. Als negativ werden beispielsweise massive Holzeinschläge, zerstörte Waldböden, gefällte Höhlenbäume, Kahlschläge bzw. eine zu starke Holzentnahme, darunter Eingriffe in strengen Schutzgebieten, kritisiert.

Dem sind jedoch auch positive Beispiele gegenübergestellt: Öffentliche Wälder, in denen das Gemeinwohl wie der Schutz der biologischen Vielfalt und die Belange der Erholungssuchenden klar vor dem wirtschaftlichen Interesse der Holzgewinnung steht. Und Privatwälder, deren Besitzer sich freiwillig für die Erhaltung wertvoller alter Bäume mit Höhlen für Fledermäuse, Vögel und Käfer in ihren Wäldern engagieren. Lesenswert sind auch die zehn BUND-Forderungen für eine ökologisch verträgliche Waldwirtschaft, die am Ende des Waldreports zusammengestellt sind.


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Der naturnahe Tourismus

Viele sehnen sich danach, dem Stress und der Hektik im beruflichen und privaten Alltag zu entfliehen. Sie suchen einen Ausgleich: Phasen der Entschleunigung, Auszeiten. Gerade ländliche Regionen können dafür Natur und Ruhe bieten und mit einer Qualität und Besonderheiten punkten, die andere nicht (mehr) haben.

Der Bergführer Hannes Grüner hat das mit seiner launigen Bemerkung „Kommen Sie zu uns, wir haben nichts“ provokant auf den Punkt gebracht. Vor einigen Jahren wollte er damit einem Reisejournalisten den Vorteil des Vilgratentals erklären. Das weitestgehend noch unberührte Alpental liegt auf 1.400 Höhenmetern in den Osttiroler Bergen, wo man nur urige alte Bauernhäuser, Blumenwiesen, viele Schafe und das empfehlenswerte Haubenlokal Gannerhof von Alois Mühlmann findet.

Dass es für einen intensiven Naturgenuss keine künstliche Erlebnisinszenierung braucht, davon ist Prof. Dominik Siegrist überzeugt. Er ist der Leiter des Instituts für Landschaft und Freiraum an der Hochschule für Technik in der Schweiz und war langjähriger Präsident der Alpenschutzkommission CIPRA. In einer dreijährigen Studie über den Alpentourismus, die im Buch Naturnaher Tourismus – Qualitätsstandards für sanftes Reisen in den Alpen 2015 zusammengefasst ist, hat er eine steigende Nachfrage nach naturnahen Angeboten und einen Trend zum naturnahen Tourismus festgestellt, der für viele Destinationen heutzutage ein wichtiges ökonomisches Standbein darstellt.

„Vor bald vierzig Jahren prangerten Exponenten wie Jost Krippendorf (…) die Fehlentwicklungen im Tourismus an. Zweitwohnungsbau und Zersiedlung, Landschaftszerschandelung durch neue Skigebiete und überdimensionierte Verkehrsprojekte waren schon damals ein Thema. Das Schlagwort des „sanften Tourismus“ wurde erfunden und später durch den treffenderen Begriff des „naturnahen Tourismus“ ersetzt. Es hat Jahrzehnte gebraucht, bis die Tourismuskritik den Weg in die Destinationen gefunden hat. Doch heute habe ich den Eindruck, dass in Tourismuskreisen gewisse Einsichten stattgefunden haben und die Botschaften von damals in der Branche angekommen sind – zumindest teilweise. Und es gibt Vorreiter-Destinationen und Vorreiter-Betriebe für den naturnahen Tourismus, die in den Medien unterdessen als Leuchttürme präsentiert werden,“ erklärt der Professor in seiner Einführung zur diesjährigen Fachtagung Naturgenuss statt Erlebnis-Burnout?

Auf der Tagung wurden die neuen Qualitätsstandards vorgestellt, die für den naturnahen Tourismus von zentraler Bedeutung sind, mit denen aber auch die Rückgänge in den Schweizer Berggebieten durch den teuren Franken abmildert werden sollen. Denn Gäste, die dafür affin sind, kommen mehrheitlich aus dem Inland und sind weniger preissensibel, haben dafür aber hohe Erwartungen, hat der Tourismus-Experte herausgefunden. Die kommentierte Checkliste besteht aus zehn Qualitätsstandards mit je fünf Kriterien und kann auf andere Regionen nicht nur in den Bergen übertragen werden, um innovative Produkte und Angebote zu entwickeln. Sie reichen vom Schutz der Natur, der Pflege der Landschaft, der guten Architektur, der Raumplanung und der Angebotsentwicklung bis zur Umweltbildung und zum naturnahen Marketing.

Für mehr Naturgenuss und den naturnahen Tourismus stehen vor allem die neuen Angebote der Naturparke, Nationalparks und Biosphärenreservate sowie die zahlreichen Umweltbildungs- und Exkursionsangebote, die in den letzten Jahren auch aufgrund des steigenden Bewusstseins für einen nachhaltigen Umgang mit den natürlichen Ressourcen entstanden sind: Im Wildniscamp können Sie im Wiesenbett, in der Erdhöhle, im Baumhaus, im Waldzelt, in der Wasserhütte oder im Lichtstern das ganze Jahr übernachten und so dem urwüchsigen Bayerischen Wald ungewöhnlich nah kommen. Besondere Erholung verspricht auch die Natur- und Geräuschkulisse im Hainich, wo gesundheitsfördernde Waldwellness (z.B. Yoga, Klangreisen oder Meditation) auf dem 44 Meter hohen Baumkronenpfad die Natur als Kraftquelle in Szene setzt. Ein bis zwei Tage ehrenamtlich Bäume pflanzen, Wanderwege, Zäune und Almen instand setzen, Bergbauern beim Mähen helfen, in der Alm-Sennerei mitarbeiten, Pflanzen und Tiere zählen und kartieren können Sie in den Tiroler Naturjuwelen mit einer individuellen und arbeitsfreien Urlaubswoche kombinieren, wo ein neuartiges Volunteering-Konzept entwickelt wurde.

Wie Tourismus abseits des Trubels funktionieren kann, machen auch die Bergsteigerdörfer vor. Seit 2005 zeichnet der Österreichische Alpenverein damit Orte aus, die auf Ursprünglichkeit, Naturgenuss und Entschleunigung setzen. Die Nationalparkgemeinde Ramsau bei Berchtesgarden (1.742 Einwohner) am Fuß des Watzmanns ist 2015 das erste deutsche Bergsteigerdorf geworden. Auf Schneekanonen oder Massen- und Eventtourismus will man hier auch zukünftig verzichten.


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Die essbare Gemeinde

Ob auf den Brachflächen des ehemaligen Berliner Flughafens Tempelhof oder auf den Dächern der New Yorker Wolkenkratzer. In den Städten boomt Urban Gardening: Die neue Lust am Eigenanbau von Gemüse und Obst sowie an nachbarschaftlichen Begegnungen im Grünen.

Angesichts einer komplizierter werdender Welt und ständig neuer Lebensmittelskandale steckt dahinter der Wunsch, sich neu zu erden und selbst zu versorgen. Auch ökologische und künstlerische Anliegen spielen eine Rolle, um aus vernachlässigten Orten wieder Gegenden zu machen, wo sich Menschen begegnen. Für die Städte ist Urban Gardening deshalb eine wichtige Strategie, um das Stadtbild und das Leben in der Stadt zu verbessern.

Kann das Konzept auch im Dorf funktionieren? Eigentlich nicht – sollte man meinen -, denn im Dorf haben die meisten ihren eigenen Garten gleich vor der Haustür. Trotzdem kann es auch in ländlichen Gemeinden sinnvoll sein, brach liegende Flächen für ein Gemeinschaftsgartenprojekt zu nutzen. Oder mit Hochbeeten eine Brücke zwischen altem Dorf und Neubaugebiet zu schlagen.

In Österreich ist Anfang 2013 die erste essbare Gemeinde Österreichs in Übelbach (1.982 Einwohner) nördlich von Graz ausgerufen worden. Im Rahmen der Umgestaltung des Spielplatzes wurde ein essbarer Spielplatz als Treffpunkt für Jung und Alt eingerichtet, wo die Kinder gesundes Süßes genießen und die Älteren ihre Erfahrung an die nächste Generation weiter geben können. Weitere öffentliche Plätze sind der essbare Garten vor dem Pflegeheim und der Blumenschmuck auf dem Markplatz, der mit essbaren Pflanzen kombiniert ist.

Das dahinter stehende „Pflücken erlaubt“-Prinzip stammt aus der Essbaren Stadt Andernach am Rhein, wo es seit 2010 öffentliche Stadtgärten gibt, die mit Gemüse, Obst und Kräutern begrünt sind und sich jeder beim Einkaufsbummel bedienen darf.


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