Die Sehnsucht nach Heimat

„Heimat“ liegt im Trend und hat gerade für junge Menschen steigende Bedeutung. Es gibt regionale Produkte aus dem Heimatladen, regionale Krimis oder Bands, die im Dialekt singen. Die ARD hat im Oktober 2015 eine ganze Themenwoche Heimat gestartet und das moderne Heimatgefühl der jungen Generation beleuchtet. In einer komplexer werdenden Welt wächst die Sehnsucht nach dem Beständigen, erklären die Zukunftsforscher und nennen das den Still Made Here Trend:

„Es ist das Comeback des Lokalen, all der Dinge mit einem Sinn für die eigene Umgebung (…). In einer Welt, die bestimmt wird von Globalisierung und Massenproduktion, interessieren sich immer mehr Konsumenten für das Lokale und damit für das Authentische, das Verantwortungs- und Umweltbewusste.“

Lange Zeit stand Heimat für Spießertum und konservative Lebensführung. Mit dem Missbrauch des Wortes durch die Nationalsozialisten wurde Heimat mit „Blut und Boden“, „Volk ohne Raum“ und der Idealisierung einer bäuerlichen Lebensweise verbunden. In den 50er Jahren erlebte das zerstörte Deutschland eine Flut an Heimatfilmen wie „Das Schwarzwaldmädel“ (1950) oder „Die Mädels vom Immenhof“ (1955), in denen die heile Welt und dörfliche Gemeinschaft großgeschrieben wurden.

Die Neuinterpretation des Begriffs begann in den 1960er und 1970er-Jahren, als der lokale Eigensinn eine neue Protestkultur gegen die zentrale Planung von oben wachsen ließ. Dazu passt, dass der Filmemacher Edgar Reitz 1979 mit seinen Heimat-Filmen über das fiktive Schabbach im Hunsrück anfing. Mit weiteren Autorenfilmern hatte Reitz bereits 1962 das legendäre Oberhausener Manifest initiiert, das sich unter anderem gegen den konventionellen Heimatfilm richtete.

In Oberbayern, wo das Regionalbewusstsein besonders stark ausgeprägt ist, kam die Weiterentwicklung aus den Münchner Gastwirtschaften. 1976 übernahm der Wirt Josef Bachmeier das Fraunhofer und schuf eine Nachwuchs- und Experimentierbühne für Kabarettisten und junge Volksmusiker. Mit dabei waren die Biermösl-Blosn, die ab 1982 mit Gerhard Polt auftraten und sich auf witzige subversive Art mit der „Heimatzerstörung“ auseinandersetzten. Auch als Gegenakzent zum damals noch typischen Heimatabend in den alpinen Tourismusgebieten, wo Einheimische mit Gamsbart und Lederhosn auf der Heimatbühne im Haus des Gastes den Urlaubern Brauchtum vorspielten: „- ursprünglich und echt – oder besser gesagt: was sie dafür halten: Goaßlschnalzn, Kuhglockenläuten, Watschntanz und kitschige Einakter“, hat die Literaturwissenschaftlerin Elisabeth Tworek im Bayerischen Feuilleton am 24. Oktober 2015 über die Kombination aus inszenierter Heimatpflege und touristischer Heimatkunde herausgefunden. Inzwischen habe sich der Heimatabend in der alten Form jedoch überlebt.

Heimat ist ebenso wie der Begriff Region subjektiv und jeder hat eine eigene Vorstellung davon. Wenn sich Menschen mit ihrer Region identifizieren, sind sie eher geneigt, auch aktiv etwas für die nachhaltige Entwicklung ihrer Region zu tun, lautet eine These in der Regionalentwicklung. Heimat wird aber nicht nur geographisch und räumlich verstanden, sondern meint auch soziale Beziehungen und emotionale Bindungen. Das Gefühl dazuzugehören macht Heimat aus und lässt Zugroaste und Neubürger einheimisch werden.

Selbst in kleinen Städten und Gemeinden leben inzwischen Menschen aus aller Welt. Sie bringen unterschiedlichste Sprachen, Mentalitäten und Religionen mit. Dank vieler Freiwilliger und Initiativen in ländlichen Räumen, die beispielsweise im Rahmen des Wettbewerbs Menschen und Erfolge 2015 ausgezeichnet wurden, sowie Online-Wegweiser für Kommunen haben sie eine neue Heimat gefunden.

Norbert Göttler, Bezirksheimatpfleger von Oberbayern, sieht daher in der Inklusion – dem Miteinander aller und dem Gegenteil von „Mia san mia!“ – das Gebot der Stunde:

„Alles verändert sich und dem muss man schon Rechnung tragen. Der Bezirk Oberbayern, für den ich ja stehe, hat ganz groß auf seinen Fahnen die Inklusion. Alle Aktivitäten im Sozialen, aber auch im Kulturellen, müssen geprägt sein vom Gedanken, Integration von Menschen aller Art in den Dörfern, Märkten und Städten. Und das müssen auch alle bewältigen, die im Bereich des Brauchwesens und der Heimatpflege sich aktiv beteiligen. Unser Ansatz ist ein inklusiver Ansatz: Möglichst viele Geister, auch unterschiedliche Geister mitzunehmen, ist besser und ist auch zukunftsfähiger für unser Land.“ (ebenfalls aus dem Bayerischen Feuilleton)


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2 Gedanken zu „Die Sehnsucht nach Heimat

  1. Eine ganz liebenswerte und gleichzeitig genaue Definition hat Monika Gruber einmal in einem ihrer Programme gebracht. Aus dem Gedächtnis“ „Wenn man zur Mama heimkommt und sie kocht ein Menü aus den Resterln im Kühlschrank, das besser schmeckt als jedes Essen im Gourmet-Lokal – des is Heimat! Und wenn man dann nausgeht und trifft die Nachbarin und die erzählt, wer wieder was ang’stellt hat und zieht über alle anderen bösartig her – des is aa Heimat!“

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