Die neuen Vereine

Der Verein ist die wichtigste Organisationsform des bürgerschaftlichen Engagements. Nach Erhebungen des Freiwilligensurveys finden insgesamt 46 Prozent aller freiwilligen Tätigkeiten in Vereinen statt. Erst mit weitem Abstand folgen Kirchen und religiöse Gemeinschaften, Gruppen und Initiativen, die keine formelle Rechtsform aufweisen, staatliche oder kommunale Einrichtungen sowie Verbände, Parteien, Gewerkschaften und Stiftungen.

Aktuell gibt es in Deutschland etwa 600.000 Vereine. Die meisten sind rein ehrenamtlich organisiert und vor Ort aktiv, wie die ZiviZ-Survey, eine aktuelle Studie zum Projekt Zivilgesellschaft in Zahlen  herausgefunden hat. Und die Zahl der Vereine wächst ständig: Seit der Wiedervereinigung hat sie sich in etwa verdoppelt, seit 1960 versiebenfacht. Allein zwischen 2001 und 2012 wurden 35.000 neue Vereine gegründet.

Doch gerade die neueren Vereine verstehen sich eher als Dienstleister und haben nichts mehr mit dröger Traditionspflege zu tun, hat Alina Mahnken von der Bertelsmann Stiftung beobachtet: Vom Stammtisch grauer Herren zur coolen Bewegung bezeichnet sie diese Entwicklung. Denn viele wollen etwas bewegen und richten ihre Aktivitäten verstärkt nach außen: Studenten mobilisieren ihre Kollegen an der Uni für Knochenmarkspenden. Andere gestalten Aufklärungskampagnen gegen Tabakkonsum. Aktive Senioren unterstützen junge Menschen beim Finden eines Ausbildungsplatzes. Kinder lernen in einem umgebauten Doppeldeckerbus alles über gesundes Essen.

Diese gesellschaftlichen Veränderungen schlagen sich auch in der Vereinsarbeit im ländlichen Raum nieder:

„War es früher noch eine Pflicht und Ehre, eine Vorstandsposition zu übernehmen, so spielen diese Werte heute keine so große Rolle mehr. Die Menschen überlegen sehr genau, was sie zu leisten bereit sind, was ihre privaten und persönlichen Bedürfnisse sind, und ob dies mit solchen ehrenamtlichen Funktionen vereinbar ist. Insofern ist auch auf dem Land feststellbar, was sich im städtischen Bereich schon länger beobachten lässt: Die Menschen sind nicht mehr ihr ganzes Leben einem Verein treu, ihre Freizeit gestalten sie flexibel. Gleichwohl sind die Bindungskräfte im Dorf immer noch ein wichtiger Grund dafür, sich im örtlichen Verein zu engagieren.

Die Vereine dürfen jedoch nicht nur auf diese Karte setzen. Sie dürfen nicht glauben, dass jeder, der am Ort wohnt, auch aktiv ins Vereinsleben einsteigt oder die Mitwirkung über familiäre Traditionen vererbt wird. Wenn Vereine neue Wege beschreiten und dabei auch von öffentlicher Seite die bestmögliche Unterstützung in Form von Beratung, Fortbildung und Begleitung bekämen, wäre schon viel gewonnen“, sagt Walter Dreßbach, der Leiter der Ehrenamtsagentur des Main-Kinzig-Kreises und Erfinder der Ehrenamtssuchmaschine des Landes Hessen in der kürzlich erschienenen Handreichung für Vereinsvorstände Perspektiven entwicklen – Veränderungen gestalten der Stiftung Mitarbeit auf Seite 143.

Wenn Vereine neue Wege in der Vereinskultur gehen wollen, können Freiwilligenagenturen, Mehrgenerationenhäuser, Seniorenbüros und Stabstellen der Kommunen oder Kreise wertvolle Unterstützung geben. Mittlerweile gibt es auch eine Vielzahl an Publikationen zu diesem Thema. Die oben zitierte Handreichung enthält nützliche Anregungen, wie man Nachfolger findet oder die wachsende Aufgabenfülle beim Vorstand in den Griff kriegt. Außerdem vier Checklisten im Anhang, mit denen sich ein Verein hinsichtlich der Aktualität seiner Botschaften, seinem Selbstverständnis und seiner Leistungen für Mitglieder und Außenstehende selber befragen kann.

Zukunftspotential steckt auch in einer aktiven Öffnung für Jugendliche, Frauen, Migranten oder Menschen aus anderen Milieus. Mehr Wirkung können neue Kooperationen und Partnerschaften mit anderen Vereinen, der Kommune, Schulen, gemeinnützigen Organisationen oder Unternehmen (Marktplatz Gute Geschäfte) bringen. Heutzutage ist auch der strategische Einsatz von Internet, Social Media und anderen digitalen Werkzeugen wichtig, um die Arbeitsorganisation zu erleichtern, die Kommunikation und die Beziehungen zu pflegen und neue Teammitglieder zu gewinnen.


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