Die Landlust

Immer mehr Menschen ziehen in die Großstädte und Ballungsgebiete. Vor allem junge Menschen lockt der urbane Lebensstil an. Nicht nur wegen der angeblich besseren Arbeits- und Wirtschaftsbedingungen, sondern auch weil sie in den Metropolen ein ganz bestimmtes Lebensgefühl verwirklichen können. Das 21. Jahrhundert gilt als das Jahrhundert der Städte.

Doch scheint es einen Trend gegen die Stadt zu geben. Unabhängig von ihrer finanziellen Situation oder anderen Rahmenbedingungen würden nämlich 45 Prozent der Deutschen am liebsten in einer ländlichen Gemeinde wohnen, hat die aktuelle Umfrage der Bundesstiftung Baukultur herausgefunden. Und 40 Prozent sind laut einer Allensbach-Umfrage von 2014 der Meinung, dass das Leben auf dem Land lebenswerter sei. Ist das Leben auf dem Land also tatsächlich wieder „in“?

„Ja, diesen Trend gibt es wirklich,“ meint der Kulturgeograph Prof. Werner Bätzing im Interview mit dem Wissenschaftsmagazin Planet Wissen. „Wir haben lange Jahrzehnte die Situation gehabt, dass der ländliche Raum benachteiligt war, dass er als hinterwäldlerisch galt, als abgehängt, praktisch als nicht lebenswert. Und dann setzt ab etwa 1980 eine langsame Trendwende ein, die sich ab dem Jahr 2000 nochmal richtig beschleunigt. Da entsteht die neue Zeitschrift „Landlust“, das erfolgreichste Zeitschriften-Projekt der letzten zehn Jahre und es werden viele andere Zeitschriften mit diesem Thema nachgeschoben – ein Hinweis darauf, dass sich hier eine Trendwende vollzogen hat.“

Das Phänomen der Landzeitschrift und die Sehnsucht nach dem Land wird von der Wissenschaft als Lifestyle-Phänomen interpretiert und als Gegenpol zur Globalisierung der Welt verstanden. Die Lust auf Natur, eine nachhaltige Lebensführung, der Wunsch nach Gemeinschaft und vor allem die Suche nach dem Ideal eines glücklichen und guten Lebens, ausgerichtet an der Verbesserung der eigenen Lebensqualität und der nachfolgenden Generationen sind ausschlaggebende Motive der „Landlust als Lebensstil“, hat Mareike Egnolff in ihrer Dissertation Die Sehnsucht nach dem Ideal – Landlust und Urban Gardening in Deutschland 2015 mittels einer umfangreichen Medienanalyse herausgefunden. Von dieser urbanen Landsehnsucht können bestimmte Sehnsuchtsorte profitieren, wo Städter ihre Ferien verbringen (z.B. Urlaub auf dem Bauernhof) oder einen ständigen Wohnsitz bzw. Zweitwohnsitz erwerben (z.B. alter Bauernhof, Landhaus oder Einfamilienhaus, auch temporär fürs Wochenende oder länger).

Jedoch wird in den Landzeitschriften meist ein romantisches Landleben dargestellt, das auf einer Idealisierung und auf Nostalgie beruht. Dabei geht es hautsächlich um einen Rückzug ins Private, das Brauchtum, die Tradition, die ländliche Natur und das Gärtnern. Moderne Landwirtschaft oder Probleme wie leerstehende Ortskerne kommen hingegen gar nicht vor, weshalb kritische Journalisten vom Spiegel und Co. diesen Heile-Welt-Mythos vielfach als Eskapismus und Flucht in die Idylle aufs Korn genommen haben.

Den eigenen, von den Menschen auf dem Land gelebten, statt nur von den Städtern erträumten Lebensstil, sehen Experten deshalb als wichtigen Impulsgeber, um das Selbstbewusstsein des ländlichen Raumes zu stärken und seine Potentiale zu entfalten. Auf dem Sommerkolloquium der Bayerischen Akademie Ländlicher Raum und der Hanns-Seidel-Stiftung 2014 wurde dieser „Rural Lifestyle“ genannt – Selbsthilfe und Eigeninitiative seien dafür typisch. Wie solch ein (neuer) eigener und attraktiver ländlicher Lebensstil produziert und gestaltet werden kann, zeigt die Künstlerkolonie Fichtelgebirge (KüKo), ein Verein, der als Plattform für Kunst und Kulturschaffende gedacht ist und die Kreativwirtschaft mit Tourismus, Industrie und Regionalentwicklung verknüpft. Sabine Göllner hat die Initiative 2011 mitgegründet, als sie aus Birmingham, der zweitgrößten Stadt Großbritanniens, zurück in ihre Heimat zog. Mittlerweile hat der Verein über 100 Mitglieder, 300 bis 400 Akteure sind über das Netzwerk involviert.

Nachahmenswert ist die QR-Tour Bad Berneck (4.293 Einwohner) und Goldkronach (3.588 Einwohner), ein Tourismus-Pilotprojekt, das von der KüKo 2014 umgesetzt worden ist. Wir haben es uns zwischen den Jahren angesehen und waren begeistert. Dabei begibt man sich auf eine Wanderung, sucht QR-Tour-Schilder und ruft dort erstaunliche, kunstvoll gestaltete Inhalte auf. Stück für Stück sammelt sich der Besucher so ein Reisetagebuch, das er mit nach Hause nehmen kann. Die App beinhaltet über 30 Filme, 900 Fotos (auch von schwer zugänglichen oder leerstehenden Gebäuden) und Hunderte von Texten. Bürger trugen Anekdoten und Geschichten bei.


Bildnachweis © Marina Lohrbach – Fotolia.com

 

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