Die Bürgerkommune

„Wenn Sie mir 1993 prophezeit hätten, dass im Jahr 2008 der Gemeinderat einer ländlich geprägten oberbayrischen Gemeinde mit 3500 Einwohnern einstimmig beschließt, den Bürgerinnen und Bürgern auf allen Handlungsfeldern nicht nur Mitsprache- sondern Mitgestaltungsrechte einzuräumen, hätte ich Ihnen das nicht geglaubt. Wenn Sie dazu noch vorausgesehen hätten, dass es dafür Budgets im Gemeindehaushalt gibt und eine Teilzeitstelle und die Übernahme der Kosten für professionelle Begleiter für die Arbeitskreise, hätte ich Sie wahrscheinlich für einen Utopisten gehalten“ (aus „Nicht ohne meine Bürger“, unter sdl-inform.de).

So hat Michael Pelzer, vormals erster Bürgermeister von Weyarn, das direkt an der A 8 zwischen München und Salzburg liegt, damals auf die Frage eines Journalisten geantwortet und damit den 15 Jahre dauernden Weg seiner Bürgerkommune anschaulich beschrieben.

Heute ist längst alles in einer „Mitmach-Satzung“ festgeschrieben, die noch immer sehr lesenswert ist. Ihre Elemente wie umfassende Information aller, autonome Gründung der Arbeitskreise, Budgetrecht der Arbeitskreise, Wahl eines Sprechers als Ansprechpartner, Protokollpflicht, Festlegung der Zielsetzung zur Vermeidung von Doppelarbeit, Einrichtung eines Steuerungsgremiums und einer Koordinierungsstelle sind gut durchdacht und ähneln in Teilen beispielsweise dem Bottom-up-Ansatz von LEADER. In Weyarn konnte so ein „Zwei-Säulen-Entscheidungsprinzip“ entstehen, das die herkömmliche Entscheidungsfindung im Gemeinderat ergänzt und dafür sorgt, dass Politik, Verwaltung und Bürger auf allen kommunalen Handlungsfeldern zusammenarbeiten.

Auch anderswo gewinnt Bürgerbeteiligung immer mehr an Bedeutung, die ihren Ursprung in den Zukunftswerkstätten (Robert Jungk, 1960er Jahre) und Bürgergutachten (Peter C. Dienel 1970er Jahre) hat. Mittlerweile ist sie zum festen Bestandteil der Dorf- und Regionalentwicklung geworden und auch in vielen Förderprogrammen Voraussetzung.

In Weyarn wurde das auf lange Zeit und verlässlich festgelegt, was in unserer individualisierten Gesellschaft besonders wichtig ist: Denn viele wollen heutzutage verstärkt mitreden und auch mitgestalten, ohne sich jedoch dauerhaft binden zu müssen. Dieses weit verbreitete Verhaltensmuster bekommen neben Politik und Verwaltung auch Bürgerinitiativen, Vereine und Verbände zu spüren. Gute Beteiligungsverfahren setzen deshalb auf individuelle Kommunikationsstrategien (Wie erreiche ich Jugendliche oder die nur wenig Zeit haben?), auf einen konkreten und überschaubaren Beteiligungszweck sowie auf neue und bewährte Formate (Open Space und World­Café sowie Runde Tische, Werkstätten, Workshops und Ideenwettbewerbe).

Das neue Bewusstsein für Mitsprache und Mitgestaltung hängt auch mit unserer Wissensgesellschaft zusammen. Denn um den aktuellen Anforderungen gerecht zu werden, muss man eben lokal verankertes Wissen, Können und Erfahrungen aus der Bürgerschaft einbeziehen und das kreative Potential vieler nutzen.


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