Die Bierrebellen

Seit 2010 erlebt Deutschland so etwas wie eine kleine Bier-Revolution. Überall schießen kleine Brauereien aus dem Boden, die längst vergessene Sorten wie „India Pale Ale“ (obergäriges Helles), „Porter“ / „Stout“ (obergäriges Schwarzbier), „Berliner Weiße“ oder „Leipziger Gose“ (Sauerbier) neu entdecken. Sie brauen individuelle, aufregende Biere, die ungewohnt hopfenbetont, malzig, säuerlich-salzig oder nach Basilikum, Chili, Dörrpflaumen, Gletschereisbonbon, Grapefruit, Hibiskusblüten, Himbeeren, Ingwer, Kaffee, Kakao, Karamell, Kirschen, Koriander, Kümmel, Litschi, Mandarine, Mango, Maracuja, Melone, Rhabarber, Szechuan-Pfeffer, Tannenspitzen, Waldhonig, Waldmeister und Zitronengras schmecken können, provokative Logos und Namen wie „Amerikanischer Traum“, „Blanker Hans“, „Black Nizza“, „Don Limone“, „Drunken Sailor“, „Geisterzug“, „Great Escape“, „Heller Wahnsinn“, „IPA Mania“, „Motor Oil“, „Munich Easy“, „Pink Panther“, „Red Devil“, „Voodoo“, „Wai-Zen“, „Wilde Wutz“, „Wuidsau“ und „Zombie Dust“ verwenden und wie Wein aus bauchigen Gläsern getrunken werden. Das ist ziemlich cool und steht den großen Braukonzernen gegenüber, die industrielles Bier im großen Stil produzieren und darauf bedacht sind, geschmacklich konstant zu bleiben. Das ist den sogenannten Craft Beer Brauern zu langweilig. Sie wollen die Biertraditionen nicht nur bewahren, sondern weiterentwickeln. Genau deshalb wird ihnen eine gewisse rebellische Haltung unterstellt.

Im Interview des Deutschlandfunks vom 23.4.2016 erklärt der Kulturwissenschaftler Prof. Gunther Hirschfelder von der Universität Regensburg das so:

„Der neue Craft-Beer-Trend spiegelt eben die Tatsache, dass wir keine gesellschaftliche Mitte in dem Sinn mehr haben wie in der alten Bundesrepublik, als die halbe Republik eigentlich ähnliche Biere getrunken hat. Wir leben heute in einer Lebensstilgesellschaft. Und Menschen möchten ihrem Lebensstil Ausdruck verleihen, ihrer Individualität. Und das tun wir durch besondere Konsumstile eben, besonders im Bereich des Essens und Trinkens, und hier besonders im Bereich der Biere. Die Zeit der großen Einheitsbiere ist vorläufig vorbei. Es geht zu Spezialisierungen, zu Lifestyle-Getränken, und da schafft das Bier offensichtlich die Wende ganz wunderbar, in den USA übrigens noch stärker“.

Lesenswert ist auch sein spannendes Sachbuch Bier. Eine Geschichte von der Steinzeit bis heute, das auf die Entwicklung des ältesten alkoholischen Genussmittels zurückblickt und den vergorenen Gerstensaft u.a. dafür verantwortlich macht, dass die frühen Menschen vor zweitauschend Jahr sesshaft wurden (Ging es da wirklich nur um Party?).

„Craft“ bedeutet im Englischen und Amerikanischen Handwerk – Craft Beer also „handwerklich gebrautes Bier“. Die Bewegung ist in den USA entstanden und existiert dort bereits seit 30 Jahren. Mit Fritz Wülfing von Ale Mania, Thorsten Schoppe von Schoppe Bräu, Alexander Himburg (ehemals Braukunstkeller), Oliver Wesseloh von der Kreativbrauerei Kehrwieder oder Thomas Wachno mit dem Label Hopfenstopfer gingen die ersten Hopfenhelden hierzulande an den Start. 2012 fand mit der BraukunstLive in München die erste Craft Beer Messe statt, die ersten Bars nahmen Craft Beer in ihr Angebot auf, Craft Beer Shops entstanden.

Für die fruchtigen, blumigen, grasigen, erdigen oder kräuterigen Noten im kreativen Bier sorgt vor allem der hochwertige Aromahopfen, der im Gegensatz zum klassischen Bitterhopfen weniger Alphasäure, dafür mehr ätherische Öle besitzt. Da die Säure hilft, das Bier zu konservieren, muss man beim Brauprozess im Verhältnis zum Bitterhopfen eine größere Menge an Aromahopfen verwenden, was die Produktion entsprechend teurer macht. Heute kommt ein Großteil der weltweit produzierten Aromahopfen aus den USA, in Deutschland wird überwiegend Bitterhopfen angepflanzt. Das war keineswegs immer so, wie der führende Brauwissenschaftler Ludwig Narziß zu berichten weiß, der die letzten siebzig Jahre der Geschichte des deutschen Hopfen miterlebt hat. Denn früher wuchsen in Deutschland ausschließlich Aromahopfen. Um die Pilzkrankheit Hopfenwelke zu vermeiden, wurde jedoch 1963 der erste Bitterhopfen aus Großbritannien angebaut, wodurch auch die traditionellen Braurezepte angepasst werden mussten. Mittlerweile haben aber die Hopfenpflanzer in der Hallertau, dem größten zusammenhängenden Hopfenanbaugebiet der Welt, Neuzüchtungen nachgelegt, die durchaus mit den amerikanischen mithalten können.

Bier ist für Bayern schon etwas ganz Besonderes. Doch wer hier – wie es früher selbstverständlich war – etwa noch mit Früchten, Gewürzen und Kräutern experimentieren will, kommt mit dem elften Gebot in Konflikt: „Du sollst nicht panschen!“ befiehlt das Reinheitsgebot seit nunmehr genau 500 Jahren. Nur Hopfen, Gerstenmalz, Hefe und Wasser im Bier. Und sonst nix. Das macht Markus Lohner das Leben schwer, der 2008 in Truchtlaching (1.150 Einwohner) im oberbayerischen Chiemgau die Camba Bavaria („Camba“ bedeutet im Keltischen Braupfanne, der heutige Sudkessel) eröffnet hat und mit Bieren im Cognac-Eichenholzfass als einer der innovativsten Braumeister der Szene gilt. Sein Milk Stout wurde behördlich verboten, weil es auch Milchzucker und Haferflocken als Zutaten enthält. In den übrigen Bundesländern hätte man die Ausnahmeregelung für „besondere Biere“ (§ 9 Abs. 7 Vorläufiges Biergesetz) anwenden können, die aber in Bayern nicht gilt. Viele Kritiker halten das Reinheitsgebot sowieso längst für überholt (auch weil sich damit zahlreiche chemische Filterungsprozesse nicht verhindern lassen) und fordern eine Reform im Sinne einer neuen (Slow-)Food-Kultur, in der es um Qualität statt Quantität geht.

Egal ob reinheitsgebotskonform oder nicht, ein Wandel der Bierkultur ist immerhin schon spürbar. Die Deutschen trinken zwar nicht mehr Bier als vorher, sind aber bereit, für das Getränk mehr Geld auszugeben und achten auf Regionalität und hochwertige Zutaten. Das bietet nicht nur im niederbayerischen Mirskofen (1.877 Einwohner) jungen Bierliebhabern die Gelegenheit, die Kochtöpfe der Mama gegen ein gebauchtes Sudwerk zu tauschen (Zombräu) oder einem Braumeister, der eigentlich schon überall in der Welt war, nach Oberelsbach (2.671 Einwohner) in die Rhön zurückzukehren und sein Ideal vom reinen Geschmack zu verwirklichen (Pax-Bräu), sondern auch einer bestehenden kleinen Traditionsbrauerei (Meinel) im Bierland Oberfranken die Chance, Braukunst und Biervielfalt wieder stärker in den Mittelpunkt zu rücken und mit Bier-Kreationen neue Zielgruppen wie zum Beispiel Frauen zu erreichen, die beim Bier doch wohl eher an den Geschmack, als an das Ergebnis denken. Auch unser Hilde-Bier war von und für Frauen konzipiert.

Bier braucht Heimat, das sind sich alle Craft Brauer einig:

„Wenn ich jetzt mein Bier in Hamburg verkaufe, das freut mich insofern, weil ich meine Rechnungen zahlen kann. Aber wenn mein Bier im lokalen Getränkemarkt gekauft wird, dann ist man stolz. Das berührt einen ganz anders. Das macht dann wirklich Spaß. Ich liebe es, Bier zu brauen, wenn es die Leute dann bei uns auch kaufen. Das ist einfach schön“

zog der Kult-Brauer Markus Hoppe aus Waakirchen (5.661 Einwohner) beim Tegernsee am Schluss der Doku Bier-Rebellen als Fazit, die im Bayerischen Fernsehen am 15. Mai 2016 lief. Na dann Prost!


Bildnachweis © www.braufactum.de

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