Das Landrad

Radfahren liegt voll im Trend und der alte Drahtesel entwickelt sich immer mehr zum stylischen Statussymbol.

Großes Potential für die nachhaltige Mobilität haben die Elektro-Räder, sogenannte Pedelecs bis maximal 25 km/h – ganz besonders auf dem Land, wo die Abhängigkeit vom Auto groß ist und die öffentlichen Verkehrsverbindungen an ihre Grenzen stoßen.

In Deutschland sind mehr als 1,5 Millionen Pedelecs unterwegs (Zweirad-Industrie-Verband 2014), Tendenz weiter stark steigend. Dank komfortabler Motorunterstützung lassen sich natürliche Hindernisse wie Höhenunterschiede oder Gegenwind leichter bewältigen. Viele Urlauber und Freizeitradler entdecken so nicht nur flache oder leicht hügelige Landschaften, etwa in der Nähe von Flüssen, Seen und entlang alter Bahntrassen, sondern auch die Mittel- und Hochgebirge. Der E-Bike-Tourismus boomt.

Zudem sind Pedelecs als Pendlerfahrzeug interessant, weil man nicht verschwitzt im Job ankommt und sie können helfen, die Alltagsmobilität auf dem Land deutlich zu verbessern. Das hat ein Projekt im österreichischen Vorarlberg mit dem schönen Titel LANDRAD (auch in Abgrenzung zur bereits bekannten touristischen und Freizeitnutzung der Pedelecs) bereits 2010 mit 500 Testpersonen herausgefunden. 35 Prozent der Autofahrten konnten durch das Landrad ersetzt werden. Dabei wurden die E-Fahrräder vor allem für kürzere Strecken bis zu zehn Kilometern genutzt, etwa für Ausbildungs- und Arbeitswege, zum Einkaufen oder für sonstige Erledigungen.

Erkennbar wird auch ein aktueller Mobilitätswandel, der durch vielfältige Lebenstile (Individualisierung) und die Digitalisierung (im mobilen Internet Wege und Verkehrsmittel planen und vergleichen) geprägt ist: Das jeweils passende Verkehrsmittel wird pragmatisch gewählt und das Auto ist kein Statussymbol mehr. Neue Möglichkeiten und andere Prioritäten rücken in den Vordergrund.

Kluge Verkehrssysteme sind deshalb intelligent kombiniert und flexibel. Sie splitten die Linien und machen sie „intermodal“, was Prof. Udo Onnen-Weber von Hochschule Wismar anhand seines Forschungsprojektes INMOD – elektromobil auf dem Land wie folgt erklärte (auf elektromobilitätonline.de):

„Die sogenannte erste Meile kann ein Fahrrad oder – wie bei inmod – ein Elektrofahrrad sein, der Bus fährt nur auf den Hauptstraßen die kürzeste Strecke von Start zu Ziel und die letzte Meile ist dann wieder ein niedrigschwelliges Verkehrsmittel – in den Städten kann das ein Fahrradverleihsystem sein, auf dem Lande – wie bei inmod – wieder ein Elektrofahrrad“.

Inmod wurde 2012 bis 2014 in vier ländlichen Teilen Mecklenburg-Vorpommerns getestet. Die Strecken wurden so eingerichtet, dass die Fahrgäste höchstens zehn Minuten mit dem Elektrofahrrad zurücklegen müssen, um eine Haltestelle der Expressbuslinien (Elektro- bzw. Hybridbusse) zu erreichen. 370 Elektrofahrräder kommen zum Einsatz, die in speziellen Radboxen mit Ladestation in den Wohngebieten bereitstehen. Der Feldversuch endete Ende 2014. Von den drei Buslinien fahren jetzt noch zwei, allerdings eingeschränkt bzw. mit verringerter Taktung.


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7 Gedanken zu „Das Landrad

  1. Ein punktuelles E-Bike-Verleihsystem würde sicher einige Möglichkeiten eröffnen. Ich denke da zum Beispiel an die Verbindung zwischen Wolnzach und dem Bahnhof Rohrbach.
    In Wolnzach gibt es einige Asylbewerber, die nicht motorisiert sind und auch den Schulbus nach Pfaffenhofen nicht nutzen dürfen, um zum Deutschkurs an unserer VHS zukommen. Mit einem ausgeliehenen E-Bike könnten sie relativ schnell nach Rohrbach zum Bahnhof und von dort mit dem Zug nach Pfaffenhofen fahren! (Die DB-Kosten würde das Bundesamt für Migration übernehmen.)

  2. Sehr geehrter Herr Lilienbecker,
    diesen Ansatz finde ich sehr interessant. Ich sehe die Zukunft unserer Mobilität im Landkreis PAF auch in einem Mix aus verschiedenen Transportsystemen für die erste / letzte Meile und Distanzen zwischen Gemeinden (Bussystem und / oder Bahn). Wenn man das alles noch mit Elektroautos oder Pedelecs mit Leihstationen an Bahnhöhen und großen Busknoten ergänzt, dann kann man sich ohne eigenes Blech mitzuschleppen, das man ja auch immer wieder parken muss, unbelastet im Landkreis bewegen.
    Am besten wäre es, wenn man eine Mobilitätskarte hätte, mit der man alle Verkehrsmittel wie eine Fahrkarte nutzen kann und die Beträge werden einfach abgebucht.
    Ich habe von solch einem System einmal bei einem Vortrag zur Mobilität gehört, im Raum Salzburg soll es eine Mobilitätskarte geben und das entsprechende Angebot an Transportmitteln. Kennen Sie das System?
    Viele Grüße
    Otmar Schaal

  3. Lieber Herr Schaal, im Mix liegt die Zukunft und Mobilitäts-und Servicekarten (Eine für alles) sind der Schlüssel für die vernetzte und nachhaltige Mobilität. Immer mehr große Verkehrsverbünde (Hannover, Stuttgart, Rhein-Main) führen solche Karten ein, mit denen nicht nur Bus und Bahn bezahlt, sondern auch schnell und einfach E-Car und E-Bike ausgeliehen und aufgetankt werden können. Wie weit Salzburg ist, müsste ich noch recherchieren (Wien führt gerade ein). Im Rahmen von LEADER https://leaderpaf.wordpress.com ist ja für den Landkreis Pfaffenhofen ein nachhaltiges und bürgerbestimmtes Mobilitätssystem geplant, bei dem diese Aspekte eine wichtige Rolle spielen werden. Viele Grüße Jens Lilienbecker

  4. „Langfristige Sicherung von Versorgung und Mobilität in ländlichen Räumen“ heisst ein neues Modellvorhaben des Bundesverkehrsministeriums. Gesucht werden etwa 15 Modellregionen, die ab Januar 2016 innovative Konzepte erarbeiten, mit denen sowohl die Daseinsvorsorge und die Nahversorgung als auch die Mobilität in ländlichen Räumen gewährleistet werden können. Bewerbungsschluss ist der 18. September 2015. http://www.bbsr.bund.de/BBSR/DE/Aktuell/AufrufeModellvorhaben/Ablage_Meldungen/Aufruf_Sicherung_VersorgungMobilitaet.html

    Das Vorläuferprojekt wurde im Landkreis Nordfiesland durchgeführt, wo den Gemeinden empfohlen wurde, sich mit ihren Nachbarn zu Kooperationsräumen zusammenzuschließen und Versorgungszentren zu bilden, um eine kostengünstigere Mobilitätserschließung möglich zu machen. Bisher basiert der ÖPNV in Nordfriesland auf einem Achsenkonzept: Die Hauptachse verbindet die größten Orte, die kleineren Orte sind mit Zubringerbussen angeschlossen.

    Für die Zukunft schlagen die Verkehrsexperten ein Netz mit drei Ebenen vor, das wir in ähnlicher Weise beisielsweise in den Haßbergen für die LEADER-Bewerbung diskutiert haben:
    • Auf der ersten Ebene verbinden Bahn und Bus die am stärksten nachgefragten Ziele nach Möglichkeit im Einstundentakt.
    • Die zweite Ebene bindet die zentralen Orte und die Versorgungszentren an die Hauptrelationen an. Hier kommen insbesondere Busse im Zweistundentakt und Rufbusse infrage.
    • Die dritte Ebene bietet Anbindungen an die nächstgelegenen zentralen Orte oder Versorgungszentren an. Hier können – angepasst an die jeweilige Region – verschiedene Verkehrsmittel eingesetzt werden: Bus, Bürgerbus, Vereinsbus, private Mitnahme, Gemeinschaftsauto, Fahrrad/Pedelec und andere.

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