Die neue Provinz

Von wegen „abgehängt“ und „tote Hose“  – die starken ländlichen Räume machen jetzt auf sich aufmerksam. Sogar unser Bundespräsident sprach das Thema in der Weihnachtsansprache an und langsam scheint sich die Sehnsucht in Richtung Urbanität tatsächlich wieder umzukehren: Dörfer, Kleinstädte und Regionen werden in den nächsten Jahren eine Renaissance erleben, ist der Zukunftsreport 2018 ganz zuversichtlich.

Auf dem 11. Zukunftsforum Ländliche Entwicklung jedenfalls, das am 24. und 25. Januar wieder begleitend zur legendären Grünen Woche in Berlin stattfand, war dieser Gegentrend bereits spürbar und wir konnten mit Regionen ins Gespräch kommen, wo ein Klima der Offenheit und des Wandels herrscht.

Ein Beschleuniger dieser ruralen Renaissance ist sicherlich die Digitalisierung. Welche Möglichkeiten damit speziell für das zukünftige Arbeiten und Gestalten auf dem Land verbunden sind, zeigte die Kampagne #LandRebellen der Andreas Hermes Akademie mit tollen Beispielen von Offenen Technologielaboren aus dem Salzkammergut, dem B4Y3RW4LD Hackathon aus Freyung (7.305 Einwohner), einem Online-Konfigurator für hochwertige Massivholzmöbel einer Tischlerei aus Rhens (2.909 Einwohner) am Mittelrhein und von der Strategie Coworking in der Peripherie.

„Also tatsächlich wollen wir Leute, die sich engagieren, die Impulse geben für den ländlichen Raum, zusammenführen und den Austausch fördern. Wir sagen ja auch starke ländliche Räume, also dass wir eben auch zeigen: Hey, ländliche Räume haben wirklich etwas zu bieten und haben auch tolle Ideen. Und durch die Digitalisierung hat man mehr Möglichkeiten zu gestalten. Deshalb haben wir auch den Kulturwandel angesprochen, der gerade am werden ist. Dass man zusammenarbeitet, sein Wissen nicht hortet, wie das vielleicht vor 20 Jahren noch der Fall war, sondern dass man es teilt und sich austauscht“, hat Mareike Meyn, Referentin der Andreas Hermes Akademie nach der Veranstaltung im CityCube erläutert.

Für einen differenzierten Blick auf die ländlichen Regionen in Deutschland wollen sich auch die Ems-Achse, Südwestfalen und der Nordschwarzwald einsetzen, und zwar gemeinsam unter dem Motto „Land. Stärker als Du denkst“, was in dieser Hinsicht auch ein neuer Ansatz ist:

„Ländliche Räume sind nicht per se schwach, sondern wirtschaftsstark. Hier eben unter drei Prozent Arbeitslosigkeit, hohe Dynamik, auch durchaus hohe Rückkehrerquoten von jungen Leuten. Da können wir gut zusammenarbeiten und vielleicht auch beispielgebend sein. Denn wenn wir lange genug sagen, wie schwierig es in ländlichen Räumen ist, dann wissen wir: Irgendwann gehen die jungen Leute, kommen nicht wieder und andere interessieren sich nicht dafür, das ist das eine. Und das andere ist durchaus ein andere Betrachtungsweise bei Investitionen im ländlichen Raum. Dass es eben nicht immer so ist, na ja, wir tun ein bißchen was für die Gleichartigkeit der Lebensverhältnisse, sondern dass das tatsächlich Investitionen im eigentlichen Sinne sind, mit einem hohen Return of Invest, also über Steuerkraft, über Lebensqualität, über Kaufkraft und so weiter“, hat Dirk Lüerßen, Geschäftsführer der Wachstumsregion Ems-Achse e.V. am gemeinsamen Aktionstand in Halle 4.2. erklärt.

Übrigens suchen die drei noch eine starke Partnerregion aus Bayern zur Ergänzung.

Das Minihaus auf Rädern

Nur 6,4 Quadratmeter! So winzig ist das „Tiny100“ von Architekt Van Bo Le-Mentzel, das als Denkanstoß für neues und bezahlbares Wohnen in der Stadt noch bis vor kurzem auf einem Anhänger am Carl-Herz-Ufer 9 in Berlin-Kreuzberg stand. Und doch bietet die „kleinste Musterwohnung Deutschlands auf Rädern“ und für fiktive 100 Euro Miete im Monat eigentlich alles, was man zum Leben braucht. Auf 2 mal 3,20 Metern gibt es Küchenzeile, Bett, Schreibtisch, Sofa, Toilette und Dusche. Möglich macht es die Deckenhöhe von 3,60 Metern. Mit einer verschiebbaren Holzleiter gelangt man in den oberen Schlafbereich, der gleichzeitig als Arbeitsplatz dient. Gebaut hat das Minihaus übrigens die Tischlerei Bock aus Braunau (665 Einwohner), einem Stadtteil von Bad Wildungen in Nordhessen.

Das Wohnen in Tiny Houses – übersetzt „winzige Häuser“ – kommt aus den USA und auch bei uns werden immer mehr Menschen vom Tiny-House-Fieber gepackt. Für kleinere Gebäude sprechen finanzielle und auch ökologische Gründe. Denn die überbaute bzw. versiegelte Fläche ist kleiner und der Bedarf an Baumaterialien geringer. Auch wird weniger Strom und Wärme verbraucht, wodurch es auch einfacher ist, die Häuser so zu errichten, dass sie autark nutzbar sind. Etwa durch eine Solaranlage, Regenwassernutzung oder Komposttoilette.

Die Bauart an sich ist keine neue Erfindung und auf dem Land sind Austragshäuser, Forsthütten, Datschen oder Ferienhäuschen seit langem bekannt. Weil man hier für die Familie aber meist große Häuser baut, die irgendwann dann nur von einer Person bewohnt werden, hat der Aufklärer Dieter Wieland bereits 2003 der großen Kunst, ein kleines Haus zu bauen einen ganzen Film im Bayerischen Fernsehen gewidmet. Anregungen, wie das Wohnen der Zukunft aussehen kann, bieten auch 40 innovative Mini-, Smart- und Micro-Häuser, die im 2016 erschienen Buch Winzig ausführlich vorgestellt werden. Touristisch interessant sind zum Beispiel das Hofgut Hafnerleiten bei Bad Birnbach (5.678 Einwohner), das Almdorf in den Nockbergen in Kärnten, die Winzerhäuschen in Longuich (1.306 Einwohner) an der Mosel, das Baumhaushotel in Gräfendorf (1.395 Einwohner) zwischen Spessart und Rhön oder das Schäferwagenhotel in Leinach (3.092 Einwohner) nahe bei uns in den Haßbergen.

Wenn sich Menschen freiwillig dafür entscheiden, ihren Wohnraum und ihren Besitz einzuschränken und so das Leben auf das Wesentliche zu reduzieren, wird das postmoderner/neuer Minimalismus, Einfaches Leben oder Downshifting genannt und seht in Verbindung mit dem Teilen statt Besitzen (Sharing Economy). Getreu dem Motto „Weniger ist mehr“ suchen die Minimalisten nach einer Alternative zur Überflussgesellschaft und wollen ein selbstbestimmteres Leben führen. Vorbild für die modernen Aussteiger ist der große Nationaldichter der USA, Henry David Thoreau. In seinem Buch „Walden oder Leben in den Wäldern“ hielt er seinen Teilzeit-Ausstieg fest, als er sich 1845 eine kleine Blockhütte zimmerte und etwas mehr als zwei Jahre lang allein auf einem Waldgrundstück am See Walden Pond in Massachusetts ein bisschen fischte, ein bisschen Bohnen zog, ab und zu eine Tasse Tee trank und folglich viel Zeit hatte, um über Freiheit und Natur zu sinnieren (gelesen von Frau DingDong).

Den Trend des bewussten Verzichts hat Le-Mentzel am 18.4.2017 im Internetradio detektor.fm recht schön erklärt und auch auf das Neue des Wohnens auf wenigen Quadratmetern hingewiesen: „Die Tiny-House-Bewegung beschäftigt sich mit der Frage, ob wir nicht anders wohnen sollten. Und dadurch, dass viele Tiny Houses auf Rädern sind, auf sogenannten PKW-Anhängern, ist auch die Frage nach dem Grundstück eine ganz andere. Normalerweise, wenn man ein Haus plant, muss man erst einmal ein Grundstück haben, das heisst man braucht einen Bausparvertrag oder muss irgendwie 30 Jahre lang Geld gespart haben, und muss praktisch sein Leben opfern (lacht), um sich so ein Haus leisten zu können. Also wir haben uns so sehr daran gewöhnt, dass man Grund und Boden kaufen kann. Die Tiny Houses wollen gar keinen Grund und Boden kaufen, sie brauchen einfach nur einen Ort, wo sie stehen können. Am besten Fall einen, der eh nicht genutzt wird.“

Gleich ein ganzes temporäres Dorf aus 20 unterschiedlichen Tiny Houses entsteht zur Zeit im Außenbereich des Bauhaus-Archivs in Berlin-Tiergarten. Die mobilen Raumstrukturen werden als Studienräume, Café, Ateliers, Werkstätten, Bibliothek und Orte der Begegnung gemeinsam genutzt und sind teilweise modular in mehreren Einheiten kombinierbar. In Form eines künstlerischen Experiments will man damit auf dem Bauhaus-Campus neue Wohnideen entwickeln und Antworten auf die Frage finden: „Wie wollen wir heute wohnen, arbeiten, lernen und lehren, um die großen Herausforderungen der Zukunft zu meistern?.“ Kurator ist Le-Mentzel und sein Tiny100 trat bereits als erstes auf den Plan. Das Experiment passt gut zum historischen Bauhaus, wo ja bereits vor 100 Jahren über das Wohnen neu nachgedacht wurde.


Bildnachweis © Tinyhouse University

Die neue Stadtflucht

2014 ist es passiert: Zum ersten Mal seit der Jahrtausendwende wurde der Run auf die Städte (Urbanisierung) gebrochen und mehr Inländer haben die Großstädte verlassen als hinzukamen. Auf den ersten Blick ist das etwas irritierend, denn seit Jahren haben Experten eine Landflucht (Land-Stadt-Wanderung) beklagt, wonach immer mehr (junge) Menschen in die Städte ziehen und die Dörfer „ausbluten“.

Doch die aktuelle Auswertung Raus aus der Großstadt? des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) zeigt tatsächlich, dass im Jahr 2014 die Binnenwanderungsbilanz aller 66 kreisfreien Großstädte wieder negativ wurde. Im Wesentlichen wird dieser relative Bedeutungsverlust durch das Abwanderungsverhalten der Familien bestimmt, also von den unter 18-Jährigen und den 30- bis unter 50-Jährigen.

Doch von einem „Ende der Urbanisierungswelle“ (wie z.B. der Spiegel-Artikel Stadt, Land, Flucht vom 30.8.2016 fragt) kann nicht gesprochen werden, relativiert die Wissenschaftlerin Antonia Milbert in den aktuellen BBSR-Analysen Kompakt: „(Re)Urbanisierung oder Suburbanisierung“, die bald auf der BBSR-Seite veröffentlicht werden. Schließlich ist das Abwandern der Familien aus den Großstädten keine neue Entwicklung. Zwischen 2000 und 2014 war ihr Saldo stets negativ gewesen, lag zuletzt aber immer unter dem Tiefstand aus dem Jahr 2000. Außerdem wachsen die Großstädte weiter, vor allem durch den hohen Zuzug aus dem Ausland (Außenwanderung, dadurch wächst ja auch die Bevölkerung in Deutschland insgesamt seit 2014). Und nach wie vor sind die Großstädte bei den 18- bis unter 30-Jährigen beliebt, die dort für das Studium oder den Berufseinstieg hinziehen.

Die Gründe für das Verlassen der Großstadt liegen außer der Sehnsucht nach mehr Ruhe, Natur und Übersichtlichkeit (Die Landlust) oder der Suche nach mehr Freiraum und Selbstverwirklichung wahrscheinlich in den fehlenden bezahlbaren Wohnungen und den hohen Lebenshaltungskosten. Das extremste Beispiel ist München, der am dichtest besiedelten Großstadt Deutschlands, wo die Angebotsmieten aktuell am höchsten sind (14 Euro pro Quadratmeter im Durchschnitt), die Leerstandsquote der marktaktiven Wohnungen am niedrigsten (0,2 Prozent laut Leerstandsindex vom Marktforschungsunternehmen Empirica) und das Leben rund 30 Prozent teurer ist als im Bundesdurchschnitt (Studie von Prognos im Auftrag der Initiative 7 Jahre länger leben der Deutschen Versicherungswirtschaft). Kommen jetzt plötzlich die Großstädter?

Nur selten geht’s aufs Land, sagen jedoch die oben zitierten BBSR-Analysen auf Seite 12: „Wer die Großstadt verlässt, wandert nicht automatisch aufs Land. Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung – sowohl insgesamt als auch nach Altersgruppen getrennt betrachtet – die aus Großstädten fortzieht, zieht entweder in eine andere Großstadt oder einen städtischen Kreis“ (im Umland der Großstädte).

Hingegen: „Menschen, die bereits auf dem Land leben, ziehen dagegen viel häufiger in einen anderen ländlichen Kreis. Mit Ausnahme der 18- bis unter 30-Jährigen haben Landbewohner keine so eindeutige Präferenz für eine neue städtische Umgebung wie Stadtbewohner. Mit Ausnahme der (Groß-)Stadt orientierten Ausbildungs- und Berufseinstiegswanderer orientiert sich Landbevölkerung zu annähernd gleichen Teilen auf Stadt und aufs Land.“

Stadtflucht? Landflucht? Was denn nun? Wie es aussieht, sind die Wanderungsbewegungen differenzierter und wir erleben jetzt beides. Für die Flächenentwickler im Umland der Großstädte sind das natürlich gute Nachrichten, aber auch für das Dorfleben kann und sollte man werben.

Für die Zuwanderung zeigen zwei prämierte Projekte aus Sachsen-Anhalt und Sachen neue interessante Ansätze. Im Naturpark Dübener Heide, der zwischen Dessau, Wittenberg und Leipzig liegt, wurde 2015 das Wächterhof-Projekt gestartet. In Anlehnung an die Wächterhäuser in Leipzig sollten für leer stehende Höfe, Häuser, Datschen, Gärten und Ladenlokale junge Menschen als temporäre Zwischenmieter gewonnen werden – nach dem Prinzip „Hauserhalt durch Nutzung“. 35 potenzielle Hofwächter-Anwärter, darunter junge Familien und Künstler wurden gefunden. Doch das Landleben auf Probe läuft noch nicht so richtig, da die alteingesessenen Hofbesitzer noch zögerlich sind. Auch fehlt dem Projekt wohl noch ein konkreter Ansprechpartner, der die Eigentümer und die Zwischenmieter beraten und unterstützen kann.

Auf umfassenden Service und Beratung setzt hingegen das zweite Projekt, die Nestbau-Zentrale, die im Landkreis Mittelsachsen bei der Suche nach Arbeitsplatz, Wohnung, Haus oder Baugrund hilft. Möglich wird das durch den Aufbau eines „Nestbau-Netzwerks“, bei dem die Kommunen, der Landkreis, Institutionen und Unternehmen der Region eingebunden sind. Auch die Standortwerbung ist eng mit dem Projekt verzahnt. Für Ostern 2017 ist eine Kampagne geplant.


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Die Landlust

Immer mehr Menschen ziehen in die Großstädte und Ballungsgebiete. Vor allem junge Menschen lockt der urbane Lebensstil an. Nicht nur wegen der angeblich besseren Arbeits- und Wirtschaftsbedingungen, sondern auch weil sie in den Metropolen ein ganz bestimmtes Lebensgefühl verwirklichen können. Das 21. Jahrhundert gilt als das Jahrhundert der Städte.

Doch scheint es einen Trend gegen die Stadt zu geben. Unabhängig von ihrer finanziellen Situation oder anderen Rahmenbedingungen würden nämlich 45 Prozent der Deutschen am liebsten in einer ländlichen Gemeinde wohnen, hat die aktuelle Umfrage der Bundesstiftung Baukultur herausgefunden. Und 40 Prozent sind laut einer Allensbach-Umfrage von 2014 der Meinung, dass das Leben auf dem Land lebenswerter sei. Ist das Leben auf dem Land also tatsächlich wieder „in“?

„Ja, diesen Trend gibt es wirklich,“ meint der Kulturgeograph Prof. Werner Bätzing im Interview mit dem Wissenschaftsmagazin Planet Wissen. „Wir haben lange Jahrzehnte die Situation gehabt, dass der ländliche Raum benachteiligt war, dass er als hinterwäldlerisch galt, als abgehängt, praktisch als nicht lebenswert. Und dann setzt ab etwa 1980 eine langsame Trendwende ein, die sich ab dem Jahr 2000 nochmal richtig beschleunigt. Da entsteht die neue Zeitschrift „Landlust“, das erfolgreichste Zeitschriften-Projekt der letzten zehn Jahre und es werden viele andere Zeitschriften mit diesem Thema nachgeschoben – ein Hinweis darauf, dass sich hier eine Trendwende vollzogen hat.“

Das Phänomen der Landzeitschrift und die Sehnsucht nach dem Land wird von der Wissenschaft als Lifestyle-Phänomen interpretiert und als Gegenpol zur Globalisierung der Welt verstanden. Die Lust auf Natur, eine nachhaltige Lebensführung, der Wunsch nach Gemeinschaft und vor allem die Suche nach dem Ideal eines glücklichen und guten Lebens, ausgerichtet an der Verbesserung der eigenen Lebensqualität und der nachfolgenden Generationen sind ausschlaggebende Motive der „Landlust als Lebensstil“, hat Mareike Egnolff in ihrer Dissertation Die Sehnsucht nach dem Ideal – Landlust und Urban Gardening in Deutschland 2015 mittels einer umfangreichen Medienanalyse herausgefunden. Von dieser urbanen Landsehnsucht können bestimmte Sehnsuchtsorte profitieren, wo Städter ihre Ferien verbringen (z.B. Urlaub auf dem Bauernhof) oder einen ständigen Wohnsitz bzw. Zweitwohnsitz erwerben (z.B. alter Bauernhof, Landhaus oder Einfamilienhaus, auch temporär fürs Wochenende oder länger).

Jedoch wird in den Landzeitschriften meist ein romantisches Landleben dargestellt, das auf einer Idealisierung und auf Nostalgie beruht. Dabei geht es hautsächlich um einen Rückzug ins Private, das Brauchtum, die Tradition, die ländliche Natur und das Gärtnern. Moderne Landwirtschaft oder Probleme wie leerstehende Ortskerne kommen hingegen gar nicht vor, weshalb kritische Journalisten vom Spiegel und Co. diesen Heile-Welt-Mythos vielfach als Eskapismus und Flucht in die Idylle aufs Korn genommen haben.

Den eigenen, von den Menschen auf dem Land gelebten, statt nur von den Städtern erträumten Lebensstil, sehen Experten deshalb als wichtigen Impulsgeber, um das Selbstbewusstsein des ländlichen Raumes zu stärken und seine Potentiale zu entfalten. Auf dem Sommerkolloquium der Bayerischen Akademie Ländlicher Raum und der Hanns-Seidel-Stiftung 2014 wurde dieser „Rural Lifestyle“ genannt – Selbsthilfe und Eigeninitiative seien dafür typisch. Wie solch ein (neuer) eigener und attraktiver ländlicher Lebensstil produziert und gestaltet werden kann, zeigt die Künstlerkolonie Fichtelgebirge (KüKo), ein Verein, der als Plattform für Kunst und Kulturschaffende gedacht ist und die Kreativwirtschaft mit Tourismus, Industrie und Regionalentwicklung verknüpft. Sabine Göllner hat die Initiative 2011 mitgegründet, als sie aus Birmingham, der zweitgrößten Stadt Großbritanniens, zurück in ihre Heimat zog. Mittlerweile hat der Verein über 100 Mitglieder, 300 bis 400 Akteure sind über das Netzwerk involviert.

Nachahmenswert ist die QR-Tour Bad Berneck (4.293 Einwohner) und Goldkronach (3.588 Einwohner), ein Tourismus-Pilotprojekt, das von der KüKo 2014 umgesetzt worden ist. Wir haben es uns zwischen den Jahren angesehen und waren begeistert. Dabei begibt man sich auf eine Wanderung, sucht QR-Tour-Schilder und ruft dort erstaunliche, kunstvoll gestaltete Inhalte auf. Stück für Stück sammelt sich der Besucher so ein Reisetagebuch, das er mit nach Hause nehmen kann. Die App beinhaltet über 30 Filme, 900 Fotos (auch von schwer zugänglichen oder leerstehenden Gebäuden) und Hunderte von Texten. Bürger trugen Anekdoten und Geschichten bei.


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Der Flächenhandel

 

In der Umweltpolitik werden neben Ge- und Verboten immer mehr marktwirtschaftliche Instrumente eingesetzt. Vorreiter war der Emissionshandel, der mit dem Kyoto-Protokoll 1997 auf internationaler Ebene beschlossen wurde. Die Europäische Union hat ihn 2005 als unternehmensbasierten Handel eingeführt und für den Ausstoß des schädlichen Klimagases eine Obergrenze beschlossen. Will ein Kraftwerk sich erweitern und mehr CO2 ausstoßen, muss der Betreiber neue Zertifikate kaufen. Damit ist der ökonomische Anreiz gegeben, möglichst wenig Kohlendioxid auszustoßen.

Dieses Prinzip soll jetzt beim Flächenverbrauch angewendet werden. Mithilfe von handelbaren Flächenzertifikaten möchte das Bundesumweltministerium die Kommunen zum sparsamen Umgang mit freier Fläche zwingen. Schließlich hat sich die Bundesregierung in ihrer Nachhaltigkeitsstrategie das ehrgeizige Ziel gesetzt, den Flächenverbrauch bis 2020 auf 30 Hektar pro Tag zu begrenzen. Doch erreichen wird sie das voraussichtlich nicht. Laut Statistischem Bundesamt ist zwar der Verbrauch von Fläche in den letzten zwei Jahrzehnten gesunken, aber aktuell werden täglich 73 Hektar Fläche in Bauland umgewandelt – das entspricht etwa 100 Fußballfeldern.

Beim Flächenhandel soll jeder Stadt oder Gemeinde entsprechend der Einwohnerzahl eine bestimmte Anzahl von Zertifikaten zugeteilt werden. Will die Kommune neues Bauland ausweisen, muss sie dafür die entsprechende Menge Flächenzertifikate ausgeben. Reichen die zugeteilten Zertifikate nicht aus, kann sie weitere bei anderen Gemeinden zukaufen. Nimmt sie jedoch die ihr zugeteilte Menge an Zertifikaten nicht in Anspruch, kann sie diese verkaufen. Für den Bund liegt der Vorteil klar auf der Hand: Durch die Anzahl der handelbaren Zertifikaten kann er exakt bestimmen, wie viel freie Fläche jedes Jahr in Deutschland bebaut werden darf.

Ob das Instrument tatsächlich funktionieren kann und es den Wettbewerb unter den Kommunen nicht noch mehr fördert, wie Kritiker befürchten, wurde in einem Planspiel vom Umweltbundesamt 2015 getestet. Städte und Gemeinden in ganz Deutschland konnten sich freiwillig daran beteiligen. Ergebnis der Computersimulation: Der Quadratmeterpreis für den Zukauf von Flächenzertifikaten hat sich bei etwa 80 bis 100 Euro eingependelt. Gerade für kleine ländliche Gemeinden ist das eine hohe Hürde, wenn man bedenkt, dass Bauland auf dem Land pro Quadratmeter teilweise deutlich unter 50 Euro kostet.

Doch diese Verteuerung ist gewollt, sagt Peter Fritsch aus dem Bundesumweltministerium in der Sendung Hintergrund des Deutschlandfunks vom 24.10.2015:

„Eins ist ganz klar, wenn man insgesamt ein Gut verknappt – das wäre jetzt Fläche -, dann hat es ökonomische Konsequenzen. Und das heißt, wenn Bedarf da ist, dann wird darüber ein Wettbewerb stattfinden. Und die Idee des Flächenzertifikate-Handels ist, es zu verknappen, ein möglichst gerechtes und einfaches System zu finden, um diese Preisbildung zu ermöglichen und den Flächenverbrauch an die Stelle zu schieben, wo er auch wirklich erforderlich ist und nicht einem Ausweisen von Flächen Vorschub zu leisten, die auf dem Prinzip Hoffnung beruhen.“

Aber noch ist nicht geklärt, ob Flächenzertifikate mit dem Grundgesetz und der dort garantierten kommunalen Selbstverwaltung überhaupt vereinbar sind. Der Bund gibt ja nur einen informellen Rahmen für die Raumplanung vor. Bindend sind dagegen die Landesentwicklungs- und Regionalpläne – das eigentlich effektive Mittel, um den Flächenverbrauch zu lenken und zu begrenzen. Beispielsweise hat sich Nordrhein-Westfalen ein Fünf-Hektar Ziel verordnet und Baden-Württemberg will mittelfristig gar keine neue Fläche mehr versiegeln. Hingegen haben Bayern, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, auch die Stadtstaaten Berlin, Hamburg und Bremen bislang keine eigenen Einsparziele formuliert.

Auf eine andere Lösung setzt der Naturschutzbund Deutschland: eine Reform der Grundsteuer, die beim Geld der privaten Grund- und Immobilienbesitzer ansetzt. Mit der neuen sogenannten Bodenwertsteuer anstelle der bisherigen Grundsteuer würden nur noch Grund und Boden besteuert, nicht mehr darauf errichtete Gebäude. Dadurch würde die Steuer auf unbebaute Grundstücke steigen und ein Anreiz geschaffen, um verstärkt Baulücken zu schließen und Brachen zu nutzen, auf die man oft keinen direkten Zugriff hat.

Um die zunehmend sinnlose Konkurrenz bei der Flächenausweisung zu beenden, haben sich im Landkreis Rendsburg-Eckernförde in Schleswig-Holstein die 13 Kommunen Alt-Duvenstedt, Borgstedt, Büdelsdorf, Jevenstedt, Fockbek, Nübbel, Osterrönfeld, Rendsburg, Rickert, Schacht-Ausdorf, Schülldorf, Schülp b. Rendsburg, Westerrönfeld zusammengeschlossen und für ein gemeinsames Flächenmanagement bereits 2004 einen Kooperationsvertrag geschlossen. Als zusätzliches Element des Ausgleichs wurde ein Strukturfonds eingerichtet, der aus Beiträgen der Kommunen gespeist wird. Die Entscheidung darüber, wie und wofür die in dem Fonds angesammelten Mittel in sogenannten Leitprojekten eingesetzt werden sollen, ist Bestandteil des Interessenausgleichs. Der Fonds verfügt über ein jährliches Beitragsaufkommen von durchschnittlich 700.000 Euro. Ergänzt durch weitere Fördermittel liegt die Finanzkraft des Fonds bei jährlich rund 1,6 Millionen Euro. Für die Weiterführung wurde dann 2012 eine Entwicklungsagentur gegründet.


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Wachsen oder schrumpfen?

„Wachsen Sie noch oder schrumpfen Sie schon?“ Mit dieser provokanten Frage macht eine jetzt veröffentlichte Studie des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) auf.

Die Wissenschaftler haben im Rahmen der Untersuchung die Bevölkerungsdaten sowie weitere sozio-ökonomische Faktoren von 2008 bis 2013 unter die Lupe genommen: „Wachsen oder schrumpfen?“ lautet die Titelfrage. Wer das für seine Einheitsgemeinde oder Verwaltungsgemeinschaft wissen will, kann sie auf der interaktiven Karte suchen oder die ausführliche Tabelle (587 KB) hier downloaden.

Schrumpfung ist das Gegenteil von Wachstum. Wachstum wiederum bedeutet Entwicklung, lautet die vorherrschende Meinung. Selbst Stagnation wird so als Rückschritt oder Problem betrachtet. Dabei gibt es längst eine leidenschaftliche Debatte darüber, ob Wohlstand auch ohne Wirtschaftswachstum möglich ist. Wachstumskritiker fordern deshalb, Wohlstand und Umweltverbrauch zu entkoppeln und stattdessen auf Lebensqualität, qualitatives Wachstum und nachhaltigen Wohlstand zu setzen.

Auch im Hinblick auf die Einwohnerzahl ist das Ende des stetigen Wachstums schon jetzt absehbar. Denn trotz der hohen Zuwanderung aus dem Ausland zeigt die aktuelle Prognose bis 2035, dass die Bevölkerung nicht nur in Ostdeutschland und in peripheren Lagen, sondern in allen deutschen Regionen langfristig zurückgehen wird. Weil es eben nach wie vor mehr Sterbefälle als Geburten gibt und die Zuwanderung in dieser Größenordnung auf Dauer eher unwahrscheinlich ist.

„Sowohl Schrumpfung als auch Wachstum erfordern angemessene Anpassungsstrategien, d.h. eine Anpassung von Infrastrukturen, von Verwaltungs- und Organisationsstrukturen und von Wirtschaft und Arbeitsmarkt. Es ist verständlich, dass vor der Fülle der Herausforderungen und angesichts der begrenzten finanziellen und personellen Ressourcen für diese Anpassung Ängste entstehen. Umso wichtiger ist es, dass Wachstum und Schrumpfung nicht als Erfolg und Misserfolg der einzelnen Kommunen und Regionen betrachtet wird, sondern als die zwei Seiten einer Medaille, nämlich von Umverteilung von Ressourcen und Kapazitäten im Raum,“ erklärt die Autorin der Studie, Antonia Milbert auf Seite 21.

Ebenso wie Schrumpfung muss auch Wachstum geordnet und gesteuert erfolgen, um den ökologischen und sozialen Ansprüchen gerecht zu werden. Regional betrachtet gibt es immer ein Nebeneinander von Wachstum und Schrumpfung, weshalb beide Entwicklungen auch nicht voneinander getrennt betrachtet werden können. Durch die Studie werden die unterschiedlichen Problemlagen der Kommunen vergleichbar und Ansatzpunkte sichtbar, um sich interkommunal auszutauschen und zusammenzuarbeiten.


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Der neue Luxus

Immer gehetzt, zu spät, keine Zeit – wer kennt das nicht. Zeitforscher fordern deshalb eine selbstbestimmte Einteilung von Zeit. Sie haben dafür den schönen Begriff Zeitwohlstand erdacht, um deutlich zu machen, dass Wohlstand und Lebensqualität heutzutage nicht mehr nur von materiellen Dingen abhängen: Zeitautonomie ist der neue Luxus. Das belegt auch eine aktuelle deutsche Glücksstudie: 64 Prozent der Erwachsenen sagen, das wich­tigste Element der Selbstbestimmung sei für sie, selbst über ihre Zeit entscheiden zu können.

Klar geht es auf dem Dorf meist langsamer zu als in der Großstadt und viele Tourismusvereine werben ja gerade mit der Entschleunigung. Doch:

„Schnell ist nicht immer besser, auch langsamer ist nicht immer besser, sondern es geht um angemessene Geschwindigkeit“, erläutert Prof. Lucia A. Reisch von der Copenhagen Business School auf DRadio Wissen Hörsaal.

In ihrer 2014 erschienen Studie für das Bundesumweltamt „Zeit für Nachhaltigkeit – Zeiten der Transformation: Elemente einer Zeitpolitik für die gesellschaftliche Transformation zu nachhaltigeren Lebensstilen“ hat sie Zeit als neue Dimension der Nachhaltigkeit untersucht.

Zeit ist nicht nur eine knappe und kostbare Ressource, sie bildet auch den Rahmen für Veränderungen: Jede Gemeinderatssitzung und jeder Dorfentwicklungsprozess braucht eben eine bestimmte Menge an Zeit, was ziemlich banal klingt. Doch die Frage nach dem richtigen Maß dieses Zeitrahmens birgt ordentlich Zündstoff: Wie schnell muss oder darf ein Beschluss gefasst werden? Wie schnell sollte man auf den Klimawandel reagieren? Wie schnell sollte technischer Fortschritt sein? Die Wissenschaftlerin hat mit ihrer Studie ein bislang wenig beachtetes Forschungsfeld beleuchtet, bei der Kommunen wichtige Akteure sind: Die lokale Zeitpolitik als Nachhaltigkeitspolitik.

Die Wurzeln der lokalen Zeitpolitik liegen in Italien, wo in den 1980er Jahren der Ansatz Zeiten der Stadt entwickelt wurde, um mehr individuelle zeitliche Gestaltungsmöglichkeiten der Bevölkerung im Alltag zu ermöglichen. Auf kommunaler Ebene geht es beispielsweise um die Abstimmung und Koordination der Öffnungszeiten von Behörden, Geschäften, Dienstleistern und Verkehrsbetrieben. Oder um die Synchronisation von Arbeits- und Kinderbetreuungszeiten wie in Steinbach am Wald (3.196 Einwohner) im nördlichen Oberfranken, wo ein großer Glashersteller seinen Sitz hat. Für die Kindergartenkinder wurde deshalb eine flexible Betreuung von 6 bis 22 Uhr und für die Schüler eine umfangreiche, verlässliche Nachmittagsbetreuung organisiert. Auch zeitliche Freiräume zum Selbermachen und zur Gemeinschaftsnutzung wie offene Werkstätten, Reparatur-Cafés und FabLabs sind ein Ansatz.

Die lebenswerten Städte mit Zeitbewusstsein haben sich zu der internationalen Vereinigung Cittaslow zusammengeschlossen, auch Slow City genannt. Sie knüpft an Slowfood an und wurde bereits 1999 in Orvieto, Italien, gegründet. Weltweit gibt es 176 Mitgliedsstädte in 27 Ländern, zwölf davon in Deutschland. In Bayern gehören Bischofsheim an der Rhön (4.755 Einwohner), Berching (8.472 Einwohner), Hersbruck (12.095 Einwohner), Nördlingen (19.419 Einwohner) und Wirsberg (1.819 Einwohner) dazu. Slow City ist umfassender Ansatz für hohe Lebensqualität, der insbesondere für Kleinstädte im ländlichen Raum interessant ist, wie das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung 2013 herausgefunden hat.


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Das kreative Zentrum

Durch die voranschreitende digitale Vernetzung der ländlichen Räume und die steigenden Mieten in den Großstädten ergeben sich Chancen, kreative Menschen anzulocken und ein kreatives Zentrum im Dorf einzurichten.

Zwar hinkt Deutschland beim Breitbandausbau noch hinterher und das Internet tropft in vielen Regionen mit nicht mal zwei Megabit pro Sekunde aus der Leitung. Durch den LTE-Nachfolgestandard 5G könnte sich das aber bald erledigt haben. Seine Einführung ist für 2020 geplant. Bereits diese Woche werden Mobilfunkfrequenzen versteigert, mit denen das schnelle Internet auch in ländlichen Gebieten ausgebaut wird. Später können diese 700-Megahertz-Frequenzen dann vom 5G-Standard genutzt werden.

Die Kultur- und Kreativwirtschaft ist in den letzten Jahren zum Hoffnungsträger für die moderne Stadtplanung geworden. Der britische Stadtforscher Charles Landry und der US-amerikanische Ökonom Richard Florida prägten dafür den Begriff der „Kreativen Klasse“: Männer und Frauen aus kreativen Berufen bestimmen unsere neue Wissensgesellschaft. Ihre Ideen, Inhalte, Konzepte und kreativen Lösungen beeinflussen das wirtschaftliche Wachstum. Daher bemühen sich immer mehr Städte, kreative Talente auszubilden und anzuziehen. Kreativität wird zum Standortfaktor.

„Das Klischee des hornbebrillten Designers, der auf den Straßen Berlins hängt, einen dampfenden Pappbecher in der Hand, einem oder zwei Smartphones am Ohr, unverständliches Halbenglisch faselnd, gehetzt auf dem Weg zum nächsten Thinktank, zeigt in die falsche Richtung“,

betonen hingegen Sylvia Hustedt und Johannes Tomm in ihrem Handbuch zum Modellprojekt Ideenlotsen Metropole Nordwest 2012-2013, einem norddeutschen Kooperationsraum mit Bremen und Teilen Niedersachsens. Denn in der wirklichen Welt findet Kultur- und Kreativwirtschaft auch außerhalb der urbanen Ballungsräume statt –  man muss im ländlichen Raum einfach nur genauer hinsehen.

Gerade auf dem Land benötigen Kultur- und Kreativschaffende Vernetzung und Sichtbarmachung, teilweise auch Unterstützung bei der Schärfung ihres Geschäftsmodells (Unterschied zwischen Auftrags- und Produzentenlogik: Bei der ersten wartetet der Kreativunternehmer auf Anrufe – bei der zweiten erschafft er ein einzigartiges Angebot, macht auf sich aufmerksam und nimmt so seine Arbeit in die eigene Hand).

Anderseits sind Künstler und Kreative ein Image- und Wirtschaftsfaktor. Sie können neue Impulse für Projekte geben, Kultur und Kreativdienstleistungen für die Gemeinden schaffen, alte Gebäude und Scheunen wieder mit Leben füllen und den Tourismus aufwerten. Beispielsweise in der Eifel, wo der Boom der Regionalkrimis für neues Selbstbewusstsein in Deutschlands Krimi-Landschaft Nr. 1 sorgte. Oder im Landkreis Pfaffenhofen an der Ilm, wo aufgrund der Nähe zu München und den dortigen TV-Sendern und Filmstudios ein Filmbüro zur Vermittlung der Locations eingerichtet wird.

Das 2012 in Österreich entstandene Projekt Zukunftsorte hat sich zum Ziel gesetzt, den Austausch zwischen Kreativunternehmen und ländlichen Gemeinden voran zu treiben. Eine der aktuell neun beteiligten innovativen Gemeinden ist Strengberg (1.993 Einwohner) im Mostviertel in Niederösterreich. Im dortigen denkmalgeschützten Gemeindeamt sind im April 2014 in zuvor leer stehenden Räumlichkeiten die PostSudios als erster ländlicher Coworking Space eingerichtet worden. Co-Working ist eine neue Form gemeinschaftlichen Arbeitens, bei der sich Kreative, Freiberufler, Startups und kleine Firmen einen gemeinsamen Arbeitsplatz teilen. Die Vorteile liegen in der Flexibilität, der finanziellen Entlastung und dem produktiven Austausch untereinander. Coworking Spaces haben daher die Funktion eines kreativen Zentrums (kreative Location), das der oben erwähnte Richard Florida ebenso wie Cafés und öffentliche Räume zu den immer wichtiger werdenden „dritten Orten“ zählt – neben dem privaten Raum (erster Ort) und dem Arbeitsort (zweiter Ort). Die Gesamtmiete pro Büroarbeitsplatz beträgt in den PostStudios 190 Euro pro Monat. Sieben feste und zwei temporäre Arbeitsplätze inklusive Multimedia- und Besprechungsraum stehen zur Verfügung.

Nachahmenswert wäre auch das sogenannte Kommunalkonsulat, das die österreichischen Zukunftsorte im Juni 2014 als ständige Vertretung in der Bundeshauptstadt Wien eingerichtet haben. Das Kommunalkonsulat fungiert als Austausch- und Vernetzungsstelle, gibt Impulse für zukunftsfähige Gemeindeentwicklung und hält Kontakt zu „Ausheimischen“, die für Ausbildung oder Beruf nach Wien gezogen sind.


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Die essbare Gemeinde

Ob auf den Brachflächen des ehemaligen Berliner Flughafens Tempelhof oder auf den Dächern der New Yorker Wolkenkratzer. In den Städten boomt Urban Gardening: Die neue Lust am Eigenanbau von Gemüse und Obst sowie an nachbarschaftlichen Begegnungen im Grünen.

Angesichts einer komplizierter werdender Welt und ständig neuer Lebensmittelskandale steckt dahinter der Wunsch, sich neu zu erden und selbst zu versorgen. Auch ökologische und künstlerische Anliegen spielen eine Rolle, um aus vernachlässigten Orten wieder Gegenden zu machen, wo sich Menschen begegnen. Für die Städte ist Urban Gardening deshalb eine wichtige Strategie, um das Stadtbild und das Leben in der Stadt zu verbessern.

Kann das Konzept auch im Dorf funktionieren? Eigentlich nicht – sollte man meinen -, denn im Dorf haben die meisten ihren eigenen Garten gleich vor der Haustür. Trotzdem kann es auch in ländlichen Gemeinden sinnvoll sein, brach liegende Flächen für ein Gemeinschaftsgartenprojekt zu nutzen. Oder mit Hochbeeten eine Brücke zwischen altem Dorf und Neubaugebiet zu schlagen.

In Österreich ist Anfang 2013 die erste essbare Gemeinde Österreichs in Übelbach (1.982 Einwohner) nördlich von Graz ausgerufen worden. Im Rahmen der Umgestaltung des Spielplatzes wurde ein essbarer Spielplatz als Treffpunkt für Jung und Alt eingerichtet, wo die Kinder gesundes Süßes genießen und die Älteren ihre Erfahrung an die nächste Generation weiter geben können. Weitere öffentliche Plätze sind der essbare Garten vor dem Pflegeheim und der Blumenschmuck auf dem Markplatz, der mit essbaren Pflanzen kombiniert ist.

Das dahinter stehende „Pflücken erlaubt“-Prinzip stammt aus der Essbaren Stadt Andernach am Rhein, wo es seit 2010 öffentliche Stadtgärten gibt, die mit Gemüse, Obst und Kräutern begrünt sind und sich jeder beim Einkaufsbummel bedienen darf.


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