Die neue Stadtflucht

2014 ist es passiert: Zum ersten Mal seit der Jahrtausendwende wurde der Run auf die Städte (Urbanisierung) gebrochen und mehr Inländer haben die Großstädte verlassen als hinzukamen. Auf den ersten Blick ist das etwas irritierend, denn seit Jahren haben Experten eine Landflucht (Land-Stadt-Wanderung) beklagt, wonach immer mehr (junge) Menschen in die Städte ziehen und die Dörfer „ausbluten“.

Doch die aktuelle Auswertung Raus aus der Großstadt? des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) zeigt tatsächlich, dass im Jahr 2014 die Binnenwanderungsbilanz aller 66 kreisfreien Großstädte wieder negativ wurde. Im Wesentlichen wird dieser relative Bedeutungsverlust durch das Abwanderungsverhalten der Familien bestimmt, also von den unter 18-Jährigen und den 30- bis unter 50-Jährigen.

Doch von einem „Ende der Urbanisierungswelle“ (wie z.B. der Spiegel-Artikel Stadt, Land, Flucht vom 30.8.2016 fragt) kann nicht gesprochen werden, relativiert die Wissenschaftlerin Antonia Milbert in den aktuellen BBSR-Analysen Kompakt: „(Re)Urbanisierung oder Suburbanisierung“, die bald auf der BBSR-Seite veröffentlicht werden. Schließlich ist das Abwandern der Familien aus den Großstädten keine neue Entwicklung. Zwischen 2000 und 2014 war ihr Saldo stets negativ gewesen, lag zuletzt aber immer unter dem Tiefstand aus dem Jahr 2000. Außerdem wachsen die Großstädte weiter, vor allem durch den hohen Zuzug aus dem Ausland (Außenwanderung, dadurch wächst ja auch die Bevölkerung in Deutschland insgesamt seit 2014). Und nach wie vor sind die Großstädte bei den 18- bis unter 30-Jährigen beliebt, die dort für das Studium oder den Berufseinstieg hinziehen.

Die Gründe für das Verlassen der Großstadt liegen außer der Sehnsucht nach mehr Ruhe, Natur und Übersichtlichkeit (Die Landlust) oder der Suche nach mehr Freiraum und Selbstverwirklichung wahrscheinlich in den fehlenden bezahlbaren Wohnungen und den hohen Lebenshaltungskosten. Das extremste Beispiel ist München, der am dichtest besiedelten Großstadt Deutschlands, wo die Angebotsmieten aktuell am höchsten sind (14 Euro pro Quadratmeter im Durchschnitt), die Leerstandsquote der marktaktiven Wohnungen am niedrigsten (0,2 Prozent laut Leerstandsindex vom Marktforschungsunternehmen Empirica) und das Leben rund 30 Prozent teurer ist als im Bundesdurchschnitt (Studie von Prognos im Auftrag der Initiative 7 Jahre länger leben der Deutschen Versicherungswirtschaft). Kommen jetzt plötzlich die Großstädter?

Nur selten geht’s aufs Land, sagen jedoch die oben zitierten BBSR-Analysen auf Seite 12: „Wer die Großstadt verlässt, wandert nicht automatisch aufs Land. Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung – sowohl insgesamt als auch nach Altersgruppen getrennt betrachtet – die aus Großstädten fortzieht, zieht entweder in eine andere Großstadt oder einen städtischen Kreis“ (im Umland der Großstädte).

Hingegen: „Menschen, die bereits auf dem Land leben, ziehen dagegen viel häufiger in einen anderen ländlichen Kreis. Mit Ausnahme der 18- bis unter 30-Jährigen haben Landbewohner keine so eindeutige Präferenz für eine neue städtische Umgebung wie Stadtbewohner. Mit Ausnahme der (Groß-)Stadt orientierten Ausbildungs- und Berufseinstiegswanderer orientiert sich Landbevölkerung zu annähernd gleichen Teilen auf Stadt und aufs Land.“

Stadtflucht? Landflucht? Was denn nun? Wie es aussieht, sind die Wanderungsbewegungen differenzierter und wir erleben jetzt beides. Für die Flächenentwickler im Umland der Großstädte sind das natürlich gute Nachrichten, aber auch für das Dorfleben kann und sollte man werben.

Für die Zuwanderung zeigen zwei prämierte Projekte aus Sachsen-Anhalt und Sachen neue interessante Ansätze. Im Naturpark Dübener Heide, der zwischen Dessau, Wittenberg und Leipzig liegt, wurde 2015 das Wächterhof-Projekt gestartet. In Anlehnung an die Wächterhäuser in Leipzig sollten für leer stehende Höfe, Häuser, Datschen, Gärten und Ladenlokale junge Menschen als temporäre Zwischenmieter gewonnen werden – nach dem Prinzip „Hauserhalt durch Nutzung“. 35 potenzielle Hofwächter-Anwärter, darunter junge Familien und Künstler wurden gefunden. Doch das Landleben auf Probe läuft noch nicht so richtig, da die alteingesessenen Hofbesitzer noch zögerlich sind. Auch fehlt dem Projekt wohl noch ein konkreter Ansprechpartner, der die Eigentümer und die Zwischenmieter beraten und unterstützen kann.

Auf umfassenden Service und Beratung setzt hingegen das zweite Projekt, die Nestbau-Zentrale, die im Landkreis Mittelsachsen bei der Suche nach Arbeitsplatz, Wohnung, Haus oder Baugrund hilft. Möglich wird das durch den Aufbau eines „Nestbau-Netzwerks“, bei dem die Kommunen, der Landkreis, Institutionen und Unternehmen der Region eingebunden sind. Auch die Standortwerbung ist eng mit dem Projekt verzahnt. Für Ostern 2017 ist eine Kampagne geplant.


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Gehen oder Bleiben?

Viele junge Frauen verlassen ländliche Regionen und ziehen in die Städte, besonders stark in Ostdeutschland. Auf 100 Männer kommen dort aktuell im Schnitt 87 Frauen, zeigt eine aktuelle Auswertung des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR). Die Wissenschaftlerinnen untersuchten Daten auf Kreisebene zu Wanderungen der 18- bis 29-Jährigen im Jahr 2014. Junge Frauen sind demnach deutlich mobiler als gleichaltrige Männer. Das führt lokal zu sehr ungleichen Geschlechterverhältnissen: Während in den meisten Großstädten die jungen Frauen in der Mehrheit sind, liegt der Anteil junger Männer in dünn besiedelten Regionen überproportional hoch. Hier fehlen die Frauen als qualifizierte Fachkräfte, als potenzielle Partnerinnen und Mütter sowie als Teil der sozialen Netze.

Hauptgrund für die Abwanderung ist vielerorts ein Ausbildungs- und Arbeitsmarkt, der nicht genügend qualifizierte Stellen bietet, hatte die vorhergehende BBSR-Analyse Auf der Suche nach dem guten Leben bereits zu den geschlechtstypischen Wanderungen festgestellt und das u.a. mit dem Bildungsgefälle zwischen Frauen und Männern und „den Vorstellungen der Moderne hinsichtlich eines guten Le­bens“ begründet: Die höher Qualifizierten, also die jungen Frauen, gehen nämlich zuerst, was sich mit dem Schlagwort Braindrain (Talentschwund) schön auf den Punkt bringen lässt. Aufgrund ihrer höheren und besseren Schulab­schlüsse erwarten sie, in den größeren Städten vielfältigere Optionen für ihre Berufsausbildung und zukünftige berufliche Perspektive vorzufinden. Aber auch die Infrastrukturausstattung, das Wohnumfeld, die „Enge des Dorflebens“ bzw. eine Vorliebe für weniger traditionelle Lebensstile spielen als Abwanderungsmotive eine Rolle.

Die jungen Frauen sind aber nicht allesamt abwanderungswillig. Das zeigt die Studie Gehen oder Bleiben?, die in zehn ausgewählten Landgemeinden in der Steiermark erhoben und 2010 als eine der ersten im deutschsprachigen Raum veröffentlicht wurde. Doch gerade in der Altersspanne zwischen 20 und 30 Jahren befinden sich die jungen Frauen in einer äußerst dynamischen Lebensphase, in der viele Lebensentscheidungen fallen, die auch mit Entscheidungen für oder gegen das Bleiben bzw. dem Gehen und dem (Nicht-)Wiederkommen verbunden sind:

 „Dabei tut sich ein persönliches Spannungsverhältnis auf zwischen einerseits der emotionalen Bindung an die Herkunftsgemeinde und – vor allem in strukturschwachen ländlichen Gemeinden – strukturell bedingten Unmöglichkeiten, vor Ort das Leben führen zu können, das frau sich wünscht, und anderseits dem Gelocktwerden von den (möglichen) Attraktivitäten des ins Auge gefassten Zielortes. Das bedeutet, dass die Bindefaktoren der Zielgemeinde und die Faktoren, die junge Frauen am derzeitigen Wohnstandort als „abstoßend“ empfinden, zueinander in Beziehung gesetzt werden, und so die individuelle Entscheidung bestimmt, zu gehen oder zu bleiben“, schreibt die Autorin der Studie, die ehemalige Leiterin des Instituts für Raumplanung und ländliche Neuordnung an der Universität für Bodenkultur Wien Prof. Gerlind Weber im aktuellen Heft 2.2016 der Informationen zur Raumentwicklung auf Seite 228.

Junge Frauen lassen sich in keine Schublade pressen. Die Zielgruppe ist heterogen, ihr Bleibe- und Wanderungsverhalten ist daher schwierig zu beeinflussen. Als Fazit empfiehlt die Raumwissenschaftlerin daher, nicht nur einseitig auf die jungen Mütter und auf den „Klebstoff Kinder und Hausbau“ zu setzen. Auch müsse man sich von der Vorstellung verabschieden, „entweder frau bleibt für immer in der Herkunftsgemeinde oder frau geht für immer von dort fort.“ Denn biographische Brüche, Umwege und Neuanfänge gehören durch die heutige Individualisierung eben zum Standard. In der Konsequenz müssen die unterschiedlichen Ansprüche von „Bleibeorientierten, Abwanderungsbereiten und Rückkehrwilligen“ berücksichtigt und in ein Gesamtkonzept zur Bewältigung des demographischen Wandels eingebettet werden. Zuzüglerinnen und Rückkehrerinnen können etwa durch den Aufbau von Unterstützungsnetzwerken wie Comeback Elbe-Elster und maßgeschneiderten Rückkehrangeboten (z.B. Startwohnungen), aber auch durch Lernorte oder Technologie-Labore sowie Exzellenzinitiativen im ländlichen Raum gezielt angesprochen werden. Hier sind beispielsweise das Talentehaus in Niederösterreich oder die MINTmacher in der Region IngolStadtLandPlus vorbildlich. MINT steht für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik.

Um den Frauen eine stärkere Teilhabe am wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen, kommt der Modernisierung des ländlichen Raumes entscheidende Bedeutung zu, wozu mehr flexible Arbeitsmodelle, schnelles Internet und ein Umbau der Infrastrukturen für eine bessere Mobilität, Versorgung und Kinderbetreuung gezählt werden können. Auch über neue Dienstleistungsarbeitsplätze abseits der klassischen Frauenberufe wie Tourismus, Gastgewerbe, Verkauf oder Landwirtschaft sollte nachgedacht werden. Die BBSR-Autoren schlagen als Idee die Einrichtung von „Dienstleistungshöfen“ vor, wo verschiedene Dienstleistungen dezentral gebündelt sowie der Kontakt und Austausch unter den Beschäftigten, ob angestellt oder freiberuflich tätig, gefördert werden können. Über Coworking Space als kreatives Zentrum auch im ländlichen Raum haben wir ja schon berichtet. Eine Umnutzung des ehemaligen Gemeindeamtes oder eines alten Bauernhofes würde sich dafür gut anbieten.

Stärker öffnen müssen sich auch die Traditionsvereine und die politischen Gremien. Im Durchschnitt sind die Posten in den kommunalen Parlamenten zu drei Viertel mit Männern besetzt. Nur zehn Prozent der Landräte und lediglich fünf Prozent der Bürgermeister sind Frauen, hat der LandFrauenverband ermittelt. Das wirkt auf junge Frauen eher abschreckend und weibliche Vorbilder fehlen. Weitere Denkanstöße gegen das Abwanderungsproblem sind im Positionspapier der Landfrauen zusammengefasst.

Die Teilhabe junger Frauen ist auch ein Indikator für eine zukunftsorientierte Gemeinde- und Regionalentwicklung. Schließlich hat sich in Unternehmen die Vielfalt der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit ihren unterschiedlichen Fähigkeiten und Talenten längst als Wettbewerbsvorteil erwiesen, der Chancen für innovative und kreative Lösungen eröffnet. Und die volle Einbeziehung von Frauen ist eine wesentliche Voraussetzung für die Herbeiführung einer nachhaltige Entwicklung, wurde bereits in Rio 1992 in der Deklaration über Umwelt und Entwicklung als Prinzip verankert.


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Das Prinzip Großfamilie

Mehrgenerationenhäuser sind ein Ort der Begegnung für Jung und Alt. Sie funktionieren wie ein „öffentliches Wohnzimmer“, wo jeder Mensch willkommen ist: Man kann ausruhen oder aktiv sein, Gleichgesinnte treffen und etwas Neues lernen. Wer will, bekommt Unterstützung oder Betreuung. Seit 2006 gibt der generationenübergreifende Ansatz den bundesweit 450 Häusern ihren Namen, die in fast allen Landkreisen und kreisfreien Städten zu finden sind. Das erste MGH wurde im Mütterzentrum in der niedersächsischen Stadt Salzgitter (98.966 Einwohner) eröffnet. Für 2017 plant das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend ein neues Bundesprogramm zur Förderung solcher Häuser. Wer davon profilieren und bis 2020 jedes Jahr 40.000 Euro erhalten will, muss schnell sein: Die Bewerbungsphase läuft noch bis Ende Mai 2016.

Mit der generationsübergreifenden Arbeit wird das Prinzip der „traditionellen“ Großfamilie auf unsere heutige Gesellschaft übertragen, die durch den demographischen Wandel ja bekanntlich immer älter und die Jungen im Verhältnis dazu immer weniger werden. Auch Großfamilien gibt es heute kaum (mehr) und wenn, dann leben die Großeltern, Onkel und Tanten oft ganz woanders.

Doch die weit verbreitete Annahme, es hätte eine Entwicklung von der vorindustriellen Groß- zur modernen Kleinfamilie gegeben, ist ein Mythos – ebenso wie das Klischee der Familie als „Hort von Harmonie und Glück“, hat die Bundeszentrale für politische Bildung schön auf den Punkt gebracht. Dass drei Generationen unter einem Dach leben, war nämlich auch im 18. und 19. Jahrhundert eher die Ausnahme. Das lag an der kurzen Lebenserwartung und vor allem an der hohen Säuglings- und Kindersterblichkeit sowie daran, dass Knechte, Mägde, Gesellen, Lehrlinge und andere Schlafleute noch mit auf dem Hof wohnten. Ein Besuch im Freilandmuseum genügt, um einen realistischen Blick auf diese „gute, alte Zeit“ zu bekommen.

Neben der höheren Lebenserwartung besteht ein wesentlicher Unterschied zu früher in der Individualisierung der modernen Gesellschaft. Nicht mehr das generationsüberdauernde Wohl und Ansehen des Hofes steht im Vordergrund, sondern die individuelle Lebensgestaltung, für die es heute mehr Freiheiten und Entfaltungsmöglichkeiten gibt. Als Gegentrend führt die Individualisierung jedoch zu einer Suche nach Gemeinschaft und (familärem) Zusammenhalt. Das klingt erst einmal paradox, beschreibt aber genau die Konzeption der Mehrgenerationenhäuser auf Seite 11: „Über Begegnung und Austausch zwischen den Generationen werden Neugierde, Verständnis und nicht zuletzt die Unterstützungsbereitschaft füreinander angeregt“. Nur so können in der Folge Patenschaften, Mentoring-Projekte, haushaltsnahe Dienstleistungen und nachbarschaftliche Betreuungsangebote auf freiwilliger Basis entstehen.

Den Vorteil aus Sicht der Kommune und wie man damit die Attraktivität als Wohn- und Lebensort erhalten und gleich die Nachmittagsbetreuung für die Schulkinder mit organisieren kann, erläutert der Bürgermeister von Löhnberg (4.292 Einwohner) in Mittelhessen, Dr. Frank Schmidt in der Dokumentation 129: Kommunale Impulse generationenübergreifender Arbeit des Deutschen Städte- und Gemeindebundes auf Seite 26:

„Das Mehrgenerationenhaus ist fester Bestandteil unseres Konzeptes einer familienfreundlichen Gemeinde. Im Mehrgenerationenhaus bündeln wir den Großteil der Betreuungsangebote und Teilhabemöglichkeiten für Jung und Alt – vom generationenübergreifenden Mittagstisch bis hin zu den verschiedensten Freizeitaktivitäten. Damit fördern wir auch das Miteinander der Generationen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Viele Seniorinnen und Senioren kommen in das Mehrgenerationenhaus, weil sie hier auch Kinder und Jugendliche treffen. Was früher eine Großfamilie geboten hat, wird heutzutage durch das Mehrgenerationenhaus ermöglicht“.


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Die Koproduktion der Daseinsvorsorge

Das Hallenbad im niedersächsischen Nörten-Hardenberg (8.056 Einwohner) sollte im Jahr 2002 geschlossen werden. Das jährliche Defizit von 250.000 Euro war nicht mehr zu tragen. Für den Erhalt ihres Schwimmbads fanden die Bürger jedoch eine unkonventionelle Lösung: Sie gründeten eine Genossenschaft und boten der Gemeinde einen Betreibervertrag an.

Durch die Einbindung von ehrenamtlichen (Fach-)Kräften aus der Bürgerschaft (Wir sind das Hallenbad!), die sich um die Finanzen, die Technik, das Personal, die Akquise von Gruppen, die das Bad nutzen, und weitere organisatorische Details kümmern, ist so ein stabiler und kostengünstiger Betrieb möglich geworden. 2011 verzeichnete der Jahresabschluss nur noch ein Defizit von 35.000 Euro. In der Kommunalverwaltung war für das Hallenbad vorher nur eine einzige Person zuständig, die zudem noch die Bereiche Personal, Kindergärten, Schule und anderes zu bearbeiten hatte.

Das Hallenbad e.G. zählt zu den neuen Kooperationen und Finanzierungsmodellen für die soziale und kulturelle Daseinsvorsorge, die das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung in einem Praxisleitfaden 2015 mit zehn weiteren Fallbeispielen ausführlich vorgestellt hat: die Bürgerstiftung Pfalz in Klingenmünster (2.372 Einwohner) an der Südlichen Weinstraße, die Bürgerstiftung Unser Leohaus in der Kleinstadt Olfen (12.273 Einwohner) im Münsterland und der Bürgerbahnhof Leutkirch e.G. (21.837 Einwohner) im Allgäu, das DORV-Zentrum im Stadtteil Barmen (1.308 Einwohner) von Jülich bei Aachen, das der Deckung des täglichen Bedarfs dient, die Gesundheitsregion Gesundes Kinzigtal GmbH (ca. 71.000 Einwohner) im Schwarzwald, das Bildungszentrum am Rittergut Knau (616 Einwohner) in Thüringen sowie die Dorfakademie des Vereins Landblüte e.V. im Ortsteil Wölsickendorf-Wollenberg von Höhenland (1.036 Einwohner) in Brandenburg, die mit geringen Mitteln das Bildungsangebot auf dem Dorf verbessern, das Heimhof-Theater e.V. in Burbach (14.431 Einwohner) im Siegerland, die Bürgergemeinschaft Eichstetten e.V. in Eichstetten (3.446 Einwohner) am Kaiserstuhl in Baden-Württemberg, die die Versorgung der älteren Bewohner selbst übernommen hat und der Eiskeller Haindling e.V. im Stadtteil Haindling (ca. 100 Einwohner) von Geiselhöring in Niederbayern, der als Dorfladen, Café und Kulturzentrum das Dorfleben reaktiviert hat. Wer nun selbst aktiv werden will, kann im Leitfaden die oftmals langjährigen Entwicklungsprozesse und das Auf und Ab der Beispiele von der ersten Idee bis zu laufenden Betrieb nachvollziehen. Hilfreich sind auch die Empfehlungen zu möglichen Rechts- und Organisationsformen sowie zur Mischfinanzierung in Form von Spenden/Sponsoring, öffentlichen Fördermitteln, Einnahmen, Eigenkapital (Anteilseigner, Mitglieder und Gesellschafter), Zuschüssen (Kommune oder örtliche Banken/Sparkasse), Fremdkapital (Kredite, Bürger/Bankdarlehen oder Beteiligungskapital) sowie unbare Eigenleistungen und unentgeltliche Tätigkeiten, um die Gründung, den Auf- oder Umbau sowie den laufenden Betrieb finanzieren zu können.

Um kooperative, innovative und flexible Lösungen möglich zu machen, wird Daseinsvorsorge nicht vorrangig aus der Verwaltungsperspektive, sondern stärker aus der Nutzerperspektive heraus betrachtet. Außerdem steckt dahinter eine neue Verantwortungsteilung zwischen Kommune und Bürgerschaft, die in den angelsächsischen Ländern bereits seit den 1980er Jahren als „co-producing of public service“ diskutiert wird. In Deutschland ist der Begriff aber noch recht unbekannt.

„Das Konzept Koproduktion stellt eine wirkungsorientierte Form der Zusammenarbeit zwischen Verwaltung, Rat und Bürgerschaft dar, das darauf ausgelegt ist, die Fähigkeiten, Kompetenzen und Stärken aller Beteiligten besser zu nutzen, um gemeinsam gewünschte Wirkungen zu erzielen,“ definiert Governance International auf Seite 10 in einer aktuellen Bertelsmann-Studie zur Koproduktion in Deutschland.

Auch das Selbstverständnis der Bürgerinnen und Bürger hat sich verändert, weg vom tradierten Verständnis des passiven Empfängers der Versorgungsleistungen durch den Staat (Endverbraucher, Konsument, Klient, Kunde, Zuschauer oder Untertan) hin zu einem aktiven Koproduzenten, der stärker partizipieren und sich auf unterschiedliche Art und Weise für seine Kommune engagieren will (Stichworte: Bürgerbeteiligung, Bürgerkommune und Selbstverantwortung der Dorfgemeinschaft), um die Lebens- und Versorgungsqualität vor Ort zu erhalten oder zu verbessern.

Als Pionierin der Ko-Produktion gilt die US-amerikanische Professorin Elinor Ostrom, die 2009 als erste Frau den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften bekam und sich u.a. mit Problemen kollektiven Handelns bei knappen natürlichen Ressourcen beschäftigte, die gemeinschaftlich genutzt werden, den sogenannten Allmenden (Gemeingut, englisch Commons wie z.B. Weide- oder Wassernutzungsrecht, heutzutage die Wissensallmende und das digitale Netz).

Damit kommt der regionale Versorgungsraum in den Blick, worum es dem Aktionsprogramm regionale Daseinsvorsorge geht, einem Modellvorhaben der Raumordnung (MORO). Um die Infrastruktur und Einrichtungen der Daseinsvorsorge bedarfsgerecht an eine sich ändernde Nachfrage anzupassen, empfehlen die Experten in der aktuellen Publikation eine interkommunale Kooperation sowie die Zusammenarbeit von privaten und öffentlichen Akteuren.


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Wachsen oder schrumpfen?

„Wachsen Sie noch oder schrumpfen Sie schon?“ Mit dieser provokanten Frage macht eine jetzt veröffentlichte Studie des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) auf.

Die Wissenschaftler haben im Rahmen der Untersuchung die Bevölkerungsdaten sowie weitere sozio-ökonomische Faktoren von 2008 bis 2013 unter die Lupe genommen: „Wachsen oder schrumpfen?“ lautet die Titelfrage. Wer das für seine Einheitsgemeinde oder Verwaltungsgemeinschaft wissen will, kann sie auf der interaktiven Karte suchen oder die ausführliche Tabelle (587 KB) hier downloaden.

Schrumpfung ist das Gegenteil von Wachstum. Wachstum wiederum bedeutet Entwicklung, lautet die vorherrschende Meinung. Selbst Stagnation wird so als Rückschritt oder Problem betrachtet. Dabei gibt es längst eine leidenschaftliche Debatte darüber, ob Wohlstand auch ohne Wirtschaftswachstum möglich ist. Wachstumskritiker fordern deshalb, Wohlstand und Umweltverbrauch zu entkoppeln und stattdessen auf Lebensqualität, qualitatives Wachstum und nachhaltigen Wohlstand zu setzen.

Auch im Hinblick auf die Einwohnerzahl ist das Ende des stetigen Wachstums schon jetzt absehbar. Denn trotz der hohen Zuwanderung aus dem Ausland zeigt die aktuelle Prognose bis 2035, dass die Bevölkerung nicht nur in Ostdeutschland und in peripheren Lagen, sondern in allen deutschen Regionen langfristig zurückgehen wird. Weil es eben nach wie vor mehr Sterbefälle als Geburten gibt und die Zuwanderung in dieser Größenordnung auf Dauer eher unwahrscheinlich ist.

„Sowohl Schrumpfung als auch Wachstum erfordern angemessene Anpassungsstrategien, d.h. eine Anpassung von Infrastrukturen, von Verwaltungs- und Organisationsstrukturen und von Wirtschaft und Arbeitsmarkt. Es ist verständlich, dass vor der Fülle der Herausforderungen und angesichts der begrenzten finanziellen und personellen Ressourcen für diese Anpassung Ängste entstehen. Umso wichtiger ist es, dass Wachstum und Schrumpfung nicht als Erfolg und Misserfolg der einzelnen Kommunen und Regionen betrachtet wird, sondern als die zwei Seiten einer Medaille, nämlich von Umverteilung von Ressourcen und Kapazitäten im Raum,“ erklärt die Autorin der Studie, Antonia Milbert auf Seite 21.

Ebenso wie Schrumpfung muss auch Wachstum geordnet und gesteuert erfolgen, um den ökologischen und sozialen Ansprüchen gerecht zu werden. Regional betrachtet gibt es immer ein Nebeneinander von Wachstum und Schrumpfung, weshalb beide Entwicklungen auch nicht voneinander getrennt betrachtet werden können. Durch die Studie werden die unterschiedlichen Problemlagen der Kommunen vergleichbar und Ansatzpunkte sichtbar, um sich interkommunal auszutauschen und zusammenzuarbeiten.


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Soziale Innovationen

Seit Bill Gates und Steve Jobs hat der Begriff der kreativen Zerstörung eine neue Aktualität bekommen. Damit ist die Entstehung innovativer Pionierunternehmen gemeint, die mit neuen Produkten oder Verfahren ältere und weniger leistungsfähige Unternehmen verdrängen.

Sinngemäß taucht der Begriff bereits im Kommunistischen Manifest auf. Bekannter wurde er jedoch durch den österreichischen Ökonom Joseph Alois Schumpeter. In seiner Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung von 1911 legt er dar, dass das Wesen von Innovation in der „Durchsetzung neuer Kombinationen“ liegt – mit Betonung auf Durchsetzung! Denn um wirtschaftliche Ziele zu erreichen, kommt es allein darauf an, die Ideen, Erfindungen und Konzepte auch praktisch umzusetzen: Beispielsweise als neues kaufbares Produkt oder verbesserter Service drum herum.

Pionierarbeit und soziale Innovationen, die vom gewohnten Schema abweichen, sind auch auf dem Land gefragt. Vor allem, wenn es darum geht, das Dorfsterben zu verhindern oder das Umfeld lebenswerter zu gestalten, erläutert Dr. Reiner Klingholz, der Leiter des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung in der Sendung Frontal 21 vom 2.6.2015:

„Wenn sich die Menschen auf dem Land wieder neu organisieren, wenn sie anfangen, wieder miteinander zu reden und Probleme gemeinsam zu bewältigen: Dann entsteht eine neue Form des sozialen Miteinanders. Das ist mit Sicherheit eine Bereicherung und das macht dann das Leben auf dem Land plötzlich wieder attraktiv.“

Das Institut ist eine sogenannte Denkfabrik, die sich mit dem demographischen Wandel in Deutschland beschäftigt. Anfang des Jahres hat sie eine interessante Studie mit dem Titel Von Hürden und Helden veröffentlicht. Anhand von 37 innovativen Projekten für den Nahverkehr, für Bildung, für medizinische Versorgung und Pflege, für Nahversorgung, für soziale Fragen, aber auch für technische Infrastrukturen wie Wasser- und Abwassersysteme sowie die Energie- und Breitbandversorgung wird gezeigt, wie sich das Leben auf dem Land neu erfinden lässt.

Ganz wie beim alten Schumpeter stehen dabei Pioniere im Mittelpunkt, also engagierte Bürger, Bürgermeister und Verwaltungsmitarbeiter, die mit Kreativität und Beharrlichkeit lokale Versorgungsangebote entwickeln und dabei Hemmnisse wie starre Auflagen, Gesetze, Verordnungen und Verwaltungsvorschriften mutig aus dem Weg räumen:

So hat die Psychotherapeutin Ursula Berrens in der Eifel-Gemeinde Speicher (3.270 Einwohner) die Mitfahrerbank initiiert, eine Ergänzung zum lückenhaften Personennahverkehr, damit vor allem ältere Leute gut zum Arzt oder Einkaufen kommen können. Diese Sitzbänke stehen an zentralen Stellen im Ort. Dort kann man ein Richtungsschild in die gewünschte Richtung umschlagen und dadurch anzeigen, dass man mitgenommen werden möchte.

In der Uckermark, einer sehr dünn besiedelten Region im nördlichen Brandenburg, geht die rollende Zahnärztin Dr. Kerstin Finger aus Templin auf Tour und behandelt wenig mobile Patienten zu Hause oder im Heim. Im Auto hat sie alles dabei, was sie normalerweise auch in der Praxis hat. Nur den Behandlungsstuhl muss sie sich vor Ort erst vom Patienten besorgen und einrichten.

Der Lehrer Heinz Frey wollte nicht länger zusehen, wie in Barmen (1.360 Einwohner), einem Stadtteil von Jülich in Nordrhein-Westfalen, ein Laden nach dem anderen geschlossen wurde, während außerhalb der Ortsmitte neue Quadratmeterflächen entstanden. Mit dem Verein DORV (Dienstleistung und ortsnahe Rundum-Versorgung) hat er ein Konzept für die Gründung und den Erhalt lokaler Dorfzentren entwickelt und 2004 das DORV Zentrum eröffnet. Im Angebot sind nicht nur Waren des täglichen Bedarfs, sondern auch zahlreiche Dienstleistungen. Unter anderem berät die Arbeiterwohlfahrt über Pflege- und Sozialdienstleistungen, werden Reisen vermittelt, Kleidungsstücke gereinigt und einfache Reparaturen durchgeführt. Zudem können Formulare der Stadt- und Kreisverwaltung wie Papiere der KFZ-Zulassungsstelle bezogen oder von einem Automaten Geld abgehoben werden.


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Die neuen Vereine

Der Verein ist die wichtigste Organisationsform des bürgerschaftlichen Engagements. Nach Erhebungen des Freiwilligensurveys finden insgesamt 46 Prozent aller freiwilligen Tätigkeiten in Vereinen statt. Erst mit weitem Abstand folgen Kirchen und religiöse Gemeinschaften, Gruppen und Initiativen, die keine formelle Rechtsform aufweisen, staatliche oder kommunale Einrichtungen sowie Verbände, Parteien, Gewerkschaften und Stiftungen.

Aktuell gibt es in Deutschland etwa 600.000 Vereine. Die meisten sind rein ehrenamtlich organisiert und vor Ort aktiv, wie die ZiviZ-Survey, eine aktuelle Studie zum Projekt Zivilgesellschaft in Zahlen  herausgefunden hat. Und die Zahl der Vereine wächst ständig: Seit der Wiedervereinigung hat sie sich in etwa verdoppelt, seit 1960 versiebenfacht. Allein zwischen 2001 und 2012 wurden 35.000 neue Vereine gegründet.

Doch gerade die neueren Vereine verstehen sich eher als Dienstleister und haben nichts mehr mit dröger Traditionspflege zu tun, hat Alina Mahnken von der Bertelsmann Stiftung beobachtet: Vom Stammtisch grauer Herren zur coolen Bewegung bezeichnet sie diese Entwicklung. Denn viele wollen etwas bewegen und richten ihre Aktivitäten verstärkt nach außen: Studenten mobilisieren ihre Kollegen an der Uni für Knochenmarkspenden. Andere gestalten Aufklärungskampagnen gegen Tabakkonsum. Aktive Senioren unterstützen junge Menschen beim Finden eines Ausbildungsplatzes. Kinder lernen in einem umgebauten Doppeldeckerbus alles über gesundes Essen.

Diese gesellschaftlichen Veränderungen schlagen sich auch in der Vereinsarbeit im ländlichen Raum nieder:

„War es früher noch eine Pflicht und Ehre, eine Vorstandsposition zu übernehmen, so spielen diese Werte heute keine so große Rolle mehr. Die Menschen überlegen sehr genau, was sie zu leisten bereit sind, was ihre privaten und persönlichen Bedürfnisse sind, und ob dies mit solchen ehrenamtlichen Funktionen vereinbar ist. Insofern ist auch auf dem Land feststellbar, was sich im städtischen Bereich schon länger beobachten lässt: Die Menschen sind nicht mehr ihr ganzes Leben einem Verein treu, ihre Freizeit gestalten sie flexibel. Gleichwohl sind die Bindungskräfte im Dorf immer noch ein wichtiger Grund dafür, sich im örtlichen Verein zu engagieren.

Die Vereine dürfen jedoch nicht nur auf diese Karte setzen. Sie dürfen nicht glauben, dass jeder, der am Ort wohnt, auch aktiv ins Vereinsleben einsteigt oder die Mitwirkung über familiäre Traditionen vererbt wird. Wenn Vereine neue Wege beschreiten und dabei auch von öffentlicher Seite die bestmögliche Unterstützung in Form von Beratung, Fortbildung und Begleitung bekämen, wäre schon viel gewonnen“, sagt Walter Dreßbach, der Leiter der Ehrenamtsagentur des Main-Kinzig-Kreises und Erfinder der Ehrenamtssuchmaschine des Landes Hessen in der kürzlich erschienenen Handreichung für Vereinsvorstände Perspektiven entwicklen – Veränderungen gestalten der Stiftung Mitarbeit auf Seite 143.

Wenn Vereine neue Wege in der Vereinskultur gehen wollen, können Freiwilligenagenturen, Mehrgenerationenhäuser, Seniorenbüros und Stabstellen der Kommunen oder Kreise wertvolle Unterstützung geben. Mittlerweile gibt es auch eine Vielzahl an Publikationen zu diesem Thema. Die oben zitierte Handreichung enthält nützliche Anregungen, wie man Nachfolger findet oder die wachsende Aufgabenfülle beim Vorstand in den Griff kriegt. Außerdem vier Checklisten im Anhang, mit denen sich ein Verein hinsichtlich der Aktualität seiner Botschaften, seinem Selbstverständnis und seiner Leistungen für Mitglieder und Außenstehende selber befragen kann.

Zukunftspotential steckt auch in einer aktiven Öffnung für Jugendliche, Frauen, Migranten oder Menschen aus anderen Milieus. Mehr Wirkung können neue Kooperationen und Partnerschaften mit anderen Vereinen, der Kommune, Schulen, gemeinnützigen Organisationen oder Unternehmen (Marktplatz Gute Geschäfte) bringen. Heutzutage ist auch der strategische Einsatz von Internet, Social Media und anderen digitalen Werkzeugen wichtig, um die Arbeitsorganisation zu erleichtern, die Kommunikation und die Beziehungen zu pflegen und neue Teammitglieder zu gewinnen.


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