Die finanziellen Spielräume

Wegen der guten wirtschaftlichen Lage haben die Kommunen in Deutschland 2017 einen Rekordüberschuss von 10,7 Milliarden Euro zu erwarten. Diese frohe Botschaft teilte das Statistische Bundesamt kurz nach Ostern mit. Aber auch die Ausgaben sind gestiegen (wenn auch nicht so stark wie in den Vorjahren, weil sich der Bund seit Dezember 2016 an den Kosten der Integration beteiligt) und es gibt nach wie vor große regionale Unterschiede zwischen finanzstarken und schwächeren Gemeinden. Beispielsweise wird in Bayern kommunal fast dreimal so viel investiert wie in Sachsen-Anhalt oder im Saarland (Kommunaler Finanzreport 2017 der Bertelsmann Stiftung).

Möglicherweise verschärfend kommt hinzu, dass Ende 2019 die bisherigen Regelungen zum Länderfinanzausgleich und die sogenannten „Osttransfers“ aus dem Solidarpakt II auslaufen und ab 2020 die Schuldenbremse für alle Bundesländer bindend ist. 2020 beginnt auch die neue Förderperiode der Europäischen Strukturfonds und der EU-Haushaltskommissar hat bereits angekündigt, dass die deutschen Bauern und die Bundesländer nach dem Brexit wohl auf weniger Geld aus Brüssel hoffen dürfen.

Um auf die sich ändernden finanziellen Rahmenbedingungen reagieren zu können, wird bei dem aktuellen Modellvorhaben der Raumordnung Lebendige Regionen in nunmehr 12 Modellregionen jeweils ein Planspiel durchgeführt, bei dem die Finanzverantwortlichen vom Landkreis, von der Kommunalaufsicht und von den Gemeinden mit den Akteuren der Regionalentwicklung in Dialog treten. Ziel ist es, anhand eines Regionalberichts mit verschiedenen Finanzszenarien, der vom Kompetenzzentrum der Universität Leipzig erarbeitet wird, gemeinsam den zukünftigen finanziellen Spielraum ihrer Region abzuschätzen und trotz knapper Kassen Ansätze für eine zielgerichtete Regionalentwicklung zu finden. Denn schließlich braucht die Regionalentwicklung nicht nur finanzielle Spielräume, etwa um Projekte umzusetzen – Regionalentwicklung kann ja auch Kosten einsparen, die Haushalte entlasten und somit Spielräume eröffnen, denken wir an die gemeindeübergreifende Zusammenarbeit von der Abfallwirtschaft bis zur Wirtschaftsförderung.

„Kämmerinnen und Kämmerer sind von der Mentalität nicht besser oder nicht schlechter, aber vielleicht manchmal anders als Regionalplaner, die eher langfristige Ziele haben“, hat Jonas Glüsenkamp vom Coburger Land diesen neuen Ansatz aus Sicht einer Modellregion auf dem diesjährigen Zukunftsforum Ländliche Entwicklung in Berlin erläutert. „Kämmerer sind manchmal in der Kameralistik „gefangen“, denken im Jahresrhythmus und im Haushaltsabschluss. Das schon vor Projektende zusammenzuführen, bevor vielleicht Spannungen aufkommen können, und die Projekte gemeinsam zu planen, das hat sich bei uns gezeigt, dass das sehr sinnvoll ist.“

Mehr finanziellen Spielraum können auch neue bzw. alternative Finanzierungsmodelle bringen, die privates Kapital von Bürgern und/oder Unternehmen nutzen, wie z.B. Crowdfunding, Spenden, Sponsoring, Bürgerkredite, Regionalfonds, Bürgerbudgets, Bürgerstiftungen, Genossenschaften, Vereine usw. über die wir ein anderes Mal ausführlicher berichten wollen.


Foto von Kim Gorga auf Unsplash

Das neue Biotop

In Deutschland gibt es immer weniger Pflanzen und Tiere. Vor allem bei Vögeln und Insekten sind die Rückgänge erschreckend. Gegenüber dem 19. Jahrhundert sind die Vogelbestände sogar um 80 Prozent zurückgegangen, schlägt der bekannte Vogelforscher Prof. Peter Berthold Alarm, und zwar in seinem neuen Buch Unsere Vögel – Warum wie sie brauchen und wie wir sie schützen können, das 2017 erschienen ist. Ob Feldlerche, Kiebitz oder Rebhuhn – man bekommt sie kaum noch zu Gesicht.

Doch der ehemalige Direktor des Max Planck Instituts für Ornithologie, Vogelwarte Radolfzell, war es leid, immer nur das Artensterben zu beklagen und auf die Einsicht der Politik zu hoffen. Berthold wollte handeln und am Ende seiner universitären Laufbahn endlich auch mal umsetzen, „was wir wissen und erforscht haben“. 1988 entwickelte er daher mit zwei Kollegen einen neuen Ansatz, der sich vom behördlichen Naturschutz („halbherzig und bislang erfolglos“ Seite 136 ff.) und radikalen Forderungen nach einer Rückkehr zu mehr ökologischer Bewirtschaftung auf der gesamten Fläche („völlig unsinnig, dazu ist der ökonomische Druck auf unsere Flächen schon jetzt viel zu hoch“ Seite 165) grundlegend unterscheidet: Jeder Gemeinde ihr Biotop lautet seine Vision.

Durch die Renaturierung von bestimmten Flächen, auf die man gut verzichten kann, soll über ganz Deutschland verteilt zwischen den Ortschaften ein dichtes Netzwerk hochwertiger Lebensräume entstehen, das den meisten Arten eine Chance bieten würde, zu überleben und größere Populationen aufzubauen.

„Also im simpelsten Fall ein Stück plattes Land, was früher vielleicht mal sehr schön strukturiert war, im Mittelalter vielleicht sogar Feuchtgebiet gewesen ist, Weiher gehabt hat, jetzt ein Maisfeld ist, aber sehr nass. Das nehmen wir aus der Nutzung raus, machen mit dem Bagger ein Loch in den Boden, schauen, dass sich dort Schilf ansiedelt, haben ein neu geschaffenes Biotop für Tiere und machen in einer angemessenen Entfernung das nächste. Dadurch entsteht der Verbund, dass die Dinge nahe beieinander liegen“, erklärt Berthold am 24.11.2017 im Video Fünf vor zwölf! Der Naturtalk.

Zum ersten Mal wurde das neue Naturschutzkonzept am Bodensee ausprobiert, wo 2005 der „Heinz-Sielmann-Weiher“ im Owinger Ortsteil Billafingen (728 Einwohner) eingeweiht wurde, benannt nach dem großen Tierfilmer Heinz Sielmann und die Sielmann-Stiftung hat das Projekt auch wesentlich finanziert. Der Weiher hat drei Inseln und ist rund 1,3 Hektar groß. Ihn umgibt ein Mosaik aus Tümpeln, Schilfflächen, Säumen, Hecken und Gräben („Schutzzaun“). Seit 2011 beweiden Wasserbüffel das Weiherumfeld.

Nach der Einrichtung des Weihers stieg die Anzahl der beobachteten Vogelarten um 50 Prozent auf insgesamt 179 Arten. Außerdem siedelten sich Amphibien, Tagfalter und Libellen an. Besucher können die nun reichhaltige Natur von einer Aussichtsplattform und einem Hochstand aus beobachten und werden so in der ausgeräumten Kulturlandschaft wieder an die Natur herangeführt. Inzwischen sind im Netz des Biotopverbundes Bodensee über hundert weitere Biotopbausteine an 36 Standorten entstanden.

Ganz praktisch wird es im zweiten Teil des Buches, wo Berthold nachvollziehbar die einzelnen Maßnahmen beschreibt, die Vogelfreunde und Naturschützer in ihren Gemeinden ergreifen können, um neue Biotope zu schaffen: Angefangen von der Auswahl des geeigneten Biotoptyps (Feuchtgebiet, aber auch Auwald, Wald- und Gebüschzonen an Gewässern, aufgelassene Steinbrüche, Kiesgruben, Wacholderheiden, Trockenrasen, artenreiche Mähwiesen können sinnvoll sein), der Verfügbarkeit der Flächen bzw. Klärung der Besitzverhältnisse (Flächen, die für den Anbau landwirtschaftlicher Produkte weniger geeignet sind) über die Prüfung der Machbarkeit (boden- und wasserkundliche Vorprüfungen, evtl. Einrichtung von Weiden) und die Beschaffung der Genehmigungen (Beschlüsse Ortschafts- und Gemeinderat, Vor-Ort-Termin mit Behörden) bis hin zur Trägerschaft (am besten Gemeinde als Projektträger und Besitzer, kleinere Pflegemaßnahmen über Bauhof) und Mittelbeschaffung (Stiftungen, Spenden, Ökokonto für die Ausgleichsmaßnahme oder Förderprogramme).

An Gesamtkosten für Biotope in der Größe vom Heinz-Sielmann-Weiher muss mit 250.000 bis 500.00 Euro gerechnet werden, je nach Kosten für den Grunderwerb, den Bau und die Nebenkosten. Aber Berthold warnt ausdrücklich davor, angesichts dieser Summen doch bescheidener zu planen. Denn bei kleineren Weihern sinken die Brutvögelarten und Raritäten sind kaum zu erwarten, sagt er voraus: „Man ist irgendwann enttäuscht und ärgert sich schwarz, dass man nicht größer geplant und sich nicht mehr Zeit genommen hat, um das dafür erforderliche Geld zu beschaffen“ (Seite 205).

Und ein ganz wichtiger Aspekt ist, dass durch diese Vorgehensweise die Bürgerinnen und Bürger hinter diesen Projekten stehen und auch bereit sind, sich für „ihr Biotop“ zu engagieren.


Luftaufnahme von Andreas Hammer

Der neue Waldspaziergang

Ständig erreichbar sein, überall Mails und News checken können: „Hat uns diese digitale Revolution wirklich bereichert?“, fragt der Deutschlandfunk. Ausgerechnet aus dem Silicon Valley kommt die Gegenbewegung Digital Detox, digitales Entgiften.

Doch zum größten Gegentrend unserer Zeit wird nach Meinung der Zukunftsforscher Achtsamkeit oder „Mindfulness“ auf Englisch, was nach wabernder Esoterik klingt, im Grunde aber nicht anderes bedeutet, als die Fähigkeit, bewusster zu leben und auch mal abzuschalten: Menschen machen dafür Entschleunigungs-Seminare, legen sich auf die Yoga-Matte und buchen Entspannungskurse. Oder gehen zum Abschalten in den Wald, der zur Zeit ja auch wieder eine Art Renaissance erlebt (Holz, Wandern, Geocaching, Baumwipfelpfad, Baumhaus, Waldküche, Waldhonig, Waldkindergarten, Waldbestattung usw.).

Den Waldspaziergang gibt es jetzt sogar auf Rezept, wenn auch vorerst nur als Privatrezept, also zum Selberzahlen, und zwar im Ostseebad Heringsdorf (8.839 Einwohner) auf der Insel Usedom. Am 13. September 2017 wurde dort nämlich der erste deutsche Heilwald per Rechtsverordnung in Kraft gesetzt. In der Ruhe des 50 Hektar großen Buchenwaldes können die Patienten nun unter Anleitung Atem- und Bewegungsübungen machen und psychosomatische Beschwerden wie Burnout, Depressionen oder Schlaflosigkeit lindern. Der Heilwald wurde sogar zur handyfreien Zone erklärt, um ein störungsfreies Naturerleben zu ermöglichen.

Doch auch ohne Funkverbindung ist der Wald ein Ort der regen Kommunikation, hat der Biologe Clemens Arvay am 25. April 2017 im Interview mit der Wissenschaftssendung nano erklärt:

„Wir können uns den Wald als einen einzigen riesengroßen Organismus vorstellen, wo Bäume und andere Pflanzen Botschaften untereinander austauschen. Zum Beispiel über Schädlinge, die im Anrücken sind. Das geht so weit, dass von Baum zu Baum auch Informationen über die Art und Größe der Schädlingsarmee weitergegeben werden. So können alle Pflanzen ihre Immunsysteme hochfahren und sich mit vereinten Kräften gegen die Invasion schützen. Um sich gegenseitig Botschaften zukommen zu lassen, benutzen die Pflanzen chemische „Wörter“, bioaktive Substanzen aus der Gruppe der Terpene. Das sind Duft- und Botenstoffe, die überall in der Waldluft herumschwirren und über die Blätter, die Borke und die Wurzeln abgegeben werden. Manchmal können wir sie im Wald auch riechen, denn Terpene sind die wichtigsten Bestandteile der ätherischen Öle aus Bäumen und Pflanzen.“

Faszinierend ist dabei, dass das menschliche Immunsystem ganz ähnlich reagiert und unsere Widerstandskräfte gestärkt werden: Denn wenn wir Terpene wie etwa die sogenannten Limonene und Pinene aus der Waldluft einatmen, werden die natürlichen Killerzellen angeregt, die die Aufgabe haben, Viren auszuschalten und Tumore aufzuspüren. Bereits ein Tag im Wald führt zu einem 40-prozentigen Anstieg unserer wichtigsten Abwehrtruppen im Blut.

Wenn wir mit der Natur interagieren und sie uns positiv beeinflusst, tritt der Biophilia-Effekt (Biophilie von altgriechisch bios „Leben“ und philia „Liebe“) ein, den Clemens Arvay in Anlehnung an den Psychoanalytiker und Philosophen Erich Fromm für seinen gleichnamigen Besteller von 2015 verwendet hat. Fromm wollte damit die Sehnsucht der Menschen nach der Natur ausdrücken, die heute viele Städter haben (Urban Gardening) und was auch eine Chance für das Leben auf dem Land und insbesondere die Naturlandschaften und den Tourismus sein kann. Ebenso können von dem Biophilia-Effekt Forderungen für gesunde Wälder und den Naturschutz sowie für mehr Bäume und Grün in den Großstädten abgeleitet werden.

Den gesundheitsfördernden Effekt der Terpene in der Waldluft hat als erster der Umweltimmunologe Professor Qing Li von der Nippon Medical School in Tokio in zahlreichen Feldstudien untersucht und damit auch nachgewiesen, dass uns Bäume nicht nur psychisch gesund machen, also zur Ruhe und zum Abschalten bringen können, sondern auch körperlich. Er gilt als Pionier der Waldmedizin, die seit 1982 in Japan staatlich anerkannt ist und von den Krankenkassen gefördert wird.

Auch die Idee der Heilwälder stammt von dort und geht auf das Konzept mit dem schönen Namen 森林浴, wörtlich übersetzt „Waldbaden“ zurück, das in Japan eine lange Tradition in der Volksmedizin hat. Wasser oder gar eine Badewanne sind aber nicht nötig. Vielmehr ist Waldbaden ein kurzer, geruhsamer Ausflug in den Wald, bei dem man bewusst einatmet und dann die würzigen Stoffe des Waldes und die Waldatmosphäre aufnimmt. Wandern oder Sport treiben schadet nicht, muss man aber nicht unbedingt machen.

Ein Drittel von Deutschland ist bekanntlich mit Wald bedeckt (in Japan sogar 67 Prozent), da dürfte das neue Waldspazierengehen leicht zu praktizieren sein. Laut Arvay sind die Nadelwälder besonders interessant, weil Kiefern, Fichten und Tannen die meisten Terpene abgeben. Aber auch Laubbäume geben welche ab. Besonders viele werden über die Borke freigesetzt und auch über die Haut können wir Terpene aufnehmen, daher ist das Umarmen von Bäumen gar nicht lächerlich. Nach Regen oder bei Nebel ist der Terpengehalt im Wald besonders hoch. Im Sommer ist die Konzentration am höchsten, im Winter nimmt sie ab, erreicht aber niemals Null.


Bildnachweis Unsplash / Aaron Burden / CC0

Die interkommunale Zusammenarbeit

Wenn sich zwei oder mehrere Gemeinden freiwillig zusammentun, wird das etwas sperrig „interkommunale Zusammenarbeit“ genannt und ist immer dann sinnvoll, wenn Aufgaben gemeinsam besser bewältigt werden können als alleine.

Vom Nutzen dieser gemeinsamer Aufgabenerledigung wussten schon die mittelalterlichen Hansestädte und im ländlichen Raum waren Justingen, Ingstetten und Hausen wohl die ersten Gemeinden, die gemeinsam am 20. November 1869 eine Wasserversorgungsgruppe auf dem wasserarmen Karstgebirge der Schwäbischen Alb gegründet haben. Spannend ist diese Pioniertat im historischen Roman von Josef Weinberg „Der Schultheiss von Justingen“ oder auch auf Wikipedia nachzulesen.

In unserer Zeit wird interkommunale Zusammenarbeit sogar als „Gebot der Stunde“ eingestuft und postmodern als zukunftsweisende Strategie interpretiert, um komplexe Themen in Eigenregie (kommunale Selbstverwaltung) anzugehen, die nicht mehr an der Gemeindegrenze halt machen. Wie etwa die demographische Entwicklung, die Daseinsvorsorge, die Gewerbeentwicklung, das Flächenmanagement oder Zukunftsthemen wie Digitalisierung und Erneuerbare Energien. Und genau genommen kann die Zusammenarbeit von Kommunen einfach auch als eine Form von regionaler Kooperation verstanden werden, die aber eher kleinräumig ist und bei der die Gemeindeoberhäupter die Hauptakteure sind. Die beste Übersicht an guten Bespielen aus ganz Deutschland ist beim Wettbewerb kommKOOP zu finden, der schon 2005 und 2006 stattfand.

Um dem innovativen Charakter auf die Spur zu kommen, sollte man „harte“ (Planungsverband, Zweckverband) von eher „weichen“ Ausprägungen (Arbeitskreis, Arbeitsgemeinschaft, Regional-Forum/Konferenz, Verein, Entwicklungsagentur etc.) unterscheiden. Die weichen Kooperationsformen verbindet, dass sie gemeinsam formulierte Zielvorstellungen nicht planungsrechtlich verbindlich festlegen können – also auf die Selbstbindung der Mitwirkenden vertrauen müssen. Der Vorteil ist aber, dass sie netzwerkartig kooperieren und damit flexibler und dynamischer sind, um gemeinsam neue Lösungen und Kompromisse („Win-win-Lösungen“) zu finden, hat der bedeutende Planungstheoretiker Dietrich Fürst bereits grundsätzlich ausgeführt, zum Beispiel im Aufsatz Region und Netzwerke von 2002.

Typisch für Netzwerkorganisationen ist der doppelte Bezug nach innen und nach außen. Darauf hat Prof. Mark Michaeli von der Technischen Universität München (TUM) auf Rückfrage per E-Mail am 9. August 2017 in Zusammenhang mit den Gemeindekooperationen hingewiesen:

„Es gilt also Allianzen zu bilden, die einerseits nach innen wirken, das heißt durch Aufgabenteilung und Nutzung von Synergieeffekten die Kommune entlasten und zusätzlich die Möglichkeit der Professionalisierung eröffnen. Andererseits ermöglichen die neuen Netzwerke die Stärkung nach außen, in dem sie koordinierend und abgestimmt den überkommunalen Verbund auf Augenhöhe mit externen Partnern verhandeln lassen“.

Ein Blick in den Süden von Deutschland lohnt sich besonders, weil in Bayern die Gemeindestruktur ähnlich wie in Rheinland-Pfalz und in Schleswig-Holstein noch sehr kleinteilig ist und es hier die meisten kommunalen Kooperationen gibt. Zudem hat der Freistaat 2005 das Programm der „Integrierten Ländlichen Entwicklung“ (ILE) aufgelegt, über das die Erarbeitung von Konzepten und die spätere Begleitung gefördert werden. Bis zum Stand Februar 2017 haben sich 837 Gemeinden in 103 ILE-Prozessen organisiert, das entspricht rund 40 Prozent aller bayerischen Gemeinden (gerechnet inklusive der Städte, die auch als selbstständige Gemeinden zählen).

Da passt es gut, dass der TUM-Professor mit weiteren Wissenschaftlern in einer aktuellen Studie aus dem Jahr 2016 das Förderinstrument und die Rolle der „Ämter für ländliche Entwicklung“ (früher Flurbereinigung) kritisch unter die Lupe genommen hat und einen deutlichen Nachholbedarf bei der Umsetzungsorientierung sieht sowie schnelle Projekterfolge fordert. Das ist wichtig, um den Kooperationsprozess dynamischer zu machen und eigentlich aus der Regionalentwicklung schon lange bekannt.

Zur Vereinfachung der interkommunalen Kooperation sollte das Netzwerk nicht nur nach innen, sondern auch nach außen flexibel sein, lautet ein weiterer Hinweis. Zum Beispiel, um mit benachbarten Städten und Gemeinden zusammenzuarbeiten, wenn es für bestimmte Projekte Sinn macht. Oder um den passenden Raumzuschnitt zu finden, damit das jeweilige Thema zweckmäßig bearbeitet werden kann, weil sich die zu lösenden Aufgaben eben mehr an den Menschen und ihren Lebensweisen (funktionale Verflechtungen), weniger an administrativen Grenzen orientieren. Allerdings ist solch eine Flexibilität und damit eine Lockerung des Territorialprinzips in den Fördervoraussetzungen bisher nicht vorgesehen und hat ja immer auch mit dem Ressortdenken von Behörden und Verwaltungen zu tun.

Da hilft nur, externe Kooperationspartner (Wirtschaftsförderung, Regionalmanagement, Städtebauförderung, Naturpark, Tourismusverband, LEADER-Management, regionale Initiativen) von Anfang an einzubinden und eine klare Aufgabenteilung zu vereinbaren, um das Nebeneinander von unterschiedlichen Konzepten in der Gesamt-Region zu vermeiden und auch um zu verhindern, dass die Kooperation als „Konkurrenzgebilde“ wahrgenommen wird.

Anzumerken ist jedoch, dass in der Studie die Beteiligung und aktive Mitwirkung der Bürgerinnen und Bürger beim Kooperationsprozess ausgespart wurde. Nach unserer Erfahrung kann dies die Qualität der interkommunalen Zusammenarbeit deutlich steigern.


Bildnachweis Flickr: Dennis Skley / Win Win (CC-BY-ND 2.0)

Der Weltacker

Was passiert, wenn man die Ackerfläche der Welt, nämlich 1,4 Milliarden Hektar, durch alle sieben Milliarden Menschen auf der Erde teilt? Über den Daumen gepeilt kommen 2.000 Quadratmeter heraus. Dieses Stück Land steht theoretisch jedem zur Verfügung, um sich zu ernähren und zu versorgen. Aber weil wir im reichen Norden so viel verbrauchen, verschwenden und vernichten, kommen wir mit diesem Platz gar nicht aus und verkonsumieren indirekt das Land des armen Südens, kritisiert die Zukunftsstiftung Landwirtschaft. Im Weltagrarbericht fordert sie daher einen Paradigmenwechsel in der (globalen) Landwirtschaft.

Um uns das besser vorstellen zu können, haben die Aktivisten auf dem Gelände der diesjährigen Internationalen Gartenausstellung Berlin einen 2.000 Quadratmeter großen Versuchs-Acker angelegt. Der kleine Weltacker zeigt modellhaft und im Maßstab, welche Ackerkulturen global angebaut werden und zu welchem Zweck: Weizen, Reis und Mais verbrauchen mit Abstand die größte Fläche. Dann folgen andere Getreide, Ölsaaten und Soja. Für Gemüse und Obst genügt ein kleiner Teil, jeweils nur 80 Quadratmeter. Vom größten Flächenverbraucher, dem Weizen, wird aber nur ein kleiner Teil zu unserer direkten Ernährung genutzt. Der größte Teil wird als Biosprit verbrannt oder ans Vieh verfüttert, deren Fleisch, Milch und Eier dann später bei uns im Supermarkt stehen. Bei Mais und Soja ist das Verhältnis sogar noch ausgeprägter. Der Jahresertrag von 2.000 Quadratmetern hier in Deutschland reicht gerade mal aus, um zwei Schweine zu mästen – mehr gibt es dann aber nicht.

Diese und weitere Acker-Geschichten werden auf den Infotafeln und -stationen erzählt, die als Leitsystem über den Weltacker führen sowie auf der gut gemachten Projektseite. Doch Vorsicht – nicht alle gehen immer gut aus.

Die Idee, den Acker selbst zum Hauptdarsteller zu machen und uns damit ein Gefühl für die eigene Rolle in der globalen Landwirtschaft zu vermitteln, stammt von Benedikt Härlin, der seit 2002 das Berliner Büro der Zukunftsstiftung leitet:

„Ursprünglich wollten wir eine Figur finden, mit der sich alle Europäer in puncto Ernährung identifizieren. Wir haben zwar keine solche Person gefunden, sind aber draufgekommen, dass zu den 2.000 Quadratmeter jeder ein Verhältnis aufbauen kann, ganz gleich ob Städter oder Landmensch. Wenn du weißt, dass du selbst 2.000 Quadratmeter hast, dann regt das sofort deine Fantasie an. Und das ist auch der Sinn dahinter. Das komplexe Thema Welternährung auf einen Acker runtergebrochen. 2.000 Quadratmeter kann man erfassen“, hat er 2015 im Kundenmagazin griffig & glatt auf Seite 47 erklärt.

Ein Jahr zuvor war der Weltacker nämlich zuerst als Öko-Allmende in Berlin-Gatow (4.298 Einwohner) an der Havel angelegt worden. Weitere Weltäcker gibt es nun auch in China, Frankreich, Kenia, Türkei, Schottland, Schweden, Schweiz und in Rothenklempenow (631 Einwohner) in Pommern.

Zu wissen, woher unsere Lebensmittel kommen, genügt den Acker-Aktivisten also nicht mehr. Denn jeder Einkauf ist schließlich ein Auftrag an die Landwirtschaft und je nachdem, was und wie wir einkaufen, so bestellen wir auch unseren Acker:

„Jeder Bissen hat einen einzigartigen Ort, den wir mit gestalten!“,

fordern sie uns auf, den eigenen Handlungsspielraum zu nutzen und sorgsam mit der Ressource Ackerfläche umzugehen (ethischer Konsum).

Das damit angesprochene Wechselspiel zwischen dem eigenem Handeln und der Umwelt/Kulturlandschaft wird beim „Flächen-Buffet“ besonders deutlich. Dort wird anschaulich gezeigt, wie viele Quadratmeter es heute zum Mittagessen gibt, indem man die Rohstoffe eines Gerichts zusammen in einem Beet angepflanzt hat: Currywurst mit Pommes verbraucht vier Quadratmeter, Spaghetti mit Tomatensoße jedoch nur 0,5 Quadratmeter!

Ähnlich wie die Aktivisten sehen das auch immer mehr Menschen, die sich in der solidarischen Landwirtschaft, bei Urban Gardening bzw. in einer essbaren Gemeinde oder in der GemüseAckerdemie engagieren, die die Schulgarten-Idee neu belebt hat. Der Acker steht hier für den gesellschaftlichen Trend, die Produktion von Nahrungsmitteln wieder in die eigenen Hände zu nehmen (Prosument, Selbermachen) und zumindest teilweise wieder Selbstversorger zu werden. Beim Weltacker gibt es dafür den „Ackerdienstag“: Man kann seine Gartenhandschuhe mitbringen und mit Ackerpaten und anderen freiwilligen Helfern gemeinsam pflanzen, hacken, jäten, ernten und dann frisch vom Acker kochen und essen. Übrigens wird alles, was auf dem Weltacker geerntet wird, genau dokumentiert. In einem grün angestrichenen Bauwagen stehen eine Waage, das Acker-Logbuch und die Gartengeräte zum Einsatz bereit.


Bildnachweis © Weltacker V.Gehrmann J.Ganschow

Das Minihaus auf Rädern

Nur 6,4 Quadratmeter! So winzig ist das „Tiny100“ von Architekt Van Bo Le-Mentzel, das als Denkanstoß für neues und bezahlbares Wohnen in der Stadt noch bis vor kurzem auf einem Anhänger am Carl-Herz-Ufer 9 in Berlin-Kreuzberg stand. Und doch bietet die „kleinste Musterwohnung Deutschlands auf Rädern“ und für fiktive 100 Euro Miete im Monat eigentlich alles, was man zum Leben braucht. Auf 2 mal 3,20 Metern gibt es Küchenzeile, Bett, Schreibtisch, Sofa, Toilette und Dusche. Möglich macht es die Deckenhöhe von 3,60 Metern. Mit einer verschiebbaren Holzleiter gelangt man in den oberen Schlafbereich, der gleichzeitig als Arbeitsplatz dient. Gebaut hat das Minihaus übrigens die Tischlerei Bock aus Braunau (665 Einwohner), einem Stadtteil von Bad Wildungen in Nordhessen.

Das Wohnen in Tiny Houses – übersetzt „winzige Häuser“ – kommt aus den USA und auch bei uns werden immer mehr Menschen vom Tiny-House-Fieber gepackt. Für kleinere Gebäude sprechen finanzielle und auch ökologische Gründe. Denn die überbaute bzw. versiegelte Fläche ist kleiner und der Bedarf an Baumaterialien geringer. Auch wird weniger Strom und Wärme verbraucht, wodurch es auch einfacher ist, die Häuser so zu errichten, dass sie autark nutzbar sind. Etwa durch eine Solaranlage, Regenwassernutzung oder Komposttoilette.

Die Bauart an sich ist keine neue Erfindung und auf dem Land sind Austragshäuser, Forsthütten, Datschen oder Ferienhäuschen seit langem bekannt. Weil man hier für die Familie aber meist große Häuser baut, die irgendwann dann nur von einer Person bewohnt werden, hat der Aufklärer Dieter Wieland bereits 2003 der großen Kunst, ein kleines Haus zu bauen einen ganzen Film im Bayerischen Fernsehen gewidmet. Anregungen, wie das Wohnen der Zukunft aussehen kann, bieten auch 40 innovative Mini-, Smart- und Micro-Häuser, die im 2016 erschienen Buch Winzig ausführlich vorgestellt werden. Touristisch interessant sind zum Beispiel das Hofgut Hafnerleiten bei Bad Birnbach (5.678 Einwohner), das Almdorf in den Nockbergen in Kärnten, die Winzerhäuschen in Longuich (1.306 Einwohner) an der Mosel, das Baumhaushotel in Gräfendorf (1.395 Einwohner) zwischen Spessart und Rhön oder das Schäferwagenhotel in Leinach (3.092 Einwohner) nahe bei uns in den Haßbergen.

Wenn sich Menschen freiwillig dafür entscheiden, ihren Wohnraum und ihren Besitz einzuschränken und so das Leben auf das Wesentliche zu reduzieren, wird das postmoderner/neuer Minimalismus, Einfaches Leben oder Downshifting genannt und seht in Verbindung mit dem Teilen statt Besitzen (Sharing Economy). Getreu dem Motto „Weniger ist mehr“ suchen die Minimalisten nach einer Alternative zur Überflussgesellschaft und wollen ein selbstbestimmteres Leben führen. Vorbild für die modernen Aussteiger ist der große Nationaldichter der USA, Henry David Thoreau. In seinem Buch „Walden oder Leben in den Wäldern“ hielt er seinen Teilzeit-Ausstieg fest, als er sich 1845 eine kleine Blockhütte zimmerte und etwas mehr als zwei Jahre lang allein auf einem Waldgrundstück am See Walden Pond in Massachusetts ein bisschen fischte, ein bisschen Bohnen zog, ab und zu eine Tasse Tee trank und folglich viel Zeit hatte, um über Freiheit und Natur zu sinnieren (gelesen von Frau DingDong).

Den Trend des bewussten Verzichts hat Le-Mentzel am 18.4.2017 im Internetradio detektor.fm recht schön erklärt und auch auf das Neue des Wohnens auf wenigen Quadratmetern hingewiesen: „Die Tiny-House-Bewegung beschäftigt sich mit der Frage, ob wir nicht anders wohnen sollten. Und dadurch, dass viele Tiny Houses auf Rädern sind, auf sogenannten PKW-Anhängern, ist auch die Frage nach dem Grundstück eine ganz andere. Normalerweise, wenn man ein Haus plant, muss man erst einmal ein Grundstück haben, das heisst man braucht einen Bausparvertrag oder muss irgendwie 30 Jahre lang Geld gespart haben, und muss praktisch sein Leben opfern (lacht), um sich so ein Haus leisten zu können. Also wir haben uns so sehr daran gewöhnt, dass man Grund und Boden kaufen kann. Die Tiny Houses wollen gar keinen Grund und Boden kaufen, sie brauchen einfach nur einen Ort, wo sie stehen können. Am besten Fall einen, der eh nicht genutzt wird.“

Gleich ein ganzes temporäres Dorf aus 20 unterschiedlichen Tiny Houses entsteht zur Zeit im Außenbereich des Bauhaus-Archivs in Berlin-Tiergarten. Die mobilen Raumstrukturen werden als Studienräume, Café, Ateliers, Werkstätten, Bibliothek und Orte der Begegnung gemeinsam genutzt und sind teilweise modular in mehreren Einheiten kombinierbar. In Form eines künstlerischen Experiments will man damit auf dem Bauhaus-Campus neue Wohnideen entwickeln und Antworten auf die Frage finden: „Wie wollen wir heute wohnen, arbeiten, lernen und lehren, um die großen Herausforderungen der Zukunft zu meistern?.“ Kurator ist Le-Mentzel und sein Tiny100 trat bereits als erstes auf den Plan. Das Experiment passt gut zum historischen Bauhaus, wo ja bereits vor 100 Jahren über das Wohnen neu nachgedacht wurde.


Bildnachweis © Tinyhouse University

Das Elektro-Carsharing

Lust auf etwas radikal Neues? Wie wäre es mit Carsharing? Am besten rein elektrisch! Denn die intelligente Kombination des Nutzen-statt-Besitzen-Prinzips mit Elektromobilität senkt die Treibhausgase im Verkehr, steigert die Akzeptanz für das Auto der Zukunft und bietet eine Alternative zum kostspieligen Zweitwagen.

Wie die gemeinschaftliche Nutzung von Elektroautos auf dem Land klappen kann (vgl. Begleitforschung zu den Modellregionen Elektromobilität des Bundesverkehrsministeriums), wo gute Ideen für die neue Mobilität besonders gefragt sind, zeigt ein innovatives Projekt in Füßbach (84 Einwohner), das wir im Januar auf einer Busexkursion mit dem Schnelldorfer Energiestammtisch angeschaut haben. Das liegt in Hohenlohe im Norden von Baden-Württemberg und ist ebenso erfolgreich wie Projekte im Bayerischen Wald oder im Hochschwarzwald.

Um den Einsteig in die Elektromobilität zu erleichtern und das finanzielle Risiko zu minimieren, wurde in Füßbach ein gemeinnütziger Carsharing-Verein gegründet und im März 2016 mit zwei Volkswagen E-Ups begonnen, die von dem Mobiltätsanbieter Lautlos inklusive Full-Service und Vollkasko angemietet sind. Frei nach Füßbach werden die kleinen Flitzer eFüßle genannt. Aktuell sind sechs Einzelpersonen und fünf Familien fahrberechtigt, die somit nun ihren Zweitwagen in der Garage stehen lassen oder gleich verkaufen können. Auch zwei örtliche Firmen, ein Metall- und ein Bioenergiebetrieb machen mit, nutzen die Autos u.a. für Kundenbesuche in der Region und fungieren zugleich als feste Standorte der E-Autos. So haben es die Mitglieder nicht weit zu den Autos, die weiteste Entfernung beträgt geschätzt 200 Meter.

Der zusätzlich benötigte Strom fürs E-Auto kommt aus dem Dorf selbst, von Thomas Karles Biogasanlage. Er ist auch der Initiator des Projektes und wollte damit das Dorf weiter entwickeln und erreichen, dass die Einwohner elektrisch mobil sind. Denn Füßbach war bereits 2011 das erste Bioenergiedorf in Nord-Württemberg. Da lag es auf der Hand, den lokal erzeugten erneuerbaren Energie-Überschuss gleich lokal zu nutzen und so auch die Umweltbilanz der Fahrzeuge und die regionale Wertschöpfung zu fördern. Die Autos werden übrigens nicht direkt über die Biogasanlage, sondern über die normale 230-Volt-Steckdose mit Ökostrom (Naturstrom) aufgeladen.

Zu Beginn des Projektes war die Skepsis im Dorf gegenüber den Elektrofahrzeugen aber noch groß, hat er uns erzählt und folgenden praktischen Umsetzungstipp mit auf den Weg gegeben:

„Funktionieren die Elektroautos überhaupt? Haben die noch Mängel? Sind die schon praxisreif? Und da haben wir mal einen Tag lang Autos zum Testen hierher gestellt. Und dieser Tag war auch das Schlüsselerlebnis. Die Leute haben gesehen: Das sind vollwertige Autos und auch noch schick dazu.“

Für die Mitglieder teilt sich der finanzielle Aufwand in einen monatlichen Grundbetrag, der etwa die Hälfte der Mietkosten für die Firma „Lautlos“ deckt, und einen Leistungsbetrag. Der Grundbetrag ist nach Einzelpersonen (18 Euro), Ehepaaren (30 Euro) oder Firmen (90 Euro) gestaffelt. Der Leistungsbetrag ist die eigentliche Nutzungsgebühr und wird nicht wie üblich nach Kilometern, sondern nach den gemieteten und gefahrenen Stunden abgerechnet. Eine Stunde kostet vier Euro, ein halber Tag elf Euro, ein Tag 18 Euro und der Abend ab 19 Uhr acht Euro.

Wer ein Auto in Füßbach ausleihen will, muss es zuvor per Telefon oder direkt auf der Internetseite des Projektes buchen. Damit das System funktioniert und die Mobilität auch gewährleistet ist, muss man mindestens zwei Autos zur Verfügung stellen. Im Durchschnitt wird jeden Tag ein Auto genutzt. Damit arbeitet der Verein schon fast kostendeckend. Bei normaler Fahrweise kommt man mit dem E-Up in der Regel 120 Kilometer weit, was für kurze Strecken vollkommen ausreichend ist. Von Vorteil ist auch, dass das Stromtanken nicht berechnet, sondern von den beiden Firmen gesponsert wird. Das ist durchaus vertretbar, denn eine „Tankfüllung“ kostet zur Zeit ja nur etwa vier Euro.

Eine wichtige Rolle spielt in Füßbach die „coole“ Dorfgemeinschaft und dass man bereits gute Erfahrungen mit der Dorfsanierung und dem Aufbau eines Nahwärmenetzes gemacht hat. Der mit dem Carsharing verbundene Effekt zur Gemeinschaftsbildung und lokalen Identifikation sorgt nämlich auch dafür, dass mit den Autos pfleglich umgegangen wird und auf spezielle Regeln wie beispielsweise für die Reinigung verzichtet werden kann.

Die Phase Null

Alte Häuser erhalten und wiederbeleben. Den Ortsplatz gestalten. Ein neues Dorfzentrum bauen. „Wie können wir es gut und schön machen?“ lautet die entscheidende Frage bei der Ortsentwicklung. Experten sprechen dann gerne von (regionaler) Baukultur, was ein bisschen abgehoben klingt. Doch gerade auf dem Land gilt: Die Qualität der gebauten Umwelt geht uns alle an und ist viel mehr als Architektur. Im besten Fall kann sie nämlich Identität und hohe Lebensqualität für die Bürgerinnen und Bürger schaffen und sogar touristisch interessant sein (neues Forschungsprojekt ist 2017 gestartet).

Doch wie entsteht gutes Planen und Bauen überhaupt? Liegt es am vorausschauenden (ehemaligen) Bürgermeister wie in Weyarn (3.494 Einwohner) im Voralpenland, am dickköpfigen Architekten wie in Blaibach (1.923 Einwohner) im Bayerischen Wald oder an den Impulsen von außen wie in Burbach (14.969 Einwohner), der südlichsten Gemeinde in Westfalen?

Alles (auch) richtig! Doch Baukultur entsteht vor allem dort, „wo die Menschen die Gestaltung ihres Lebensraumes aktiv in die Hand nehmen.“ So lautet die zentrale These von LandLuft. Seit 1999 setzt sich dieser in Moosburg (4.529 Einwohner) am Wörthersee ansässige Verein für die Förderung von Baukultur in ländlichen Räumen in Österreich und Deutschland ein und hat bereits dreimal einen „Baukulturgemeinde-Preis“ ausgelobt.

Der mit der Auszeichnung bezweckte Blick auf innovative Baukultur und die Menschen dahinter erweitert das Verständnis von Baukultur: Nicht mehr das Produkt, das „schöne“ Bauwerk steht im Vordergrund, sondern der Prozess, also die Art und Weise, wie das Bauwerk entstanden ist, wie es sich auf die Herausforderung des jeweiligen Ortes einlässt und welche Personen auf welche Weise den Planungsprozess von Anfang an mitbestimmt haben, erläutern die LandLuftler ihre Bewertungskriterien.

Und genau das ist es, die gewissenhafte Projektvorbereitung und besondere Herangehensweise an die Bauaufgabe, was eine „Baukulturgemeinde“ grundlegend von anderen Kommunen unterschiedet, hat die immer noch lesenswerte Studie Baukultur in ländlichen Räumen aus dem Jahr 2013 als Fazit gezogen. Die Kultur des Bauens (und des Planens) hängt von der Qualität des Entwicklungsweges (Prozessqualität) ab und jeder bauliche Eingriff – und sei er noch so klein – kann eine gute Gelegenheit für die Bürgerbeteiligung sein, sich mit der Zukunft der Gemeinde intensiv auseinanderzusetzen, geben die Autoren allen mit auf den Weg, die sich in ähnliche Prozesse einbringen möchten.

Für die Architekten bedeutet das: Sie sollten in jedes Projekt mit der sogenannten „Phase Null“ starten, bei der alle Beteiligten (Nutzer, Politik, Verwaltung, Planer) zusammenkommen, um gemeinsam Ziele für Ihr Vorhaben zu definieren und entscheidende Weichen zu stellen. Der Begriff nimmt Bezug auf die Einteilung der Leistungsphasen nach der Honorarordnung für Architekten und Ingenieure (HOAI). Die dort vorgesehenen Leistungsphasen 1 bis 9 schließen eine solche Planung im Vorfeld (noch) nicht ein. Im neuen Baukulturbericht 2016/17, der diesmal lobenswerter Weise den Fokus nicht auf die großen Städte, sondern auf mittel- und kleinstädtische sowie ländliche Räume legt, wird die „Planung der Planung“ auf Seite 110 dringend empfohlen:

„Ein offener Prozess und eine kluge und strukturierte Phase Null integrieren externes Expertenwissen und lokale Erfahrung. Sie reduzieren potenzielle Hemmnisse, schaffen die Basis für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit aller Akteure und führen zu besseren Lösungen bei meist auch finanziell geringerem Aufwand. Gerade für kleinere Gemeinden mit knappen Ressourcen und klaren, weniger komplexen Strukturen ist das ämterübergreifende und alle Beteiligte einbindende Miteinander schon heute häufig geübte Praxis und künftig in jeder Hinsicht der einzige Weg.“

Die Phase Null kann zu den neuen Werkzeugen und Instrumenten (z.B. Bauworkshop, Ideentische, Instand-/Zwischennutzung, Leitbildentwicklung, Online-Dialog, Stadtsafari etc.) gezählt werden, die in den letzten Jahren für eine kooperative Stadt- und Regionalentwicklung entwickelt worden sind. Wie die Phase Null auf dem Land konkret funktionieren kann, zeigt beispielsweise das Architekturbüro nonconform: Das Team um Roland Gruber baut dazu vor Ort ein temporäres Ideenbüro auf, wickelt das betreffende Gebäude mit signalgelben Ideenbändern ein, verteilt Ideengläser, die mit Skizzen und Vorschlägen von der Bevölkerung gefüllt werden und gibt mit Faltblättern, Spezial-Zeitschriften, Videos, Internetseite, Online-Spiel und klassischer Pressearbeit richtig Vollgas, um die Leute zu aktivieren und zu motivieren, ihre Ideen und Visionen für das geplante Bauvorhaben einzubringen. Auf einer zwei- bis dreitägigen intensiven Ideenwerkstatt werden dann live mit den Bürgern und Verantwortlichen konkrete räumliche Zukunftsszenarien ausgetüftelt und im großen Finale die Ergebnisse der Öffentlichkeit präsentiert. In der Tiroler Gemeinde Fließ (2.993 Einwohner) wurde die Ideenwerkstatt sogar mit einem Architekturwettbewerb kombiniert.


Bildnachweis: © nonconform

Das Tropenhaus

Bananen und Papayas aus Bayern? Das klingt nach vorgezogenem Klimawandel, spart aber jede Menge CO2, und mehr Aroma als die übliche Containerware aus Übersee haben sie auch noch.

Die vollreif geernteten tropischen Früchte waren die Überraschung auf der Würzburger GenussMacherMesse 2016, wo man neue Produkte aus Franken probieren und erleben konnte. Auf der Bühne der ehemaligen Postlagerhalle wurden die Früchte von Ralf Schmitt präsentiert, dem Gärtnermeister vom Tropenhaus. Und der Sternekoch Tobias Bätz durfte daraus in der Koch-Show sogleich ein regionales Menü zaubern. Bätz leitet beim Fernsehkoch Alexander Herrmann das Gourmet-Restaurant, worüber auch ein Großteil der biozertifizierten Tropenhaus-Produkte vermarktet wird. Spätestens jetzt war uns klar: Da müssen wir hin!

Aber auf den ersten Blick ist Kleintettau (380 Einwohner) im Landkreis Kronach, nahe der Thüringer Landesgrenze, so gar kein Ort für die Produktion von Tropenfrüchten. Ausgerechnet in der rauen Berglandschaft des Rennsteigs, wo sich eine herkömmliche Landwirtschaft nie wirklich lohnte, ist Mitte 2014 eine 3.500 Quadratmeter große Gewächshausanlage mit Besucher- und Produktionshaus eröffnet worden. „Klein-Eden“ heißt das zukunftsweisende Umweltprojekt.

Der Grund liegt in der benachbarten Glashütte von Heinz Glas, die in erster Linie für hochwertige Kosmetik- und Parfürmflakons bekannt ist. Mit der Industrieabwärme, die sonst einfach verpuffen würde, wird der gesamte Komplex rund um die Uhr auf paradiesische 20 bis 24 Grad Celsius umweltfreundlich beheizt. Das ist ideal für die Erforschung und Produktion von Avocados, Bananen, Guaven, Karambolen, Lulos, Maracujas, Papayas und anderer Exoten.

Weil das in Deutschland neuartig ist (nur in der Schweiz gibt es zwei ähnlich konzipierte Tropenhäuser) und gemeinschaftlich von Landkreis, Gemeinden, Unternehmern und Unterstützern der Region getragen wird, wurden die energieeffizienten Früchte aus Tettau im Juli 2016 als Ort im Land der Ideen ausgezeichnet. Die Jury hat hier der Bezug zum Jahresthema „NachbarschafftInnovation“ und die Nutzung der Potenziale von Nachbarschaft im Sinne von Gemeinschaft, Kooperation und Vernetzung überzeugt.

„Nachbarschaft an sich ist noch nicht die Antwort, aber immer eine Chance! Nachbarn kann man sich selten aussuchen, aber man kann die Nachbarschaft gestalten. Und hier sehe ich die Möglichkeiten, im Verbund mit den Nachbarn Neues zu schaffen, Synergien zu nutzen. Das ist durchaus nicht einfach, und gute Nachbarschaft ist keine Selbstverständlichkeit. Wer kennt nicht Geschichten von schrecklichen Nachbarn, unversöhnlichen Konflikten um Nichtigkeiten. Und welches Glück, welche Bereicherung bedeutet gelungene Nachbarschaft! Das umfasst alle Sphären des Lebens. In guter Nachbarschaft können die Beteiligten vielfältig profitieren: kulturell, wirtschaftlich oder sozial“, erklärt das Jurymitglied Adelheid Feilcke von der Deutschen Welle im Newsletter Januar 2016 auf Seite 5 das Anliegen des Wettbewerbs.

Doch in Klein-Eden gibt es nicht nur Früchte. Um den Ertrag der tropischen Pflanzen zu steigern, ohne die Umwelt zu belasten, und auch im Sommer genügend „Energiemüll“ von der Glasfabrik abzunehmen, werden im Produktions- und Forschungsgewächshaus zusätzlich Nilbarsche (Tilapias) in einem organisch-biologischen Kreislaufsystem (Polykultursystem) gezüchtet. Die Speisefische wachsen mit rein pflanzlicher Kost in Regenwasser heran, das nach der Fischproduktion als Dünger für die Pflanzen dient.

Die Symbiose von Planzen- und Fischzucht gilt als Food-Produktion der Zukunft und wird bei Urban-Gardening-Projekten zur stadtnahen Selbst-Versorgung eingesetzt. Im Tropenhaus geht man durch die mehrfache Nutzung von Energie, Wasser und Nährstoffen noch einen Schritt weiter und kann als Vorbild für andere Industriebetriebe mit ähnlichem Wärmeaufkommen (Brauereien, Stahlschmelzen, Großkühlhäuser, Siebdruckereien, Porzellanfabriken etc.) dienen. Vielleicht könnte in Zukunft neben jedem produzierenden Betrieb ein Gewächshaus stehen, in dem Lebensmittel für die Mitarbeiter und die Menschen in der Umgebung nachhaltig angebaut werden?


Bildnachweis: Ralf Schmitt, Tropenhaus am Rennsteig

Die Zukunft des Waldes

Der deutsche Wald braucht mehr Artenvielfalt und eine natürliche Entwicklung. Sonst ist er den Herausforderungen des Klimawandels nicht gewachsen, meint der 86-jährige Förster Dr. Georg Meister in seinem aktuellen Buch Die Zukunft des Waldes. Warum wir ihn brauchen, wie wir ihn retten.

Der Planer des Nationalparks Berchtesgaden in den 1970er Jahren und frühere Leiter des Gebirgsforstamtes Bad Reichenhall spricht sich für eine Rückkehr zum naturnahen Mischwald aus, der sich in seiner ganzen natürlichen Artenvielfalt entwickeln kann. Das ist eigentlich gar nicht so neu und wird seit Jahrzehnten bereits von der nachhaltigen Forstpolitik gefordert. Schließlich hat ja auch ein Forstmann den Begriff der Nachhaltigkeit vor über 300 Jahren erfunden.

Doch warum dominieren bei uns in Deutschland eintönige Fichten- und Kiefernforste?

„Nach wie vor entscheidet im deutschen Wald viel zu oft noch immer die Art der Jagdausübung und damit die Zahl der Rehe und Hirsche, welche Baum-, Kraut- und Straucharten in den jungen Wäldern aufwachsen dürfen“, lautet die entschiedene Antwort Meisters, womit er sich bei der eher konservativen Jagdzunft nicht viele Freunde macht (Zitat aus der Rezension im Deutschlandfunk vom 24.8.2015).

Wie kann der normale Waldbesucher sehen, dass der Wildbestand zu hoch ist? Nochmal Meister:

“Das kann man am besten sehen, wenn man sich einen Wild abweisenden Zaun anschaut, wo innerhalb dieses Zaunes eine enorme Artenvielfalt da ist von vielleicht fünf oder zehn Baumarten und einer großen Zahl von Kraut- und Straucharten. Und außerhalb vom Zaun haben wir hartes Gras, Disteln und wir haben in erster Linie Fichten und Kiefern.“

Einige Waldbesitzer und viele Jäger züchten mit gezielten Maßnahmen – wie der Fütterung der Rehe im Winter – immer übermäßig viel Wild nach, um auch in der nächsten Jagdsaison Trophäen zu schießen. Außerdem werde die Zahl der Wildbestände systematisch unterschätzt, erklärt Meister. Gab es im Urwald, als Luchs und Wolf noch überall in Deutschland heimisch waren, ein Stück Rotwild und fünf bis sechs Rehe auf einer Waldfläche von 200 Hektar, so liegen diese Wildbestände heute beim Zehnfachen und darüber. Neben den ökologisch negativen Folgen verursacht ein hoher Wildverbiss auch hohe Kosten (60 bis 100 Euro pro Hektar), etwa für neue Kulturen, Zäune und den Waldumbau, die nicht über die Jagdpacht (5 bis 10 Euro pro Hektar) ausgeglichen oder geltend gemacht werden können.

Wie „Wälder der Zukunft“ funktionieren können, wird im Buch anhand von Waldbeispielen u.a. aus den Haßbergen bei Rentweinsdorf, aus dem Nationalpark Bayerischer Wald, aus dem Stadtwald Hildburghausen in Südthüringen und aus Oberbayern bei Inzell und Berchtesgarden erläutert.

Um naturnahen Wald zu schützen, braucht es aber nicht nur die Unterstützung der Waldbesitzer und Forstbeamten. Er wird auch die Akzeptanz der Bevölkerung benötigt. Denn viele wissen heutzutage nicht, wie der Wald am Berg oder in der Ebene eigentlich aussehen müsste. Umso notwendiger ist es, das am konkreten Objekt zu zeigen und so die Faszination Wald und das Thema Nachhaltigkeit auf spannende Weise erlebbar zu machen.

Beispielsweise im Nationalpark Harz, wo der Diplom-Forstwirt Christin Barsch originelle Erlebnisführungen anbietet. Auch buchbar im Wald ihrer Wahl, was Barsch Rent-a-Förster-to-go nennt oder als Slow-Foot-Genießen, was bedeutet, dass die Lebensmittel am natürlichen Ursprung gesammelt und dann am offenen Feuer zubereitet werden, wodurch die Natur noch intensiver erlebbar wird.

Nachtrag:

Im gerade erschienen Waldreport 2016 zeigt der BUND in zwanzig Fallstudien aus elf Bundesländern, dass in der Forstwirtschaft nach wie vor erhebliche Defizite bestehen. Als negativ werden beispielsweise massive Holzeinschläge, zerstörte Waldböden, gefällte Höhlenbäume, Kahlschläge bzw. eine zu starke Holzentnahme, darunter Eingriffe in strengen Schutzgebieten, kritisiert.

Dem sind jedoch auch positive Beispiele gegenübergestellt: Öffentliche Wälder, in denen das Gemeinwohl wie der Schutz der biologischen Vielfalt und die Belange der Erholungssuchenden klar vor dem wirtschaftlichen Interesse der Holzgewinnung steht. Und Privatwälder, deren Besitzer sich freiwillig für die Erhaltung wertvoller alter Bäume mit Höhlen für Fledermäuse, Vögel und Käfer in ihren Wäldern engagieren. Lesenswert sind auch die zehn BUND-Forderungen für eine ökologisch verträgliche Waldwirtschaft, die am Ende des Waldreports zusammengestellt sind.


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Die Landlust

Immer mehr Menschen ziehen in die Großstädte und Ballungsgebiete. Vor allem junge Menschen lockt der urbane Lebensstil an. Nicht nur wegen der angeblich besseren Arbeits- und Wirtschaftsbedingungen, sondern auch weil sie in den Metropolen ein ganz bestimmtes Lebensgefühl verwirklichen können. Das 21. Jahrhundert gilt als das Jahrhundert der Städte.

Doch scheint es einen Trend gegen die Stadt zu geben. Unabhängig von ihrer finanziellen Situation oder anderen Rahmenbedingungen würden nämlich 45 Prozent der Deutschen am liebsten in einer ländlichen Gemeinde wohnen, hat die aktuelle Umfrage der Bundesstiftung Baukultur herausgefunden. Und 40 Prozent sind laut einer Allensbach-Umfrage von 2014 der Meinung, dass das Leben auf dem Land lebenswerter sei. Ist das Leben auf dem Land also tatsächlich wieder „in“?

„Ja, diesen Trend gibt es wirklich,“ meint der Kulturgeograph Prof. Werner Bätzing im Interview mit dem Wissenschaftsmagazin Planet Wissen. „Wir haben lange Jahrzehnte die Situation gehabt, dass der ländliche Raum benachteiligt war, dass er als hinterwäldlerisch galt, als abgehängt, praktisch als nicht lebenswert. Und dann setzt ab etwa 1980 eine langsame Trendwende ein, die sich ab dem Jahr 2000 nochmal richtig beschleunigt. Da entsteht die neue Zeitschrift „Landlust“, das erfolgreichste Zeitschriften-Projekt der letzten zehn Jahre und es werden viele andere Zeitschriften mit diesem Thema nachgeschoben – ein Hinweis darauf, dass sich hier eine Trendwende vollzogen hat.“

Das Phänomen der Landzeitschrift und die Sehnsucht nach dem Land wird von der Wissenschaft als Lifestyle-Phänomen interpretiert und als Gegenpol zur Globalisierung der Welt verstanden. Die Lust auf Natur, eine nachhaltige Lebensführung, der Wunsch nach Gemeinschaft und vor allem die Suche nach dem Ideal eines glücklichen und guten Lebens, ausgerichtet an der Verbesserung der eigenen Lebensqualität und der nachfolgenden Generationen sind ausschlaggebende Motive der „Landlust als Lebensstil“, hat Mareike Egnolff in ihrer Dissertation Die Sehnsucht nach dem Ideal – Landlust und Urban Gardening in Deutschland 2015 mittels einer umfangreichen Medienanalyse herausgefunden. Von dieser urbanen Landsehnsucht können bestimmte Sehnsuchtsorte profitieren, wo Städter ihre Ferien verbringen (z.B. Urlaub auf dem Bauernhof) oder einen ständigen Wohnsitz bzw. Zweitwohnsitz erwerben (z.B. alter Bauernhof, Landhaus oder Einfamilienhaus, auch temporär fürs Wochenende oder länger).

Jedoch wird in den Landzeitschriften meist ein romantisches Landleben dargestellt, das auf einer Idealisierung und auf Nostalgie beruht. Dabei geht es hautsächlich um einen Rückzug ins Private, das Brauchtum, die Tradition, die ländliche Natur und das Gärtnern. Moderne Landwirtschaft oder Probleme wie leerstehende Ortskerne kommen hingegen gar nicht vor, weshalb kritische Journalisten vom Spiegel und Co. diesen Heile-Welt-Mythos vielfach als Eskapismus und Flucht in die Idylle aufs Korn genommen haben.

Den eigenen, von den Menschen auf dem Land gelebten, statt nur von den Städtern erträumten Lebensstil, sehen Experten deshalb als wichtigen Impulsgeber, um das Selbstbewusstsein des ländlichen Raumes zu stärken und seine Potentiale zu entfalten. Auf dem Sommerkolloquium der Bayerischen Akademie Ländlicher Raum und der Hanns-Seidel-Stiftung 2014 wurde dieser „Rural Lifestyle“ genannt – Selbsthilfe und Eigeninitiative seien dafür typisch. Wie solch ein (neuer) eigener und attraktiver ländlicher Lebensstil produziert und gestaltet werden kann, zeigt die Künstlerkolonie Fichtelgebirge (KüKo), ein Verein, der als Plattform für Kunst und Kulturschaffende gedacht ist und die Kreativwirtschaft mit Tourismus, Industrie und Regionalentwicklung verknüpft. Sabine Göllner hat die Initiative 2011 mitgegründet, als sie aus Birmingham, der zweitgrößten Stadt Großbritanniens, zurück in ihre Heimat zog. Mittlerweile hat der Verein über 100 Mitglieder, 300 bis 400 Akteure sind über das Netzwerk involviert.

Nachahmenswert ist die QR-Tour Bad Berneck (4.293 Einwohner) und Goldkronach (3.588 Einwohner), ein Tourismus-Pilotprojekt, das von der KüKo 2014 umgesetzt worden ist. Wir haben es uns zwischen den Jahren angesehen und waren begeistert. Dabei begibt man sich auf eine Wanderung, sucht QR-Tour-Schilder und ruft dort erstaunliche, kunstvoll gestaltete Inhalte auf. Stück für Stück sammelt sich der Besucher so ein Reisetagebuch, das er mit nach Hause nehmen kann. Die App beinhaltet über 30 Filme, 900 Fotos (auch von schwer zugänglichen oder leerstehenden Gebäuden) und Hunderte von Texten. Bürger trugen Anekdoten und Geschichten bei.


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Der naturnahe Tourismus

Viele sehnen sich danach, dem Stress und der Hektik im beruflichen und privaten Alltag zu entfliehen. Sie suchen einen Ausgleich: Phasen der Entschleunigung, Auszeiten. Gerade ländliche Regionen können dafür Natur und Ruhe bieten und mit einer Qualität und Besonderheiten punkten, die andere nicht (mehr) haben.

Der Bergführer Hannes Grüner hat das mit seiner launigen Bemerkung „Kommen Sie zu uns, wir haben nichts“ provokant auf den Punkt gebracht. Vor einigen Jahren wollte er damit einem Reisejournalisten den Vorteil des Vilgratentals erklären. Das weitestgehend noch unberührte Alpental liegt auf 1.400 Höhenmetern in den Osttiroler Bergen, wo man nur urige alte Bauernhäuser, Blumenwiesen, viele Schafe und das empfehlenswerte Haubenlokal Gannerhof von Alois Mühlmann findet.

Dass es für einen intensiven Naturgenuss keine künstliche Erlebnisinszenierung braucht, davon ist Prof. Dominik Siegrist überzeugt. Er ist der Leiter des Instituts für Landschaft und Freiraum an der Hochschule für Technik in der Schweiz und war langjähriger Präsident der Alpenschutzkommission CIPRA. In einer dreijährigen Studie über den Alpentourismus, die im Buch Naturnaher Tourismus – Qualitätsstandards für sanftes Reisen in den Alpen 2015 zusammengefasst ist, hat er eine steigende Nachfrage nach naturnahen Angeboten und einen Trend zum naturnahen Tourismus festgestellt, der für viele Destinationen heutzutage ein wichtiges ökonomisches Standbein darstellt.

„Vor bald vierzig Jahren prangerten Exponenten wie Jost Krippendorf (…) die Fehlentwicklungen im Tourismus an. Zweitwohnungsbau und Zersiedlung, Landschaftszerschandelung durch neue Skigebiete und überdimensionierte Verkehrsprojekte waren schon damals ein Thema. Das Schlagwort des „sanften Tourismus“ wurde erfunden und später durch den treffenderen Begriff des „naturnahen Tourismus“ ersetzt. Es hat Jahrzehnte gebraucht, bis die Tourismuskritik den Weg in die Destinationen gefunden hat. Doch heute habe ich den Eindruck, dass in Tourismuskreisen gewisse Einsichten stattgefunden haben und die Botschaften von damals in der Branche angekommen sind – zumindest teilweise. Und es gibt Vorreiter-Destinationen und Vorreiter-Betriebe für den naturnahen Tourismus, die in den Medien unterdessen als Leuchttürme präsentiert werden,“ erklärt der Professor in seiner Einführung zur diesjährigen Fachtagung Naturgenuss statt Erlebnis-Burnout?

Auf der Tagung wurden die neuen Qualitätsstandards vorgestellt, die für den naturnahen Tourismus von zentraler Bedeutung sind, mit denen aber auch die Rückgänge in den Schweizer Berggebieten durch den teuren Franken abmildert werden sollen. Denn Gäste, die dafür affin sind, kommen mehrheitlich aus dem Inland und sind weniger preissensibel, haben dafür aber hohe Erwartungen, hat der Tourismus-Experte herausgefunden. Die kommentierte Checkliste besteht aus zehn Qualitätsstandards mit je fünf Kriterien und kann auf andere Regionen nicht nur in den Bergen übertragen werden, um innovative Produkte und Angebote zu entwickeln. Sie reichen vom Schutz der Natur, der Pflege der Landschaft, der guten Architektur, der Raumplanung und der Angebotsentwicklung bis zur Umweltbildung und zum naturnahen Marketing.

Für mehr Naturgenuss und den naturnahen Tourismus stehen vor allem die neuen Angebote der Naturparke, Nationalparks und Biosphärenreservate sowie die zahlreichen Umweltbildungs- und Exkursionsangebote, die in den letzten Jahren auch aufgrund des steigenden Bewusstseins für einen nachhaltigen Umgang mit den natürlichen Ressourcen entstanden sind: Im Wildniscamp können Sie im Wiesenbett, in der Erdhöhle, im Baumhaus, im Waldzelt, in der Wasserhütte oder im Lichtstern das ganze Jahr übernachten und so dem urwüchsigen Bayerischen Wald ungewöhnlich nah kommen. Besondere Erholung verspricht auch die Natur- und Geräuschkulisse im Hainich, wo gesundheitsfördernde Waldwellness (z.B. Yoga, Klangreisen oder Meditation) auf dem 44 Meter hohen Baumkronenpfad die Natur als Kraftquelle in Szene setzt. Ein bis zwei Tage ehrenamtlich Bäume pflanzen, Wanderwege, Zäune und Almen instand setzen, Bergbauern beim Mähen helfen, in der Alm-Sennerei mitarbeiten, Pflanzen und Tiere zählen und kartieren können Sie in den Tiroler Naturjuwelen mit einer individuellen und arbeitsfreien Urlaubswoche kombinieren, wo ein neuartiges Volunteering-Konzept entwickelt wurde.

Wie Tourismus abseits des Trubels funktionieren kann, machen auch die Bergsteigerdörfer vor. Seit 2005 zeichnet der Österreichische Alpenverein damit Orte aus, die auf Ursprünglichkeit, Naturgenuss und Entschleunigung setzen. Die Nationalparkgemeinde Ramsau bei Berchtesgarden (1.742 Einwohner) am Fuß des Watzmanns ist 2015 das erste deutsche Bergsteigerdorf geworden. Auf Schneekanonen oder Massen- und Eventtourismus will man hier auch zukünftig verzichten.


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Der Flächenhandel

 

In der Umweltpolitik werden neben Ge- und Verboten immer mehr marktwirtschaftliche Instrumente eingesetzt. Vorreiter war der Emissionshandel, der mit dem Kyoto-Protokoll 1997 auf internationaler Ebene beschlossen wurde. Die Europäische Union hat ihn 2005 als unternehmensbasierten Handel eingeführt und für den Ausstoß des schädlichen Klimagases eine Obergrenze beschlossen. Will ein Kraftwerk sich erweitern und mehr CO2 ausstoßen, muss der Betreiber neue Zertifikate kaufen. Damit ist der ökonomische Anreiz gegeben, möglichst wenig Kohlendioxid auszustoßen.

Dieses Prinzip soll jetzt beim Flächenverbrauch angewendet werden. Mithilfe von handelbaren Flächenzertifikaten möchte das Bundesumweltministerium die Kommunen zum sparsamen Umgang mit freier Fläche zwingen. Schließlich hat sich die Bundesregierung in ihrer Nachhaltigkeitsstrategie das ehrgeizige Ziel gesetzt, den Flächenverbrauch bis 2020 auf 30 Hektar pro Tag zu begrenzen. Doch erreichen wird sie das voraussichtlich nicht. Laut Statistischem Bundesamt ist zwar der Verbrauch von Fläche in den letzten zwei Jahrzehnten gesunken, aber aktuell werden täglich 73 Hektar Fläche in Bauland umgewandelt – das entspricht etwa 100 Fußballfeldern.

Beim Flächenhandel soll jeder Stadt oder Gemeinde entsprechend der Einwohnerzahl eine bestimmte Anzahl von Zertifikaten zugeteilt werden. Will die Kommune neues Bauland ausweisen, muss sie dafür die entsprechende Menge Flächenzertifikate ausgeben. Reichen die zugeteilten Zertifikate nicht aus, kann sie weitere bei anderen Gemeinden zukaufen. Nimmt sie jedoch die ihr zugeteilte Menge an Zertifikaten nicht in Anspruch, kann sie diese verkaufen. Für den Bund liegt der Vorteil klar auf der Hand: Durch die Anzahl der handelbaren Zertifikaten kann er exakt bestimmen, wie viel freie Fläche jedes Jahr in Deutschland bebaut werden darf.

Ob das Instrument tatsächlich funktionieren kann und es den Wettbewerb unter den Kommunen nicht noch mehr fördert, wie Kritiker befürchten, wurde in einem Planspiel vom Umweltbundesamt 2015 getestet. Städte und Gemeinden in ganz Deutschland konnten sich freiwillig daran beteiligen. Ergebnis der Computersimulation: Der Quadratmeterpreis für den Zukauf von Flächenzertifikaten hat sich bei etwa 80 bis 100 Euro eingependelt. Gerade für kleine ländliche Gemeinden ist das eine hohe Hürde, wenn man bedenkt, dass Bauland auf dem Land pro Quadratmeter teilweise deutlich unter 50 Euro kostet.

Doch diese Verteuerung ist gewollt, sagt Peter Fritsch aus dem Bundesumweltministerium in der Sendung Hintergrund des Deutschlandfunks vom 24.10.2015:

„Eins ist ganz klar, wenn man insgesamt ein Gut verknappt – das wäre jetzt Fläche -, dann hat es ökonomische Konsequenzen. Und das heißt, wenn Bedarf da ist, dann wird darüber ein Wettbewerb stattfinden. Und die Idee des Flächenzertifikate-Handels ist, es zu verknappen, ein möglichst gerechtes und einfaches System zu finden, um diese Preisbildung zu ermöglichen und den Flächenverbrauch an die Stelle zu schieben, wo er auch wirklich erforderlich ist und nicht einem Ausweisen von Flächen Vorschub zu leisten, die auf dem Prinzip Hoffnung beruhen.“

Aber noch ist nicht geklärt, ob Flächenzertifikate mit dem Grundgesetz und der dort garantierten kommunalen Selbstverwaltung überhaupt vereinbar sind. Der Bund gibt ja nur einen informellen Rahmen für die Raumplanung vor. Bindend sind dagegen die Landesentwicklungs- und Regionalpläne – das eigentlich effektive Mittel, um den Flächenverbrauch zu lenken und zu begrenzen. Beispielsweise hat sich Nordrhein-Westfalen ein Fünf-Hektar Ziel verordnet und Baden-Württemberg will mittelfristig gar keine neue Fläche mehr versiegeln. Hingegen haben Bayern, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, auch die Stadtstaaten Berlin, Hamburg und Bremen bislang keine eigenen Einsparziele formuliert.

Auf eine andere Lösung setzt der Naturschutzbund Deutschland: eine Reform der Grundsteuer, die beim Geld der privaten Grund- und Immobilienbesitzer ansetzt. Mit der neuen sogenannten Bodenwertsteuer anstelle der bisherigen Grundsteuer würden nur noch Grund und Boden besteuert, nicht mehr darauf errichtete Gebäude. Dadurch würde die Steuer auf unbebaute Grundstücke steigen und ein Anreiz geschaffen, um verstärkt Baulücken zu schließen und Brachen zu nutzen, auf die man oft keinen direkten Zugriff hat.

Um die zunehmend sinnlose Konkurrenz bei der Flächenausweisung zu beenden, haben sich im Landkreis Rendsburg-Eckernförde in Schleswig-Holstein die 13 Kommunen Alt-Duvenstedt, Borgstedt, Büdelsdorf, Jevenstedt, Fockbek, Nübbel, Osterrönfeld, Rendsburg, Rickert, Schacht-Ausdorf, Schülldorf, Schülp b. Rendsburg, Westerrönfeld zusammengeschlossen und für ein gemeinsames Flächenmanagement bereits 2004 einen Kooperationsvertrag geschlossen. Als zusätzliches Element des Ausgleichs wurde ein Strukturfonds eingerichtet, der aus Beiträgen der Kommunen gespeist wird. Die Entscheidung darüber, wie und wofür die in dem Fonds angesammelten Mittel in sogenannten Leitprojekten eingesetzt werden sollen, ist Bestandteil des Interessenausgleichs. Der Fonds verfügt über ein jährliches Beitragsaufkommen von durchschnittlich 700.000 Euro. Ergänzt durch weitere Fördermittel liegt die Finanzkraft des Fonds bei jährlich rund 1,6 Millionen Euro. Für die Weiterführung wurde dann 2012 eine Entwicklungsagentur gegründet.


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Wachsen oder schrumpfen?

„Wachsen Sie noch oder schrumpfen Sie schon?“ Mit dieser provokanten Frage macht eine jetzt veröffentlichte Studie des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) auf.

Die Wissenschaftler haben im Rahmen der Untersuchung die Bevölkerungsdaten sowie weitere sozio-ökonomische Faktoren von 2008 bis 2013 unter die Lupe genommen: „Wachsen oder schrumpfen?“ lautet die Titelfrage. Wer das für seine Einheitsgemeinde oder Verwaltungsgemeinschaft wissen will, kann sie auf der interaktiven Karte suchen oder die ausführliche Tabelle (587 KB) hier downloaden.

Schrumpfung ist das Gegenteil von Wachstum. Wachstum wiederum bedeutet Entwicklung, lautet die vorherrschende Meinung. Selbst Stagnation wird so als Rückschritt oder Problem betrachtet. Dabei gibt es längst eine leidenschaftliche Debatte darüber, ob Wohlstand auch ohne Wirtschaftswachstum möglich ist. Wachstumskritiker fordern deshalb, Wohlstand und Umweltverbrauch zu entkoppeln und stattdessen auf Lebensqualität, qualitatives Wachstum und nachhaltigen Wohlstand zu setzen.

Auch im Hinblick auf die Einwohnerzahl ist das Ende des stetigen Wachstums schon jetzt absehbar. Denn trotz der hohen Zuwanderung aus dem Ausland zeigt die aktuelle Prognose bis 2035, dass die Bevölkerung nicht nur in Ostdeutschland und in peripheren Lagen, sondern in allen deutschen Regionen langfristig zurückgehen wird. Weil es eben nach wie vor mehr Sterbefälle als Geburten gibt und die Zuwanderung in dieser Größenordnung auf Dauer eher unwahrscheinlich ist.

„Sowohl Schrumpfung als auch Wachstum erfordern angemessene Anpassungsstrategien, d.h. eine Anpassung von Infrastrukturen, von Verwaltungs- und Organisationsstrukturen und von Wirtschaft und Arbeitsmarkt. Es ist verständlich, dass vor der Fülle der Herausforderungen und angesichts der begrenzten finanziellen und personellen Ressourcen für diese Anpassung Ängste entstehen. Umso wichtiger ist es, dass Wachstum und Schrumpfung nicht als Erfolg und Misserfolg der einzelnen Kommunen und Regionen betrachtet wird, sondern als die zwei Seiten einer Medaille, nämlich von Umverteilung von Ressourcen und Kapazitäten im Raum,“ erklärt die Autorin der Studie, Antonia Milbert auf Seite 21.

Ebenso wie Schrumpfung muss auch Wachstum geordnet und gesteuert erfolgen, um den ökologischen und sozialen Ansprüchen gerecht zu werden. Regional betrachtet gibt es immer ein Nebeneinander von Wachstum und Schrumpfung, weshalb beide Entwicklungen auch nicht voneinander getrennt betrachtet werden können. Durch die Studie werden die unterschiedlichen Problemlagen der Kommunen vergleichbar und Ansatzpunkte sichtbar, um sich interkommunal auszutauschen und zusammenzuarbeiten.


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Die neue Landwirtschaft

Massentierhaltung, Monokulturen und Überdüngung. Wie soll die Landwirtschaft der Zukunft aussehen? Biolandwirtschaft könnte eine Alternative sein.

Im Rest der Welt geht es aber um den Kampf zwischen den Kleinbauern und internationalen Konzernen. Ernährungssouveränität lautet das Schlüsselwort. Also das Recht der Menschen, selber zu bestimmen, wie ihre Nahrung produziert und verteilt werden soll. Der Begriff wurde 1996 von der internationalen Kleinbauernorganisation La Via Campesina entwickelt – als Kritik an den internationalen Handelsregeln und der globalen Industrialisierung der Landwirtschaft.

Ernährungssouveränität fordert dagegen die Entwicklung lokaler und regionaler Selbstversorgung und möglichst enge Beziehungen zwischen Produzenten und Verbrauchern, weshalb das Selbstbestimmungsrecht längst auch in unseren reichen Industriestaaten angekommen ist.

Bereits selbst zu kochen ist für junge Leute heutzutage ein Akt der Emanzipation und immer mehr wollen wissen, wo ihre Nahrung herkommt oder unter welchen Bedingungen sie gewachsen ist. Vegane oder vegetarische, faire, lokale und biologische Küche sowie die Verwertung von vermeintlichen Abfall (foodsharing.de, mundraub.org, pflück.org) werden zum Symbol. Essen wird zu einem politischen Akt: Global denken, lokal essen!

Für Ernährungssouveränität engagieren sich zum Beispiel Biokisten-Abonnements, Schul- oder Nachbarschaftsgärten, Saatguttauschbörsen, Lebensmittel-Kooperativen und die Solidarische Landwirtschaft, kurz Solawi. Hier tragen mehrere Privat-Haushalte die Kosten eines landwirtschaftlichen Betriebs, wofür sie im Gegenzug dessen Ernteertrag erhalten. Das Risiko wird geteilt, der Handel bleibt außen vor. Auch gemeinsame Feld- und Erntearbeit gehört auf vielen Solidarhöfen zum Programm. Die Entstehung der solidarischen Landwirtschaft reicht in die 1980er Jahre zurück. In den USA wird das Modell der Consumer Supported Agriculture auf ca. 6500 Höfen angewandt, in Frankreich sind es etwa 1000. Laut Netzwerk Solidarische Landwirtschaft gibt es in Deutschland aktuell 87 Solawi-Betriebe. Tendenz steigend.

Der damit verbundene New Local Deal (lokales Abkommen) zwischen Produzent und Konsument ist Unternehmensgegenstand der Regionalwert AG, der Bürgeraktiengesellschaft in der Region Freiburg:

„Mit dem Kauf von Aktien übernehmen Bürger der Region Mitverantwortung für ihre Region. Das Geld investieren wir in ökologisch arbeitende Betriebe entlang der Wertschöpfungskette: vom Feld bis auf den Tisch. Mittlerweile übernehmen auch andere Regionen Deutschlands und Europas das Konzept“ erklärt der Gründer Christian Hiß auf der Webseite.

Die bis dato 520 Aktionäre konnten 16 Biobetriebe (mehrere Bio-Höfe und -Läden, eine Gärtnerei, zwei Caterer, ein Naturkost-Großhändler sowie ein Weingut) teilweise oder ganz finanzieren und so die Vielfalt in der Region erhalten und das Nachfolgeproblem vieler Bauern lösen. Lesenswert sind auch die 10 Thesen fürs Umdenken.


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Soziale Innovationen

Seit Bill Gates und Steve Jobs hat der Begriff der kreativen Zerstörung eine neue Aktualität bekommen. Damit ist die Entstehung innovativer Pionierunternehmen gemeint, die mit neuen Produkten oder Verfahren ältere und weniger leistungsfähige Unternehmen verdrängen.

Sinngemäß taucht der Begriff bereits im Kommunistischen Manifest auf. Bekannter wurde er jedoch durch den österreichischen Ökonom Joseph Alois Schumpeter. In seiner Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung von 1911 legt er dar, dass das Wesen von Innovation in der „Durchsetzung neuer Kombinationen“ liegt – mit Betonung auf Durchsetzung! Denn um wirtschaftliche Ziele zu erreichen, kommt es allein darauf an, die Ideen, Erfindungen und Konzepte auch praktisch umzusetzen: Beispielsweise als neues kaufbares Produkt oder verbesserter Service drum herum.

Pionierarbeit und soziale Innovationen, die vom gewohnten Schema abweichen, sind auch auf dem Land gefragt. Vor allem, wenn es darum geht, das Dorfsterben zu verhindern oder das Umfeld lebenswerter zu gestalten, erläutert Dr. Reiner Klingholz, der Leiter des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung in der Sendung Frontal 21 vom 2.6.2015:

„Wenn sich die Menschen auf dem Land wieder neu organisieren, wenn sie anfangen, wieder miteinander zu reden und Probleme gemeinsam zu bewältigen: Dann entsteht eine neue Form des sozialen Miteinanders. Das ist mit Sicherheit eine Bereicherung und das macht dann das Leben auf dem Land plötzlich wieder attraktiv.“

Das Institut ist eine sogenannte Denkfabrik, die sich mit dem demographischen Wandel in Deutschland beschäftigt. Anfang des Jahres hat sie eine interessante Studie mit dem Titel Von Hürden und Helden veröffentlicht. Anhand von 37 innovativen Projekten für den Nahverkehr, für Bildung, für medizinische Versorgung und Pflege, für Nahversorgung, für soziale Fragen, aber auch für technische Infrastrukturen wie Wasser- und Abwassersysteme sowie die Energie- und Breitbandversorgung wird gezeigt, wie sich das Leben auf dem Land neu erfinden lässt.

Ganz wie beim alten Schumpeter stehen dabei Pioniere im Mittelpunkt, also engagierte Bürger, Bürgermeister und Verwaltungsmitarbeiter, die mit Kreativität und Beharrlichkeit lokale Versorgungsangebote entwickeln und dabei Hemmnisse wie starre Auflagen, Gesetze, Verordnungen und Verwaltungsvorschriften mutig aus dem Weg räumen:

So hat die Psychotherapeutin Ursula Berrens in der Eifel-Gemeinde Speicher (3.270 Einwohner) die Mitfahrerbank initiiert, eine Ergänzung zum lückenhaften Personennahverkehr, damit vor allem ältere Leute gut zum Arzt oder Einkaufen kommen können. Diese Sitzbänke stehen an zentralen Stellen im Ort. Dort kann man ein Richtungsschild in die gewünschte Richtung umschlagen und dadurch anzeigen, dass man mitgenommen werden möchte.

In der Uckermark, einer sehr dünn besiedelten Region im nördlichen Brandenburg, geht die rollende Zahnärztin Dr. Kerstin Finger aus Templin auf Tour und behandelt wenig mobile Patienten zu Hause oder im Heim. Im Auto hat sie alles dabei, was sie normalerweise auch in der Praxis hat. Nur den Behandlungsstuhl muss sie sich vor Ort erst vom Patienten besorgen und einrichten.

Der Lehrer Heinz Frey wollte nicht länger zusehen, wie in Barmen (1.360 Einwohner), einem Stadtteil von Jülich in Nordrhein-Westfalen, ein Laden nach dem anderen geschlossen wurde, während außerhalb der Ortsmitte neue Quadratmeterflächen entstanden. Mit dem Verein DORV (Dienstleistung und ortsnahe Rundum-Versorgung) hat er ein Konzept für die Gründung und den Erhalt lokaler Dorfzentren entwickelt und 2004 das DORV Zentrum eröffnet. Im Angebot sind nicht nur Waren des täglichen Bedarfs, sondern auch zahlreiche Dienstleistungen. Unter anderem berät die Arbeiterwohlfahrt über Pflege- und Sozialdienstleistungen, werden Reisen vermittelt, Kleidungsstücke gereinigt und einfache Reparaturen durchgeführt. Zudem können Formulare der Stadt- und Kreisverwaltung wie Papiere der KFZ-Zulassungsstelle bezogen oder von einem Automaten Geld abgehoben werden.


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Der neue Luxus

Immer gehetzt, zu spät, keine Zeit – wer kennt das nicht. Zeitforscher fordern deshalb eine selbstbestimmte Einteilung von Zeit. Sie haben dafür den schönen Begriff Zeitwohlstand erdacht, um deutlich zu machen, dass Wohlstand und Lebensqualität heutzutage nicht mehr nur von materiellen Dingen abhängen: Zeitautonomie ist der neue Luxus. Das belegt auch eine aktuelle deutsche Glücksstudie: 64 Prozent der Erwachsenen sagen, das wich­tigste Element der Selbstbestimmung sei für sie, selbst über ihre Zeit entscheiden zu können.

Klar geht es auf dem Dorf meist langsamer zu als in der Großstadt und viele Tourismusvereine werben ja gerade mit der Entschleunigung. Doch:

„Schnell ist nicht immer besser, auch langsamer ist nicht immer besser, sondern es geht um angemessene Geschwindigkeit“, erläutert Prof. Lucia A. Reisch von der Copenhagen Business School auf DRadio Wissen Hörsaal.

In ihrer 2014 erschienen Studie für das Bundesumweltamt „Zeit für Nachhaltigkeit – Zeiten der Transformation: Elemente einer Zeitpolitik für die gesellschaftliche Transformation zu nachhaltigeren Lebensstilen“ hat sie Zeit als neue Dimension der Nachhaltigkeit untersucht.

Zeit ist nicht nur eine knappe und kostbare Ressource, sie bildet auch den Rahmen für Veränderungen: Jede Gemeinderatssitzung und jeder Dorfentwicklungsprozess braucht eben eine bestimmte Menge an Zeit, was ziemlich banal klingt. Doch die Frage nach dem richtigen Maß dieses Zeitrahmens birgt ordentlich Zündstoff: Wie schnell muss oder darf ein Beschluss gefasst werden? Wie schnell sollte man auf den Klimawandel reagieren? Wie schnell sollte technischer Fortschritt sein? Die Wissenschaftlerin hat mit ihrer Studie ein bislang wenig beachtetes Forschungsfeld beleuchtet, bei der Kommunen wichtige Akteure sind: Die lokale Zeitpolitik als Nachhaltigkeitspolitik.

Die Wurzeln der lokalen Zeitpolitik liegen in Italien, wo in den 1980er Jahren der Ansatz Zeiten der Stadt entwickelt wurde, um mehr individuelle zeitliche Gestaltungsmöglichkeiten der Bevölkerung im Alltag zu ermöglichen. Auf kommunaler Ebene geht es beispielsweise um die Abstimmung und Koordination der Öffnungszeiten von Behörden, Geschäften, Dienstleistern und Verkehrsbetrieben. Oder um die Synchronisation von Arbeits- und Kinderbetreuungszeiten wie in Steinbach am Wald (3.196 Einwohner) im nördlichen Oberfranken, wo ein großer Glashersteller seinen Sitz hat. Für die Kindergartenkinder wurde deshalb eine flexible Betreuung von 6 bis 22 Uhr und für die Schüler eine umfangreiche, verlässliche Nachmittagsbetreuung organisiert. Auch zeitliche Freiräume zum Selbermachen und zur Gemeinschaftsnutzung wie offene Werkstätten, Reparatur-Cafés und FabLabs sind ein Ansatz.

Die lebenswerten Städte mit Zeitbewusstsein haben sich zu der internationalen Vereinigung Cittaslow zusammengeschlossen, auch Slow City genannt. Sie knüpft an Slowfood an und wurde bereits 1999 in Orvieto, Italien, gegründet. Weltweit gibt es 176 Mitgliedsstädte in 27 Ländern, zwölf davon in Deutschland. In Bayern gehören Bischofsheim an der Rhön (4.755 Einwohner), Berching (8.472 Einwohner), Hersbruck (12.095 Einwohner), Nördlingen (19.419 Einwohner) und Wirsberg (1.819 Einwohner) dazu. Slow City ist umfassender Ansatz für hohe Lebensqualität, der insbesondere für Kleinstädte im ländlichen Raum interessant ist, wie das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung 2013 herausgefunden hat.


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Das intelligente Netz

Bei der Stromerzeugung denkt man meist an die großen Konzerne. Doch bei der umweltfreundlichen Stromproduktion ist das falsch. Denn fast jede zweite Kilowattstunde Ökostrom kommt aus Anlagen, die Bürgern gehören. Das hat die Studie Definition und Marktanalyse von Bürgerenergie in Deutschland für das Jahr 2012 ermittelt. Damit sind Photovoltaik-, Wind- und Biogasanlagen von Privatpersonen, Land- und Forstwirten (Einzel- und Personenunternehmen plus kleinere Kapitalgesellschaften wie z.B. Agrargenossenschaften) und Energiegenossenschaften (mindestes 50 Prozent der Stimmrechte halten Bürger, die in der Region ansässig sind) gemeint, sowie im weiteren Sinne Bürgerbeteiligungen an Betreibergesellschaften von Erneuerbare-Energien-Anlagen (überregionale Investitionen und Minderheitsbeteiligungen von Bürgern). Im selben Jahr kam die Bürgerenergie auf insgesamt 56.129 Gigawattstunden. Das ist viermal mehr als der Beitrag der Energieversorger und immerhin über 10 Prozent des gesamten Stromverbrauchs in Deutschland.

Weil nun der Strom durch eine Vielzahl von Energieproduzenten dezentral eingespeist wird, müssen die konventionellen Stromnetze umgebaut werden. Den Paradigmenwechsel, der durch das neue Ökostrom-Zeitalter entsteht, erklärt Prof. Helmuth Biechl von der Hochschule Kempten:

„Das Konzept war Großkraftwerke und dann über verschiedene Spannungsebenen die Energie bis zum Endverbraucher leiten. Durch den hohen Anteil an regenerativer Energie wird sich das Spiel umdrehen. Dann gibt es nicht nur Verbraucher, sondern sogenannte Prosumer: Das sind Verbraucher, die gleichzeitig Erzeuger sind. Viele haben die Photovoltaikanlage auf ihrem Dach und erzeugen jetzt unter Umständen mehr als sie selbst brauchen. Dadurch wird der Energiefluss in die umgekehrte Richtung gehen und es gibt plötzlich Probleme mit der Spannung. Und die Frage nach den Dienstleistungen, den Spannungs- und Frequenzregelungen taucht auf: Wer macht das eigentlich, wenn die Großkraftwerke nicht da sind?“ (sinngemäß zitiert nach Allgäu TV)

Wie das in Zukunft gemacht werden kann, testet der Professor zusammen mit der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen und der Siemens AG im „Dorf der Stromverrückten“ im Oberallgäu. So wird die selbstständige Gemeinde Wilpoldsried (2.512 Einwohner) liebevoll genannt, wo Bürgermeister Arno Zengerle bereits 1996 die Energiewende ausrief und mittlerweile mehr als das Fünffache des Eigenbedarfs an Strom mit regenerativen Energien erzeugt wird. Für das 2014 gestartete Folgeprojekt Integration Regenerativer Energie und Elektromobilität (IREN2) wurde ein intelligentes Stromnetz aufgebaut, der Techniker spricht dabei von einem „Smart Grid“: 200 kleine schwarze Kästen wurden dazu über das Dorf verteilt. Permanent funken diese „Smart Meter“ Erzeugungs- und Verbrauchsdaten an die Zentrale der Allgäuer Überlandwerke in Kempten, damit der Strom immer genau dort verfügbar gemacht wird, wo er gebraucht wird. Wenn Wind und Sonne mehr Strom liefern, werden die Batterien von 32 Elektroautos nachgeladen und entlasten so das Netz. Zusätzlich senkt der neu installierte Ortsnetztrafo die überhöhte Spannung ab und ein Lithium-Ionen-Speicher bewahrt den überschüssigen Solarstrom für die Abendstunden auf.

Das Beispiel Wilpoldsried macht deutlich, dass bei der Entwicklung einer umweltschonenden, zuverlässigen und bezahlbaren Energieversorgung der Informations- und Kommunikationstechnologie eine Schlüsselrolle zukommt. Doch die Vernetzung wird noch weiter geben. Über das Internet der Dinge wird eines Tages alles und jeder miteinander verbunden – das Energienetz verschmilzt dann mit unserem Kommunikationsinternet und dem Transport- und Logistik-Netz zu einem Super-Netz: Der Kühlschrank, der eigenständig Milch und Butter nachkauft. Die Waschmaschine, die genau dann wäscht, wenn der Strom gerade günstig ist. Der Randstein des Bürgersteigs, der mit dem parkplatzsuchenden Auto kommuniziert.

Schon heute leben wir in einer komplexen Welt. Durch die technologische Vernetzung und auch um sich neu zu organisieren, sind neue Formen von Gemeinschaften, Kooperationen und Netzwerke entstanden, die für den ländlichen Raum eine wichtige Rolle spielen. Dazu gehören die neuen Energiegenossenschaften, aber auch Dorftreffs, Dorfläden, Tauschringe, Nachbarschaftsnetze, Mehrgenerationenhäuser, Essbare Gemeinden, Car-Sharing, Coworking-Space, LEADER und die interkommunale Zusammenarbeit. Der US-amerikanische Vordenker Jeremy Rifkin hat in seinem jüngsten Buch „Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft“ den Niedergang des Kapitalismus und den Beginn einer sozialen Gemeinschaft verkündet: Im zukünftigen Internet der Dinge dominiere die Sharing Economy, eine Wirtschaft des Teilens in sogenannten „kollaborativen Commons“: Gemeinschaften, die sich bestimmte Güter gemeinschaftlich teilen, wie zum Beispiel grünen Strom.


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Das Landrad

Radfahren liegt voll im Trend und der alte Drahtesel entwickelt sich immer mehr zum stylischen Statussymbol.

Großes Potential für die nachhaltige Mobilität haben die Elektro-Räder, sogenannte Pedelecs bis maximal 25 km/h – ganz besonders auf dem Land, wo die Abhängigkeit vom Auto groß ist und die öffentlichen Verkehrsverbindungen an ihre Grenzen stoßen.

In Deutschland sind mehr als 1,5 Millionen Pedelecs unterwegs (Zweirad-Industrie-Verband 2014), Tendenz weiter stark steigend. Dank komfortabler Motorunterstützung lassen sich natürliche Hindernisse wie Höhenunterschiede oder Gegenwind leichter bewältigen. Viele Urlauber und Freizeitradler entdecken so nicht nur flache oder leicht hügelige Landschaften, etwa in der Nähe von Flüssen, Seen und entlang alter Bahntrassen, sondern auch die Mittel- und Hochgebirge. Der E-Bike-Tourismus boomt.

Zudem sind Pedelecs als Pendlerfahrzeug interessant, weil man nicht verschwitzt im Job ankommt und sie können helfen, die Alltagsmobilität auf dem Land deutlich zu verbessern. Das hat ein Projekt im österreichischen Vorarlberg mit dem schönen Titel LANDRAD (auch in Abgrenzung zur bereits bekannten touristischen und Freizeitnutzung der Pedelecs) bereits 2010 mit 500 Testpersonen herausgefunden. 35 Prozent der Autofahrten konnten durch das Landrad ersetzt werden. Dabei wurden die E-Fahrräder vor allem für kürzere Strecken bis zu zehn Kilometern genutzt, etwa für Ausbildungs- und Arbeitswege, zum Einkaufen oder für sonstige Erledigungen.

Erkennbar wird auch ein aktueller Mobilitätswandel, der durch vielfältige Lebenstile (Individualisierung) und die Digitalisierung (im mobilen Internet Wege und Verkehrsmittel planen und vergleichen) geprägt ist: Das jeweils passende Verkehrsmittel wird pragmatisch gewählt und das Auto ist kein Statussymbol mehr. Neue Möglichkeiten und andere Prioritäten rücken in den Vordergrund.

Kluge Verkehrssysteme sind deshalb intelligent kombiniert und flexibel. Sie splitten die Linien und machen sie „intermodal“, was Prof. Udo Onnen-Weber von Hochschule Wismar anhand seines Forschungsprojektes INMOD – elektromobil auf dem Land wie folgt erklärte (auf elektromobilitätonline.de):

„Die sogenannte erste Meile kann ein Fahrrad oder – wie bei inmod – ein Elektrofahrrad sein, der Bus fährt nur auf den Hauptstraßen die kürzeste Strecke von Start zu Ziel und die letzte Meile ist dann wieder ein niedrigschwelliges Verkehrsmittel – in den Städten kann das ein Fahrradverleihsystem sein, auf dem Lande – wie bei inmod – wieder ein Elektrofahrrad“.

Inmod wurde 2012 bis 2014 in vier ländlichen Teilen Mecklenburg-Vorpommerns getestet. Die Strecken wurden so eingerichtet, dass die Fahrgäste höchstens zehn Minuten mit dem Elektrofahrrad zurücklegen müssen, um eine Haltestelle der Expressbuslinien (Elektro- bzw. Hybridbusse) zu erreichen. 370 Elektrofahrräder kommen zum Einsatz, die in speziellen Radboxen mit Ladestation in den Wohngebieten bereitstehen. Der Feldversuch endete Ende 2014. Von den drei Buslinien fahren jetzt noch zwei, allerdings eingeschränkt bzw. mit verringerter Taktung.


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Die essbare Gemeinde

Ob auf den Brachflächen des ehemaligen Berliner Flughafens Tempelhof oder auf den Dächern der New Yorker Wolkenkratzer. In den Städten boomt Urban Gardening: Die neue Lust am Eigenanbau von Gemüse und Obst sowie an nachbarschaftlichen Begegnungen im Grünen.

Angesichts einer komplizierter werdender Welt und ständig neuer Lebensmittelskandale steckt dahinter der Wunsch, sich neu zu erden und selbst zu versorgen. Auch ökologische und künstlerische Anliegen spielen eine Rolle, um aus vernachlässigten Orten wieder Gegenden zu machen, wo sich Menschen begegnen. Für die Städte ist Urban Gardening deshalb eine wichtige Strategie, um das Stadtbild und das Leben in der Stadt zu verbessern.

Kann das Konzept auch im Dorf funktionieren? Eigentlich nicht – sollte man meinen -, denn im Dorf haben die meisten ihren eigenen Garten gleich vor der Haustür. Trotzdem kann es auch in ländlichen Gemeinden sinnvoll sein, brach liegende Flächen für ein Gemeinschaftsgartenprojekt zu nutzen. Oder mit Hochbeeten eine Brücke zwischen altem Dorf und Neubaugebiet zu schlagen.

In Österreich ist Anfang 2013 die erste essbare Gemeinde Österreichs in Übelbach (1.982 Einwohner) nördlich von Graz ausgerufen worden. Im Rahmen der Umgestaltung des Spielplatzes wurde ein essbarer Spielplatz als Treffpunkt für Jung und Alt eingerichtet, wo die Kinder gesundes Süßes genießen und die Älteren ihre Erfahrung an die nächste Generation weiter geben können. Weitere öffentliche Plätze sind der essbare Garten vor dem Pflegeheim und der Blumenschmuck auf dem Markplatz, der mit essbaren Pflanzen kombiniert ist.

Das dahinter stehende „Pflücken erlaubt“-Prinzip stammt aus der Essbaren Stadt Andernach am Rhein, wo es seit 2010 öffentliche Stadtgärten gibt, die mit Gemüse, Obst und Kräutern begrünt sind und sich jeder beim Einkaufsbummel bedienen darf.


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