Das Minihaus auf Rädern

Nur 6,4 Quadratmeter! So winzig ist das „Tiny100“ von Architekt Van Bo Le-Mentzel, das als Denkanstoß für neues und bezahlbares Wohnen in der Stadt noch bis vor kurzem auf einem Anhänger am Carl-Herz-Ufer 9 in Berlin-Kreuzberg stand. Und doch bietet die „kleinste Musterwohnung Deutschlands auf Rädern“ und für fiktive 100 Euro Miete im Monat eigentlich alles, was man zum Leben braucht. Auf 2 mal 3,20 Metern gibt es Küchenzeile, Bett, Schreibtisch, Sofa, Toilette und Dusche. Möglich macht es die Deckenhöhe von 3,60 Metern. Mit einer verschiebbaren Holzleiter gelangt man in den oberen Schlafbereich, der gleichzeitig als Arbeitsplatz dient. Gebaut hat das Minihaus übrigens die Tischlerei Bock aus Braunau (665 Einwohner), einem Stadtteil von Bad Wildungen in Nordhessen.

Das Wohnen in Tiny Houses – übersetzt „winzige Häuser“ – kommt aus den USA und auch bei uns werden immer mehr Menschen vom Tiny-House-Fieber gepackt. Für kleinere Gebäude sprechen finanzielle und auch ökologische Gründe. Denn die überbaute bzw. versiegelte Fläche ist kleiner und der Bedarf an Baumaterialien geringer. Auch wird weniger Strom und Wärme verbraucht, wodurch es auch einfacher ist, die Häuser so zu errichten, dass sie autark nutzbar sind. Etwa durch eine Solaranlage, Regenwassernutzung oder Komposttoilette.

Die Bauart an sich ist keine neue Erfindung und auf dem Land sind Austragshäuser, Forsthütten, Datschen oder Ferienhäuschen seit langem bekannt. Weil man hier für die Familie aber meist große Häuser baut, die irgendwann dann nur von einer Person bewohnt werden, hat der Aufklärer Dieter Wieland bereits 2003 der großen Kunst, ein kleines Haus zu bauen einen ganzen Film im Bayerischen Fernsehen gewidmet. Anregungen, wie das Wohnen der Zukunft aussehen kann, bieten auch 40 innovative Mini-, Smart- und Micro-Häuser, die im 2016 erschienen Buch Winzig ausführlich vorgestellt werden. Touristisch interessant sind zum Beispiel das Hofgut Hafnerleiten bei Bad Birnbach (5.678 Einwohner), das Almdorf in den Nockbergen in Kärnten, die Winzerhäuschen in Longuich (1.306 Einwohner) an der Mosel, das Baumhaushotel in Gräfendorf (1.395 Einwohner) zwischen Spessart und Rhön oder das Schäferwagenhotel in Leinach (3.092 Einwohner) nahe bei uns in den Haßbergen.

Wenn sich Menschen freiwillig dafür entscheiden, ihren Wohnraum und ihren Besitz einzuschränken und so das Leben auf das Wesentliche zu reduzieren, wird das postmoderner/neuer Minimalismus, Einfaches Leben oder Downshifting genannt und seht in Verbindung mit dem Teilen statt Besitzen (Sharing Economy). Getreu dem Motto „Weniger ist mehr“ suchen die Minimalisten nach einer Alternative zur Überflussgesellschaft und wollen ein selbstbestimmteres Leben führen. Vorbild für die modernen Aussteiger ist der große Nationaldichter der USA, Henry David Thoreau. In seinem Buch „Walden oder Leben in den Wäldern“ hielt er seinen Teilzeit-Ausstieg fest, als er sich 1845 eine kleine Blockhütte zimmerte und etwas mehr als zwei Jahre lang allein auf einem Waldgrundstück am See Walden Pond in Massachusetts ein bisschen fischte, ein bisschen Bohnen zog, ab und zu eine Tasse Tee trank und folglich viel Zeit hatte, um über Freiheit und Natur zu sinnieren (gelesen von Frau DingDong).

Den Trend des bewussten Verzichts hat Le-Mentzel am 18.4.2017 im Internetradio detektor.fm recht schön erklärt und auch auf das Neue des Wohnens auf wenigen Quadratmetern hingewiesen: „Die Tiny-House-Bewegung beschäftigt sich mit der Frage, ob wir nicht anders wohnen sollten. Und dadurch, dass viele Tiny Houses auf Rädern sind, auf sogenannten PKW-Anhängern, ist auch die Frage nach dem Grundstück eine ganz andere. Normalerweise, wenn man ein Haus plant, muss man erst einmal ein Grundstück haben, das heisst man braucht einen Bausparvertrag oder muss irgendwie 30 Jahre lang Geld gespart haben, und muss praktisch sein Leben opfern (lacht), um sich so ein Haus leisten zu können. Also wir haben uns so sehr daran gewöhnt, dass man Grund und Boden kaufen kann. Die Tiny Houses wollen gar keinen Grund und Boden kaufen, sie brauchen einfach nur einen Ort, wo sie stehen können. Am besten Fall einen, der eh nicht genutzt wird.“

Gleich ein ganzes temporäres Dorf aus 20 unterschiedlichen Tiny Houses entsteht zur Zeit im Außenbereich des Bauhaus-Archivs in Berlin-Tiergarten. Die mobilen Raumstrukturen werden als Studienräume, Café, Ateliers, Werkstätten, Bibliothek und Orte der Begegnung gemeinsam genutzt und sind teilweise modular in mehreren Einheiten kombinierbar. In Form eines künstlerischen Experiments will man damit auf dem Bauhaus-Campus neue Wohnideen entwickeln und Antworten auf die Frage finden: „Wie wollen wir heute wohnen, arbeiten, lernen und lehren, um die großen Herausforderungen der Zukunft zu meistern?.“ Kurator ist Le-Mentzel und sein Tiny100 trat bereits als erstes auf den Plan. Das Experiment passt gut zum historischen Bauhaus, wo ja bereits vor 100 Jahren über das Wohnen neu nachgedacht wurde.


Bildnachweis © Tinyhouse University

Das Elektro-Carsharing

Lust auf etwas radikal Neues? Wie wäre es mit Carsharing? Am besten rein elektrisch! Denn die intelligente Kombination des Nutzen-statt-Besitzen-Prinzips mit Elektromobilität senkt die Treibhausgase im Verkehr, steigert die Akzeptanz für das Auto der Zukunft und bietet eine Alternative zum kostspieligen Zweitwagen.

Wie die gemeinschaftliche Nutzung von Elektroautos auf dem Land klappen kann (vgl. Begleitforschung zu den Modellregionen Elektromobilität des Bundesverkehrsministeriums), wo gute Ideen für die neue Mobilität besonders gefragt sind, zeigt ein innovatives Projekt in Füßbach (84 Einwohner), das wir im Januar auf einer Busexkursion mit dem Schnelldorfer Energiestammtisch angeschaut haben. Das liegt in Hohenlohe im Norden von Baden-Württemberg und ist ebenso erfolgreich wie Projekte im Bayerischen Wald oder im Hochschwarzwald.

Um den Einsteig in die Elektromobilität zu erleichtern und das finanzielle Risiko zu minimieren, wurde in Füßbach ein gemeinnütziger Carsharing-Verein gegründet und im März 2016 mit zwei Volkswagen E-Ups begonnen, die von dem Mobiltätsanbieter Lautlos inklusive Full-Service und Vollkasko angemietet sind. Frei nach Füßbach werden die kleinen Flitzer eFüßle genannt. Aktuell sind sechs Einzelpersonen und fünf Familien fahrberechtigt, die somit nun ihren Zweitwagen in der Garage stehen lassen oder gleich verkaufen können. Auch zwei örtliche Firmen, ein Metall- und ein Bioenergiebetrieb machen mit, nutzen die Autos u.a. für Kundenbesuche in der Region und fungieren zugleich als feste Standorte der E-Autos. So haben es die Mitglieder nicht weit zu den Autos, die weiteste Entfernung beträgt geschätzt 200 Meter.

Der zusätzlich benötigte Strom fürs E-Auto kommt aus dem Dorf selbst, von Thomas Karles Biogasanlage. Er ist auch der Initiator des Projektes und wollte damit das Dorf weiter entwickeln und erreichen, dass die Einwohner elektrisch mobil sind. Denn Füßbach war bereits 2011 das erste Bioenergiedorf in Nord-Württemberg. Da lag es auf der Hand, den lokal erzeugten erneuerbaren Energie-Überschuss gleich lokal zu nutzen und so auch die Umweltbilanz der Fahrzeuge und die regionale Wertschöpfung zu fördern. Die Autos werden übrigens nicht direkt über die Biogasanlage, sondern über die normale 230-Volt-Steckdose mit Ökostrom (Naturstrom) aufgeladen.

Zu Beginn des Projektes war die Skepsis im Dorf gegenüber den Elektrofahrzeugen aber noch groß, hat er uns erzählt und folgenden praktischen Umsetzungstipp mit auf den Weg gegeben:

„Funktionieren die Elektroautos überhaupt? Haben die noch Mängel? Sind die schon praxisreif? Und da haben wir mal einen Tag lang Autos zum Testen hierher gestellt. Und dieser Tag war auch das Schlüsselerlebnis. Die Leute haben gesehen: Das sind vollwertige Autos und auch noch schick dazu.“

Für die Mitglieder teilt sich der finanzielle Aufwand in einen monatlichen Grundbetrag, der etwa die Hälfte der Mietkosten für die Firma „Lautlos“ deckt, und einen Leistungsbetrag. Der Grundbetrag ist nach Einzelpersonen (18 Euro), Ehepaaren (30 Euro) oder Firmen (90 Euro) gestaffelt. Der Leistungsbetrag ist die eigentliche Nutzungsgebühr und wird nicht wie üblich nach Kilometern, sondern nach den gemieteten und gefahrenen Stunden abgerechnet. Eine Stunde kostet vier Euro, ein halber Tag elf Euro, ein Tag 18 Euro und der Abend ab 19 Uhr acht Euro.

Wer ein Auto in Füßbach ausleihen will, muss es zuvor per Telefon oder direkt auf der Internetseite des Projektes buchen. Damit das System funktioniert und die Mobilität auch gewährleistet ist, muss man mindestens zwei Autos zur Verfügung stellen. Im Durchschnitt wird jeden Tag ein Auto genutzt. Damit arbeitet der Verein schon fast kostendeckend. Bei normaler Fahrweise kommt man mit dem E-Up in der Regel 120 Kilometer weit, was für kurze Strecken vollkommen ausreichend ist. Von Vorteil ist auch, dass das Stromtanken nicht berechnet, sondern von den beiden Firmen gesponsert wird. Das ist durchaus vertretbar, denn eine „Tankfüllung“ kostet zur Zeit ja nur etwa vier Euro.

Eine wichtige Rolle spielt in Füßbach die „coole“ Dorfgemeinschaft und dass man bereits gute Erfahrungen mit der Dorfsanierung und dem Aufbau eines Nahwärmenetzes gemacht hat. Der mit dem Carsharing verbundene Effekt zur Gemeinschaftsbildung und lokalen Identifikation sorgt nämlich auch dafür, dass mit den Autos pfleglich umgegangen wird und auf spezielle Regeln wie beispielsweise für die Reinigung verzichtet werden kann.

Die neue Mobilität

Kennen Sie moovel? Die kostenlose Mobilitäts-App kombiniert Öffentlichen Personennahverkehr, die Carsharing-Anbieter Car2go und Flinkster, Mytaxi, Mietfahrräder und die Deutsche Bahn. Die Moovel-App liefert aber nicht nur Fahrpläne, sondern beschafft auch gleich die passenden Fahrscheine. Mittlerweile gehört diese innovative App zum schwäbischen Daimler-Konzern. Wer so fortschrittlich ist, der weiß bestimmt auch, wie unsere Mobilität von morgen aussehen wird?

„Diese vier Schlagworte zur Mobilität der Zukunft bringen es für mich auf den Punkt: „Connected“, „Autonomous“, „Shared“ und „Electric“. Mobilität und Verkehrsmittel werden immer vernetzter, das ist seit Jahren klar erkennbar. Autonomes Fahren wird die Welt der Mobilität in den kommenden zehn Jahren disruptiv verändern – wobei der gesellschaftliche Diskurs darüber gerade erst begonnen hat. Ich rechne fest damit, dass autonome Fahrzeuge zu einem großen Teil über Sharing-Konzepte angeboten werden. Und ich gehe davon aus, dass ebendiese Fahrzeuge überwiegend einen elektrischen Antrieb haben werden,“ erklärt der Sprecher von moovel, Michael Kuhn auf der Seite Neue Mobilität von Baden-Württemberg.

Das „Ländle“ will Pionierregion für nachhaltige Mobilität werden und hat, um dieses Ziel sichtbar und erlebbar zu machen, 2015 die ersten Heldinnen und Helden der neuen Mobilität ausgezeichnet. Die Kampagne und die Videoportraits sind sehenswert.

„Connected“, also die Vernetzung von Mobilität und Verkehrsmitteln, hat für den ländlichen Raum große Bedeutung, wo der öffentliche Nahverkehr noch die Basis bildet, aber ein Großteil der Schülerverkehr ausmacht. Um wirtschaftlich und attraktiver zu werden, vorhandene Angebotslücken zu schliessen und den individuellen Mobilitätsbedürfnissen von älteren und jüngeren Menschen ohne eigenes Auto gerecht zu werden, muss der ÖPNV mit ergänzenden und neuen Mobilitätsangeboten kombiniert und vernetzt werden. Der Verkehrsfachmann nennt diese flexible Mischung der Verkehrsmittel multimodale Vernetzung.

Eine gute Ergänzung sind beispielsweise Bürgerbusse, die von engagierten Bürgern ins Leben gerufen und ehrenamtlich betrieben werden. Die Idee stammt aus Großbritannien und kam über die Niederlande ins benachbarte Münsterland, wo 1985 die erste deutsche Bürgerbus startete. 30 Jahre später verkehren in der gesamten Bundesrepublik etwa 250 Kleinbusse im normalen Linienverkehr mit festem Fahrplan und festen Haltestellen. Flexibler funktionieren der Variobus im Nordosten des Landkreises Traunstein oder der Flexibus im Landkreis Günzburg, die keine festen Fahrpläne, wohl aber festgelegte Haltestellen kennen. Damit ältere Menschen preisgünstig zum Arzt oder zum Supermarkt kommen, werden auch beim bedarfsgerecht gesteuerten Bürgerbus in Olfen (12.273 Einwohner) in Nordrhein-Westfalen die Fahrtwünsche in der Bürgerbuszentrale gesammelt, mit einer speziellen Software erfasst und und dann via Internet auf das im Bus befindliche iPad übertragen. Das iPad enthält zudem eine Navigationssoftware, welche den Fahrer zum Ziel leitet.

Das Internet vereinfacht auch den gemeinschaftlichen Gebrauch von Dingen und und ist der Grund, warum der neue Konsumtrend „Nutzen statt Besitzen“ populär geworden ist. Noch nie war es so leicht, Anbieter und Nachfrager zusammenzubringen, um Schlafcouchs, Kleinkredite, Kleider, Gemüsebeete oder eben Autos zu teilen, womit wir schon beim dritten Schlagwort „Shared“ wären. Carsharing klappt gut in Städten ab 20.000 Einwohnern, auf dem Land ist es aber leider kein Selbstläufer. Das Dorfauto braucht hier Unterstützung von der Kommune oder größeren Betrieben, die dieses Mobilitätsangebot auch selber als Dienst- oder Firmenwagen nutzen können. Ein interessanter Mobilitätspartner sind dafür die Energieunternehmen, die ihre Marktchancen in der Elektromobilität (viertes Schlagwort) immer mehr erkennen und auch den Ausbau von Stromtankstellen und Solar-Carports fördern. In der Eifel wurde das Elektro-Auto für das LEADER-Projekt E-ifel mobil vom regionalen Energieversorger 2013 zu Verfügung gestellt, in Oberreichenbach (2.748 Einwohner) im Schwarzwald konnte so 2012 das erste Elektro-Bürgerauto Deutschlands losfahren. In Zukunft könnten Elektroautos selbst zu Tankstellen werden und dann die klassischen Stationen ersetzen. Die Tankstelle der Zukunft hat vor kurzem Nissan vorgestellt. Über den E-Bike-Boom haben wir ja schon einmal im Artikel über Das Landrad berichtet.

Neben dem Carsharing ist für den ländlichen Raum das organisierte Mitfahren (Ridesharing) wie die MiFAz oder flinc interessant. Die gute alte Fahrgemeinschaft hat das Mobiliätsnetz im Spessart wieder zum Leben erweckt, wo das Angebot Bürger fahren Bürger in Kooperation mit dem Malteser Hilfsdienst 2015 entwickelt wurde. Es setzt auf ehrenamtliche Fahrer, die zu ausgewählten Zeiten und zu ausgewählten Zielen einen Fahrdienst mit dem eigenen Pkw anbieten. Anders als beim Bus oder Anruf-Sammel-Taxi wird der Fahrgast von Tür zur Tür gebracht. Die Kosten für die Fahrt wie auch die Anfahrt zum Fahrgast wird mit 30 Cent pro Kilometer monatsweise erstattet.

Nach ähnlichem Prinzip wurde 2013 das Modell Mobilfalt in Nordhessen gestartet, wo jeder Autobesitzer in den drei Pilotregionen Sontra (7.513 Einwohner)/Nentershausen (2.689 Einwohner)/Herleshausen (2.821 Einwohner, als Zweckverband interkommunaler Zusammenarbeit) und Witzenhausen (14.701 Einwohner) im Werra-Meißner-Kreis sowie Niedenstein (5.291 Einwohner) im Schwalm-Eder-Kreis eingeladen ist, zum Anbieter von Fahrten zu werden und so die fahrplangebundenen Systeme wie Busse und Bahn um Autofahrten zu ergänzen. Der Ein- und Ausstieg erfolgt an den ÖPNV-Haltestellen, die mit weiteren Mobilfalt-Haltestellen ergänzt werden sollen. Um die Beförderung zu garantieren, übernimmt der Nordhessischen Verkehrsverbund deren Organisation und finanzielle Unterstützung. Stehen keine privaten Anbieter zur Verfügung oder fallen diese aus, werden Taxen, Mietwagen oder der Bürgerbus eingesetzt.

Die Vernetzung von Mobilität und Verkehrsmitteln macht auch deutlich, dass es die grundsätzliche Entscheidung zwischen Auto oder Bus längst nicht mehr gibt. Vielmehr hängt die Verkehrsmittelwahl vom Fahrtzweck und vom Ziel ab. Darauf müssen die Verkehrsunternehmen und Verkehrsverbünde reagieren und in der logischen Folge einen umfassenden Mobilitätsverbund mit den individuellen Verkehrsmitteln und Mobilitätsdienstleistungen bilden, was der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen richtig als Zukunftsaufgabe thematisiert hat: Kunden erhalten über eine gemeinsame Angebots- und Abrechnungsplattform (einheitliche Benutzeroberfläche wie etwa die oben beschrieben App moovel) Zugang zu einer Vielzahl von lokalen Mobilitätsangeboten einschließlich ÖPNV, Bürgerbus, Carsharing, Leihfahrräder oder Taxi. Nur das kann eine Alltagsmobilität ohne privaten Auto-Besitz und ohne Mobilitätseinschränkungen ermöglichen.

Zu guter Letzt noch das autonome Fahren, die Königsdisziplin vernetzter Mobilität. Das selbstfahrende Auto verspricht mehr Komfort und Effizienz. Denn wenn der Computer steuert, muss man nicht mehr lenken, bremsen und aufpassen. Der Pendler kann die Zeit „hinter dem Steuer“ für Büroarbeit oder andere Dinge nutzen. Statt Taxifahrer kommt die automatisierte Taxe auf Abruf oder der Mietwagen kommt einfach selber zum Kunden. Das private Auto parkt selbstständig im Parkhaus, um uns bei Bedarf abzuholen oder in Kolonnen effizient auf der Autobahn zu fahren. Bedarfsorientierte Minibusse bringen die Nutzer dann flexibel und autonom von A nach B.

Klingt noch zu sehr nach Zukunftsmusik? Neben den traditionellen Autobauern sind auch Google oder Apple in diesem Bereich bereits aktiv. Erst vor kurzem wurde ein Abschnitt der Autobahn A9 als Teststrecke für autonomes Fahren freigegeben. Wenn es jedoch um mehr geht, als Geradeausfahren, Abbiegen, Bremsen und Verkehrszeichen erkennen, gibt es noch technische Probleme und auch die Erkennung von spontanen Gesten wie Winken, Kopfschütteln oder Kopfnicken läuft noch ziemlich fehlerhaft. Groß sind auch die juristischen Probleme. Denn wer ist Schuld, wenn es doch zum Unfall kommt? Kann dafür der Computer haftbar gemacht werden? Überraschend wurde jetzt Anfang des Jahres aus den USA gemeldet, dass die dortige Transportbehörde NHTSA künftig Computer als Fahrer eines Autos definieren will.


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Der Friedhof der Zukunft

Urnen statt Erdbestattung, Friedhöfe nur für Frauen, Tierfreunde oder Fußballfans. Ebenso wie unsere Gesellschaft befindet sich die Bestattungskultur im Wandel. Denn zum einen häuft sich der Wunsch nach einer weniger aufwendigen und weniger teuren, manchmal sogar anonymen Urnengrabbestattung. Andererseits gibt es das Bestreben, auch über den Tod hinaus als Teil einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppe klar erkennbar zu sein.

Stark im Kommen sind auch Baumbestattungen im Friedwald oder im Ruheforst, was mit der romantischen Sehnsucht nach Wald und Natur sowie dem gestiegenen Umweltbewusstsein erklärt wird. Dabei ruht die Asche des Verstorbenen in biologisch abbaubaren Urnen an den Wurzeln eines Baumes, mitten in einem genehmigten Bestattungswald. Auch spielt das Internet eine immer größere Rolle und sogenannte virtuelle Friedhöfe und digitale Gedenkseiten bieten neue Möglichkeiten zum Trauern und Erinnern. Haben die alten Friedhöfe also ausgedient?

„Die Mobilität ist einer der ganz entscheidenen Faktoren, die unsere Bestattungs- und Friedhofskultur verändert haben und verändern werden. Das Grab kann für viele Menschen nicht mehr der Lebensmittelpunkt sein. Wer hat noch die Segnung, wenn man so sprechen darf, in einem Ort geboren zu sein, dort zu leben und dann dort auch zu streben. Nein, meistens haben irgendwelche mehr oder weniger verrückte, erzwungene, geschenkte Biographien, die uns nicht nur durch das Land, sondern auch durch die Welt führen und es ist dann wirklich immer mehr die Frage: Wo soll denn eigentlich mal mein Grab sein? Und da gewinnen natürlich solche zentralen Orte – das kann eben tatsächlich ein bestimmter Wald sein, der mir sympathisch ist, ein bestimmter Ort, mit dem ich verbunden bin, das kann auch eine soziale Gemeinschaft sein, die mir wichtig ist – wo ich sage: Jawohl, das ist ein Stück Anker, an dem ich mich festhalte. Diese Beweglichkeit, die unser Leben heute prägt, die erlaubt eben nicht mehr die Pflege einer herkömmlichen Friedhofskultur,“ erklärt der Direktor des Museums für Sepulkralkultur in Kassel, Prof. Reiner Sörries auf LexiTV, dem Wissensmagazin des MDR.

Um nicht ins wirtschaftliche Minus zu geraten oder allmählich zu groß zu werden, weil die Urnenbestattungen ja weniger Platz benötigen, müssen die Friedhöfe der Kommunen und der Kirchgemeinden auf die Veränderungen in der Bestattungskultur reagieren und Alternativen zum bisherigen Einzelgrab anbieten.

Das Thema traf auch den Nerv im mittelhessischen Ehringshausen (9.224 Einwohner) bei Wetzlar und war in allen neun Ortsteilen mit insgesamt acht kommunalen Friedhöfen ein wichtiges Anliegen. Im Rahmen des Integrierten kommunalen Entwicklungskonzeptes (IKEK), das wir 2013 erarbeiten durften, wurde der „Friedhof der Zukunft“ in einer eigenen Projektgruppe ausführlich diskutiert und Vorschläge dazu erarbeitet. Die Friedhofsverwaltung hat daraufhin in Abstimmung mit den Ortsbeiräten die Friedhofsatzungen und Lagepläne so angepasst, dass zukünftig alle Bestattungsformen in der Gemeinde angeboten werden können, sofern es die örtlichen Gegebenheiten erlauben. Auch pflegefreie Rasenurnengräber und die neue Form der Baumbestattung sind nun an einzelnen Standorten möglich.

Dabei ging es den Bürgern nicht in erster Linie um die Kosten. Vielmehr machten sie sich Sorgen, dass ihr Grab ungepflegt sein könnte. Im Nachhinein bedauerten auch viele die anonyme Beisetzung. Ihnen fehlte ein zeitgemäßer “Ort des Gedenkens”, wo man inne halten, sich an seine Verstorbenen erinnern und trauern kann. Um die Bedeutung und die Achtung, die solch einer besonderen Stelle entgegen gebracht wird, zu unterstreichen, wurde eine gärtnerische und künstlerische Gestaltung vorgeschlagen, die attraktiv und tröstend ist.

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Der naturnahe Tourismus

Viele sehnen sich danach, dem Stress und der Hektik im beruflichen und privaten Alltag zu entfliehen. Sie suchen einen Ausgleich: Phasen der Entschleunigung, Auszeiten. Gerade ländliche Regionen können dafür Natur und Ruhe bieten und mit einer Qualität und Besonderheiten punkten, die andere nicht (mehr) haben.

Der Bergführer Hannes Grüner hat das mit seiner launigen Bemerkung „Kommen Sie zu uns, wir haben nichts“ provokant auf den Punkt gebracht. Vor einigen Jahren wollte er damit einem Reisejournalisten den Vorteil des Vilgratentals erklären. Das weitestgehend noch unberührte Alpental liegt auf 1.400 Höhenmetern in den Osttiroler Bergen, wo man nur urige alte Bauernhäuser, Blumenwiesen, viele Schafe und das empfehlenswerte Haubenlokal Gannerhof von Alois Mühlmann findet.

Dass es für einen intensiven Naturgenuss keine künstliche Erlebnisinszenierung braucht, davon ist Prof. Dominik Siegrist überzeugt. Er ist der Leiter des Instituts für Landschaft und Freiraum an der Hochschule für Technik in der Schweiz und war langjähriger Präsident der Alpenschutzkommission CIPRA. In einer dreijährigen Studie über den Alpentourismus, die im Buch Naturnaher Tourismus – Qualitätsstandards für sanftes Reisen in den Alpen 2015 zusammengefasst ist, hat er eine steigende Nachfrage nach naturnahen Angeboten und einen Trend zum naturnahen Tourismus festgestellt, der für viele Destinationen heutzutage ein wichtiges ökonomisches Standbein darstellt.

„Vor bald vierzig Jahren prangerten Exponenten wie Jost Krippendorf (…) die Fehlentwicklungen im Tourismus an. Zweitwohnungsbau und Zersiedlung, Landschaftszerschandelung durch neue Skigebiete und überdimensionierte Verkehrsprojekte waren schon damals ein Thema. Das Schlagwort des „sanften Tourismus“ wurde erfunden und später durch den treffenderen Begriff des „naturnahen Tourismus“ ersetzt. Es hat Jahrzehnte gebraucht, bis die Tourismuskritik den Weg in die Destinationen gefunden hat. Doch heute habe ich den Eindruck, dass in Tourismuskreisen gewisse Einsichten stattgefunden haben und die Botschaften von damals in der Branche angekommen sind – zumindest teilweise. Und es gibt Vorreiter-Destinationen und Vorreiter-Betriebe für den naturnahen Tourismus, die in den Medien unterdessen als Leuchttürme präsentiert werden,“ erklärt der Professor in seiner Einführung zur diesjährigen Fachtagung Naturgenuss statt Erlebnis-Burnout?

Auf der Tagung wurden die neuen Qualitätsstandards vorgestellt, die für den naturnahen Tourismus von zentraler Bedeutung sind, mit denen aber auch die Rückgänge in den Schweizer Berggebieten durch den teuren Franken abmildert werden sollen. Denn Gäste, die dafür affin sind, kommen mehrheitlich aus dem Inland und sind weniger preissensibel, haben dafür aber hohe Erwartungen, hat der Tourismus-Experte herausgefunden. Die kommentierte Checkliste besteht aus zehn Qualitätsstandards mit je fünf Kriterien und kann auf andere Regionen nicht nur in den Bergen übertragen werden, um innovative Produkte und Angebote zu entwickeln. Sie reichen vom Schutz der Natur, der Pflege der Landschaft, der guten Architektur, der Raumplanung und der Angebotsentwicklung bis zur Umweltbildung und zum naturnahen Marketing.

Für mehr Naturgenuss und den naturnahen Tourismus stehen vor allem die neuen Angebote der Naturparke, Nationalparks und Biosphärenreservate sowie die zahlreichen Umweltbildungs- und Exkursionsangebote, die in den letzten Jahren auch aufgrund des steigenden Bewusstseins für einen nachhaltigen Umgang mit den natürlichen Ressourcen entstanden sind: Im Wildniscamp können Sie im Wiesenbett, in der Erdhöhle, im Baumhaus, im Waldzelt, in der Wasserhütte oder im Lichtstern das ganze Jahr übernachten und so dem urwüchsigen Bayerischen Wald ungewöhnlich nah kommen. Besondere Erholung verspricht auch die Natur- und Geräuschkulisse im Hainich, wo gesundheitsfördernde Waldwellness (z.B. Yoga, Klangreisen oder Meditation) auf dem 44 Meter hohen Baumkronenpfad die Natur als Kraftquelle in Szene setzt. Ein bis zwei Tage ehrenamtlich Bäume pflanzen, Wanderwege, Zäune und Almen instand setzen, Bergbauern beim Mähen helfen, in der Alm-Sennerei mitarbeiten, Pflanzen und Tiere zählen und kartieren können Sie in den Tiroler Naturjuwelen mit einer individuellen und arbeitsfreien Urlaubswoche kombinieren, wo ein neuartiges Volunteering-Konzept entwickelt wurde.

Wie Tourismus abseits des Trubels funktionieren kann, machen auch die Bergsteigerdörfer vor. Seit 2005 zeichnet der Österreichische Alpenverein damit Orte aus, die auf Ursprünglichkeit, Naturgenuss und Entschleunigung setzen. Die Nationalparkgemeinde Ramsau bei Berchtesgarden (1.742 Einwohner) am Fuß des Watzmanns ist 2015 das erste deutsche Bergsteigerdorf geworden. Auf Schneekanonen oder Massen- und Eventtourismus will man hier auch zukünftig verzichten.


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Das Landrad

Radfahren liegt voll im Trend und der alte Drahtesel entwickelt sich immer mehr zum stylischen Statussymbol.

Großes Potential für die nachhaltige Mobilität haben die Elektro-Räder, sogenannte Pedelecs bis maximal 25 km/h – ganz besonders auf dem Land, wo die Abhängigkeit vom Auto groß ist und die öffentlichen Verkehrsverbindungen an ihre Grenzen stoßen.

In Deutschland sind mehr als 1,5 Millionen Pedelecs unterwegs (Zweirad-Industrie-Verband 2014), Tendenz weiter stark steigend. Dank komfortabler Motorunterstützung lassen sich natürliche Hindernisse wie Höhenunterschiede oder Gegenwind leichter bewältigen. Viele Urlauber und Freizeitradler entdecken so nicht nur flache oder leicht hügelige Landschaften, etwa in der Nähe von Flüssen, Seen und entlang alter Bahntrassen, sondern auch die Mittel- und Hochgebirge. Der E-Bike-Tourismus boomt.

Zudem sind Pedelecs als Pendlerfahrzeug interessant, weil man nicht verschwitzt im Job ankommt und sie können helfen, die Alltagsmobilität auf dem Land deutlich zu verbessern. Das hat ein Projekt im österreichischen Vorarlberg mit dem schönen Titel LANDRAD (auch in Abgrenzung zur bereits bekannten touristischen und Freizeitnutzung der Pedelecs) bereits 2010 mit 500 Testpersonen herausgefunden. 35 Prozent der Autofahrten konnten durch das Landrad ersetzt werden. Dabei wurden die E-Fahrräder vor allem für kürzere Strecken bis zu zehn Kilometern genutzt, etwa für Ausbildungs- und Arbeitswege, zum Einkaufen oder für sonstige Erledigungen.

Erkennbar wird auch ein aktueller Mobilitätswandel, der durch vielfältige Lebenstile (Individualisierung) und die Digitalisierung (im mobilen Internet Wege und Verkehrsmittel planen und vergleichen) geprägt ist: Das jeweils passende Verkehrsmittel wird pragmatisch gewählt und das Auto ist kein Statussymbol mehr. Neue Möglichkeiten und andere Prioritäten rücken in den Vordergrund.

Kluge Verkehrssysteme sind deshalb intelligent kombiniert und flexibel. Sie splitten die Linien und machen sie „intermodal“, was Prof. Udo Onnen-Weber von Hochschule Wismar anhand seines Forschungsprojektes INMOD – elektromobil auf dem Land wie folgt erklärte (auf elektromobilitätonline.de):

„Die sogenannte erste Meile kann ein Fahrrad oder – wie bei inmod – ein Elektrofahrrad sein, der Bus fährt nur auf den Hauptstraßen die kürzeste Strecke von Start zu Ziel und die letzte Meile ist dann wieder ein niedrigschwelliges Verkehrsmittel – in den Städten kann das ein Fahrradverleihsystem sein, auf dem Lande – wie bei inmod – wieder ein Elektrofahrrad“.

Inmod wurde 2012 bis 2014 in vier ländlichen Teilen Mecklenburg-Vorpommerns getestet. Die Strecken wurden so eingerichtet, dass die Fahrgäste höchstens zehn Minuten mit dem Elektrofahrrad zurücklegen müssen, um eine Haltestelle der Expressbuslinien (Elektro- bzw. Hybridbusse) zu erreichen. 370 Elektrofahrräder kommen zum Einsatz, die in speziellen Radboxen mit Ladestation in den Wohngebieten bereitstehen. Der Feldversuch endete Ende 2014. Von den drei Buslinien fahren jetzt noch zwei, allerdings eingeschränkt bzw. mit verringerter Taktung.


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